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    Richard Heymann: "Des Volkes Lebensquell", 1942

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Der Lebensborn e.V.

Im Rahmen ihrer Bevölkerungs- und Rassenpolitik forderten die Nationalsozialisten möglichst viel Nachwuchs zur Vermehrung der "arischen Rasse". Das sollte neben einem Geburtenzuwachs vor allem durch Verringerung der trotz der NS-Propaganda noch immer großen Zahl an illegalen Abtreibungen erreicht werden. Deshalb wurde am 12. Dezember 1935 auf Veranlassung des Reichsführers der Schutzstaffel (SS), Heinrich Himmler, der Verein Lebensborn gegründet. Sein Ziel war die Unterstützung des Kinderreichtums von SS-Angehörigen und die Betreuung hilfsbedürftiger Mütter und Kinder "guten Bluts" in vereinseigenen Heimen. Finanziert wurde diese Wohlfahrtseinrichtung im nationalsozialistischen Sinn durch Beitragszahlungen der SS-Mitglieder, deren Höhe sich nach der Anzahl ihrer Kinder richtete. Familien mit vier und mehr Kindern waren von den Zahlungen freigestellt. Die zentrale Verwaltung des Vereins befand sich in der Münchener Villa des emigrierten Schriftstellers Thomas Mann. Als erstes Entbindungsheim diente ab dem 15. August 1936 ein ehemaliges Caritas-Kinderheim im oberbayerischen Steinhöring. Bis 1944 entstanden insgesamt rund 20 Lebensbornheime im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten.

Das Leben in den Heimen blieb bis Ende des Zweiten Weltkriegs durch Gewährleistung medizinischer Versorgung und ausgewogener Verköstigung vergleichsweise komfortabel, weshalb sich viele Frauen von SS-Angehörigen an den Lebensborn wandten. Da von ihrer "Reinrassigkeit" ausgegangen werden konnte, wurden sie ohne Untersuchungen in ein Heim aufgenommen, unverheiratete Schwangere hingegen erst nach einer rassischen und erbbiologischen Überprüfung. Ledige Mütter bildeten den Großteil der Frauen in den Heimen, wo sie heimlich gebären konnten, da uneheliche Kinder in einem zumeist von christlich-bürgerlichen Moralvorstellungen geprägten Umfeld verpönt waren. Den Heimen waren Standesämter und polizeiliche Meldestellen angegliedert, sodass die Entbindungen vor den Heimatgemeinden der Mütter geheim bleiben konnten. Zumeist übernahm der Lebensborn die Vormundschaft für Kinder, deren Mütter als Alleinerziehende nicht für ihren Nachwuchs sorgen konnten. Diese Kinder blieben im Heim oder wurden kinderlosen SS-Ehepaaren zur Pflege und damit zur nationalsozialistischen Erziehung übergeben. Allerdings war Lebensborn e.V. als Instrument nationalsozialistischer Bevölkerungspolitik von nur marginaler Bedeutung: In den Heimen kamen insgesamt lediglich rund 8.000 Kinder zur Welt.

Noch während der NS-Zeit aufgekommene Gerüchte um Lebensborn als "Zuchtprogramm" für eine nordische Rasse und um seine Heime als "Züchtungsbordelle", in denen "rassisch wertvolle" Frauen von SS-Männern geschwängert wurden, konnten auch in der Nachkriegszeit weder für Deutschland noch für die besetzten Gebiete bewiesen werden. Vor allem in Norwegen, aber auch in Belgien und Frankreich, waren Lebensbornheime für Frauen entstanden, die von deutschen Besatzungssoldaten ein Kind erwarteten. Dies geschah nicht nur zum Schutz der Mütter und Kinder, die in ihren Heimatorten häufig Beschimpfungen und Angriffen ausgesetzt waren, sondern auch zur Bewahrung "wertvollen Bluts" für Deutschland, indem Lebensborn ihre Fürsorge übernahm. Zumindest vereinzelt kamen in die Lebensbornheime auch Kinder aus den besetzten Gebieten, die ihren Eltern weggenommen und zur Germanisierung nach Deutschland verschleppt wurden. Nur wenige konnten nach dem Krieg identifiziert und ihren Eltern zurückgegeben werden.

Julia Kerfin
15. Juli 2015

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