
{"id":923,"date":"2017-05-24T14:24:04","date_gmt":"2017-05-24T12:24:04","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=923"},"modified":"2017-06-01T11:29:15","modified_gmt":"2017-06-01T09:29:15","slug":"zwischen-kirchenlied-und-eierwurf-eine-kleine-geschichte-des-deutschen-evangelischen-kirchentags","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2017\/05\/24\/zwischen-kirchenlied-und-eierwurf-eine-kleine-geschichte-des-deutschen-evangelischen-kirchentags\/","title":{"rendered":"Zwischen Kirchenlied und Eierwurf"},"content":{"rendered":"<h1>Zwischen Kirchenlied und Eierwurf.<br \/>\nEine kleine Geschichte des Deutschen Evangelischen Kirchentags<\/h1>\n<p><strong>Viele Berliner wundern sich: In der Stadt ist es in diesen Tagen noch voller als sonst. Menschen mit Halst\u00fcchern dr\u00e4ngen sich in den U-Bahnen und Bussen. Sie bl\u00e4ttern in dicken Programmb\u00fcchern, schauen sich suchend um, fangen manchmal sogar spontan an, Lieder zu singen. Es ist Kirchentag in Berlin. Die Stadt ist zum f\u00fcnften Mal Versammlungsort f\u00fcr diese Gro\u00dfveranstaltung, die hunderttausende Menschen anzieht.<\/strong><\/p>\n<p>Der Deutsche Evangelische Kirchentag entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch anders als man beim Namen zun\u00e4chst denkt, sind nicht die evangelischen Landeskirchen Organisatoren des Treffens, sondern protestantische Laien.<\/p>\n<h3>1951: Kirchentag ist scheinbar Privatsache und steht f\u00fcr Br\u00fcderlichkeit in einer geteilten Stadt<\/h3>\n<p>In einer Vitrine der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums liegt, klein und unscheinbar, ein <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/datenbank\/dhm.php?seite=5&amp;fld_0=AK300411\">Umh\u00e4nger<\/a>. Auf ihm steht \u201eWir sind doch Br\u00fcder!\u201c. Es handelt sich um ein Tagungsabzeichen des Kirchentags von 1951, der in Berlin stattfand. Der Museumsraum ist zweigeteilt, Deutschland ist in Ost- und West getrennt. Die Museumsbesucher m\u00fcssen sich immer wieder f\u00fcr eine der beiden Geschichten entscheiden: die der DDR oder die der Bundesrepublik Deutschland. Genau in der Mitte \u2013 zwischen DDR und Bundesrepublik \u2013 liegt das Tagungsabzeichen. Das Motto der Br\u00fcderlichkeit (von Schwestern sprach man damals noch nicht) zieht 1951 200.000 Menschen zur Hauptversammlung nach Berlin, in eine geteilte Stadt. Die Veranstaltung soll die Begegnung \u00fcber die neue Grenze hinweg bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>1951 klammert der Kirchentag die politischen Spannungen zwischen den beiden deutschen Staaten ganz bewusst aus, ist scheinbar unpolitisch. Man erkennt sich an Hand des kleinen Abzeichens und singt spontan in Bussen, Bahnen und auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen Kirchenlieder. Die Spaltung Deutschlands \u2013 scheinbar \u00fcberwunden im gemeinsamen Singen von Ost- und Westb\u00fcrgern \u2013 hat jedoch eine unausgesprochene, politische Dimension: Die Bundesrepublik erkennt die DDR nicht an, sie versteht sich als alleiniger Staat aller Deutschen. Das Christentreffen, das eine \u201eVerbr\u00fcderung\u201c zwischen Ost und West anstrebt, wird damit \u2013 gewollt oder ungewollt \u2013 zum Symbol der Deutschlandpolitik Bonns. Es klagt die deutsche Teilung gegen\u00fcber der DDR an. Dies funktioniert nur, wenn Religion \u2013 auch\u00a0 f\u00fcr ranghohe Politiker \u2013 zur Privatsache wird. 1954 findet auf dem Gebiet der DDR, in Leipzig, ein Kirchentag statt. Der Bundestagspr\u00e4sident Hermann Ehlers reist an, jedoch nur als Privatperson. Er wirkt nicht am Programm mit und trifft sich \u2013 rein privat \u2013 auf einen Plausch mit Johannes Dieckmann, der auch Pr\u00e4sident der DDR-Volkskammer ist. Das Treffen findet nur statt, da die Gespr\u00e4chsthemen zuvor festgelegt wurden: Familie und Wetter.<\/p>\n<p>Dem deutschen Protestantismus fehlt zu dieser Zeit eine demokratisch-politische Tradition. Die Weimarer Republik hatte die <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/innenpolitik\/kirchen-im-ns-regime.html\">Mehrheit der Protestanten abgelehnt und den Machtantritt Hitlers begr\u00fc\u00dft<\/a>. Demokratie war f\u00fcr die Evangelischen etwas Neues, somit geht es auf dem Kirchentag zun\u00e4chst darum, sich Themen wie dem Grundgesetz \u00fcberhaupt erst einmal anzun\u00e4hern. Nach der Katastrophe des Dritten Reiches, nach Vorstellungen mancher Mitglieder der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/innenpolitik\/bekennende-kirche.html\">Bekennenden Kirche<\/a> ein Gottesgericht, wird ein politischer Neuanfang mit einem sittlich-religi\u00f6sen Neubeginn gleichgesetzt. Kirchentag soll missionarischer Dienst am Volk sein, politische Themen werden als Glaubensthemen behandelt.<\/p>\n<h3>1981: Kirchentag wird offen politisch \u2013 Demonstration f\u00fcr Frieden-, Umwelt- und Frauenrechte<\/h3>\n<p>30 Jahre sp\u00e4ter, 1981. Wie anders sieht es in Hamburg aus! Der Kirchentag ist explizit politisch. Aus ihm heraus entsteht eine protestantische B\u00fcrgerrechtsbewegung die sich f\u00fcr Frieden-, Umwelt- und Frauenrechte einsetzt, die erste gro\u00dfe Friedensdemonstration beginnt beim Kirchentag. Die Angst vor einem Dritten Weltkrieg, angesichts der atomaren Bedrohung, kommt in der Losung \u201eF\u00fcrchte Dich nicht\u201c zum Ausdruck. Als in der Messehalle 13 der Verteidigungsminister Hans Apel \u00fcber seine Raketenpolitik diskutiert, kommt es pl\u00f6tzlich zu Geschrei. Ein Protestzug von wei\u00df gekleideten Gestalten mit dramatisch rot verschmierten Gesichtern zieht ein. Sie rufen \u2013 in Anlehnung an die Kirchentagslosung &#8211; \u201eF\u00fcrchte dich, f\u00fcrchte dich\u201c und bewerfen den Minister mit Farbeiern.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter, in Hannover, ist es kein kleines Abzeichen mehr, das die Kirchentagsbesucher erkennbar macht, sondern ein <a href=\"http:\/\/www.dhm.de\/datenbank\/dhm.php?seite=5&amp;fld_0=KT930060\">lila Halstuch<\/a>. Es liegt heute in der Dauerausstellung des DHM. Auf ihm ist eine Kirche mit ausgestreckter Stopp-Hand zu sehen, darunter \u201eDie Zeit ist da f\u00fcr ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen.\u201c Das Tuch war von einer Friedensgruppe verteilt worden und sorgt f\u00fcr Konflikte. Das Publikum ist jung \u2013 zwei Drittel der Teilnehmer sind unter 25 Jahre. Beim Beginn des Abschlussgottesdienstes fordert das Kirchentagspr\u00e4sidium die Besucher auf, das Tuch nicht zu tragen \u2013 wiederholt diese Forderung jedoch nicht, als die T\u00fccher auf die VIP-B\u00fchne fliegen.<\/p>\n<h3>1997: Erster gesamtdeutscher Kirchentag in Leipzig behandelt Ungleichheit zwischen Ost und West<\/h3>\n<p>1997, Leipzig: Die Kirchentagsbesucher erkennen sich an kleinen Buttons, die sie sich an die Jacke stecken. Die ostdeutsche Stadt ist Schauplatz des ersten gesamtdeutschen Kirchentages nach 1954. Wurde damals noch, vor dem Mauerbau, mit der Losung \u201eSeid fr\u00f6hlich in der Hoffnung\u201c vor allem die Hoffnung auf eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Ost- und West ausgedr\u00fcckt, steht nun, nach dem Mauerfall, die Gerechtigkeit im Zentrum. Die Losung lautet \u201eAuf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben\u201c. Die Mehrheit der Besucher \u2013 80 % \u2013 reist aus dem Westen an. Die Dynamik und Euphorie von 1989, als aus den Montagsgebeten in der Leipziger Nicolaikirche eine friedliche Revolution erwuchs, ist l\u00e4ngst vergangen. Nun stehen Themen wie Arbeitslosigkeit und die bleibende Ungleichheit zwischen Ost und West im Vordergrund: Vor der Nicolaikirche wird eine Klagemauer errichtet, an der die Besucher ihre Gedanken hinterlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Kirchentag heute: entchristlichtes Umfeld ohne Aufregerthemen<\/h3>\n<p>Mittlerweile findet Kirchentag in einem entchristlichten Umfeld statt. Die Kirche verliert immer mehr an Anziehungskraft, was an den gleichbleibend hohen Austrittszahlen deutlich wird. Dennoch sind Kirchentage weiterhin Massenveranstaltungen mit hohem Besucherandrang \u2013 die Zahl der Dauerteilnehmer liegt stabil bei ca. 100.000 Menschen. Gro\u00dfe Aufregerthemen, die alle Teilnehmenden bewegen, wie die Friedensforderungen Anfang der 1980er Jahre, sucht man in den letzten Jahren vergeblich. Verschiedene spirituelle Glaubenszug\u00e4nge finden ihren Platz, auf dem \u201eMarkt der M\u00f6glichkeiten\u201c pr\u00e4sentiert sich eine gro\u00dfe Anzahl kirchlicher Gruppen, Musik und z. B. Techno-Gottesdienste geben der Versammlung einen Event-Charakter.<\/p>\n<p>2017 ist f\u00fcr die Protestanten das Jahr, in dem sie sich an den Beginn der Reformation erinnern. Darum organisiert \u2013 zum allerersten Mal \u2013 die Evangelische Kirche das Laientreffen mit. Das Treffen findet in einer Zeit des Umbruchs und neuer Un\u00fcbersichtlichkeit statt, viele Menschen suchen Orientierung. Die Besucher versammeln sich unter dem Motto \u201eDu siehst mich\u201c, woran sie sich 2017 erkennen werden, wird sich noch zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Zwischen Kirchenlied und Eierwurf.<br \/>\nEine kleine Geschichte des Deutschen Evangelischen Kirchentags<span><\/h2>\n<p>Viele Berliner wundern sich: In der Stadt ist es in diesen Tagen noch voller als sonst. 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