Carlo Mierendorff 1897-1943

Politiker

  • 1897

    24. März: Karl Mierendorff wird als zweiter Sohn des Textilgroßhändlers Georg Mierendorff und dessen Ehefrau Charlotte (geb. Meißner) in Großenhain (Sachsen) geboren.

  • 1907

    Umzug der Familie nach Darmstadt, wo der Vater in den Dienst des hessischen Großherzogs tritt.
    Während seiner Gymnasialzeit hat Mierendorff engen Kontakt zur Wandervogelbewegung.

  • 1914

    10. August: Zwei Tage nach der Absolvierung seines Abiturs meldet er sich als Freiwilliger zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg in einer Darmstädter Kaserne.
    Mierendorff erhält als Rekrut bei den Kämpfen um Lodsch (heute: Lódz, Polen) das Eiserne Kreuz II. Klasse.

  • 1915/16

    Er erkrankt wiederholt sehr schwer.

  • 1916

    Während eines Genesungsaufenthalts immatrikuliert Mierendorff sich in Heidelberg für Volkswirtschaft.

  • 1917

    Einsatz an der Westfront. Er wird von Kaiser Wilhelm II. mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.
    Sein Bruder fällt in Frankreich.
    Veröffentlichung der Novelle "Der Gnom".

  • 1918

    Publikation seiner Erzählung "Lothringer Herbst".
    November: Mierendorff unterzeichnet den Aufruf "Programm des Politischen Rats geistiger Arbeiter".

  • 1919-1922

    Studium der Staatswissenschaft, Volkswirtschaft und Soziologie in Heidelberg, Freiburg und Frankfurt/Main.
    Er engagiert sich gemeinsam mit Carl Zuckmayer in der "Sozialistischen Studentengruppe" und in der "Vereinigung republikanischer Studenten".

  • 1919

    Das erste Heft der von Mierendorff gegründeten Zeitschrift "Das Tribunal. Hessische Radikale Blätter" erscheint.

  • 1920

    Er wird Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

  • 1922

    Juni: Mierendorff organisiert eine militante Aktion gegen den antisemitischen Leiter des Heidelberger Physikalischen Instituts, Philipp Lenard. Lenard weigerte sich, der Aufforderung zur allgemeinen Arbeitsruhe nachzukommen, die anläßlich der Ermordung von Walther Rathenau angeordnet worden war.
    Promotion in Heidelberg zum Dr. phil. mit der Dissertation "Die Wirtschaftspolitik der Kommunistischen Partei Deutschlands".

  • 1922-1924

    Wissenschaftlicher Sekretär in Berlin beim Hauptvorstand des Transportarbeiterverbands im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB). Mierendorff bearbeitet Fragestellungen zum Versailler Vertrag und zum Dawes-Plan.

  • 1925/26

    Er redigiert das Feuilleton des sozialdemokratischen "Hessischen Volksboten" in Darmstadt.
    Mitglied der republikanischen Organisation "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold".

  • 1926-1928

    Tätigkeit als Sekretär der SPD-Reichstagsfraktion in Berlin. Mierendorff erarbeitet als gewähltes Mitglied der SPD-Wehrkommission Vorschläge zur Kontrolle der nationalistischen "Schwarzen Reichswehr".

  • 1928-1933

    Tätigkeit als Pressereferent im hessischen Innenministerium, das Wilhelm Leuschner untersteht.

  • 1930-1933

    Mitglied des Reichstags.

  • 1930

    Veröffentlichung von "Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung". Mierendorff warnt hier vor dem aufkommenden Rechtsradikalismus und Antisemitismus der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).

  • 1931

    23. Februar: Mit der rhetorischen Frage nach den Fronterfahrungen von Joseph Goebbels stellt er im Reichstag den NSDAP-Abgeordneten bloß.

  • 1932

    Mierendorff entwirft gemeinsam mit dem russischen Emigranten Sergej Tschachotin (1883-1973) als Symbol der "Eisernen Front" die "Drei Pfeile".

  • 1933

    Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler entzieht Mierendorff sich der drohenden Verhaftung durch Flucht.
    13. Juni: Er wird in einem Café in Frankfurt/Main verhaftet.

  • 1933-1938

    Inhaftierung in den Konzentrationslagern (KZ) Osthofen, Börgermoor, Papenburg, Lichtenburg und Buchenwald sowie im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße.

  • 1938

    Februar: Mierendorff wird freigelassen. Er muß bescheinigen, daß er sich jeder politischen Betätigung enthalten wird und untersteht geheimpolizeilicher Kontrolle.
    Ihm wird von der Reichsschrifttumskammer das Pseudonym "Karl Willmer" zur Begründung einer neuen bürgerlichen Existenz zugewiesen.

  • 1939

    Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erhält Mierendorff eine Anstellung in der Sozialabteilung der Braunkohle- und Benzin-AG Berlin (BRABAG). Er ist in dem Rüstungsunternehmen für Beschaffung und Verteilung der Arbeitskräfte verantwortlich.
    Mierendorff knüpft Kontakte zu Adolf Reichwein, Emil Henk (1883-1969), Helmuth James Graf von Moltke, Wilhelm Canaris und Hans Oster.

  • 1940-1943

    In dem von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg initiierten oppositionellen Zirkel "Kreisauer Kreis" fungiert Mierendorff als Bindeglied zwischen dem sozialdemokratischen Widerstand um Leuschner und Julius Leber sowie der bürgerlich-zivilen und den militärischen Oppositionskreisen. Er wird in dem Schattenkabinett Ludwig Becks und Carl Friedrich Goerdelers als führendes Mitglied der Propagandaabteilung eingeplant.

  • 1943

    Juni: In seinem Aufruf "Sozialistische Aktion" plädiert Mierendorff für ein Bündnis sämtlicher oppositioneller Kräfte, um das NS-Regime zu stürzen.
    4. Dezember: In Leipzig stirbt Carlo Mierendorff während eines Luftangriffs in einem Schutzbunker. Eine Woche später wird seine Leiche geborgen.

(se)
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