
{"id":9151,"date":"2024-10-23T14:25:54","date_gmt":"2024-10-23T12:25:54","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=9151"},"modified":"2024-11-06T09:33:14","modified_gmt":"2024-11-06T08:33:14","slug":"augen-blicke-der-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2024\/10\/23\/augen-blicke-der-vernunft\/","title":{"rendered":"Augen-Blicke der Vernunft"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Augen-Blicke der Vernunft<\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das \u201eKunst-Auge\u201c des Stephan Zick als Leitmotiv der Ausstellung<\/h2>\n\n\n\n<p>Wolfgang Cortjaens | 23. Oktober 2024<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der starre, reptilienartige Blick eines gl\u00e4sernen Kunstauges, eingefasst von der ge\u00e4derten Haut der Lider, ringf\u00f6rmig umschlossen von einem h\u00f6lzernen profilierten Kreis ist das ebenso befremdliche wie bannende zentrale Werbemotiv der aktuellen Ausstellung des DHM <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/was-ist-aufklaerung-fragen-an-das-18-jahrhundert\/\">\u201eWas ist Aufkl\u00e4rung? Fragen an das 18. Jahrhundert\u201c<\/a>. Als solches ziert es den Katalog, das Plakat und s\u00e4mtliche Werbematerialien. Doch erst in der Ausstellung begegnet den Besuchenden das zugeh\u00f6rige Objekt in seiner Gesamtheit und erschlie\u00dft sich sein Kontext:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"770\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_1_ME00080330-1024x770.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9157\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_1_ME00080330-1024x770.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_1_ME00080330-300x226.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_1_ME00080330-768x578.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_1_ME00080330-1536x1155.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_1_ME00080330.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 1<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um das ma\u00dfstabsgetreue anatomische Modell eines menschlichen Auges, eingehaust in ein auf profiliertem Elfenbein-Fu\u00df stehendes Geh\u00e4use aus Nussbaumholz, das mittels eines abschraubbaren Deckels verschlie\u00dfbar ist. <a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"799\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_2_KG000663-1024x799.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9158\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_2_KG000663-1024x799.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_2_KG000663-300x234.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_2_KG000663-768x599.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_2_KG000663-1536x1198.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_2_KG000663.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das im Beh\u00e4ltnis eingelassene \u201eKunst-Auge\u201c ist herausnehmbar, dreifach aufschraubbar und in acht Einzelteile zerlegbar. Das Augenlid und die Halbschale mit den fein aufgemalten \u00c4derchen sind aus Elfenbein gefertigt, das aufschraubbare Beh\u00e4ltnis aus Horn. Bei der Montage im Vorfeld der Ausstellung stellte die zust\u00e4ndige Restauratorin erstmalig fest, dass die Oberschale, welche die Glaslinse fixiert, aus Schildpatt besteht, dem Panzermaterial der Karettschildkr\u00f6te, aus der fr\u00fcher auch K\u00e4mme und andere Gebrauchsgegenst\u00e4nde hergestellt wurden. Vermutlich verwendete man dieses Material wegen seiner durchscheinenden Farbigkeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"800\" data-id=\"9160\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_3_ME00069556-1024x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9160\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_3_ME00069556-1024x800.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_3_ME00069556-300x234.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_3_ME00069556-768x600.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_3_ME00069556-1536x1200.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_3_ME00069556.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 3<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"800\" data-id=\"9161\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_4_ME00069557-1024x800.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9161\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_4_ME00069557-1024x800.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_4_ME00069557-300x234.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_4_ME00069557-768x600.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_4_ME00069557-1536x1200.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_4_ME00069557.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 4<\/figcaption><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Bei n\u00e4herer Betrachtung wird deutlich, dass die verbl\u00fcffend realistischen Effekte sich teils ganz simplen Fertigungstechniken verdanken, etwa der Hinterlegung des aus Glas bestehenden transparenten \u201eRegen-Bogen\u201c (Iris) mit bemaltem Papier. Im Gegensatz zu anderen Augen-Modellen derselben Werkstatt, deren Beh\u00e4ltnisse und St\u00e4nder meist aus kostbarem Elfenbein gefertigt sind,<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> besteht das Geh\u00e4use beim Exemplar des DHM aus gedrechseltem Nussbaumholz; auch ist im Gegensatz zu den Vergleichsst\u00fccken, bei denen sich der Augapfel mittels eines an der R\u00fcckseite befestigten Stifts bewegen l\u00e4sst, die Montierung beim ausgestellten Exemplar statisch. Aus anatomischer Sicht ist der Augapfel nicht korrekt nachgebildet, sondern etwas gr\u00f6\u00dfer als in der Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine andere geistesgeschichtliche Epoche hat sich in vergleichbarer Vielfalt und Intensit\u00e4t der Lichtmetaphorik bedient wie die Aufkl\u00e4rung: \u201edas Auge, das sehen und \u00fcberpr\u00fcfen kann, wurde zum privilegierten Sinnesorgan\u201c.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Aber auch das Nicht-Sehen-K\u00f6nnen wurde in Medizin, Wissenschaft und Philosophie verst\u00e4rkt thematisiert, so in Diderots Schrift \u201eBrief \u00fcber die Blinden zum Gebrauch f\u00fcr die Sehenden\u201c (1749), die im Ausstellungsrundgang in direkter Nachbarschaft zum \u201eKunst-Auge\u201c angesiedelt ist.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Darin f\u00fchrt Diderot in Abgrenzung zu den fr\u00fchen Aufkl\u00e4rern, denen Blindheit noch als Zeichen der Unm\u00fcndigkeit galt, anhand von vier Blindenfiguren die Abl\u00f6sung der Blindheit als \u201eentsinnlichtem Erkenntnismodell sinnlicher Erkenntnis durch Blindheit als \u00e4sthetische Inszenierung \u00e4sthetischer Erfahrung\u201c vor.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Das Betasten zwecks sinnlicher Erfahrung der physischen Welt ebenso wie des eigenen K\u00f6rpers wurde zum probaten p\u00e4dagogischen Mittel der Erkenntnis wie des Selbsterkennens. Diesen Denkansatz sollte Herder in seiner \u201ePhysio-\u00c4sthetik\u201c fortsetzen; auf seine \u00dcberlegungen zum Haptischen beziehen sich in der Ausstellung die taktilen Stationen und die Spiegel-\/Fotostation zu zwei grimassierenden \u201eCharakterk\u00f6pfen\u201c Franz Xaver Messerschmidts.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kuriose \u201eKunst-Auge\u201c \u2013 halb anatomisches Modell, halb Kunstkammerobjekt \u2013 steht f\u00fcr die Praxis des wechselseitigen Austauschs zwischen Wissenschaft und Kunsthandwerk, der f\u00fcr die gesamte Fr\u00fche Neuzeit so \u00fcberaus kennzeichnend war.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Mit Entwicklung der ersten Mikroskope und Fernrohre zu Beginn des 17. Jahrhunderts etablierte sich die Optik allm\u00e4hlich als eigene Wissenschaftsdisziplin. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leistete Isaac Newton (1642\u20131727), dessen Aufzeichnungen und Skizzen zur Optik einen wichtigen Referenzpunkt der Ausstellung bilden und durch Leihgaben der originalen Manuskripte aus der Cambridge University Library vertreten sind. Neue Studien zur Lichtbrechung und -ausbreitung \u2013 der Korpuskulartheorie Newtons, der zufolge Licht aus winzigen Teilchen (Korpuskeln) besteht, setzte 1690 der Niederl\u00e4nder Christiaan Huygens (1629\u20131695) in seinem <em>Trait\u00e9 de la lumi\u00e8re<\/em> die erste Wellentheorie des Lichts (sog. \u201eHuyghensches Prinzip\u201c) entgegen \u2013 warfen unweigerlich Fragen nach der Verarbeitung visueller Informationen im Auge auf. Anatomie und Funktionsweise des Auges waren bis zum 18. Jahrhundert weitgehend unbekannt. Erst Dank immer pr\u00e4ziserer optischer Instrumente entwickelte sich die Augenheilkunde zum selbstst\u00e4ndigen Fach. Der einer bekannten N\u00fcrnberger Kunstdrechsler-Dynastie entstammende Elfenbeink\u00fcnstler Stephan Zick (1639 \u2013 1759). war spezialisiert auf aus Elfenbein, edlen H\u00f6lzern oder Horn gefertigte Modelle von Augen und Ohren sowie von verkleinerten <a href=\"\/blog\/2016\/10\/26\/die-schwangere-frau-aus-elfenbein\/\" data-type=\"post\" data-id=\"255\">Ganzk\u00f6rpermodellen<\/a> mit herausnehmbaren Organen und teilweise beweglichen Gliedma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"820\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_5_96007216-1024x820.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9162\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_5_96007216-1024x820.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_5_96007216-300x240.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_5_96007216-768x615.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_5_96007216-1536x1230.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_5_96007216.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 5<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zicks Augen-Modelle wurden nachweislich auch in der Praxis von \u00c4rzten \u201ezum Nutz- und Lehrgebrauche in der Anatomie\u201c eingesetzt. Auf dem Titelblatt einer wohl von ihm selbst verfassten Begleitschrift zum Augen-Modell, <em>Kurtze und mechanische Beschreibung Dieses Kunst-Auges<\/em> (um 1700), legitimiert Zick seine Produktpalette, indem er sich auf die anatomischen Forschungen zweier renommierter N\u00fcrnberger Mediziner beruft: des 1686 vom \u201eCollegium medicum\u201c zum Sektor bei anatomischen Demonstrationen berufenen Arztes und Botanikers Johann Georg Vol(c)kamer d.J. (1662\u20131744) und des Stadtarztes Daniel Bscherer (1656\u20131718).<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Beide verdankten ihre Erkenntnisse zum Bau des menschlichen Auges der auch im Titel erw\u00e4hnten \u00f6ffentlich durchgef\u00fchrten Sektion eines Gehenkten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"751\" height=\"1024\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_6_6796427-751x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9163\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_6_6796427-751x1024.jpg 751w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_6_6796427-220x300.jpg 220w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_6_6796427-768x1047.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_6_6796427-1127x1536.jpg 1127w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_6_6796427-1503x2048.jpg 1503w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_6_6796427-scaled.jpg 1878w\" sizes=\"auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 6<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf Basis der Forschungen von Volkamer und Bscherer werden in Zicks Publikation die einzelnen Bestandteile des menschlichen Auges ebenso wie des \u201eKunst-Auges\u201c erl\u00e4utert und durch eine beigegebene Kupfertafel anschaulich illustriert. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"703\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_7_6796449-1024x703.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9164\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_7_6796449-1024x703.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_7_6796449-300x206.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_7_6796449-768x528.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_7_6796449-1536x1055.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Abb_7_6796449.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 7<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das wissenschaftliche Vokabular entspricht weitgehend schon dem heutigen Gebrauch, so das \u201ehornf\u00f6rmige H\u00e4utlein\u201c (Tunica cornea) der \u201eHornhaut\u201c; dagegen werden die Linse (Lens crystallina) noch als \u201eChrystallinische Feuchtigkeit\u201c, die vordere Augenkammer, deren Kammerwasser zur Ern\u00e4hrung der Linse und Hornhaut dient, als \u201eGl\u00e4serne Feuchtigkeit\u201c bezeichnet. Zicks \u201eKunst-Auge\u201c vereint gleich mehrere Leitthemen der Ausstellung in sich: das im mechanistischen Zeitalter stetig zunehmende Interesse an Funktion und innerem Aufbau des menschlichen K\u00f6rpers, die Faszination f\u00fcr optische Ph\u00e4nomene, f\u00fcr Sehmaschinen (zu denen die gleichfalls in der Ausstellung pr\u00e4sentierten Perspektiventheater und Guckk\u00e4sten z\u00e4hlen), experimentelle Projektionen und Spiegelungen.<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Bezeichnend hierf\u00fcr ist Zicks Identifizierung des \u201eNetz-H\u00e4utleins\u201c als das \u201evornehmste Werckzeug des Sehens\u201c, auf welches \u201egleich auf einen (sic!) weissen Tuch \u00fcber eine finstere Kammer (Cameram obscuram) ausgebreitet\u201c die \u201eDinge der sichtbaren Welt\u201c geworfen und \u201ewie in einen Spiegel aufgenommen\u201c w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Von einer Erschlie\u00dfung der komplexen optischen Vorg\u00e4nge waren Zick und seine Mitstreiter freilich noch weit entfernt. Dies verdeutlichen insbesondere die abschlie\u00dfenden Aussagen zur Verarbeitung der visuellen Information: \u201evon denen durch die Crystallinische und Gl\u00e4serne Feuchtigkeit hineingeworffenen Strahlen in unterschiedlich Bewegung gebracht werden \/ durch welche manigfaltige Bewegungen so vielerley Dinge und Gestalten hernach von der Phantasie gesehen und von der Vernunft beurtheilt werden.\u201c<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang der Gebrauch des Gegensatzpaares \u201ePhantasie\u201c und \u201eVernunft\u201c. Hier klingt der im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung zunehmend intensive Widerstreit zwischen den Positionen des Empirismus (Locke, Voltaire, Diderot), demzufolge alles Wissen aus der inneren oder \u00e4u\u00dferen Sinneserfahrung abgeleitet werden kann, und des Rationalismus (Leibniz, Wolff, Kant), der ein Wissen <em>a priori<\/em> voraussetzt. Die Vernunft erscheint auch in der Schrift des N\u00fcrnberger Kunstdrechslers als ma\u00dfgebende urteilende Instanz und l\u00e4sst somit eines Deutung des Augen-Modells als <em>pars pro toto <\/em>f\u00fcr das sich Bahn brechende neuartige, hinterfragende Sehen zu, welches im Unterschied zu den prim\u00e4r der Schaulust verpflichteten fr\u00fchneuzeitlichen Wunderkammern und Rarit\u00e4tenkabinette eine vom Willen zur Durchdringung der physiologischen Vorg\u00e4nge geleitete Wissenschaft begr\u00fcnden half.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bildnachweise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abb. 1, 2, 3, 4: Anatomisches Modell eines menschlichen Auges im Beh\u00e4ltnis, Stephan Zick (?) (1639\u20131715), N\u00fcrnberg, um 1700, Nussbaumholz, Horn, geschnitzt und gedrechselt, Elfenbein, Glas, Papier, Schildplatt, Deutsches Historisches Museum: 1991\/2641<\/p>\n\n\n\n<p>Abb. 5: Anatomisches Lehrmodell einer schwangeren Frau, Stephan Zick (1639\u20131715), N\u00fcrnberg, um 1680\/1700, Elfenbein (Figur, Kopfkissen), Holz, Leder, Samt, Borte (Etui), Deutsches Historisches Museum: KG 96\/27<\/p>\n\n\n\n<p>Abb. 6, 7: <em>Kurtze und mechanische Beschreibung Dieses Kunst-Auges\u2026, N\u00fcrnberg (um 1700), <\/em>Permalink: <a href=\"https:\/\/sammlungen.ub.uni-frankfurt.de\/urn:nbn:de:hebis:30:2-13126\">urn:nbn:de:hebis:30:2-229185<\/a> (Zugriff am 14.10.2024)<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Leonore Koschnick, \u201eModell des menschlichen Auges mit Beh\u00e4ltnis\u201c, in: <em>Bilder und Zeugnisse deutscher Geschichte. Aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums<\/em>, Berlin 1995, S. 187; Wolfgang Cortjaens, \u201eModell eines menschlichen Auges im Beh\u00e4ltnis\u201c, in: Raphael Gross und Liliane Weissberg (Hg.): <em>Was ist Aufkl\u00e4rung? Fragen an das 18. Jahrhundert<\/em>, M\u00fcnchen 2024, S. 93.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. etwa das bewegliche Augen-Modell auf spiralf\u00f6rmigem gedrechseltem Elfenbein-Standfu\u00df im Germanischen Nationalmuseum N\u00fcrnberg (Inv.-Nr. WI2282), vgl. Susanne Th\u00fcrigen, \u201eGl\u00e4serne Augen\u201c, in: Sabine TIedke (Hg.): <em>Meisterwerke aus Glas<\/em>, Verlag des Germanischen Nationalmuseums 2023, Kat. 25, S. 106f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Liliane Weissberg, \u201eFragen stellen\u201c, in: Gross\/Weissberg 2024 (wie Anm. 1), S. 13\u201326, hier: S. 16. Zur Lichtmetaphorik vgl. insbesondere die Beitr\u00e4ge von Horst Bredekamp und Daniel Fulda ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Denis Diderot: <em>Lettres sur les Aveugles: A l\u2019Usage de Ceux Qui Voyent<\/em>, London 1749, Staatsbibliothek zu Berlin Preu\u00dfischer Kulturbesitz, Sign. Nf 9532.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Kai Nonnenmacher, <em>Das schwarze Licht der Moderne. Zur \u00c4sthetikgeschichte der Blindheit, <\/em>T\u00fcbingen 2006, S. 5; zu Diderot bes. S. 47\u201392.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Frank Matthias Kammel und Johannes Pommeranz: \u201eDas Modell als Kunstwerk\u201c, in: Frank Matthias (Hg.): <em>Leibniz und die Leichtigkeit des Denkens. Historische Modelle: Kunstwerke Medien Visionen<\/em>, N\u00fcrnberg 2016, S. 134. Noch 1727 z\u00e4hlte der N\u00fcrnberger Kaufmann Johann Magnus Volkamer (1671\u20131752), ein Enkel des Botanikers und Besitzer eines \u201eKunst-Kammerlein\u201c, zu den \u201eBewunderungs-w\u00fcrdige[n] Dinge[n]\u201c seiner Sammlung mehrere \u201eVom alten Zicken und seinem Sohn aus Helffenbein gar k\u00fcnstlich gedrehete St\u00fccke\u201c. Vgl. Neickel, <em>Museographia oder Anleitung zum rechten Begriff und n\u00fctzlicher Anlegung der Museorum, oder Rarit\u00e4ten-Kammern<\/em>, Leipzig 1727, S. 167.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. <em>Kurtze und mechanische Beschreibung Dieses Kunst-Auges,<\/em> <em>So nach den Geb\u00e4u Eines Nat\u00fcrlichen Menschen-Auges Wie dasselbe bey der Zergliederung eines durch den Strang erw\u00fcrgten Menschen-C\u00f6rpers Von den damahligen Demonstratore Herrn Dr. Daniel Bscherer\/ Und Anatomico Herrn Dr. Johann Georg Volkamer\/ In N\u00fcrnberg offentlich vorgestellet\/ Durch Anleitung des Herrn Demonstratoris Von Stephan Zicken\/ Kunst-Drech\u00dflern in N\u00fcrnberg In diese Form Wie aus beygef\u00fcgten Kupfer zuersehen gebracht worden ; Denen Curiosis damit zu dienen<\/em>, N\u00fcrnberg, gedruckt bey Christian Sigmund Froberg, o.J. [um 1700]. Digitalisiert durch die Universit\u00e4tsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main [2015]: Permalink: <a href=\"https:\/\/sammlungen.ub.uni-frankfurt.de\/urn:nbn:de:hebis:30:2-13126\">urn:nbn:de:hebis:30:2-229185<\/a> (Zugriff am 14.10.2024).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. Ulrike Boskamp, \u201eNachbilder, nicht komplement\u00e4r. Augenexperimente, Sehl\u00fcste und Modelle des Farbensehens im 18. Jahrhundert\u201c, in: Werner Busch und Carolin Meister (Hg.): <em>Nachbilder. Das Ged\u00e4chtnis des Auges in der Kunst<\/em>, Z\u00fcrich 2011, S. 49\u201370.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Wie Anm. 4, S. 20.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n<table style=\"height: 291px;\" border=\"0\" width=\"840\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7795 size-medium\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Wolfgang_Cortjaens01_klein-fuer-Web-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Wolfgang_Cortjaens01_klein-fuer-Web-200x300.jpg 200w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Wolfgang_Cortjaens01_klein-fuer-Web.jpg 667w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Wolfgang Cortjaens<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Wolfgang Cortjaens ist Leiter der Sammlung Angewandte Kunst und Grafik am Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Augen-Blicke der Vernunft. Das \u201eKunst-Auge\u201c des Stephan Zick als Leitmotiv der Ausstellung<span><\/h2>\n<p>Der starre, reptilienartige Blick eines gl\u00e4sernen Kunstauges, eingefasst von der ge\u00e4derten Haut der Lider, ringf\u00f6rmig umschlossen von einem h\u00f6lzernen profilierten Kreis ist das ebenso befremdliche wie bannende zentrale Werbemotiv der aktuellen Ausstellung des DHM \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung? Fragen an das 18. Jahrhundert\u201c. Als solches ziert es den Katalog, das Plakat und s\u00e4mtliche Werbematerialien. Doch erst in der Ausstellung begegnet den Besuchenden das zugeh\u00f6rige Objekt in seiner Gesamtheit und erschlie\u00dft sich sein Kontext.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":9152,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1763],"tags":[2261,199,2910,75],"class_list":["post-9151","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wozu-das-denn","tag-aufklaerung","tag-sammlung","tag-was-ist-aufklaerung","tag-wozu-das-denn"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9151","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9151"}],"version-history":[{"count":8,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9151\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9182,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9151\/revisions\/9182"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9152"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9151"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9151"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9151"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}