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Historienmalerei

Der Begriff der Historienmalerei umfasst im weiteren Sinne die Wiedergabe jeglicher mythologischer, religiöser oder literarischer Themen in ideal-überhöhter oder realistischer Form. Im engeren Sinne versteht man darunter eine auf die Wiedergabe vor allem politischer Ereignisse orientierte akademische Gattung der Malerei. Zu ihren maßgeblichen Vertretern im Deutschland des 19. Jahrhunderts zählen Wilhelm von Kaulbach (1804-1878), Karl von Piloty (1826-1886), Adolph von Menzel und Anton von Werner. Die Historienmalerei erfasst das allgemein Menschliche in der Konkretion der entscheidenden geschichtlichen Begebenheit, um es dem Gedächtnis der Nachwelt einzuprägen. Die Geschichte wird zur stofflichen Fundgrube der Kunst.

Gegen die wachsenden Bilderflut aus Landschaft und alltäglichem Leben in den bürgerlichen Heimen, Ausstellungsorten und Kunstmärkten kam der Historienmalerei allein die offizielle und öffentliche Vermächtnissicherung der konservativen Werte von Volk, Staat, Nation und Religion zu. Das identitätsbildende Moment ist dabei nicht nur für das 1871 neugegründete Deutsche Reich unübersehbar.

Neben der Darstellung vergangener Ereignisse unternahm vor allem Anton von Werner den Versuch, die jüngstvergangenen Ereignisse der deutschen Geschichte festzuhalten. Das wilhelminisch verordnete Geschichtsbild wurde dabei zum Maßstab ihrer Wirkung. Die Tatsache der Existenz verschiedener, manchmal nur in Nuancen abweichender Versionen desselben Ereignisses wirft die Frage nach der Objektivität der Geschichtsmalerei deutlich auf. Trotz der vermeintlich photographisch genauen Wiedergabe darf das Abgebildete nicht ohne genaue Prüfung akzeptiert werden. Dennoch mussten schon Werners Zeitgenossen erkennen, dass ihr Geschichtsbild von der dargestellten Präsentation geprägt wurde.

Lutz Walther
11. März 1998

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