Eugen Richter 1838-1906

Politiker und Publizist

  • 1838

    30. Juli: Eugen Richter wird in Düsseldorf als Sohn des preußisch-liberalen Regimentsarztes Adolf Leopold Richter geboren. Er besucht das Gymnasium in Koblenz.

  • 1856-1859

    Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, Heidelberg und Berlin. Bereits während des Studiums ist Richter journalistisch und politisch tätig.

  • 1861

    Nach erfolgreichem Referendarsexamen arbeitet der Jurist als Regierungsreferendar in Düsseldorf.

  • 1862

    Für seine wirtschaftsliberale Schrift "Über die Freiheit des Schankgewerbes", in der er das restriktive und nicht gesetzlich fixierte Vorgehen der preußischen Gewerbepolizei scharf kritisiert, erhält er von der Düsseldorfer Regierung einen disziplinarischen Verweis.
    Er veröffentlicht anonym die "Magdeburger Spukgeschichte", eine Satire über den konservativen Verein in Magdeburg. Als seine Autorenschaft publik wird, droht Richter die Entlassung aus dem Staatsdienst.

  • 1864

    Oktober: Nach seiner Wahl zum Bürgermeister von Neuwied verweigern die preußischen Behörden ihm die erforderliche Bestätigung. Daraufhin scheidet er auf eigenen Wunsch aus dem Staatsdienst aus und arbeitet zwischenzeitlich als Versicherungsangestellter.

  • 1866

    Richter lässt sich in Berlin als freier Publizist nieder. Für die "Elberfelder Zeitung" ist er als Parlamentsberichterstatter tätig. Er engagiert sich in der linksliberalen Deutschen Fortschrittspartei und wird einer der ersten deutschen Berufspolitiker.

  • 1867

    Mitglied im Konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes.

  • 1869-1905

    Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses für verschiedene linksliberale Parteien.

  • 1969

    Mit seiner kritischen Schrift "Das preußische Staatsschuldenwesen und die preußischen Staatspapiere" erwirbt sich Richter als Finanzfachmann weitreichende Anerkennung. Besonders in Budgetfragen ergreift Richter im Parlament immer wieder das Wort.

  • 1871

    Im Wahlkreis Schwarzburg-Rudolstadt wird Richter in den Reichstag gewählt. Er gehört neben dem Parteiführer der Zentrumspartei Ludwig Windthorst (1812-1891) und dem Sozialdemokraten August Bebel zu den wortmächtigsten Kritikern der Politik des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Richter verurteilt den "Kulturkampf", mit dem Bismarck die "ultramontane" katholische Kirche in Preußen eindämmen will, ebenso wie das "Sozialistengesetz", das er als Missbrauch staatlicher Gewalt ablehnt. Zugleich bekämpft er die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, den aufkommenden Antisemitismus und die entstehenden antisemitischen Parteien.

  • 1874-1906

    Als Reichstagsmitglied für den Wahlkreis Hagen-Schwelm hat er das einzige linksliberale Reichstagsmandat außerhalb Berlins inne.

  • 1875

    Nach dem Tod von Leopold Freiherr von Hoverbeck (1822-1875) übernimmt Richter den Vorsitz der linksliberalen Reichstagsfraktion.

  • 1878-1881

    Als einer der ersten deutschen Politiker erkennt er die Zukunftsträchtigkeit der Massenpolitik im Gegensatz zur Honoratiorenpolitik und veröffentlicht innerhalb von drei Jahren fast 50 politische Broschüren.

  • 1879

    Überzeugt davon, dass Handelsbeschränkungen durch die Verteuerung der lebensnotwendigen Güter gerade den kleinen Leuten schaden, wendet sich Richter energisch gegen die Schutzzollpolitik Bismarcks. Er plädiert stattdessen politisch und publizistisch für den Freihandel.

  • 1883

    Ebenso greift er die Sozialgesetzgebung und die Einführung der Krankenversicherung für Arbeiter an. In seinen Augen bevorzugen diese Gesetze den Industriearbeiter auf Kosten der noch ärmeren Landarbeiter und zerstören zugleich die gewachsenen sozialen Selbsthilfestrukturen.

  • 1884

    Nach der Fusion der Deutschen Fortschrittspartei mit der Liberalen Vereinigung zur Deutsch-Freisinnigen Partei gelingt es Richter, Vorsitzender des so genannten Siebenerausschusses, dem exekutiven Führungsorgan der neuen Partei, zu werden. Die vehemente Ablehnung der Bismarckschen Militär- und Kolonialpolitik durch den linksliberalen Politiker erschwert allerdings den Einigungsprozess.

  • 1885-1904

    Herausgeber und Inhaber der "Freisinnigen Zeitung", in der er fortwährend gegen jegliche staatlichen Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft protestiert.

  • 1891

    Nachdem das "Sozialistengesetz" nicht mehr verlängert wird, zeichnet Richter in den "Sozialdemokratischen Zukunftsbildern" ein düsteres Bild der staatlichen Diktatur als Konsequenz einer sozialistischen Revolution. Das Buch wird in zwölf Sprachen übersetzt.

  • 1893

    Die Kompromisslosigkeit Richters bezüglich des Militäretats von Reichskanzler Leo von Caprivi führt zur Spaltung der Deutsch-Freisinnigen Partei. Unter Führung Richters konstituiert sich der linke Flügel als Freisinnige Volkspartei, während der gemäßigte Flügel die Freisinnige Vereinigung gründet. Das Zerwürfnis der Freisinnigen leitet zugleich den Niedergang des Linksliberalismus ein.
    15 Juni: Bei der Reichstagswahl verlieren die Linksliberalen deutlich an Mandaten.

  • 1898

    Richter lehnt die neue Flottenpolitik und den massiven Ausbau der Kriegsflotte durch Alfred von Tirpitz scharf ab.

  • 1903

    Das teilweise schon als dogmatisch zu bezeichnende Eintreten Richters für linksliberale Positionen erschwert erneute Einigungsversuche der liberalen Parteien.

  • 1906

    10. März: Eugen Richter stirbt in Lichterfelde bei Berlin.

(jl)
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