Theodor Fritsch 1852-1933

Verleger, Schriftsteller

  • 1852

    28. Oktober: Theodor Fritsch wird in Wiesenena, Kreis Delitzsch, als Sohn eines Bauern geboren.
    Er besucht die Realschule in Delitzsch und die Provinzgewerbeschule in Halle.

  • 1875

    Nach Abschluß eines technischen Studiums an der Gewerbe-Akademie Berlin findet Fritsch Arbeit in einer Berliner Maschinenfabrik mit Spezialisierung auf Planung und Bau von Mühlen.

  • 1879

    Fritsch ist Inhaber eines mühlentechnischen Büros mit angeschlossener Verlagsanstalt in Leipzig.

  • 1880

    Die Zeitschrift "Deutscher Müller. Zentralorgan für die Interessen des allgemeinen Mühlengewerbes" erscheint in seinem Verlag. Fritsch ist zugleich Herausgeber und Redakteur.

  • 1881

    Unter dem Pseudonym Thomas Frey veröffentlicht er seine erste antisemitische Schrift: "Leuchtkugeln. Altdeutsch-Antisemitische Kernsprüche." Sie ist der Beginn einer langen publizistischen Tätigkeit antisemitischer Pamphlete.

  • 1882

    September: Fritsch nimmt neben Adolf Stöcker, Max Liebermann von Sonnenberg, dem Kleinunternehmer und Politiker Alexander Pinkert, dem Chemnitzer Verleger Ernst Schmeitzner (1851-1895), dem radikal-antisemitischen Agitator Ernst Henrici (1854-1915) und weiteren 200 Teilnehmern am "Ersten Internationalen Antijüdischen Kongreß" in Dresden teil, der die Beziehungen verschiedener nationaler und internationaler Gruppierungen neu koordinieren soll. Das Vorhaben scheitert an der Uneinigkeit der Antisemiten und kommt über ein gemeinsames Manifest nicht hinaus.

  • 1884

    Juni: Vor dem Hintergrund der Unstimmigkeiten innerhalb der antisemitischen Bewegung im Kaiserreich gründet Fritsch den "Reform-Verein" als eine nichtparteigebundene, nichtkonfessionelle und alle sozialen Schichten umfassende Organisation.

  • 1885

    April. In einem Brief an Wilhelm Marr erörtert Fritsch das Vorhaben, eine ausschließlich antisemitische Zeitschrift herauszubringen.

  • 1886

    Juni: Fritsch ist neben Otto Böckel Mitbegründer der "Deutschen Antisemitischen Vereinigung", die verschiedene antisemitische Grüppchen sammeln und den Grundstein für eine deutschnationale Partei legen soll.
    November: Aus finanziellen Gründen wird die "Antisemitische Correspondenz", die eine Auflagenhöhe zwischen 5.000 und 7.000 Exemplaren erreicht, nicht mehr kostenlos versandt.

  • 1887

    Januar: Die "Antisemitische Correspondenz" erscheint monatlich.
    Unter dem Pseudonym Thomas Frey veröffentlicht Fritsch den "Antisemiten-Katechismus" im Leipziger Verlag von Herrmann Beyer. Darin stellt er die antisemitischen Ideologie in Gestalt eines Handbuchs dar. Der erste Teil verbindet in Katechismus-Form von Fragen und Antworten verschiedene antisemitische Strömungen, Meinungen und Tendenzen zu einem einheitlichen Erklärungsmodell und gibt zugleich Hinweise für antisemitische Agitationen. Der zweite Teil umfaßt eine Sammlung antisemitischer Äußerungen, Sprüche und Gegensprüche berühmter Personen. Er enthält weiterhin eine Liste jüdischer Künstler und Wissenschaftler, denen Fritsch zahlreiche unaufgeklärte Verbrechen anlastet. Der dritte und zugleich letzte Teil bietet eine kurze antisemitische Geschichte des jüdischen Volkes mit Auszügen aus dem Talmud und zahlreichen propagandistischem Material wie Berechnungen zum Vermögen der Rothschilds, Hinweise und Diffamierungen jüdische Geschäfte oder Statistiken über Juden und ihrer Präsenz in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Das Buch ist eine der meistgelesenen antisemitischen Publikationen.

  • 1888

    Juni: Der "Antisemiten-Katechismus" wird wegen Verlästerung jüdischer Religionsbegriffe von der Staatsanwaltschaft Leipzig beschlagnahmt. Im anschließenden Prozeß wird Fritsch zu einer Woche Haft verurteilt und muß einige besonders radikale Textstellen streichen.

  • 1889

    Die gekürzte Fassung des "Antisemiten-Katechismus" erscheint unter dem Titel "Thatsachen zur Judenfrage (Das ABC der Antisemiten). Auszug aus dem Antisemiten-Katechismus."
    Nach dem Zusammenschluß der Christlich-Sozialen Partei, der "Deutschen Antisemitischen Vereinigung" und anderen antisemitischen Gruppierungen zur Deutsch-Sozialen Partei wird Fritsch in deren Parteivorstand gewählt.

  • 1890

    Februar: Bei den Reichstagswahlen tritt Fritsch für die Deutsch-Soziale Partei in Leipzig an, verpasst aber mit nur 8 Prozent der Stimmen ein Reichstagsmandat.

  • 1891

    Fritsch publiziert unter seinem Namen die Urfassung seines "Antisemiten-Katechismus" ohne weitere juristische Folgen.

  • 1892

    Der "Antisemiten-Katechismus" erscheint in 16. Auflage.
    Heirat mit Pauline Zilling aus Solingen. Aus der Ehe gehen drei Söhne und eine Tochter hervor.
    November: Zwischen Fritsch und Stöcker kommt es in der Frage der Beziehung von Deutsch-Sozialer Partei und christlicher Religion zu einem grundsätzlichen Konflikt. Fritsch verliert wegen inhaltlicher Differenzen über die antisemitische Stoßrichtung auch die Kontrolle über den von ihm gegründeten "Reform-Verein".

  • 1893

    Mai-Juni: Fritsch wird in der Deutsch-Sozialen Partei zunehmend isoliert und darf bei den Reichstagswahlen nicht mehr kandidieren. Daraufhin legt er alle parteipolitischen Ämter nieder und wird aus der Partei ausgeschlossen.

  • 1894

    September: Fritsch gibt die Eigentümer- und Herausgeberrechte an der "Antisemitischen Correspondenz", die seit 1890 die Bezeichnung "Deutsch-Soziale Blätter" trägt, an Liebermann von Sonnenberg ab. Die Zeitung wird offizielles Parteiorgan der Deutsch-Sozialen Partei.

  • 1898

    Er ist Mitbegründer des Deutschen Müllerbunds und der Mittelstandsvereinigung im Königreich Sachsen.

  • 1901

    Oktober: Fritsch gründet die antisemitische Zeitschrift "Hammer - Blätter für deutschen Sinn".

  • 1902

    Januar: Der "Hammer" wird erstmals mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren gedruckt und erscheint bis 1940 mit großem Erfolg.

  • 1904

    November: Fritsch ist auf der Gründungsversammlung der Deutschen Mittelstandsvereinigung in Berlin anwesend und wird in den Vorstand der neuen Organisation gewählt.

  • 1905

    November: Er wird zum Vorsitzenden der sächsischen Mittelstandsvereinigung gewählt. Die Vereinigung wird von der Deutschkonservativen Partei und dem Bund der Landwirte (BdL) unterstützt in der Hoffnung, die sozialdemokratische Dominanz in Sachsen einzudämmen.

  • 1907

    Die 26. Auflage des "Antisemiten-Katechismus" erscheint unter dem Titel "Handbuch der Judenfrage. Eine Zusammenfassung des wichtigsten Materials zur Beurteilung des jüdischen Volkes". Bis 1944 erreicht das Handbuch 49 Auflagen mit 330.000 Exemplaren.

  • 1908-1911

    Unter Mitwirkung Fritschs entstehen in Hamburg, Berlin, Breslau, Lübeck, Magdeburg, Stuttgart und anderen Städten "Hammer-Gemeinden", in der sich Leser des "Hammers" zu gemeinsamen Erörterungen der radikalen Artikel treffen.

  • 1911

    Juli: Fritsch ist maßgeblich an der Gründung des Reichsdeutschen Mittelstandsverbands in Leipzig beteiligt und wird in den Hauptvorstand gewählt. Der Verband entseht vor dem Hintergrund des 1909 gegründeten großindustriell geprägten Hansa-Bund für Gewerbe, Handel, Industrie und Bankenwesen.

  • 1912

    Mai: In Leipzig treffen sich Mitglieder verschiedener "Hammer-Gemeinden" und gründen unter Federführung von Fritsch den radikal-antisemitischen Reichshammerbund.

  • 1914-1918

    Im Verlauf des Ersten Weltkriegs beteiligt sich Fritsch an nahezu allen propagandistischen Aktivitäten der radikalen Rechten mit Eingaben und Denkschriften an Zivil- und Militärbehörden, um die deutsche Politik in eine extrem nationalistische und expansionistische Richtung zu lenken.

  • 1916

    Dezember: Nach Bekannt werden der "Judenzählung" wendet sich Fritsch zunächst erfolglos an den Vorsitzenden des Alldeutschen Verbands, Heinrich Claß, und schlägt zur Einigung der Kräfte die Gründung einer antisemitischen Dachorganisation unter Führung der Alldeutschen vor.

  • 1918

    September: Fritsch wird Mitglied im "Judenausschuß" des Alldeutschen Verbands, der den "rücksichtslosen Kampf gegen das Judentum" als Kriegsschuldige und "Sündenböcke" aufnehmen soll.

  • 1919

    Februar: Aus dem "Judenausschuss" entsteht der Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund, in dessen Beirat Fritsch gewählt wird.

  • 1922

    Dezember: Fritsch gehört neben Erich Ludendorff zu den Initiatoren der nationalistisch-antisemitischen Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP).

  • 1923

    Nach dem gescheiterten Hitler-Putsch verurteilt Fritsch im "Hammer" das Vorgehen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) als "Improvisation".

  • 1924

    Mai: Er wird im Wahlkreis Leipzig für die DVFP in den Reichstag gewählt.

  • 1925-1927

    Fritsch setzt sich in mehreren Schriften mit Adolf Hitler auseinander und sieht in ihm den Verantwortlichen für das Scheitern und Auseinanderbrechen der in der Weimarer Republik neu formierten völkischen Bewegung.

  • 1929

    Aufgrund der zunehmenden Attraktivität der NSDAP innerhalb der völkischen Rechten äußert sich Fritsch erstmals grundlegend positiv gegenüber der Partei und bezeichnet Hitler als "Retter" Deutschlands.

  • 1930

    November: Nach dem großen Wahlerfolg der NSDAP bezeichnet Hitler in einem Brief an den Fritsch dessen "Handbuch der Judenfrage" als "maßgeblich für die antisemitische Bewegung" und die geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus. Zahlreiche führende Nationalsozialisten wie Heinrich Himmler, Joseph Goebbels, Julius Streicher und Dietrich Eckart berufen sich auf das Handbuch und zitieren es bei vielerlei Gelegenheiten.

  • 1932

    November: Fritsch unterzeichnet einen Aufruf zugunsten Hitlers für die Reichstagswahlen.

  • 1933

    8. September: Fritsch stirbt in seinem Wohnort Gautsch bei Leipzig.

(jl)
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