1 00:00:00,120 --> 00:00:02,720 Die Ausstellung ist insofern besonders, weil 2 00:00:02,720 --> 00:00:07,040 sie erstmalig Haus- und Sammlungsgeschichte 3 00:00:07,080 --> 00:00:11,519 aus den Objekten selber heraus generiert und versucht zu vermitteln. 4 00:00:12,599 --> 00:00:15,240 Sie geht damit einen wirklich völlig anderen Weg 5 00:00:15,240 --> 00:00:18,000 als andere Themenausstellungen des Hauses, 6 00:00:18,760 --> 00:00:22,199 die ihre Themen eher mit Objekten illustrieren. 7 00:00:22,199 --> 00:00:24,440 Hier ist es so, dass die Objekte selbst die 8 00:00:24,440 --> 00:00:28,359 Protagonisten sind und als gleichwertige Akteure behandelt werden. 9 00:00:33,439 --> 00:00:36,439 Die Auswahl erfolgte überwiegend auf der Grundlage 10 00:00:36,479 --> 00:00:39,640 von Gesprächen mit den anderen zuständigen Sammlungsleitern, 11 00:00:39,640 --> 00:00:44,200 Kollegen und Kolleginnen, aber auch von Recherchen in der Datenbank. 12 00:00:44,719 --> 00:00:47,079 Und da gab es einige überraschende Zufallsfunde. 13 00:00:47,840 --> 00:00:50,799 Wenn man schaut, was ist in der Zeit des NS erworben 14 00:00:50,799 --> 00:00:54,359 worden gezielt, stellt man fest: Das ist relativ wenig. 15 00:00:54,920 --> 00:00:57,840 Dann kann man in einer Datenbank die Jahreszahlen durchgehen 16 00:00:57,840 --> 00:01:04,200 und stößt im Jahr 1938 plötzlich auf eine Samurai-Rüstung, 17 00:01:04,519 --> 00:01:07,200 die von einer Kyotoer Reservistengarde als 18 00:01:07,200 --> 00:01:10,719 persönliches Geschenk an Adolf Hitler und dann in das damalige 19 00:01:10,719 --> 00:01:11,879 Heeresmuseum gelangte. 20 00:01:12,239 --> 00:01:14,920 Das Objekt war weder den zuständigen Sammlungsleitern 21 00:01:14,920 --> 00:01:19,359 noch allgemein bekannt und seit 40 Jahren nicht mehr ausgepackt worden. 22 00:01:22,599 --> 00:01:25,480 Bei der Ausarbeitung der Szenografie mit unseren 23 00:01:25,480 --> 00:01:28,640 beiden Gestaltern haben wir sehr darauf geachtet, 24 00:01:28,640 --> 00:01:30,439 dass die Objekte miteinander korrespondieren. 25 00:01:31,079 --> 00:01:32,840 Die eben erwähnte Samurai-Rüstung beispielsweise 26 00:01:32,840 --> 00:01:35,400 steht in unmittelbarer Nähe und in einem direkten Winkel 27 00:01:35,599 --> 00:01:39,359 zur letzten Felduniform, die von Kaiser Wilhelm II. 28 00:01:39,799 --> 00:01:42,879 als oberster Feldherr des Kaiserreiches getragen wurde 29 00:01:43,040 --> 00:01:48,319 vor seiner Abdankung und Flucht ins niederländische Exil 1918. 30 00:01:49,640 --> 00:01:53,079 Diese beiden nahe beieinander positionierten Objekte 31 00:01:53,079 --> 00:01:56,719 kommentieren sich gegenseitig und verstärken sich in ihrer Wirkung. 32 00:01:57,120 --> 00:02:00,079 Dasselbe gilt für den bewusst angelegten 33 00:02:00,079 --> 00:02:03,200 Kontrast eines prächtigen Biedermeier-Ensembles, 34 00:02:03,879 --> 00:02:07,480 das durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs hinweggerettet wurde, 35 00:02:07,480 --> 00:02:10,840 mit einem Flüchtlingsbett aus einer Kasseler Flüchtlingsunterkunft. 36 00:02:17,479 --> 00:02:21,280 Auch bei den Kunstkammerobjekten im zweiten Teil 37 00:02:21,280 --> 00:02:25,120 des Rundgangs gibt es immer wieder Verbindungslinien, 38 00:02:25,400 --> 00:02:27,719 die kleine Raum-Ensembles bilden. 39 00:02:28,439 --> 00:02:33,599 So stehen etwa der gläserne Willkomm-Becher der Grafen Oettingen, 40 00:02:33,599 --> 00:02:38,719 die Ortenburg-Bibel, eines von zehn weltweit erhaltenen Exemplaren 41 00:02:38,960 --> 00:02:43,080 einer frühen Luther-Bibel auf Pergament, und ein 42 00:02:43,080 --> 00:02:46,520 Gemälde des Salvator Mundi, Christus mit der Weltkugel, 43 00:02:46,560 --> 00:02:48,800 stehen in direktem Zusammenhang miteinander. 44 00:02:49,039 --> 00:02:55,680 Sie veranschaulichen die konfessionellen Wirren der frühen Neuzeit um 1530. 45 00:02:56,000 --> 00:02:58,039 Und wenn man noch einen Schritt weiter denkt, 46 00:02:58,039 --> 00:03:01,280 der Bruch, den die Ausstellung bietet, 47 00:03:01,280 --> 00:03:05,159 nachdem man schöne Kunstkammerobjekte der frühen Neuzeit 48 00:03:05,159 --> 00:03:07,000 und des 18. Jahrhunderts bewundert hat, 49 00:03:07,520 --> 00:03:10,599 man sieht Porzellan, man sieht ein graviertes Straußenei 50 00:03:10,919 --> 00:03:14,759 und plötzlich steht man vor schwerem Arbeitsgerät aus dem letzten 51 00:03:14,759 --> 00:03:18,319 Steinkohlebergwerk einer Zeche in Bottrop, 52 00:03:18,719 --> 00:03:20,759 die 2018 ihre Pforten schloss. 53 00:03:21,120 --> 00:03:23,400 Dieser Bruch ist aber nur ein scheinbarer, denn 54 00:03:23,400 --> 00:03:27,439 wir haben uns durch die Art der Präsentation bemüht, 55 00:03:27,960 --> 00:03:31,599 auch diese alltäglichen Objekte zu inszenieren, 56 00:03:31,599 --> 00:03:34,000 als seien auch sie kostbare Kunstkammerobjekte. 57 00:03:34,599 --> 00:03:37,800 Da schweben dann der Bauarbeiterhelm und die Arbeitstasche, 58 00:03:37,800 --> 00:03:39,840 die Knieschoner und die schweren Schuhe, 59 00:03:40,400 --> 00:03:43,400 schweben wie kostbare Reliquien in einer Wandvitrine. 60 00:03:46,800 --> 00:03:50,680 Der Grundgedanke war, eine Ausstellung den Betrachtern zu bieten, 61 00:03:51,680 --> 00:03:58,719 in der man sich wohlfühlt, in die man eintaucht in diese Welt der sehr vielfältigen 62 00:03:58,719 --> 00:04:01,319 Objektgeschichten, die wir hier erzählen.