1 00:00:00,200 --> 00:00:05,480 Willkommen im Depot Angewandte Kunst des Deutschen Historischen Museums. 2 00:00:05,480 --> 00:00:08,000 Eine der vielgestaltigsten Sammlungen des Hauses, 3 00:00:08,560 --> 00:00:14,039 Möbel, Kunstgewerbe, Glas, Keramik, Porzellan, Metall. 4 00:00:14,039 --> 00:00:19,239 Der Anlass unseres heutigen Rundgangs ist der Besuch eines Schenkers, 5 00:00:19,600 --> 00:00:23,000 der uns im vergangenen Jahr mit einem historisch bedeutenden 6 00:00:23,000 --> 00:00:25,640 Biedermeier Möbel-Ensemble beglückt hat. 7 00:00:25,640 --> 00:00:29,199 Normalerweise würde man zögern, eine solche umfangreiche Schenkung, 8 00:00:29,199 --> 00:00:31,640 wie die Ihre anzunehmen, Herr Ponert. 9 00:00:31,640 --> 00:00:35,399 Wir haben aber in Ihrem Fall dennoch gerne eine Ausnahme gemacht, 10 00:00:35,399 --> 00:00:40,479 zum einen wegen der enormen Qualität der angebotenen Gegenstände 11 00:00:40,479 --> 00:00:43,759 und zum anderen weil damit ja auch ein Stück Berlin-Geschichte, 12 00:00:43,759 --> 00:00:46,640 aber eben auch Ihre eigene Geschichte verknüpft ist. 13 00:00:47,079 --> 00:00:51,079 Auch deutsche Geschichte, das habe ich erst langsam lernen müssen, 14 00:00:51,079 --> 00:00:55,960 denn kennengelernt habe ich diese Zimmer-Einrichtung, Salon-Einrichtung 15 00:00:55,960 --> 00:00:58,560 als Schüler, 16 00:00:58,560 --> 00:01:02,600 der in Oldenburg aufs Gymnasium gegangen ist 17 00:01:02,600 --> 00:01:06,359 und Flüchtling war und bei seinem 18 00:01:06,359 --> 00:01:11,799 Musiklehrer Zuflucht fand oder auch Unterricht fand, 19 00:01:11,799 --> 00:01:14,480 wo ich also in die Räume, 20 00:01:14,480 --> 00:01:20,560 in den Raum mit diesen Möbeln gekommen bin und als jemand, der eigentlich 21 00:01:20,560 --> 00:01:25,719 gar nichts besaß in der Familie, weil alles zurückgelassen werden musste, 22 00:01:25,719 --> 00:01:30,640 fand das sehr wunderbar und zu jedem Objekt, zu jedem Gegenstand auch zu den Bildern, 23 00:01:30,640 --> 00:01:36,079 die wir hier jetzt nicht sehen, wurde eine Geschichte erzählt, die ganz mit der Familie 24 00:01:36,079 --> 00:01:41,920 des damaligen Eigentümers Ekkehart Pfannenstiel zu tun hatte. 25 00:01:42,439 --> 00:01:46,560 Und dann habe ich eben gelernt, welche Bedeutung diese Möbel haben. 26 00:01:47,000 --> 00:01:52,439 Also sie sind in dem Sinne bürgerlich, nicht höfisch. 27 00:01:52,879 --> 00:01:59,920 Ekkehart Pfannenstiel war Berliner und stammte aus der Familie Bornitz und diese 28 00:02:00,200 --> 00:02:09,520 Bornitz waren in Wriezen ansässig und kamen mit einem Mitglied der Familie 29 00:02:09,840 --> 00:02:14,759 kurz nach 1800 nach Berlin und das war ein Mediziner. 30 00:02:15,400 --> 00:02:22,319 Und die Möbel bekamen deshalb auch die Verzierung dieser Äskulapstäbe, 31 00:02:22,560 --> 00:02:26,680 weil sie an seinen Beruf als Arzt erinnern sollten. 32 00:02:27,280 --> 00:02:32,680 Die Motive wurden noch einige Jahrzehnte später, 33 00:02:32,680 --> 00:02:35,520 von Friedrich Schinkel wiederverwendet, 34 00:02:35,520 --> 00:02:39,120 in einer etwas anderen Form, aber sie kommen auch dort vor, 35 00:02:39,599 --> 00:02:41,080 im bürgerlichen Bereich. 36 00:02:41,080 --> 00:02:46,199 Ich habe die Objekte geerbt nach dem Tode des Ekkehart Pfannenstiel, 37 00:02:46,960 --> 00:02:50,400 der eine eigene Berliner Geschichte im musikalischen Bereich hat. 38 00:02:50,400 --> 00:02:55,599 Der war Mitarbeiter der Jugendmusikbewegung 39 00:02:55,599 --> 00:03:00,560 und hat die Volkshochschule Charlottenburg 1923 mitgegründet, 40 00:03:00,560 --> 00:03:03,000 also er gehörte zur Berliner Oberschicht. 41 00:03:03,000 --> 00:03:13,120 Er hatte eine Laufbahn, die nach Südbayern geführt hat und er war ein Idealist, 42 00:03:13,120 --> 00:03:19,159 der sich mit dem Leben der Volkslieder in der Gesellschaft beschäftigt hat. 43 00:03:19,879 --> 00:03:25,000 Und er wurde sozusagen von den Nazis 44 00:03:25,000 --> 00:03:29,719 eingekauft für den Unterricht von Musiklehrern 45 00:03:29,840 --> 00:03:31,719 an den staatlichen Napolas. 46 00:03:32,439 --> 00:03:36,479 Das ist ein Schatten in seinem Leben, 47 00:03:36,479 --> 00:03:39,240 über das er aber durchaus selber sich kritisch 48 00:03:39,240 --> 00:03:40,039 geäußert hat. 49 00:03:40,520 --> 00:03:43,080 Und als ich die Dinge erbte, war mir klar, 50 00:03:43,080 --> 00:03:47,000 dass mir da eine besondere Verantwortung zugefallen war. 51 00:03:48,960 --> 00:03:51,439 Herr Ponert, es ist Ihnen und Ihrer Frau 52 00:03:51,439 --> 00:03:54,000 damals vor einem Jahr, als wir uns kennenlernten, 53 00:03:54,000 --> 00:03:59,039 nicht sehr schwer gefallen, sich von den Möbeln, von dem Ensemble zu trennen? 54 00:03:59,039 --> 00:04:01,080 Sie haben jahrzehntelang damit gelebt, 55 00:04:01,080 --> 00:04:03,639 es war Bestandteil ihres Zuhauses. 56 00:04:04,039 --> 00:04:06,360 In einem Sinne natürlich. 57 00:04:06,360 --> 00:04:08,800 Aber in dem anderen Sinne war mir klar, 58 00:04:09,240 --> 00:04:12,919 dass es auch die Verantwortung war, mich um das 59 00:04:13,039 --> 00:04:17,240 Weiterexistieren dieser Gegenstände, die 60 00:04:17,240 --> 00:04:20,480 die Geschichte erzählen, wenn man sie denn weiß 61 00:04:20,480 --> 00:04:21,560 kümmern musste. 62 00:04:21,839 --> 00:04:24,920 Und deshalb war es mir ein besonderes Glücksgefühl, 63 00:04:24,920 --> 00:04:30,000 dass sie mir diese Übernahme der Gegenstände 64 00:04:30,000 --> 00:04:33,240 und der Familiengeschichte angeboten haben. 65 00:04:33,399 --> 00:04:34,879 Ich bin auch sehr froh und dankbar. 66 00:04:35,240 --> 00:04:38,480 Wir sind sehr glücklich über die Schenkung, die Sie uns gemacht haben. 67 00:04:38,480 --> 00:04:40,120 Es gehören ja nicht nur diese wunderbaren 68 00:04:40,120 --> 00:04:42,439 Möbel-Ensemble dazu, sondern auch noch einige 69 00:04:42,959 --> 00:04:44,720 kunstgewerbliche Gegenstände. 70 00:04:44,720 --> 00:04:46,560 Sie hatten es vorhin schon auch angedeutet. 71 00:04:47,000 --> 00:04:49,959 Und Sie sehen ja, Ihre Objekte sind gut aufgehoben bei uns. 72 00:04:50,000 --> 00:04:50,399 Wunderbar. 73 00:04:50,600 --> 00:04:54,680 Und ich danke Ihnen für dieses wunderbare Gespräch und dass Sie heute da waren.