
{"id":9621,"date":"2025-03-19T09:52:04","date_gmt":"2025-03-19T08:52:04","guid":{"rendered":"\/blog\/?p=9621"},"modified":"2025-03-19T09:55:04","modified_gmt":"2025-03-19T08:55:04","slug":"buehnentechnik-ohne-strom-in-der-zeit-der-aufklaerung-das-dalbergsche-buehnenmodell","status":"publish","type":"post","link":"\/blog\/2025\/03\/19\/buehnentechnik-ohne-strom-in-der-zeit-der-aufklaerung-das-dalbergsche-buehnenmodell\/","title":{"rendered":"B\u00fchnentechnik ohne Strom in der Zeit der Aufkl\u00e4rung: das Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">B\u00fchnentechnik ohne Strom in der Zeit der Aufkl\u00e4rung: das Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell<\/h1>\n\n\n\n<p>Irmgard Siede | 19. M\u00e4rz 2025<\/p>\n\n\n\n<p><strong>W\u00e4hrend zeitgen\u00f6ssische B\u00fchnen mit modernster Technik arbeiten, um Publikum und Sinne zu fesseln, zeigte schon das 18. Jahrhundert beeindruckende mechanische B\u00fchneneffekte. Das Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell, das derzeit als Leihgabe in der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/ausstellungen\/was-ist-aufklaerung-fragen-an-das-18-jahrhundert\/\">\u201eWas ist Aufkl\u00e4rung? Fragen an das 18. Jahrhundert\u201d<\/a> zu sehen ist, gibt faszinierende Einblicke in die ausgekl\u00fcgelte Theatermaschinerie dieser Zeit. Dr. Irmgard Siede von den <a href=\"https:\/\/www.rem-mannheim.de\/\">Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim<\/a> (rem) stellt die Geschichte hinter dem B\u00fchnenmodell vor.  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zeitgen\u00f6ssisches Theater muss sich mit der medialen Bilderflut, einer schnellen Bildwahrnehmung und der Omnipr\u00e4senz besonderer Ger\u00e4uschs-, Geruchs- oder Lichteffekte messen. Dem wird mit einer ausgefeilten B\u00fchnentechnik Rechnung getragen, die sich moderne Soundger\u00e4te, Beleuchtungsapparate oder starke Motoren zu Nutze macht. Kaum vorstellbar \u2013 doch Bau und Einrichtung von Verwandlungsb\u00fchnen sowie besondere Effekte waren dank einer ausgekl\u00fcgelten mechanischen B\u00fchnentechnik im ausgehenden 18. Jahrhundert ebenso m\u00f6glich. Ein Beleg daf\u00fcr ist das Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell, das im Zentrum der Theaterausstellung der rem in Mannheim steht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"773\" height=\"1024\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalbergsches-Buehnenmodell_Foto_Jean-Christen_rem-773x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9627\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalbergsches-Buehnenmodell_Foto_Jean-Christen_rem-773x1024.jpg 773w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalbergsches-Buehnenmodell_Foto_Jean-Christen_rem-227x300.jpg 227w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalbergsches-Buehnenmodell_Foto_Jean-Christen_rem-768x1017.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalbergsches-Buehnenmodell_Foto_Jean-Christen_rem-1160x1536.jpg 1160w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalbergsches-Buehnenmodell_Foto_Jean-Christen_rem.jpg 1344w\" sizes=\"auto, (max-width: 773px) 100vw, 773px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell, sp\u00e4tes 18. Jahrhundert, Holz, Metall, Baumwolle, Pergament, Farbmittel, Mannheim, Reiss-Engelhorn-Museen, Theatersammlung; Foto: Jean Christen \u00a9 rem.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Modell ist nach der Familie Dalberg benannt, der der erste Intendant des Mannheimer Nationaltheaters, Wolfgang Heribert von Dalberg (1750-1805), entstammt. Dem Stadtplan Mannheims liegen bis heute in der Innenstadt die ber\u00fchmten Quadrate zugrunde. Dort bewohnte die Familie Dalberg zun\u00e4chst im Quadrat B 1, 10 ein Palais. Wohl im Laufe des Jahres 1782 hatte sich Wolfgang Heribert von Dalberg im Quadrat N 3, 4 eingemietet, im heutigen Dalberghaus. Er bekleidete hohe \u00c4mter: Seit 1775 hatte Dalberg das Amt eines Obrist-Silberk\u00e4mmerlings inne, 1778 war er Vizepr\u00e4sident der Hofkammer, 1780 wurde er Mitglied des Geheimen Rates, was ihm Einblicke in die Regierungsgesch\u00e4fte der Kurpfalz erm\u00f6glichte, bis er schlie\u00dflich 1791 bis 1803 Pr\u00e4sident des Oberappelationsgerichtshofs, also der obersten pf\u00e4lzischen Justizbeh\u00f6rde, wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"857\" height=\"1024\" src=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalberg_Wolfgang-Heribert_Altersportraet_rem_Foto_Jean-Chrsten_1997-857x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9628\" srcset=\"\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalberg_Wolfgang-Heribert_Altersportraet_rem_Foto_Jean-Chrsten_1997-857x1024.jpg 857w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalberg_Wolfgang-Heribert_Altersportraet_rem_Foto_Jean-Chrsten_1997-251x300.jpg 251w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalberg_Wolfgang-Heribert_Altersportraet_rem_Foto_Jean-Chrsten_1997-768x918.jpg 768w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalberg_Wolfgang-Heribert_Altersportraet_rem_Foto_Jean-Chrsten_1997-1285x1536.jpg 1285w, \/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Dalberg_Wolfgang-Heribert_Altersportraet_rem_Foto_Jean-Chrsten_1997.jpg 1345w\" sizes=\"auto, (max-width: 857px) 100vw, 857px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Portrait Wolfgang Heribert von Dalbergs, um 1800, \u00d6l auf Leinwand, Mannheim, Reiss-Engelhorn-Museen, Theatersammlung; Foto: Jean Christen \u00a9 rem.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mit kurf\u00fcrstlichem Reskript (amtlicher Bescheid) vom 1. September 1778 wurde Dalberg die Oberaufsicht \u00fcber die Mannheimer \u201eNational-B\u00fchne\u201c \u00fcbertragen, die bereits im Januar 1777 er\u00f6ffnet worden war. Damit war er der erste Intendant dieses Hauses und stand ihm fast 25 Jahre bis 1803 vor. 1778 war Dalberg zudem Obervorsteher der <em>Kurpf\u00e4lzisch Deutschen Gesellschaft<\/em> geworden. Schon zuvor hatte er sich auch als Theaterautor und \u00dcbersetzer von St\u00fccken hervorgetan, da diese in der Landessprache aufgef\u00fchrt werden sollten. Damit wollte der Intendant Aufkl\u00e4rung erlebnisnah gestalten. Mit diesem innovativen, vom absolutistischen F\u00fcrsten Carl Theodor (1724-1799) gef\u00f6rderten Format ging eine weitere Neuerung einher: Ein Theaterausschuss \u2013 bestehend aus Intendant, Schauspielern und weiteren Akteuren \u2013 diskutierte \u00fcber das Theater, wie es \u00fcber acht Jahre hinweg, von 1781 bis 1789, in Sitzungsprotokollen festgehalten ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde auch \u00fcber die B\u00fchnentechnik gesprochen. Die Anspr\u00fcche des Publikums waren gestiegen, und der B\u00fchnenbetrieb wurde auch von der B\u00fchnentechnik her immer aufwendiger und teurer. Zugleich wurden der \u201eBlick hinter die Kulissen\u201c und Theatermaschinen damals immer wieder graphisch dargestellt. Solche Graphiken fanden meist Eingang in Enzyklop\u00e4dien. Im theoretischen Diskurs des sp\u00e4ten 18. Jahrhunderts diente die avancierte B\u00fchnentechnik zugleich als praktische Ein\u00fcbung in die Mechanik der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo das Modell um 1800 stand, ist nicht eindeutig belegt. Nach Aschaffenburger \u00dcberlieferung stammt es aus dem Besitz der Familie Dalberg. Mannheim erwarb es im Juni 1929 von der Stadt Aschaffenburg f\u00fcr die Sammlungen des Mannheimer Schlossmuseums.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleichbar einem Guckkasten blickt man in ein B\u00fchnenhaus mit klassizistisch gestaltetem Proszenium (B\u00fchnenbereich zwischen Vorhang und Orchester) und einem Bretterboden: Dies sind die ber\u00fchmten \u201eBretter, die die Welt bedeuten (sollen)\u201c bzw. die Darstellungsfl\u00e4che. Der Bretterboden ist leicht ansteigend. Blickpunkt w\u00e4re eigentlich ein B\u00fchnenprospekt. Das Proszenium verdeckt die Obermaschinerie und die seitlichen, nach hinten gestaffelten Kulissenw\u00e4gen. Die Untermaschinerie ist im Modell dreigeschossig. Umrundet man das Modell, so erkennt man auf beiden Seiten je f\u00fcnf Kulissenw\u00e4gen, in die die meist auf Leinwand gemalten Kulissen eingeh\u00e4ngt werden konnten. Die Rahmen reichen durch Schlitze in den B\u00fchnenboden und k\u00f6nnen dort mittels Schienen in der Untermaschinerie hin und her bewegt werden. In der Obermaschinerie wird eine Konstruktion mit Wellbaum und R\u00e4dern, Schnurz\u00fcgen und Gewichten sichtbar. Sie diente dazu, den Vorhang, die Soffitten (von der Decke abh\u00e4ngende kurze Kulissen), den B\u00fchnenprospekt oder die Kulissen zu bewegen. Die Kulissenw\u00e4gen sowie der R\u00fcckprospekt und die Soffitten waren nach einem ausgekl\u00fcgelten System durch Seile mit einer zentralen Walze, dem sogenannten Wellbaum, verbunden. Damit konnte innerhalb weniger Sekunden die B\u00fchne komplett verwandelt werden. Optische Effekte wie Wellenbewegungen lie\u00dfen sich ebenso wie Ger\u00e4usche, etwa mittels einer Windmaschine erzeugen. All dieses sollte das Publikum in Erstaunen versetzen. Die Kulissengassen dienten auch zur Aufbewahrung von Requisiten und zur indirekten Beleuchtung der B\u00fchne. An den Kulissenrahmen konnten \u00d6llampen angebracht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schlosstheater in Schwetzingen war die barocke B\u00fchnentechnik im fr\u00fchen 20. Jahrhundert noch in gro\u00dfen Teilen erhalten. Sie wurde von dem Theaterwissenschaftler Kurt Sommerfeld vor 1927 genau beschrieben. Dies belegt, dass das Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell tats\u00e4chlich gebaute Maschinerien zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als am 13. Januar 1782 unter Dalbergs Intendanz die Urauff\u00fchrung von Schillers \u201eR\u00e4ubern\u201d im alten Nationaltheater im Quadrat B 3 erfolgte, wird sich das B\u00fchnenbild mehrfach mit Hilfe einer solchen Mechanik verwandelt haben.<\/p>\n\n\n<table style=\"height: 291px;\" border=\"0\" width=\"840\">\n<tbody>\n<tr>\n<td bgcolor=\"#becafa\">\n<h4 style=\"color: #000000; padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Irmgard Siede<\/h4>\n<p style=\"padding: 5px 10px 0px 10px;\">Dr. Irmgard Siede ist Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Sammlungsleitung in den rem in Mannheim. Seit 2019 betreut sie die Mannheimer Theatersammlung, die eine der nur f\u00fcnf solchen Sammlungen in der deutschen Museumslandschaft darstellt.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<h2><span>B\u00fchnentechnik ohne Strom in der Zeit der Aufkl\u00e4rung: das Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell<span><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend zeitgen\u00f6ssische B\u00fchnen mit modernster Technik arbeiten, um Publikum und Sinne zu fesseln, zeigte schon das 18. Jahrhundert beeindruckende mechanische B\u00fchneneffekte. Das Dalberg\u2019sche B\u00fchnenmodell, das derzeit als Leihgabe in der Ausstellung \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung? Fragen an das 18. Jahrhundert\u201d zu sehen ist, gibt faszinierende Einblicke in die ausgekl\u00fcgelte Theatermaschinerie dieser Zeit. 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