
{"id":9439,"date":"2025-02-05T10:09:59","date_gmt":"2025-02-05T09:09:59","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=9439"},"modified":"2025-02-05T10:12:30","modified_gmt":"2025-02-05T09:12:30","slug":"freunde-der-aufklaerung-die-berliner-mittwochsgesellschaft-1783-1798","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2025\/02\/05\/freunde-der-aufklaerung-die-berliner-mittwochsgesellschaft-1783-1798\/","title":{"rendered":"Freunde der Aufkl\u00e4rung. Die Berliner Mittwochsgesellschaft (1783\u20131798)"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Freunde der Aufkl\u00e4rung<\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Berliner Mittwochsgesellschaft (1783\u20131798)<\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Stephanie von Steinsdorff | 5. Februar 2025<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Frage \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung?<em>\u201d<\/em> ist nicht nur titelgebend f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/was-ist-aufklaerung-fragen-an-das-18-jahrhundert\/\">Ausstellung im DHM<\/a>, ein Originaldruck der ber\u00fchmten Antwort Kants auf diese Frage ist noch bis zum 6. April 2025 im Museum zu sehen. Kant ver\u00f6ffentlichte sie 1784 in der <em>Berlinischen Monatsschrift<\/em>. Die Zeitschrift war das schriftliche Sprachrohr der Berliner Mittwochsgesellschaft und lie\u00df dadurch die \u00d6ffentlichkeit an den diskutierten Fragen teilhaben. Nahezu alle Mitglieder der Berliner Mittwochsgesellschaft publizierten regelm\u00e4\u00dfig in der <em>Berlinischen Monatsschrift<\/em>. Doch wer verbarg sich hinter der Berliner Mittwochsgesellschaft und was machte sie zu einem Projekt der Aufkl\u00e4rung? Zum Start der <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/was-ist-aufklaerung-fragen-an-das-18-jahrhundert\/begleitprogramm\/mittwochsgesellschaft\/\">Diskussionsreihe im Namen der Berliner Mittwochsgesellschaft<\/a> und begleitend zur Ausstellung geht Stephanie von Steinsdorff, wissenschaftliche Mitarbeiterin, diesen Fragen nach.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"815\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/AK-1179_Was-ist-Aufklaerung_Titelseite_DHM_Berlinische-Monatsschrift_178412.-Heft_Doppel-1-1024x815.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9447\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/AK-1179_Was-ist-Aufklaerung_Titelseite_DHM_Berlinische-Monatsschrift_178412.-Heft_Doppel-1-1024x815.jpg 1024w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/AK-1179_Was-ist-Aufklaerung_Titelseite_DHM_Berlinische-Monatsschrift_178412.-Heft_Doppel-1-300x239.jpg 300w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/AK-1179_Was-ist-Aufklaerung_Titelseite_DHM_Berlinische-Monatsschrift_178412.-Heft_Doppel-1-768x611.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/AK-1179_Was-ist-Aufklaerung_Titelseite_DHM_Berlinische-Monatsschrift_178412.-Heft_Doppel-1-1536x1222.jpg 1536w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/AK-1179_Was-ist-Aufklaerung_Titelseite_DHM_Berlinische-Monatsschrift_178412.-Heft_Doppel-1.jpg 1880w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Titelseite von Immanuel Kants Aufsatz \u201eBeantwortung der Frage: Was ist Aufkl\u00e4rung?\u201c, in: Berlinische Monatsschrift, Berlin, 1784 \u00a9 Deutsches Historisches Museum<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Kollektives Denken und Diskutieren war ihr gemeinsamer Weg, das Ziel eine \u201egegenseitige und gesellschaftliche Aufkl\u00e4rung\u201c.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Mitglieder der Gesellschaft trafen sich ein bis zweimal im Monat bei einem der 24 festgelegten Mitglieder. Zu ihnen geh\u00f6rten vor allem im Staatsdienst t\u00e4tige Minister, Professoren, Juristen, Publizisten, P\u00e4dagogen, Philosophen und Theologen. Einige Namen der Mitglieder sind uns bis heute bekannt, wie Christian Wilhelm von Dohm (1751 \u2013 1820), der sich in der Diskussion um die Gleichstellung der Juden bekannt gemacht hat, Friedrich Nicolai (1733 \u2013 1811), dem Berliner Aufkl\u00e4rer, Schriftsteller und Verlagsbuchh\u00e4ndler oder Karl August von Struensee (1735 \u2013 1804), der als Finanzpolitiker das aufkl\u00e4rerische Erbe in Form von Sozialreformen seines j\u00fcngeren Bruders Johann Friedrich Struensee (1737 \u2013 1772) in D\u00e4nemark mitverantwortete. Das Ehrenmitglied der Gesellschaft z\u00e4hlt zu den bekanntesten Figuren der Berliner Aufkl\u00e4rung: \u00a0Moses Mendelssohn (1729 \u2013 1786). \u00a0Ihm wurde als Jude trotz seines schon damals hohen Bekanntheitsgrads vom\u00a0preu\u00dfischen K\u00f6nig Friedrich II. die Aufnahme in der K\u00f6niglichen Akademie der Wissenschaften verwehrt, obwohl einige der Akademiemitglieder seine Aufnahme bef\u00fcrworteten.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die Mittwochsgesellschaft erkannte Mendelssohn also nicht nur als Mitglied an, sondern persistierte auf seine besonderen Status als Ehrenmitglied, was als Widerstandsreaktion der Mittwochsgesellschaft auf die k\u00f6nigliche Anordnung der Ausgrenzung gelesen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mitglieder der Gesellschaft bezeichneten sich selbst als Freunde der \u201egesunden Vernunft und des schlichten Menschenverstands\u201c<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, oder auch &nbsp;als \u201eGesellschaft der Freunde der Aufkl\u00e4rung\u201c<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, die in einem gesch\u00fctzten Raum \u00fcber gesellschaftspolitische Themen ins Gespr\u00e4ch kommen wollten und dabei die Selbstaufkl\u00e4rung zum erkl\u00e4rten Ziel hatten. Die Art des Diskutierens sollte \u201efreim\u00fcthig und dreist, obgleich immer bescheiden\u201c<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> sein. Der vertraute Kreis bot die Sicherheit, auch \u00fcber unangenehme Themen konfliktreiche Gespr\u00e4che miteinander f\u00fchren zu k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDen Gesellschaftsmitgliedern bot sich hier die M\u00f6glichkeit, auch einen unausgereiften Gedanken zur Diskussion zu stellen, ihn der ,unparteyischen Pr\u00fcfung [der Freunde] zu unterwerfen\u2018, ihn ,durch die Gegeneinanderstellung verschiedener Meinungen, deutlicher zu denken und von allen Seiten zu betrachten\u2018 und sich auf diese Weise durch \u201afreundschaftlichen Gedankenwechsel [&#8230;] wechselseitig den Geist aufzukl\u00e4ren\u2018.\u201c<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Gegenstand der Diskussionen war \u201ealles was Erkenntnis und Wissenschaft hei\u00dft\u201c<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a>, insbesondere philosophische Fragestellungen, wobei fach- und praxisbezogene Diskussionen vermieden werden sollten.<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Die Diskussionen blieben innerhalb des Kreises, sollten geheim gehalten werden, um eine freie Diskussion zu erm\u00f6glichen, denn es herrschte eine \u201evollkommene Tolerantz aller Meinungen, selbst derer, die ungereimt scheinen m\u00f6chten.\u201c<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im Gr\u00fcndungsstatut von 1783 war der Ablauf der Sitzungen geregelt: \u201e[nach] einem m\u00f6glichst knappen Vortrag sollte eine disziplinierte Diskussion folgen, in der die Teilnehmer [\u2026] nach der Sitzordnung zu Worte kamen. Die Zusammenkunft begann um 6 Uhr, ein gemeinsames Abendessen um 8 beschlo\u00df sie.\u201c<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Mit heutigem Vokabular w\u00fcrde man die Mittwochsgesellschaft vielleicht als einen vorpolitischen, aber auch exklusiven Raum einer regen Debattenkultur bezeichnen k\u00f6nnen. Allerdings handelte es sich hierbei gewiss im Gegensatz zu Teegesellschaften und Salons um einen reinen Gelehrtenzirkel, an dem ausschlie\u00dflich im Staatsdienst t\u00e4tige M\u00e4nner teilnahmen. Marcus Herz kn\u00fcpfte an die Tradition der Berliner Mittwochsgesellschaft an, indem er um 1800 zun\u00e4chst eine wissenschaftlich ausgerichtete <em>Mittwochsgesellschaft <\/em>unterhielt, aus der Frauen ebenso ausgeschlossen waren. Seine emanzipierte Ehefrau Henriette Herz gr\u00fcndete daraufhin eine eigene Gesellschaft, welche sie auch noch nach dem Tod ihres Mannes weiterf\u00fchrte. Im Gegensatz zur Mittwochsgesellschaft diskutierten hier neben Akademikern auch Nichtakademiker und Frauen miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Politischen, aufr\u00fchrerischen Einfluss im Sinne der Aufkl\u00e4rung sprach der K\u00f6nig Friedrich Wilhelm III. jedoch vor allem der Berliner Mittwochsgesellschaft zu. Nach dem k\u00f6niglichen \u201eEdikt wegen Verh\u00fctung und Bestrafung geheimer Verbindungen\u201dvom 20. Oktober 1798 sah sich die Berliner Mittwochsgesellschaft gezwungen, sich noch im selben Jahr aufzul\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gleichnamige Diskussionsreihe im DHM kn\u00fcpft an diese Tradition an und l\u00e4dt bis zum 2. April 2025 alle zwei Wochen zur Berliner Mittwochsgesellschaft ein. Im Gegensatz zu damals obliegen die Diskussionsgegenst\u00e4nde keiner Diskretion und es sind hier alle willkommen, die Interesse haben, sich mit Expert*innen zu gesellschaftspolitischen Themen wie Frieden, M\u00fcndigkeit, Revolution und Rechtsstaat auszutauschen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> G\u00fcnter Birtsch (2003). Die Berliner Mittwochsgesellschaft. In: Formen der Geselligkeit in Nordwestdeutschland 1750 \u2013 1820 Hrsg: Albrecht P.; B\u00f6decker H.-E.; Hinrichs E., Berlin, Boston: Max Niemeyer Verlag, S. 424.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Christoph &nbsp;Schulte (2020). Von Moses bis Moses. Der j\u00fcdische Mendelssohn. Hannover: Wehrhahn Verlag. S. 17.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Tholuck zitiert nach Birgit Nehren (1994). Aufkl\u00e4rung \u2013 Geheimhaltung \u2013 Publizit\u00e4t. Moses Mendelssohn und die Berliner Mittwochsgesellschaft. In: Moses Mendelssohn und die Kreise seiner Wirksamkeit, Hrsg: Albrecht, M. et al., Berlin, Boston: Max Niemeyer Verlag, S. 99.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Birtsch, 2003, S. 423.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Tholuck zitiert nach Nehren, 1994, S. 99.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Nicolai, <em>Ueber meine gelehrte Bildung<\/em>, zitiert nach Nehren, S. 100.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Tholuck zitiert nach Nehren, S. 99.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. Birtsch, S. 425.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Tholuck zitiert nach Nehren, S. 99.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Birtsch, S. 424.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>Freunde der Aufkl\u00e4rung. 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