
{"id":8916,"date":"2024-09-04T14:49:18","date_gmt":"2024-09-04T12:49:18","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=8916"},"modified":"2024-09-19T14:35:29","modified_gmt":"2024-09-19T12:35:29","slug":"werkstatttermin-ein-gespraech-zu-den-augsburger-monatsbildern","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2024\/09\/04\/werkstatttermin-ein-gespraech-zu-den-augsburger-monatsbildern\/","title":{"rendered":"Werkstatttermin. Ein Gespr\u00e4ch zu den Augsburger Monatsbildern"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Werkstatttermin. Ein Gespr\u00e4ch zu den Augsburger Monatsbildern<\/h1>\n\n\n\n<p>4. September 2024<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die vier gro\u00dfformatigen Gem\u00e4lde des 16.\u00a0Jahrhunderts, die sogenannten Augsburger Monatsbilder, sind Highlight-Objekte der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/unsere-sammlung\/\">Sammlung<\/a> des DHM. Sie begeisterten in der 2021 abgebauten Dauerausstellung das Publikum und werden auch in der neuen St\u00e4ndigen Ausstellung im <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/museum\/geschichte-und-architektur\/\">Zeughaus<\/a> zu sehen sein. Das Monatsbild \u201eJanuar \u2013 Februar \u2013 M\u00e4rz\u201c steht derzeit im Mittelpunkt der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/rein-ins-gemaelde-eine-zeitreise-fuer-kinder\/\">Kinderausstellung \u201eRein ins Gem\u00e4lde! Eine Zeitreise f\u00fcr Kinder\u201c<\/a>. Was erz\u00e4hlen uns diese Gem\u00e4lde \u00fcber ihre Epoche, inwiefern sind sie historische Quellen ihrer Zeit? Was wissen wir heute aufgrund der umfangreichen Restaurierungsarbeiten \u00fcber die Bilder? Und welche neuen kulturgeschichtlichen Fragestellungen ergeben sich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/restaurierung\/\">Restaurierungswerkstatt<\/a> des DHM trafen sich Brigitte Reineke, Leiterin Zentrale Dokumentation und Provenienzforschung, Mathias Lang, Fachbereich Konservierung und Restaurierung, sowie Ulinka Rublack, Fr\u00fchneuzeithistorikerin an der Universit\u00e4t Cambridge, um \u00fcber die Augsburger Monatsbilder zu sprechen. Das Interview f\u00fchrte Stephanie Neuner, Leiterin des Fachbereichs St\u00e4ndige Ausstellung. Der Text erschien zuerst in der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/publikation\/historische-urteilskraft-06-magazin-des-deutschen-historischen-museums\/\">6. Ausgabe des Magazins<\/a> des Deutschen Historischen Museums \u201eHistorische Urteilskraft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201ezusammengerollte Leinw\u00e4nde und Salami\u201c, Ulinka Rublack<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stephanie Neuner:<\/strong> Eines der vier sogenannten Augsburger Monatsbilder liegt vor uns auf dem Boden. Es ist das Monatsbild April, Mai, Juni. Es ist vom alten Keilrahmen abgenommen. Warum?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mathias Lang: <\/strong>Alle Augsburger Monatsbilder erhalten einen neuen Zierrahmen im Stil der Renaissance f\u00fcr die neue St\u00e4ndige Ausstellung. Wir denken, dass sie urspr\u00fcnglich in einem Stadthaus oder Landsitz einer Patrizierfamilie in einer Wandvert\u00e4felung eingebaut waren. Sp\u00e4ter sind sie wahrscheinlich herausgeschnitten worden, was erkl\u00e4rt, warum die Bilder leicht unterschiedliche Formate haben. Bei ihrer Neuaufspannung wurde die bemalte Leinwand einfach \u00fcber den Rand des neuen Spannrahmens geknickt. Wir haben uns jetzt f\u00fcr den ungew\u00f6hnlichen Schritt entschieden, alle Bilder f\u00fcr die Rahmung auf eine H\u00f6he zu bringen. Dazu werden die Originale mit Zusatzleinwand erg\u00e4nzt und durch Retusche komplettiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner:<\/strong> Verr\u00e4t uns die R\u00fcckseite des Gem\u00e4ldes etwas \u00fcber seine Geschichte? Gibt es Aufdrucke oder Beschriftungen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brigitte Reineke: <\/strong>R\u00fcckseiten k\u00f6nnen an sich schon etwas \u00fcber Bilder und ihre Geschichte verraten und im besten Fall auch \u00fcber ihre Vorbesitzer. Diese R\u00fcckseite hier verr\u00e4t nicht viel. Wer der Auftraggeber war, wissen wir nicht. Wir schauen nicht auf die originale Leinwand, sondern auf die Leinwand einer Doublierung des 19.\u00a0Jahrhunderts, also eine erg\u00e4nzte Gem\u00e4lder\u00fcckseite. Es gibt Thesen zur Provenienz, wonach sich der Gem\u00e4ldezyklus im sp\u00e4ten 19.\u00a0Jahrhundert im Besitz der Wittelsbacher befunden hat und in der Mitte des 20.\u00a0Jahrhunderts in einem Schloss in der N\u00e4he von Regensburg wieder aufgetaucht ist. Die Bilder kamen jedenfalls aus dem Kunsthandel 1990 ans DHM und waren ziemlich viel unterwegs gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lang: <\/strong>Als die Bilder im DHM ankamen, waren sie in sehr schlechtem Zustand. Sie waren stark besch\u00e4digt und bereits mehrfach \u00fcberarbeitet und unfachm\u00e4nnisch ausgebessert sowie \u00fcbermalt worden. Die Oberfl\u00e4che wurde vermutlich durch eine unsachgem\u00e4\u00dfe Behandlung stark in Mitleidenschaft gezogen, vielleicht mit Scheuersand und einer Wurzelb\u00fcrste, wohl mit dem Ziel, einen proteinhaltigen Firnis, der stark gebr\u00e4unt war, abzutragen. Im Laufe der Zeit wurden die gro\u00dfformatigen Werke wahrscheinlich im Zuge von Transporten und Lagerungen geknickt und gefaltet. Das ist heute an Fehlstellen in der Malerei noch erkennbar. Die Nahtlinien in der Mitte zeigen, dass der Maltr\u00e4ger aus zwei Stoffbahnen besteht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Die Augsburger Monatsbilder sind auf Leinwand gemalt. Diese Originalleinwand spielt f\u00fcr Sie bei der Datierung der Gem\u00e4lde eine wichtige Rolle. Warum?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lang: <\/strong>Wir kennen n\u00f6rdlich der Alpen kaum Malerei auf grundierter Leinwand f\u00fcr die erste H\u00e4lfte des 16.\u00a0Jahrhunderts. Haupts\u00e4chlich wurde Holz als Maltr\u00e4ger verwendet. Eine Ausnahme sind die gro\u00dfen Orgelfl\u00fcgel aus bemalter Leinwand in der Kirche St.\u00a0Anna in Augsburg, die J\u00f6rg Breu\u00a0d.\u00a0\u00c4. zugeschrieben werden. Au\u00dferdem kommt die graue Imprimatur, die in den Augsburger Monatsbildern Verwendung findet, im deutschen Raum erst Ende des 16.\u00a0Jahrhunderts auf. Dies l\u00e4sst die \u00dcberlegung zu, dass die Gem\u00e4lde in der zweiten H\u00e4lfte des 16.\u00a0Jahrhunderts entstanden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Dennoch finden wir schon fr\u00fcher im 16.\u00a0Jahrhundert Malerei auf Leinwand, auch gerade mit Bezug zur patrizischen Lebenswelt, richtig?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ulinka Rublack:<\/strong> Insbesondere f\u00fcr ephemere und repr\u00e4sentative Bilder, die nicht unbedingt lange haltbar sein sollten, wurde Leinwand verwendet, zum Beispiel f\u00fcr Darstellungen von Festz\u00fcgen oder Turnieren. Auch Lucas Cranach d.\u00a0\u00c4. malte bekanntlich auf Leinwand. Deswegen kommt mir die These etwas zu verabsolutierend vor, dass in der ersten H\u00e4lfe des 16.\u00a0Jahrhunderts n\u00f6rdlich der Alpen kaum auf Leinwand gemalt worden sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lang:<\/strong> Nat\u00fcrlich wurde ausgehend von der sogenannten T\u00fcchleinmalerei Leinwand schon fr\u00fcher genutzt, aber hier wurde die Leinwand nicht grundiert. In der wissenschaftlichen Untersuchung von Gem\u00e4lden verbinden wir beispielsweise Beobachtungen zur Maltechnik mit verwendeten Materialien, die f\u00fcr eine Datierung richtungsweisend sein k\u00f6nnen. So finden wir in den Augsburger Monatsbildern Reste sp\u00e4tgotischer Maltechnik, gleichzeitig sehen wir aber eine schnelle und \u201ewirtschaftliche\u201c Ausf\u00fchrung, die f\u00fcr die erste H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts ungew\u00f6hnlich ist und eher zum Ende des 16.\u00a0Jahrhunderts einsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Die Reichsstadt Augsburg gilt als bedeutende Kunststadt der Renaissance. Wie fanden bedeutende Kunstwerke und K\u00fcnstler aus anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ihren Weg nach Augsburg?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack: <\/strong>Durch die Reichstage war Augsburg eine internationale Stadt. Tizian malte hier 1548 das bekannte Portrait von Karl\u00a0V. auf Leinwand. Ich habe mich au\u00dferdem mit Hans Fugger besch\u00e4ftigt\u00a0\u2013 er starb 1598\u00a0\u2013, und er bekam beispielsweise Lieferungen seiner Agenten aus Venedig, zusammengerollte Leinw\u00e4nde mit fl\u00e4mischer Malerei, zusammen mit anderen Dingen wie Salami.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"372\" height=\"373\" data-id=\"8925\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8925\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/1.jpg 372w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/1-300x300.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ulinka Rublack und Brigitte Reineke<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"372\" height=\"373\" data-id=\"8923\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8923\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/2.jpg 372w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/2-300x300.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/2-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mathias Lang und Brigitte Reineke<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"372\" height=\"373\" data-id=\"8924\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8924\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/3.jpg 372w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/3-300x300.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/3-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Brigitte Reineke und Stephanie Neuner<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201eabsolute Gier nach neuen Farben\u201c, Ulinka Rublack<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Es sind vor allem die vielen Einzelszenen in den Monatsbildern, die uns fesseln. Etliche Details haben Sie rekonstruiert. Wie sind Sie vorgegangen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lang: <\/strong>F\u00fcr das Bildverst\u00e4ndnis haben wir anhand der Scheibenrisse von Breu und zeitgen\u00f6ssischen Darstellungen relevante Motive, die nur noch rudiment\u00e4r erhalten waren, rekonstruiert. So zum Beispiel den nur in Teilen vorhandenen Vogel auf dem Arm eines Falkners oder einen Mann mit einer der ersten Handfeuerwaffen am Rande eines k\u00fcnstlichen Sees. Auch seine Darstellung wies nur noch stark besch\u00e4digte Reste der Figur auf. Das Z\u00fcndfeuer war als winziger roter Punkt erhalten, daneben gab es noch Reste von Wei\u00df. Es handelt sich um den Pulverdampf, der nach der Z\u00fcndung entsteht \u2013 das haben wir gemeinsam mit unserem Sammlungsleiter f\u00fcr Militaria er\u00f6rtert. Insgesamt sind die Szenen auf allen vier Gem\u00e4lden von sehr unterschiedlicher Qualit\u00e4t und zeugen von unterschiedlichen Malern einer Werkstatt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner:<\/strong> Das Bild wird aufgrund dieser zahlreichen einzelnen Figuren und Szenen, die es zu entdecken gilt, als Wimmelbild bezeichnet. Der Begriff suggeriert eine Gleichwertigkeit der Darstellungen und f\u00fchrt damit auf eine falsche F\u00e4hrte. Denn es gibt ja eine bewusste Bildkomposition, die uns verr\u00e4t, wer oder was hier im Mittelpunkt stehen soll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reineke: <\/strong>Es ist nicht alles gleichrangig dargestellt. Die Bilder wurden auf Augenh\u00f6he pr\u00e4sentiert und es war und ist sicherlich toll und unterhaltsam, all diese Kleinigkeiten zu entdecken. Aber es gibt eine klare Bildkomposition mit einem eindeutigen Vordergrund, einem Mittel- und einem Hintergrund. Die Gem\u00e4lde kn\u00fcpfen an die Tradition der Monatsbilder an, die szenische Darstellungen von typischen landwirtschaftlichen T\u00e4tigkeiten in den Monaten eines Jahreszyklus zeigen. Im Vordergrund stehen aber nat\u00fcrlich die Patrizierinnen und Patrizier Augsburgs. Sie haben sich hier verewigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner:<\/strong> Die Auftraggeber nutzten die tradierte Form der Monatsbilder zur Selbstdarstellung ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht. Sind die Monatsbilder als Medien der Repr\u00e4sentation vergleichbar? Etwa mit dem <em>Kleidungsb\u00fcchlein<\/em> von Matth\u00e4us Schwarz, das Sie, Frau Rublack, intensiv beforscht haben, oder auch den bekannten <em>Freundschaftsb\u00fcchern<\/em>, beispielsweise des Kunstagenten Philipp Hainhofer?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack:<\/strong> Das kann man sicher so sehen. Allerdings hatten die <em>Freundschaftsb\u00fccher<\/em> zudem noch den Zweck, gesellschaftliche Netzwerke \u2013 und damit wiederum Macht \u2013 zu dokumentieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Die Patrizierinnen und Patrizier dokumentieren hier ihre Macht durch ihre \u00e4u\u00dfere Erscheinung, ihre Kleidung und ihren Schmuck. Die Details sind weit weniger gekonnt ausgef\u00fchrt als in den Portr\u00e4ts von Lucas Cranach d.\u00a0\u00c4. oder Hans Burgkmair d.\u00a0\u00c4. Inwiefern spiegeln die Augsburger Bilder dennoch Mode, Materialit\u00e4t und Farbigkeit des 16.\u00a0Jahrhunderts wider?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack: <\/strong>Neben der Qualit\u00e4t von Stoffen, zum Beispiel Samt als Material f\u00fcr den Sommer oder Pelz f\u00fcr den Winter, ging es auch um das Volumen von \u00c4rmeln und R\u00f6cken, das anzeigte, wie viel man sich von diesen teuren Stoffen, die \u00fcberwiegend Importware waren, leisten konnte. Das l\u00e4sst sich im Bild deutlich erkennen. Auch die Qualit\u00e4t der Stoffe wird ja angedeutet, die changierende Farbigkeit von Seide kann man erkennen. Was das ganze 16.\u00a0Jahrhundert bestimmt, ist eine absolute Sensibilit\u00e4t f\u00fcr neue Farbt\u00f6ne und die Gier danach. Hans Fugger suchte zum Beispiel \u00fcber d\u00e4nische Agenten nach neuen Farbt\u00f6nen. Und wenn man zur gesellschaftlichen Elite geh\u00f6rte, konnte man immer nachf\u00e4rben, denn die F\u00e4rbungen hielten nicht lange. Es kann gut sein, dass das hier dargestellte Gr\u00fcn der v\u00f6llige Modehit der Zeit war. Genauso wie Rosa\u00a0\u2013 eine absolute Modefarbe f\u00fcr M\u00e4nner in den ersten Dekaden des 16.\u00a0Jahrhunderts, die man auch vielfach in Bildern der Zeit sieht. In D\u00fcrers Jabach-Altar gibt es zum Beispiel diesen brillantrosa Mantel, den der Maler im Selbstbildnis tr\u00e4gt. Gemeinsam mit einem F\u00e4rber experimentiere ich aktuell, wie derartige Rosat\u00f6ne mit Brasilholz gef\u00e4rbt werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Wir sehen viel gelb oder gelbgoldene Kleidung. Was denken Sie, warum?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack: <\/strong>Gelb ist in den Bildern vor allem malerisch eingesetzt. Der Blick wird dadurch auch auf die Details im Hintergrund gelenkt. Das hei\u00dft nicht, dass die Leute damals kein Gelb trugen, dann w\u00e4re die gelbe Kleidung auf den Bildern nicht plausibel. Gelb hing mit Naturphilosophien und Lebensauffassungen zusammen. Es gibt bei Marsilio Ficino, dem zeitgen\u00f6ssischen italienischen Philosophen, die Vorstellung, dass man sich golden anzieht und damit die Energie der Sonne auf sich zieht. Goldf\u00e4den waren Bestandteil von Kleidung und Kopfbedeckungen. Geradezu ikonisch geworden ist die Goldhaube von Jakob Fugger, die in den Monatsbildern gut zu erkennen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Die Kleidung von Handwerkern oder Marktfrauen auf dem Winterbild besitzt die gleiche Farbigkeit wie die patrizischer M\u00e4nner und Frauen. Wie stand es mit der Farbigkeit der Mode der Zeit generell, war farbige Kleidung jenseits der Oberschicht g\u00e4ngig?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack: <\/strong>Giovanni Paolo Lomazzo schreibt Ende des 16.\u00a0Jahrhunderts \u00fcber die zeitgen\u00f6ssische Malerei, die Bilder w\u00fcrden suggerieren, dass alle Menschen nur noch Seide tragen. Das war nat\u00fcrlich falsch. Hochwertiges Material und aufw\u00e4ndig hergestellte Kleidung waren teuer. Trotzdem gab es auch f\u00fcr weniger reiche Bewohnerinnen und Bewohner der St\u00e4dte die M\u00f6glichkeit, sich farbig zu kleiden und sich \u00fcber Accessoires wie G\u00fcrtel oder T\u00e4schchen, die ja auch in diesen Bildern mehrfach dargestellt sind, zu schm\u00fccken. Es gab zum Beispiel bunte Seidenb\u00e4nder, die neben k\u00fcnstlichen Haarteilen in die Z\u00f6pfe geflochten wurden. Das war nicht teuer und sah gut aus. Eigentlich w\u00fcrde man eine gr\u00f6\u00dfere Farbpalette erwarten, die soziale Unterschiede kenntlich macht. Das ist f\u00fcr mich ein Hinweis darauf, dass es sich bei der Darstellung der Monatsbilder wiederum ein St\u00fcck weit um ein Fantasiegebilde handelt. Zum anderen ist es positiv zu werten, dass die Bilder durch die Art ihrer Darstellungen und Farbigkeit eine Atmosph\u00e4re der Freude schaffen und die Teilnahme aller Menschen an einem gesellschaftlichen Ganzen damit unterstreichen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201eeine moderne Zeit, die Frauen f\u00fcr sich reklamierten\u201c, Ulinka Rublack<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reineke: <\/strong>Auf dem Platz sieht man einen auff\u00e4lligen Tross an Frauen, die einen Patrizier auf dem Pferd gewisserma\u00dfen rahmen. Zwei der Frauen sind schulterfrei, also ohne Leinenhemd, gekleidet. Ganz im Gegensatz dazu scheinen die Frauen in langen M\u00e4nteln mit traditioneller Haube zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack:<\/strong> Diese Szene sticht tats\u00e4chlich v\u00f6llig heraus. Frauen kleideten sich traditionell hochgeschlossen. Die Darstellung weist im Grunde auf Prostitution hin. Frauen trugen hierzulande Oberhemden, die Schultern und der Hals waren bedeckt, nicht frei wie hier. Oder die Abbildung weist auf ausl\u00e4ndische Besucherinnen hin. Im Gegensatz zu Frauen in deutschen Reichsst\u00e4dten bedeckten Engl\u00e4nderinnen ihr Dekolletee nicht. Als Anna von Kleve als Braut in England ankam und hochgeschlossen angezogen war, fand Heinrich\u00a0VIII. das ganz unattraktiv. Wie man au\u00dferdem in den Monatsbildern generell sieht, wurde es in der Zeit f\u00fcr Frauen \u00fcblicher, Haar zu zeigen\u00a0\u2013 auch wenn Haarsichtigkeit gesellschaftlich immer eine gewisse Herausforderung bedeutete. Kopfbedeckungen wurden genderfluide, Frauen \u00fcbernahmen die Barette der M\u00e4nner. Wir haben es hier eben schon mit einer modernen Zeit zu tun, die die Frauen f\u00fcr sich reklamierten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner: <\/strong>Die Augsburger Monatsbilder zeigen gesellschaftliche Idylle. Krieg oder Konflikte um Religion spielen keine Rolle. War die Botschaft der Bilder auch: Wir Patrizier regieren gut, wir haben unsere Konflikte im Griff?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack:<\/strong> Es ist tats\u00e4chlich so, dass hier gesellschaftliche Harmonie dargestellt wird. Es geh\u00f6rt zum Bildprogramm, dass keine gesellschaftliche Abgrenzung gezeigt wird: Stra\u00dfenh\u00e4ndler und Angeh\u00f6rige einfacher Berufe, die spinnen oder mit Holz handeln, werden neben Patriziern und Patrizierinnen im absoluten Vordergrund gezeigt. Es geht hier um eine Vorstellung davon, was Stadt idealerweise sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neuner:<\/strong> Die Bilder portr\u00e4tieren eine goldene Zeit und alles andere als eine krisengesch\u00fcttelte Gesellschaft. Auch wenn wir wissen, wie stark idealisiert die Darstellungen sind, ist das Grundgef\u00fchl, das sie vermitteln, historisch stimmig? Wurden die Zeitgenossen des 16.\u00a0Jahrhunderts trotz der vielfachen Umbr\u00fcche von einem positiven Lebensgef\u00fchl getragen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rublack: <\/strong>Es ist eine Zeit des Aufbruchs, eine der Zukunft zugewandte Zeit f\u00fcr Eliten, die sich mit der Internationalit\u00e4t des kaiserlichen Reiches identifizieren. Es geht nicht nur um die Krise. Die Augsburger Monatsbilder transportieren ein zukunftsgewandtes Lebensgef\u00fchl inmitten des reichsst\u00e4dtischen Alltags.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Werkstatttermin. Ein Gespr\u00e4ch zu den Augsburger Monatsbildern<span><\/h2>\n<p>Die vier gro\u00dfformatigen Gem\u00e4lde des 16.\u00a0Jahrhunderts, die sogenannten Augsburger Monatsbilder, sind Highlight-Objekte der Sammlung des DHM. Das Monatsbild \u201eJanuar \u2013 Februar \u2013 M\u00e4rz\u201c steht derzeit im Mittelpunkt der Kinderausstellung \u201eRein ins Gem\u00e4lde! Eine Zeitreise f\u00fcr Kinder\u201c. Was erz\u00e4hlen uns diese Gem\u00e4lde \u00fcber ihre Epoche, inwiefern sind sie historische Quellen ihrer Zeit? Was wissen wir heute aufgrund der umfangreichen Restaurierungsarbeiten \u00fcber die Bilder? 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