
{"id":9350,"date":"2024-12-18T10:02:30","date_gmt":"2024-12-18T09:02:30","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=9350"},"modified":"2025-02-03T15:45:15","modified_gmt":"2025-02-03T14:45:15","slug":"sammeln-bewahren-forschen-einblicke-in-die-sammlungsarbeit-des-deutschen-historischen-museums","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2024\/12\/18\/sammeln-bewahren-forschen-einblicke-in-die-sammlungsarbeit-des-deutschen-historischen-museums\/","title":{"rendered":"Sammeln, bewahren, forschen: Einblicke in die Sammlungsarbeit des Deutschen Historischen Museums"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Sammeln, bewahren, forschen: Einblicke in die Sammlungsarbeit des Deutschen Historischen Museums<\/h1>\n\n\n\n<p>Fritz Backhaus | 18. Dezember 2024<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der folgende Beitrag ist die Einf\u00fchrung in die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/blog\/tag\/sammeln\/\">neue Blogserie<\/a> zur Arbeit der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/unsere-sammlung\/\">Sammlungen<\/a> im Deutschen Historischen Museum (DHM), in der die unterschiedlichen Aspekte der Sammlungsarbeit dargestellt und beleuchtet werden sollen. Dabei geht es um zentrale Fragestellungen wie die Entscheidungen f\u00fcr oder gegen die Aufnahme von Gegenst\u00e4nden, die unterschiedlichen Wege der Zug\u00e4nge, die sich \u00e4ndernden Forschungsfragen an die Sammlungsobjekte, um die Erforschung der Herkunft der Objekte und viele weitere Aspekte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fritz Backhaus, Direktor der Abteilung Sammlungen seit Dezember 2017, setzt sich mit den komplexen Gr\u00fcnden f\u00fcr die Entscheidung, ein Objekt in die Sammlungen des DHM aufzunehmen, auseinander und beleuchtet die unterschiedlichen Aspekte, die zu einer solchen Entscheidung f\u00fchren sowie die grunds\u00e4tzlichen Pr\u00e4missen des Sammelns in einem historischen Museum in Deutschland und die Folgen f\u00fcr die Sammlungen eines Museums.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Juni 2024 konnte ich das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fLdbvvmf8Xg\">Inventarbuch<\/a> f\u00fcr das Jahr 2023 unterschreiben. Zusammen mit den Unterschriften der Leiterin der Zentralen Dokumentation Dr. Brigitte Reineke und der zust\u00e4ndigen Mitarbeiterin Nina B\u00e4tzing wurde damit der Erwerb von 5.673 Objekten dokumentiert: ein dreib\u00e4ndiges, solide eingebundenes Rechtsdokument, das den Eigentumszuwachs eines Jahres rechtsverbindlich festh\u00e4lt. Jedes Jahr ein besonderer Akt, da es die Arbeit des Museums mit dem Versprechen verbindet, etwas f\u00fcr die \u201eEwigkeit\u201c zu schaffen und eine Reihe fortzusetzen, die in unserer Sammlung mit dem Inventarbuch des Jahres 1883 beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechnet man die von mir bislang unterschriebenen acht Inventarb\u00fccher zusammen, dokumentieren sie den Erwerb von \u00fcber 50.000 Objekten. Weniger als die H\u00e4lfte davon waren Ank\u00e4ufe auf Auktionen und von privaten Anbietern, immerhin bis zu zwei Dritteln Schenkungen. Dieser hohe Anteil zeigt das Vertrauen, das das DHM genie\u00dft, da viele der Angebote mit der Vergangenheit und den pers\u00f6nlichen Erinnerungen der Schenker und Schenkerinnen bzw. ihrer Familien zu tun haben und f\u00fcr diese mit positiven wie negativen Emotionen verbunden sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt sind bislang 786.000 Objekte der Sammlung in unserer <a href=\"https:\/\/db.dhm.de\">Datenbank<\/a> aufgef\u00fchrt. Hinzu kommen vermutlich zwei- bis dreihunderttausend Sammlungsgegenst\u00e4nde, die vor allem aus Zeiten des <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/museum\/geschichte-und-architektur\/geschichte\/\">Museums f\u00fcr Deutsche Geschichte (MfDG)<\/a> stammen und noch nicht ins digitale Verzeichnis \u00fcberf\u00fchrt werden konnten. Wenn man diese Zahlen und ihren j\u00e4hrlichen Zuwachs sieht, kommt einem vielleicht das M\u00e4rchen vom \u201eS\u00fc\u00dfen Brei\u201c in den Sinn. Durch einen Zauberspruch w\u00e4chst und w\u00e4chst er zur Freude aller, aber \u2013 als der Zauberspruch zum Stopp des Wachstums vergessen wird &#8211; h\u00f6rt er nicht mehr auf, sich zu vermehren und verschlingt die Stadt. Sammeln im Museum bedeutet daher auch, \u00fcber \u201eGrenzen des Wachstums\u201c nachzudenken. Jede Neuerwerbung l\u00f6st andererseits unsere Neugier aus und bereichert unser Wissen \u00fcber die Vergangenheit. Oder sie ist ein Zeugnis der Gegenwart, das eines Tages das Wissen kommender Generationen \u00fcber unsere Zeit erweitern wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter den Neuaufnahmen jeden Jahres stehen daher Entscheidungen, die von den Leiterinnen und Leitern der einzelnen Sammlungen vorbereitet und getroffen werden. Dutzende von Auktionskatalogen, Hunderte von Verkaufs- oder Schenkungsangeboten werden von den Kolleginnen und Kollegen gesichtet, bewertet und mit entsprechenden Begr\u00fcndungen zum Erwerb vorgeschlagen. Damit verbunden k\u00f6nnen intensive pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che mit den Anbietern sein, da es bei historischen Objekten vor allem auch darum geht, ihren Kontext, der ihre historische Bedeutsamkeit ausmacht, zu dokumentieren. Aber \u2013 und das st\u00f6\u00dft nicht immer auf Verst\u00e4ndnis, viele Schenkungsangebote werden nach sorgf\u00e4ltiger Pr\u00fcfung von uns abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was liegt aber diesen Entscheidungen zugrunde? In der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/assets\/DHM\/Download\/Museum\/Satzung.pdf\">Stiftungssatzung<\/a> von 2010 ist festgelegt, dass das DHM die \u201egesamte deutsche Geschichte in ihrem europ\u00e4ischen Zusammenhang\u201c darstellen soll und \u201eder Erf\u00fcllung dieses Zweckes\u201c unter anderem \u201eder Erwerb von Realien zur deutschen Geschichte sowie deren Inventarisierung, Dokumentation und erforderlichenfalls Restaurierung\u201c dient. Bei genauerer Betrachtung l\u00f6st diese so klar scheinende Zwecksetzung eine F\u00fclle von Fragen aus: Wann beginnt deutsche Geschichte: mit Germanen und R\u00f6mern, mit Franken und Karl dem Gro\u00dfen oder mit den Humanisten des 16. Jahrhunderts, die erstmals so etwas wie Deutschland zu beschreiben und zu definieren suchten? Warum nur \u201eeurop\u00e4ischer Zusammenhang\u201c? Was ist mit der deutschen Kolonialgeschichte, den Auswanderern nach Amerika, den in Bangladesch er\u00f6ffneten Textilfabriken deutscher Firmen, den von in Deutschland verbrannten fossilen Brennstoffen mit seinen globalen Auswirkungen, der Rolle Deutschlands im Nah-Ost-Konflikt? Und: Welche Themen umfassen das Adjektiv \u201egesamt\u201c \u2013 politische, soziale, technische, k\u00fcnstlerische, \u00f6konomische\u2026? Und schlie\u00dflich: Was sind eigentlich Realien, die wir ja sammeln, aufbewahren und erforschen sollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff ist vor allem entwickelt worden, um Sach- und Bildzeugnisse der Vergangenheit von Archivgut und der schriftlichen \u00dcberlieferung zu unterscheiden \u2013 der Hauptquelle der Geschichtswissenschaften, deren Aufbewahrungsort in erster Linie das Archiv ist. Realien werden dagegen \u2013 sofern sie nicht in Privatsammlungen gelangt sind \u2013 in Museen aufbewahrt, die sich aus den Kunst- und Wunderkammern der fr\u00fchen Neuzeit und den b\u00fcrgerlichen Vereinsgr\u00fcnden des 19. Jahrhunderts entwickelt haben. Mit dem etwas altert\u00fcmlich klingenden Begriff verbindet sich jedoch auch die \u00d6ffnung der Historiographie f\u00fcr die Erkenntnisse der Wissenschaften, die mit Dingen umgehen, so der Arch\u00e4ologie, der Kunst- und Bildwissenschaften, der europ\u00e4ische Ethnologie oder auch manche der Naturwissenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vielfalt dessen, was Realien sein k\u00f6nnen, spiegelt sich in der Gliederung unserer Sammlung wider, die handwerkliche und technische Ger\u00e4te, Werbetafeln, Spielzeug, Kleidung , Fahnen, Gem\u00e4lde, Skulpturen, Plakate, Grafiken, Fotos, M\u00f6bel, Geschirr, B\u00fccher, seltene Drucke, Dokumente, M\u00fcnzen, Medaillen, Wertpapiere, Waffen, Uniformen umfasst \u2013 eine Aufz\u00e4hlung, die noch fortgef\u00fchrt werden k\u00f6nnte. Bemerkenswert ist, dass es eigentlich keine spezifische Objektgruppe gibt, die nur im DHM zu finden ist: Unsere Sammlungen \u00fcberschneiden sich mit den Sammlungen von Kunst- und kunsthandwerklichen Museen, Museen der europ\u00e4ischen Ethnologie, arch\u00e4ologischen Museen, Technik-, Kommunikations- Fotografie-, Plakat- und Milit\u00e4rmuseen. Aber es gibt eben auch (fast) keine Objektgruppe, die nicht in unserer Sammlung zu finden ist, und das ist ihre St\u00e4rke und Besonderheit. Die Zielrichtung ist nicht Vollst\u00e4ndigkeit, sondern Vielfalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum verf\u00fcgt heute \u00fcber eine reichhaltige und facettenreiche Sammlung, die in gro\u00dfer Vielfalt deutsche Geschichte widerspiegelt und eine Quelle f\u00fcr eine unbegrenzte Anzahl von historischen Fragestellungen ist. Es ist bemerkenswert, dass in den Gr\u00fcndungskonzepten des DHM aus den 1980er Jahren von Beginn an klar war, dass das Museum eine Sammlung anlegen w\u00fcrde, es aber offenblieb, was eigentlich gesammelt werden sollte, d.h. man verzichtete auf ein explizites Sammlungskonzept. Als Orientierung f\u00fcr die Erwerbungen diente das umfangreiche inhaltliche Konzept f\u00fcr die geplante Dauerausstellung, das \u00fcber hundert verschiedenen Themen und einen Zeitrahmen vom fr\u00fchen Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert benannte.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\"><sup>1<\/sup><\/a> Schwerpunkt der Sammlungst\u00e4tigkeit sollten \u2013 so die Erinnerungen der ersten Sammlungsmitarbeiterinnen \u2013 vor allem die geplanten Themenr\u00e4ume zur Sozialgeschichte sein, im Mittelpunkt stand aber das Ziel, materielle Grundlagen f\u00fcr eine Dauerausstellung zu schaffen. Aber es war allen bewusst, dass trotz eines zu Beginn \u00fcppigen Ankaufsetats der Aufbau einer nennenswerten Sammlung Jahrzehnte dauern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre nach der Gr\u00fcndung machte der Mauerfall dies alles obsolet: Die letzte Regierung der DDR \u00fcbereignete dem in West-Berlin vorgesehenen DHM das Zeughaus und die Sammlung des 1952 er\u00f6ffneten MfdG der DDR: eine halbe Million \u201eSachzeugnisse\u201c (so der Terminus im MfDG f\u00fcr Realien) von der Urgesellschaft \u00fcber den Feudalismus bis zur sozialistischen Gesellschaft der DDR.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\"><sup>2<\/sup><\/a> Darunter befand sich auch die Sammlung von Waffen, Uniformen und milit\u00e4rischen Abzeichen und Bildzeugnissen, die aus dem 1945 aufgel\u00f6sten Armeemuseum stammten. Es war 1883 als preu\u00dfisches Milit\u00e4rmuseum zum Ruhm der Hohenzollern er\u00f6ffnet worden und konnte schon milit\u00e4rische Best\u00e4nde \u00fcbernehmen, die sich im Zeughaus, dem Waffenarsenal des preu\u00dfischen Milit\u00e4rs, seit dem Beginn des 18. Jahrhundert angesammelt hatten. Die Sammlung des MfDG sollten Belegst\u00fccke zur Darstellung einer marxistisch-leninistischen Geschichtskonzeption zur Verf\u00fcgung stellen, es ist aber un\u00fcbersehbar, dass die Mitarbeitenden in ihrer Sammelt\u00e4tigkeit ein \u00fcber die ideologischen Vorgaben deutlich hinausgehendes Spektrum historischer Zeugnisse zusammentrugen. So repr\u00e4sentiert unsere Sammlung zwar sehr unterschiedliche Geschichtskonzeptionen: von der Gr\u00fcndung als milit\u00e4rische Ruhmeshalle der Hohenzollern, \u00fcber das NS-Armeemuseum, das sozialistische Museum deutscher Geschichte bis zum heutigen DHM mit seiner liberal-demokratischen Grundierung und einem offenen Konzept von Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es w\u00e4re zu kurz gedacht, die Objekte unserer Sammlung nur als Zeugnisse von Geschichtskonzeptionen zu sehen. Objekte besitzen eine eigene Widerst\u00e4ndigkeit: Der Hut Napoleons, erbeutet in der Schlacht von Waterloo und aufbewahrt als Zeugnis des preu\u00dfischen Triumphes, steht heute f\u00fcr die Entwicklung der \u201eMarke\u201c Napoleon durch seinen schlichten Zweispitz, unverzichtbares Detail jeder Karikatur, er steht f\u00fcr die Modernisierung Deutschlands unter Napoleon, die Hunderttausende Opfer in einer 20j\u00e4hrigen Kriegszeit, die Hutmode um 1800 \u2013 die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen. Oder der von uns k\u00fcrzlich in die Sammlung aufgenommene Klebstoff, der bei einer Aktion der \u201eLetzten Generation\u201c zum Einsatz kam. In hundert Jahren wird er vielleicht nicht mehr als politisches Zeugnis interessant sein, sondern ein Beispiel f\u00fcr primitive Kleber. &nbsp;Die Beispiele zeigen ein wesentliches Charakteristikum der Objekte in unserem Museum. Sie erz\u00e4hlen uns keine Geschichte \u2013 wie es manchmal umgangssprachlich formuliert wird \u2013, sondern sie sind Bedeutungstr\u00e4ger, Semiophoren, wie Krzysztof Pomian es definiert hat<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\"><sup>3<\/sup><\/a> \u2013 Bedeutungen, die wir den Dingen zuschreiben und die die Grundlage der Entscheidung zu ihrer Aufbewahrung sind. Die Bedeutungen, die wir den Objekten zuschreiben, sind jedoch in einem Museum nicht beliebig. Sie m\u00fcssen faktenbasiert sein, d.h. auf historischen Quellen beruhen, und mit den in den historischen Wissenschaften g\u00fcltigen Methoden erarbeitet sein. Sie m\u00fcssen sich damit aber auch dem kritischen Urteil der Wissenschaft und der \u00d6ffentlichkeit stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr Museumsobjekte ebenfalls gilt: Die Bedeutungszuweisung und die Aufnahme in die Sammlung, verbunden mit Inventarisierung, Aufbewahrung, Restaurierung und Erforschung, entziehen das Objekt endg\u00fcltig dem \u00f6konomischen Prozess der N\u00fctzlichkeit von Dingen, die nach ihrem Verbrauch zu Abfall werden, der weggeworfen wird. Die Entscheidung, sie zu Museumsobjekten zu machen, schenkt ihnen in gewisser Weise ein neues, tendenziell ewiges Leben. So k\u00f6nnen auch Dinge, die im Mittelalter Abfall waren und in eine Latrine geworfen wurden, zu wertvollen Zeugnissen mittelalterlichen Lebens in einem modernen Museum werden. Deshalb f\u00e4llt es mir ebenso wie vielen Kolleginnen und Kollegen auch sehr schwer, Museumsobjekten ihre museale Bedeutungszuschreibung wieder zu nehmen, sie \u2013 so die h\u00e4ssliche Bezeichnung \u2013 zu \u201eentsammeln\u201c, ausgenommen sie lassen sich konservatorisch nicht mehr erhalten. Als Sachwalter einer Zukunft, die wir nicht kennen k\u00f6nnen, f\u00fchlen wir die Verpflichtung, k\u00fcnftigen Museumsgenerationen Dinge zu erhalten, deren Bedeutung erst sie vielleicht erkennen und definieren k\u00f6nnen. Dahinter steht auch bei unseren Erwerbungen die Frage, welche Dinge der Gegenwart sollen wir aufbewahren \u2013 eine schwierige Entscheidung in einer Welt, in der jeder vom Baby bis zum Greis im Schnitt 10.000 Dinge besitzen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutungen, die wir einem Objekt zuschreiben, sind eng verbunden mit der Dokumentation der Herkunft und der \u201eGeschichte\u201c, die dem Objekt widerfahren ist. Seit den 1990er Jahren mit dem wachsenden Bewusstsein \u00fcber den hundertausendfachen Kulturdiebstahl der Nationalsozialisten wurde die Erforschung der Provenienz und die Kl\u00e4rung des rechtm\u00e4\u00dfigen Erwerbs der Objekte in einer Sammlung zu einer zentralen ethischen Forderung in der Museumsarbeit, zuerst niedergelegt in den \u201eWashington Principles\u201c von 1998. Es geht um die Rekonstruktion von Unrechtskontexten im Erwerb der Objekte und gegebenenfalls die Einleitung von Restitutionen an die Erben der Beraubten und h\u00e4ufig auch Ermordeten. Ein Spezifikum unserer Sammlung stellen aber die Zug\u00e4nge aus der Zeit des MfDG dar, die z.B. aus Beschlagnahmungen der Staatsorgane stammten. Hier\u00fcber wissen wir noch zu wenig. \u00dcber von uns initiierte <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/sammlung\/forschung\/provenienzforschung\/\">Forschungsprojekte<\/a> versuchen wir jedoch, grundlegendes Wissen zu erlangen. Sammeln ist so mit ethischen und rechtlichen Fragen verbunden, die man auf die einfache Formel bringen k\u00f6nnte: Wir m\u00f6chten kein Diebesgut in unserer Sammlung haben.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\"><sup>4<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Sammlung ist nicht nur ein j\u00e4hrlich wachsendes Gebilde, sie ist vor allem Produkt eines nicht abrei\u00dfenden Diskussionsprozesses: Was macht ein Objekt zu einem Objekt des DHM? Was bewahren wir aus unserer Gegenwart auf und wie gehen wir mit neuartigen Zeugnissen wie original digitalen Objekten um? Wie bewahren wir die Objekte dauerhaft, reduzieren aber auch die damit verbundene Belastung unserer Umwelt? Wie erschlie\u00dfen wir das reiche Wissen besser, das in den Objekten verborgen ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Was nicht zu vergessen ist: Sammeln in einem Museum ist ein sehr praktischer Prozess, in dem es um die Materialien wie Holz, Kunststoff oder Papier, verbesserte Aufbewahrungsmethoden oder Sicherheit vor Diebstahl und anderen Katastrophen geht. Es ist gleichzeitig ein intensiver permanenter Austausch \u00fcber gesellschaftliche Ziele, historische Konzepte und die Grundlagen historischer Urteilskraft \u2013 ein Prozess, den jede Generation fortf\u00fchrt, und der in unserm Museum auf 200 Jahren Sammeln basiert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Konzeption f\u00fcr ein Deutsches Historisches Museum \u2013 \u00dcberarbeitete Fassung, in: Deutsches Historisches Museum. Ideen \u2013 Kontroversen \u2013 Perspektiven, hg. Von Christoph St\u00f6lzl, Frankfurt am Main, Berlin 1988, S. 609 &#8211; 636<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zur Geschichte des Museums s. zuletzt Klaudia Charlotte Lenz, Matthias Miller, Zeiten und Seiten. 200 Jahre Bibliotheken im Berliner Zeughaus, Berlin 2022; Thomas Wei\u00dfbrich, Ein Berliner Zeughaus und vier deutsche Geschichtsmuseen, in: Mitteldeutsches Jahrbuch f\u00fcr Kultur und Geschichte 32 (2025), S. 68-77<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Krzysztof Pomian, Der Ursprung des Museums. Vom Sammeln, Berlin 1988<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Ethische Richtlinien f\u00fcr Museen von ICOM, hg. von ICOM Schweiz, 2010<\/p>\n\n\n<table style=\"height: 291px;\" border=\"0\" width=\"840\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9360 size-full\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Backhaus_02_\u00a9Bruns.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"225\" \/><\/p>\n<\/td>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Fritz Backhaus<\/h4>\n<p style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Fritz Backhaus ist Abteilungsdirektor Sammlungen am Deutschen Historischen Museum.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Sammeln, bewahren, forschen: Einblicke in die Sammlungsarbeit des Deutschen Historischen Museums<span><\/h2>\n<p>Der folgende Beitrag ist die Einf\u00fchrung in die neue Blogserie zur Arbeit der Sammlungen im Deutschen Historischen Museum (DHM), in der die unterschiedlichen Aspekte der Sammlungsarbeit dargestellt und beleuchtet werden sollen. Dabei geht es um zentrale Fragenstellungen wie den Entscheidungen f\u00fcr oder gegen die Aufnahme von Gegenst\u00e4nden, die unterschiedlichen Wege der Zug\u00e4nge, die sich \u00e4ndernden Forschungsfragen an die Sammlungsobjekte, um die Erforschung der Herkunft der Objekte und vielen weiteren Aspekten. Fritz Backhaus, Direktor der Abteilung Sammlungen seit Dezember 2017, setzt sich mit den komplexen Gr\u00fcnden f\u00fcr die Entscheidung, ein Objekt in die Sammlungen des DHM aufzunehmen, auseinander und beleuchtet die unterschiedlichen Aspekte, die zu einer solchen Entscheidung f\u00fchren sowie die grunds\u00e4tzlichen Pr\u00e4missen des Sammelns in einem historischen Museum in Deutschland und die Folgen f\u00fcr die Sammlungen eines Museums.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":9351,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[863,2939,1460,2935,199],"class_list":["post-9350","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-inside-dhm","tag-museum-de","tag-objekte-de","tag-provenienzforschung","tag-sammeln","tag-sammlung"],"_links":{"self":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9350","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9350"}],"version-history":[{"count":16,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9350\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9437,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9350\/revisions\/9437"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9351"}],"wp:attachment":[{"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}