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Günter Hätte: Unbeschreibliche Erleichterung in Italien 1945

Dieser Eintrag stammt von Günter Hätte (*1924) aus Hamburg, Juli 2002:

Für mich war der Krieg Mitte April 1945 zu Ende, da geriet ich in amerikanische Gefangenschaft. Um zu verdeutlichen, welche Gefühle mich damals bewegten, muß ich die vorhergehenden Geschehnisse kurz schildern.

Einberufen wurde ich Anfang April 1942, noch keine 18 Jahre alt. Nach dem Arbeitsdienst kam ich zur Luftwaffe. Auf der Kampfbeobachterschule Parow bei Stralsund wurde ich zum Beobachter (Navigator) ausgebildet und dem Kampfgeschwader 77 (He111 und Ju 88) zugeteilt. Anfang 1944 ging der Luftwaffe das Benzin aus; der restliche Sprit blieb der Jagdfliegerei zur Abwehr der feindlichen Bomberverbände vorbehalten. Uns Besatzungen versetzte man zur 1. Fallschirmjägerdivision nach Italien, von diesen spöttisch als "Hermann-Göring-Spende" und "Schlipssoldaten" bezeichnet. Nicht ganz zu Unrecht. Wir waren tatsächlich nicht für den infanteristischen Erdkampf ausgebildet worden und hatten mancherlei Privilegien genossen.

Nun war die Fliegerei zwar auch keine ungefährliche Sache - für viele Kameraden wurde der Fliegergruß "Hals- und Beinbruch!" bittere Realität -, aber wir fanden nach dem Einsatz doch recht wohnliche Unterkünfte und hygienische Verhältnisse vor. Das änderte sich nun grundlegend.

Nach kurzer infanteristischer Ausbildung rückten wir in die Hauptkampflinie ein. Die zog sich damals südlich der Po-Ebene quer durch den Apennin. In unserem Abschnitt nahe Castel St. Pietro hielt der Gegner die strategisch günstigen Punkte besetzt: den Monte Grande und den Monte Piccolo. Unsere Stellungen befanden sich auf einem Plateau unterhalb dieser Berge. Tagsüber bewegten wir uns deshalb nur innerhalb eines schmalen Streifens, der vom Gegner nicht eingesehen werden konnte. Wir hatten Stollen in die Erde getrieben und hausten dort mit unzähligen Läusen. Infolge der unhygienischen Verhältnisse litten wir teilweise unter Durchfall. Da passierte es schon mal, daß man den "Knochensack" (Tarnanzug) nicht schnell genug aufknüpfen konnte und die Sache in die Hose ging.

Jedem feindlichen Angriff auf unsere Stellungen ging ein tagelanges Trommelfeuer voraus. Das Gelände glich einer Kraterlandschaft, von den Bäumen ragten nur noch kurze Stümpfe empor. Nicht jeder war diesen Belastungen gewachsen, hin und wieder drehte einer völlig durch.

Im April 1945 begann der Rückzug aus den Bergen. In der Po-Ebene waren die Amerikaner mit ihren Sherman-Panzern schon fast bis Bologna vorgestoßen. Der Anfangs geordnete Rückzug geriet allmählich zur kopflosen Flucht. Amerikanische Jagdbomber flogen unentwegt Angriffe auf die zurückflutenden Truppen, schwere Artillerie beschoß die besonders exponierten Engpässe, brennende Lastwagen säumten die Straße. Zwischen umgekippten Fahrzeugen lagen gefallene Soldaten, oftmals schwer verstümmelt. Verwundete schrien nach dem Sanitäter. Neben der Straße, auf den Wiesen, lagen tote Kühe und Pferde mit aufgeblähten Leibern, die Beine grotesk von sich gestreckt. Über allem Brandgeruch, Pulverdampf, Verwesungsdünste. Dazu das stetige Heulen und Bersten der Granaten: Es war ein Inferno.

Verständlich, daß ich die schließliche Gefangenschaft durch die Amerikaner als eine unbeschreibliche Erleichterung empfand, ja, als Befreiung. Krieg verloren? Unwichtig! Zukunftsängste? Die kamen erst später. - An jenem Tag erfüllte mich eine tiefe Freude und Dankbarkeit , diesem höllischen Geschehen entronnen zu sein.

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