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Dr. Siegfried G. Lion: An Bismarcks Totenbett 1898

Dieser Eintrag stammt von Dr. Siegfried G. Lion aus Wienhausen, Dezember 2011:

Dies ist ein Auszug aus den Lebenserinnerungen meines Urgroßvaters Ernst Wedemann (1867-1958), Superintendent von Allenstein in der Zeit von 1915-1940, (geschrieben 1948-1953):

Meine Urlaubsreise im Jahr 1898 hat ein Erlebnis eingebracht, dass ich zum eindrucksvollsten rechnen darf, was mir geboten wurde. Ich war wie immer über Italien und durch die Schweiz nach Deutschland gereist. In Heidelberg ergriff mich die Sehnsucht, der Perle aller deutschen Universitäten einen Besuch abzustatten. "Alt-Heidelberg Du Feine, Du Stadt an Ehren reich, am Neckar und am Rheine kein andre kommt Dir gleich." Ich ahnte nicht, was an dem Tage meiner Ankunft in Heidelberg geschehen sollte. An diesem Tage hat die Welt ihren Atem angehalten. Es war der 30. Juli 1898. Man erzählte mir, dass am Abend auf dem Neckar eine große studentische Feier stattfinden würde. Der Semesterschluss sollte wie immer festlich begangen werden. Ich stehe also abends auf der hohen, berühmten Neckarbrücke und schaue von oben herab auf das bunte studentische Treiben. Der Fluss wimmelt von Booten, die mit ungezählten Lampions geschmückt sind. In den Booten sitzen die Studenten in vollem Wichs. Mehrere Musikkorps spielen in stetem Wechsel. Aus frischen Jungenkehlen erklingen die herrlichen Weisen der Studentenlieder. Es war ein prächtiges, unvergessliches Bild.

Ich habe wohl etwa 2 Stunden auf der Brücke gestanden, um es zu genießen. Inzwischen kam die Nacht herauf. Die Fröhlichkeit unten in den Booten nahm zu. Da, was ist das? Mit einem Schlage verstummen die Lieder, die Musik schweigt, die Lichter verlöschen, das Fest wird wie auf Kommando abgebrochen. Ich frage Passanten, was wohl der Grund dafür sein kann. Man sagt mir, Bismarck ist soeben gestorben! Die Heidelberger Jugend wie die deutsche Jugend überall trauert um ihren Alt-Reichskanzler! In dieser Stunde hielt die Welt ihren Atem an. Es war ein Weltereignis! Auch seine Neider und Hasser, deren es in der Welt genug gab, mussten sich beugen vor seiner Größe. Ein Staatsmann ganz großen Formates war dahingegangen! Mit diesem tiefen Eindruck in der Seele verließ ich Heidelberg, nachdem ich seine einzigartigen Schönheiten genossen hatte, und fuhr nach Berlin.

In Berlin trieb es mich, unseren lieben hochverehrten Freiherrn v. Richthofen zu besuchen, der in den ersten Jahren meines Amtslebens in Kairo mir ein treuer und verständnisvoller Freund und Berater gewesen war. Sowohl im Vorstand der Kirche, wie in dem der Schule, hat er der Kolonie als kluger und sachkundiger Berater gedient. Vor Jahren war er nach Kairo gekommen. Als deutscher Delegierter für die Caisse de la dette publique, die staatliche Schuldenkasse. Diese Kasse war gebildet worden, nachdem der sehr verschwenderische Khedive Ismael-Pascha besonders bei Gelegenheit des Suez-Kanals so ungeheure Schulden gemacht hatte, dass Ägypten nahe am Staatsbankrott war. Da haben die europäischen Staaten als Gläubiger Ägyptens die Caisse de la dette publique gebildet, welche die Aufgabe hatte, darüber zu wachen, dass die Schulden des Staates nach einem festen Plan verzinst und amortisiert wurden, um so allmählich Ägypten finanziell wieder gesund zu machen.

Der Delegierte Deutschlands war Freiherr von Richthofen. Meine Liebe und Verehrung für ihn veranlasste mich, ihn in Berlin zu besuchen, nachdem 1897 er zum Bedauern der deutschen Kolonie als Kolonialdirektor ins Ministerium nach Berlin versetzt worden war. Ich wurde sehr freundlich empfangen und zum Mittagessen eingeladen. Während des Essens sagte plötzlich Freiherr v. Richthofen zu mir: "Lieber Herr Pastor, es fällt mir soeben etwas ein. Die Kairener deutsche Kolonie hat mich heute früh auf telegraphischem Wege gebeten, ein würdiges Blumenarrangement zu besorgen und an Bismarcks Totenbett in Friedrichsruh niederlegen zu lassen. Da sie nun gerade hier sind, wäre es doch sehr schön, wenn sie persönlich als Vertreter der deutschen Kolonie die Blumen nach Friedrichsruh bringen und dort niederlegen würden." Man kann sich vorstellen, wie mein Herz bei diesem Vorschlag höher schlug. An Bismarcks Totenlager stehen zu dürfen, welche Ehre! Ich sagte natürlich mit Freuden zu. Freiherr v. Richthofen teilte mir mit, dass am nächsten Vormittag ein alter Freund des Bismarckschen Hauses, der frühere Polizeipräsident von Breslau, Herr v. Balan, gleichfalls nach Friedrichsruh fahren werde. Der D-Zug nach Hamburg halte zwar eigentlich nicht in Friedrichsruh, aber es sei dafür gesorgt, dass er ausnahmsweise seine Fahrt ganz kurz unterbrechen werde, damit Herr v. Balan und ich schnell aussteigen könnten. Es werde alles vom Auswärtigen Amt vorbereitet werden. Ich solle mich nur rechtzeitig auf dem Bahnhof einfinden. So kam ich dazu, am nächsten Vormittag etwas ganz großes und unvergessliches erleben zu dürfen.

Auf dem Bahnhof wurde mir eine, herrliches Arrangement aus Palmenzweigen und Blumen übergeben. Herr v. Balan und ich fuhren gemeinsam bis Friedrichsruh, der Zug hielt, wir stiegen aus und begaben uns in das Bismarcksche Schloss. Auf unsere Anmeldung erschien der Sohn des toten Kanzlers, Fürst Herbert v. Bismarck, selber und begrüßte uns sehr freundlich. Ich bin ja überzeugt, dass ich das Schönste, was ich bei dieser Gelegenheit erleben durfte, meinem Begleiter zu verdanken habe. Mit mir alleine hätte man wohl nicht so viel Aufhebens gemacht. Mit Rücksicht auf den alten Freund des Hauses wurden wir ins Sterbezimmer geführt. Fürst Herbert öffnete selbst einen Fensterladen, um Licht hereinzulassen. Da standen wir nun am Totenlager des gewaltigen Mannes, der als ein Werkzeug Gottes die deutschen Stämme geeint hatte zum herrlichen deutschen Reich. Tief ergriffen durfte ich an seinem Sterbelager stehen und einen letzten Gruß deutscher Menschen aus Übersee als Ausdruck tiefster Verehrung und Dankbarkeit zu seinen Füssen niederlegen, einen Gruß aus dem Palmenland, im Sonnenland Ägypten. Das Bett and die ganze Stube waren dicht bedeckt mit Kränzen und Blumen aus aller Welt. Nachdem wir in tiefer Bewegung am Sterbebett verweilt hatten, traten wir wieder ins Freie. Vor uns lag der Garten vor dem Schloss. Von der Rasenfläche war nichts zu sehen. Sie war zu einem großen Blumengarten geworden. Nach Ländern und Staaten geordnet lagen neben einander die herrlichsten Kränze, ein überwältigender Eindruck. Wie habe ich in der Stille Gott gedankt für dieses Erlebnis!

lo