WEBVTT

00:00:03.960 --> 00:00:06.680
Wir stehen hier vor einer Neuerwerbung,

00:00:06.680 --> 00:00:09.640
eine Neuerwerbung, die wir dank des Museumssvereins

00:00:09.640 --> 00:00:12.960
des Deutschen Historischen Museums tätigen konnten.

00:00:12.960 --> 00:00:16.280
Das Objekt ist unglaublich interessant.

00:00:16.280 --> 00:00:19.560
Und jetzt stellen sich natürlich ganz viele Fragen an das Objekt.

00:00:19.560 --> 00:00:24.120
Es handelt sich hier um ein graviertes Straußenei,

00:00:24.120 --> 00:00:28.240
entstanden im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts.

00:00:28.240 --> 00:00:31.800
Ein Objekt, das tatsächlich viele Fragen aufwirft

00:00:31.800 --> 00:00:34.480
und viele verschiedene Betrachtungsweisen eröffnet.

00:00:34.480 --> 00:00:37.920
Die Materialität ist außergewöhnlich, aber Straußeneier waren

00:00:37.920 --> 00:00:39.080
seit dem späten Mittelalter

00:00:39.080 --> 00:00:41.200
schon ein begehrtes Handelsobjekt,

00:00:41.200 --> 00:00:45.480
wurden aus Afrika importiert, teilweise auch aus Indien.

00:00:45.480 --> 00:00:47.680
Und in der frühen Neuzeit,

00:00:47.680 --> 00:00:51.400
mit dem Aufkommen des globalen Seehandels

00:00:51.400 --> 00:00:54.240
wurden Straußeneier dann eben auch in Europa begehrte

00:00:54.240 --> 00:00:57.240
Luxusgüter für fürstliche Kunstkammern

00:00:57.240 --> 00:00:58.720
oder Naturalienkabinette

00:00:58.720 --> 00:01:01.880
und um ein solches Kunstkammerobjekt handelt es sich.

00:01:01.880 --> 00:01:03.600
Und deswegen ist es auch in der Sammlung

00:01:03.600 --> 00:01:05.520
Angewandte Kunst gelandet.

00:01:05.520 --> 00:01:08.520
Denn auf dem Ei sieht man ganz fantastisch

00:01:08.520 --> 00:01:10.840
gravierte Darstellungen.

00:01:10.840 --> 00:01:14.560
Ja, sehr auffällig an dem Objekt sind natürlich die Gravuren,

00:01:14.560 --> 00:01:17.120
die von einer großen Qualität zu sein scheinen.

00:01:17.120 --> 00:01:19.000
Und die erste Frage ist natürlich,

00:01:19.000 --> 00:01:22.080
wie kommen diese Gravuren überhaupt auf das Straußenei?

00:01:22.080 --> 00:01:22.680
Wie geht das?

00:01:22.680 --> 00:01:24.960
Man hat eigentlich ähnlich

00:01:24.960 --> 00:01:27.480
wie bei einem Kupferstich bei einer Kupferplatte,

00:01:27.480 --> 00:01:29.840
die man mit dem Grabstichel bearbeitet,

00:01:29.840 --> 00:01:33.080
hat man auch hier einen Stichel benutzt.

00:01:33.080 --> 00:01:37.720
Und man muss natürlich bei einer zerbrechlichen Kalkschale,

00:01:37.720 --> 00:01:40.120
das ist ein extrem fragiles Objekt,

00:01:40.120 --> 00:01:41.960
natürlich sehr darauf achtgeben,

00:01:41.960 --> 00:01:43.800
die Oberfläche nicht zu beschädigen.

00:01:43.800 --> 00:01:48.400
Es gibt ein paar kleine Risse und auch schon geflickte Stellen,

00:01:48.400 --> 00:01:50.760
aber bei einem 400 Jahre alten Objekt ist

00:01:50.760 --> 00:01:51.960
es glaube ich verschmerzbar.

00:01:51.960 --> 00:01:55.080
Es schmälert auch nicht den Gesamteindruck aus meiner Sicht.

00:01:55.080 --> 00:01:57.600
Es ist also zunächst mit dem Stichel graviert worden.

00:01:57.600 --> 00:02:01.520
Die Qualität dieser Gravuren ist außergewöhnlich gut.

00:02:01.520 --> 00:02:05.440
Der anfängliche Verdacht, dass es sich hier um Übernahme

00:02:05.440 --> 00:02:08.520
von grafischen Vorlagen aus einem Buch,

00:02:08.520 --> 00:02:11.400
vielleicht einer Reisebeschreibung handeln könnte,

00:02:11.400 --> 00:02:12.640
hat sich bestätigt.

00:02:12.640 --> 00:02:15.240
Man sieht ja, hier sind figürliche

00:02:15.240 --> 00:02:17.520
und gegenständliche Darstellungen.

00:02:17.520 --> 00:02:20.320
Hier erkennst du eine Dattelpalme

00:02:20.320 --> 00:02:23.200
mit zwei großen Fruchtbündeln.

00:02:23.200 --> 00:02:27.000
Auf dem Nächsten, sie ist besonders hübsch,

00:02:27.000 --> 00:02:32.880
sieht man eine Kokospalme und einen Inselbewohner,

00:02:32.880 --> 00:02:35.560
der mit einem Messer die Kokosfrüchte

00:02:35.560 --> 00:02:37.560
von der Palme schneidet, erntet.

00:02:37.560 --> 00:02:40.000
Auf der dritten Darstellung

00:02:40.000 --> 00:02:43.800
sieht man eine Frau, die an einem Tümpel hockt

00:02:43.800 --> 00:02:49.000
und hinter ihr eine hoch aufschießende Tabakpflanze.

00:02:49.000 --> 00:02:52.000
Ein besonders hübsches Detail ist hier links oben in der Ecke.

00:02:52.000 --> 00:02:53.080
Das ist entzückend.

00:02:53.080 --> 00:02:54.720
Da sieht man den Wind,

00:02:54.720 --> 00:02:58.480
der mit aufgeblasenen Backen die Tabakpflanzen trocknet,

00:02:58.480 --> 00:03:03.320
und auch die Unterseite ist graviert zu einer Art Mandala.

00:03:03.320 --> 00:03:06.160
Daher gehe ich eigentlich davon aus,

00:03:06.160 --> 00:03:09.320
dass man sich in der ursprünglichen Situation,

00:03:09.320 --> 00:03:13.200
das Ei hängend vorstellen muss, im ursprünglichen Kontext.

00:03:13.200 --> 00:03:15.360
Den kennen wir glücklicherweise auch.

00:03:15.360 --> 00:03:19.280
Es ist dem DHM von Kunsthandel angeboten worden

00:03:19.280 --> 00:03:22.600
und befand sich aber vorher mehrere 100 Jahre lang,

00:03:22.600 --> 00:03:25.080
also seit der Entstehung möglicherweise,

00:03:25.080 --> 00:03:28.560
in einer dieser eben genannten fürstlichen Kunstkammern,

00:03:28.560 --> 00:03:32.400
nämlich der Kunstkammer der Fürsten Oettingen.

00:03:32.400 --> 00:03:36.480
Erworben haben wir es natürlich mit Blick auf die künftige

00:03:36.480 --> 00:03:39.240
ständige Ausstellung des Deutschen Historischen Museums.

00:03:39.240 --> 00:03:41.000
Einer dieser Anknüpfungspunkte ist

00:03:41.000 --> 00:03:42.960
ja das gerade sehr aktuelle Thema

00:03:42.960 --> 00:03:48.160
der frühen Kolonisierung, der Globalisierung.

00:03:48.160 --> 00:03:50.880
Aber wir werden es jetzt, was mich sehr freut,

00:03:50.880 --> 00:03:54.840
Nächstes Jahr schon im Oktober in einer Sonderausstellung

00:03:54.840 --> 00:03:57.640
zum Thema Aufklärung präsentieren können,

00:03:57.640 --> 00:03:59.760
eben im Kontext der Kunstkammer.

00:03:59.760 --> 00:04:01.920
Und ich denke, es ist auch gerade bei uns

00:04:01.920 --> 00:04:05.120
als historisches Museum besonders gut aufgehoben,

00:04:05.120 --> 00:04:08.280
weil wir das Objekt natürlich ganz anders kontextualisieren können

00:04:08.280 --> 00:04:10.240
als zum Beispiel ein Kunstgewerbemuseum.

