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Meinhold Haußknecht: Dreieinhalb Jahre in der Fremde. Meine Erlebnisse während des Krieges

Der folgende Bericht ist eine buchstabengetreue Abschrift der handschriftlichen Aufzeichnung, die Meinhold Haußknecht, geboren am 5. Juni 1929 in Berlin, im Alter von 16 Jahren seinem Vater Weihnachten 1945 als Geschenk überreichte. Meinhold Haußknecht hat die Abschrift im Juni 2015 durchgesehen und der Veröffentlichung zugestimmt.

 

Durch den Krieg und drohende Bombengefahr bewogen, faßten meine Eltern den Entschluß, mich für einige Zeit an einer Kinderlandverschickung teilnehmen zu lassen, die gerade in diesen Tagen um Mitglieder warb. So geschah es, daß ich am 6. Februar 1941 mit noch 42 Kameraden Richtung Süden fuhr.

Nach zweitägiger Eisenbahnfahrt gelangten wir nach Polepp, einem kleinen Ort in der Nähe von Leitmeritz. Wir erreichten nach 4 km Marsch das Dorf Enzowan. Dort lag an einem 500-jährigen Schlosse unser Lager. Leider herrschte lange Tauwetter, sodaß an Skifahren nicht zu denken war. Bis zum 5. Mai lebten wir dort in Stuben zu 10 Mann bei guter Verpflegung. Allerdings hatten wir täglich nur ungefähr 2-3 Stunden Unterricht. Ausflüge und Wanderungen machten wir leider nur sehr selten. Einmal ging es zur Elbe bei Krzechetz, einmal zu dem nahegelegenen Orte Ruschowan und einmal wanderte ich mit noch zwei Kameraden zum Geltsch, der von Enzowan 8 km entfernt und 720 m hoch ist. In die Kreisstadt Leitmeritz bin ich leider nur einmal gekommen. Unsere Freizeit widmeten wir immer wieder der Durchforschung eines unterirdischen Ganges, dem Dachboden des Schlosses und endlich diesem selbst. Kurz vor der Verlegung des Lagers wurden wir alle gegen Diphterie schutzgeimpft, und es wurde wegen dreier Scharlacherkrankungen eine kurze Lagersperre verhängt. Nachdem wir schon einmal verlegt werden sollten, kam es nun am 5. 5. wirklich dazu. Wir stiegen in der Nähe von Repsch mit Sack und Pack in einen Omnibus, der uns nach Trautenau brachte.

Von dort beförderte uns ein Postauto nach Schurz, unserem neuem K.L.V. Lager. Dieses war wieder ein Schloß; angebaut war eine herrliche Kirche. Die Nonnen, die noch darin waren, sorgten sehr für uns, indem sie die Küche übernahmen. Das Essen war wirklich ausgezeichnet. Unser jetziges Lager lag mitten im Dorf, das mit seinen 800-1000 Einwohnern einen sehr sauberen Eindruck machte. Direkt hinter den großen Fenstern, die die Räume weit mehr erhellten als in Enzowan, floß die Elbe,  hier nur ca. 8 m breit. Sie war uns natürlich sehr willkommen, da wir uns dort richtig austoben konnten. Brückenbauen, Dämme ziehen, und Floßfahrten gehörten zu den vielen Beschäftigungen, mit denen wir uns die Zeit vertrieben. In einem größeren Walde unweit Schurz hatten wir eine alte Grotte, „Bethlehem“ genannt, und einen Steinbruch entdeckt, die für unsere Anschleichspiele und Rollereien auch wie geschaffen waren. Nur 4 km von Schurz lag die Grenze des Protektorats, und wir tätigten dort in Königenhof oft unsere Einkäufe. Im Rahmen des Dienstes marschierten wir einmal nach Dubenetz und nach Herrmanitz. Wir gingen in unserer Freizeit sehr oft Schwimmen, da auf dem Wege nach Gradlitz ein See liegt, der uns natürlich eine günstige Gelegenheit zum Tummeln und Kahnfahren bot. In dem 2 km entfernten Gradlitz befindet sich auch auf dem Schloßberg noch eine alte Ruine. Dort ließen wir unserem Forschungs- und Kombinationsgeist freien Lauf. An einem Sonntag veranstaltete unser Lager einen „Bunten Abend“, für den wir 74 RM einnahmen, die wir dem Wunschkonzert spendeten. Während der Erntezeit halfen wir auch tüchtig mit. Flachsrupfen, Heuwenden, Garbenbinden und dergleichen mehr bereiteten uns große Freude. Leider war auch in Schurz der Unterricht sehr mangelhaft. Rechnen hatten wir beim Dorflehrer, der selbst kaum bis drei zählen konnte. Als sich im Herbst die großen Regen in die Elbe ergossen, herrschte bei der Schurzer Sägemühle ein Hochwasser, das die Straße nach Trautenau unter Wasser setzte. Zu unserer großen Freude blieben Radfahrer, Autos und alles was hindurch wollte, stecken, nur die Postomnibusse kamen durch. Am 28.10.41 kam dann die letztlich von allen so ersehnte Stunde, daß das Lager aufgelöst wurde, und wir wieder zu unseren  Eltern zurückkehrten. 

Ich hatte in Berlin nun wieder 1 Jahr lang regelrechten Unterricht  in der Schadowschule. Als aber der Bombenkrieg auch für Berlin angekündigt wurde und die Angriffe tatsächlich verstärkt einsetzten, wurde abermals beschlossen, daß ich an einer größeren K.L.V. teilnehmen dürfe. Diese Tatsache wurde noch unterstützt durch einen schweren Angriff im Februar 1943.

Der ganze Transport, 250 Mann insgesamt, setzte sich am 24.2.1943 in Bewegung und kam nach 36  Stunden Bahnfahrt in Frankstadt/Mähren an. Nach einem Begrüßungsessen fuhren wir mit LKWs zu einer 1Personen Seilbahn, die uns zu unserem Lager brachte. Pustevna, auf Deutsch: „Einsiedelei“, liegt 50 km südwestlich Mährisch-Ostrau in 1018 m Höhe und ist ein tschechischer Wintersportort. Er ist herrlich gelegen, in einer mährischen Landschaft. Während im Winter die schneebedeckten Hänge und verschneiten Tannen zum Skifahren einladen, sind es im Sommer die unermeßlichen Waldstriche, die von der prallen Sonne beschienen ein Bild friedlichster Natur geben. Im Winter konnte man von den Beskiden aus oft die Tatra und das Altvatergebirge sehen. Pustevna besteht aus nur vier Häusern, von denen eins, Hotel „Tanecnica“, für uns bestimmt war. Bald hatten wir uns in den 4 und 6 Mannstuben eingewöhnt und trieben bis zum Beginn des Unterrichts ausgiebig Wintersport. Als dann endlich genügend Lehrer angekommen waren, zuletzt waren es 7, begann sofort der planmäßige Unterricht. Oft fand er wegen des herrlichen Wetters im Freien statt. Obgleich der Unterricht wegen vieler, schöner Wandertage ausfiel, war er doch mit 5 Stunden täglich viel ertragreicher und lebendiger als in der ersten K.L.V. Es bildeten sich kleine Arbeitsgemeinschaften, die, besonders nach Einführung eines 9 Punktesystems, im Wettkampf mit anderen Klassen zu eifriger Arbeit angespornt, wunderbar zusammen arbeiteten. Die Leitung des Lagers wechselte des öfteren, da verschiedene Lagerleiter verhindert waren, das Lager als Kranke weiterzuführen. Freizeit hatten wir im Großen und Ganzen weit mehr als Dienst. Zu meinen schönsten Diensterinnerungen gehört ein nächtlicher Singewettstreit am Sonnenwendfeuer, bei dem unser Zug am besten abschnitt. Nach Frankstadt kamen wir verschiedentlich; einmal zum Sportwettkampf, oder zum Zirkus, aber auch viel zum Einkaufen. Trotz des 10 km langen Weges scheuten wir auch Vergnügungen in Frankstadt nicht. Ostern verlief sehr flau; hätten wir nicht ein Päckchen von zu Hause gehabt, wären wir mit unserem einen Ei auch nicht glücklich geworden. Für Bekleidung war in einer Lagerkammer ausreichend gesorgt, in der auch ich zeitweilig helfend beschäftigt war. Während wir im heißen Sommer fast täglich  in die nahegelegene Badeanstalt Scalicova gingen, war im Winter eine warme Brauseanlage in Betrieb, die uns wöchentlich zur Verfügung stand. Das Essen, mit dem es zuerst noch nicht ganz klappte, war jedoch späterhin so ausreichend, daß ich wie viele andere eine bedeutende Gewichtszunahme verzeichnen konnte. Schon in der K.L.V  hatte ich für die Elektrotechnik Feuer gefangen; Meine Freude daran steigerte sich hier immermehr, sodaß ich schließlich anfing Lautsprecheranlagen in andere Stuben zu verlegen, Mikrophone zu konstruieren, Unterbrecherkontakte anzubringen und dergleichen mehr. Ich wurde öfter zum Reparieren von Lichtleitung und Sicherungen seitens meiner Kameraden herangezogen und wurde schließlich Wart für das Lagerradio. In dem einen Jahr, das wir in Pustevna verlebten, nützten wir unsere freie Zeit so weit wie möglich aus. Hauptsächlich unternahmen wir Wanderungen in die nähere oder fernere Umgebung. Oft begaben wir uns auf den Radhost, einen Berg, der nur 1 km von Pustevna entfernt ist und durchforschten eine unterirdische Höhle, die auf dem Wege dorthin lag. Einmal machte ich mit noch 2 Kameraden eine kleine Fahrt zu einer alten Burgruine in Hukwaldi, das ungefähr 18 km weit liegt. Als Pfingstfahrt nahmen wir uns die slowakische Grenze beim „Weißen Kreuz“ zum Ziel, die wir auch erreichten. Leider verregnete uns der Rückweg. Auch das gesamte Lager startete einen 2 Tage-Marsch nach Neutitschein, nahe der deutschen Grenze  im Kuhländchen. Dort sahen wir uns unter Führung Stadt und Burg an und erstiegen auf dem Heimweg den Stramberger Schloßturm, der mindestens eine Höhe von 25 m hat. Doch mein schönstes Erlebnis war in Pustevna  die Wanderung  zur Lisahora. In 11 Stunden legten wir die je 25 km Hin- und Rückweg zurück und sahen uns aus 1325 m Höhe die umliegende Gegend an. Aber auch hier verregnete zu unserem Ärger der Rückweg. Trotzdem werde ich diese Fahrt nie vergessen. Wir veranstalteten verschiedene „Bunte Abende“ in Pustevna, von denen aber die Aufführung des Stücks „Kismet“ besonders erwähnenswert ist. Das Drama aus den arabischen Freiheitskämpfen hatte einen derartigen Erfolg, daß es noch einmal aufgeführt werden mußte, wobei ich als Bühnenelektriker mitwirkte. In der Vorweihnachtszeit war in der Poststube viel zu tun. Darum half ich unserem Postwart da und dort, wo es am Nötigsten war. Weihnachten wurde im tiefsten Winter gefeiert. Die gemeinsame Feier unter dem brennenden Weihnachtsbaum war äußerst stimmungsvoll. Man hatte außer verschiedenen Geschenken auch einen bunten Teller für uns nicht zu knapp bemessen. In den Ferien liefen wir Ski,  fuhren den Hang einer Sprungschanze in der Nähe hinunter und sahen beim Skispringen zu. Bald nach dem Weihnachtsfest kam der Jahrgang 28 nach Berlin zur Flak. Wir beneideten die Glücklichen natürlich doch kam für uns als besondere Sylvesterfreude der Elternzug an. Wir alle verlebten mit unseren Eltern zwei frohe Tage des Wiedersehens, die zum Abschluß am Sylvester, von einer Veranstaltung „Grandiosa“, die eine Weltreise darstellte, gekrönt wurde. Es klappte wunderbar und wurde ein durchschlagender Erfolg, der richtig in den Rahmen des Ganzen hineinpaßte. Lange sollte uns jedoch das neue Jahr nicht mehr in Pustevna sehen. Die K.L.V. Leitung in Prag setzte es nach langem Hin und Her durch, daß unser Lager wegen verschiedener, an den Haaren herbeigezogener Bagatellen in drei Teile geteilt und nach verschiedenen Orten verlegt wurde.

Die Fahrt nach Bistritz dauerte nur 2½  Stunden. Bistritz liegt ungefähr 40 km südöstlich von Olmütz, und kann schon ein kleines Städtchen genannt werden. Es liegt am Fuße des 736 m hohen Hosteins, der schon seit langer Zeit ein Wallfahrtsort ist. Wir waren 50 Mann, die am Nachmittag des 27.1.1944 den 6 km langen Weg zu unserem neuen Lager, das auf dem Hostein gelegen war, zurücklegten. Schon der Empfang war ziemlich kühl und auch die erste Zeit verlief ziemlich trostlos. Man hatte nämlich von Prag aus Gerüchte verbreitet, wonach das Lager Pustevna einen Sachschaden von 2000 RM verursacht hätte und auch sonst alles auf den Kopf gestellt hätte. Dies spukte anfangs noch in den Köpfen der Lagerinsassen der „Ulrich von Hutten Schule“, kurz U.v.H genannt. Aber nachdem sie sich allmählich davon überzeugt hatten, daß wir doch nicht solche Barbaren waren, schlossen sie mit den „Pustevioten“  gute Kameradschaft. Auch die Lagerleitung legte mit der Zeit ihre feindselige Haltung gegen uns ab. Im weiteren Verlauf des Lagers waren es doch immer wieder die „Pustevioten“, die durch ihre Einfälle u. „Bunten Abende“ die U.V.H-Leute aus ihrem grenzenlosen Stumpfsinn rissen. Und das erkannten diese an, wenn auch nur langsam. Wir waren nun einmal die „alten K.L.V. Hasen“ und die anderen noch Häschen. Vor allem muß da der „Bunte Abend“ Sommerblumen hervorgehoben werden, den wir ganz alleine aufbauten. Die „Bühnentechnische Leitung“ war mir übertragen worden und ich gab mir alle nur erdenkliche Mühe meine Sache so gut wie möglich zu machen. Alles ging nach Wunsch. Der Vorhang, die farbigen Beleuchtungen, das Saallicht in der Pause, alles funktionierte so wie ich es mir ausgedacht hatte und die Darsteller brachten ihre Stücke mit so viel Komik vor, daß selbst die Lehrerschaft nicht anders als lachen konnte. Das Essen war während der ganzen Zeit sehr gut, ausreichend und sättigend. Es wurde hier wie in Schurz von Nonnen gekocht. Das aufgefüllte 200 Mannlager der U.v.H. wurde später als „Stammschule 10“ gewertet. Trotz des häufigen Lagerleiterwechsels war der Unterricht mit täglich 6 Stunden immer gleichbleibend gut. Jedoch machte er lange nicht so viel  Spaß wie in Pustevna, da er nur stumpfsinnig auf das eine Schema gerichtet war, uns den Lehrstoff einzutrichtern. Zu Ostern und Pfingsten strömten die Pilger in riesiger Zahl auf den Hostein. Dort veranstalteten sie große religiöse Umzüge und beteten in der Wallfahrtskirche. Über Nacht lagerte sich der ganze Wallfahrtsbetrieb um ein 20 m hohes Kreuz, um nach weiterem Gebet am anderen Morgen  heimzukehren. Die aufgeschlagenen Buden machten mit ihrem Kram gewaltige Geschäfte.  Wir selbst kamen bis auf tägliche Bistritzgänge über Hostein nicht hinaus, wo wir außer den sonntäglichen Kinogängen auch viel Schwimmen gingen. Bei längeren Freizeiten zogen wir häufig zu einem Felsen in der Nähe, genannt „Teufelskopf“ und sonnten uns dort auf der Wiese und bestiegen den Felsen. Eines Tages startete unsere Klasse während eines ausgefallenen Unterrichts eine Expedition zu einem „Ruinenberg“, auf dem wir tatsächlich noch Ruinenreste vorfanden. In den Sommerferien unternahm unser Lagerzug eine Fahrt nach Olmütz. Wir sahen uns die Stadt an und vergnügten uns noch anderweitig. Durch einen Scharlachfall lag unsere Stube einmal eine Woche in Quarantäne, worüber wir uns natürlich freuten, da wir das Essen fast buchstäblich ans Bett gebracht bekamen und auch sonst machen konnten, was wir wollten. Im Sommer hatten wir fast täglich Fliegeralarm, da wir im Anflugraum nach Mährisch-Ostrau lagen. Dann mußten wir, das heißt die Älteren, von einem Aussichtsturm in der Nähe der Kirche die Pulks beobachten und Meldung erstatten. Bomben wurden zwar nicht geworfen, dafür aber umso mehr Flugblätter. ¾ Jahre dauerte für uns das Lager auf dem Hostein, denn am 12.10.44 kam die Notdienstverpflichtung für die älteren Jahrgänge. Am selben Tag noch fuhren wir Richtung Süden.

Zuerst wußte nur der Transportführer, wo wir eingesetzt werden sollten, aber schließlich landeten wir in Bösing, 20 km nordöstlich von Preßburg. In Kasernen untergebracht schliefen wir auf Stroh und machten es uns in den 2 Monaten Schanzdienst immer mehr gemütlich. 40 Mann waren die einzelnen Stuben stark. Das Essen war ausgezeichnet, vor allen Dingen bekamen wir viel Obst. Wir arbeiteten täglich außer Sonntags, von 8ºº bis 14ºº oft unter Hunderten von amerikanischen Bombern, und bauten Panzergräben, Schützengräben,  Sappen und Schützenlöcher. Diese Stellungen lagen zumeist in Weinbergen, in denen wir uns natürlich während der Erntezeit eine tüchtige Sonderzuteilung zumaßen. Natürlich war der Wein auch bei den Weinbauern zu kaufen, ja diese schenkten uns verschiedentlich Flaschen frisch gekelterten Weines. Man konnte in der Slowakei noch alles ohne Marken kaufen, vom Sahnebaiser bis zum besten Schlips, vom einfachsten Eierlikör bis zum stärksten Rachenputzer, dem Borovica. Leider waren diese Sachen nur für slowakische Kronen erhältlich und wir verdienten täglich nur 7. Für eine feste Arbeitskleidung hatte man ebenso wie für gutes Schuhwerk Sorge getragen. In unserer nachmittäglichen Freizeit brausten wir uns entweder oder wir buken uns auf dem Stubenofen Kartoffelpuffer. Schmalz bekamen wir ja jeden Tag genug, 1 Ganzen Eßlöffel gehäuft voll. Kurz vor Beendigung des Schanzlagers fand in Preßburg eine Kundgebung statt, bei der ich als einer der 200 Fackelträger in den Arkaden mitwirkte. Bei dieser Gelegenheit konnten wir uns auch die Stadt gut ansehen. Im Laufe des Dezember fuhren die einzelnen Einsatzgruppen wieder in ihre Lager zurück, und wir hatten das Pech nach Limbach verlegt zu werden und als Nachhut die Aufräumung zu besorgen. Nachdem wir dort noch einen „Bunten Abend“ veranstaltet hatten, bei dem ich wieder als Elektriker amtierte, fuhren wir nach langem Warten auf dem Bahnhof am 12.12.44 nach Prag. Von dort aus ging es weiter nach Böhmisch-Brod, wohin während unseres Einsatzes die U.v.H. verlegt worden war und unsere Sachen mitgenommen hatte.

Böhmisch-Brod, 30 km östlich von Prag gelegen, ist eine ziemlich große Stadt und sollte nun, wenn auch nur für kurze Zeit, unser Aufenthaltsort sein. Das Lager war eine gemütliche Hauptschule, mit hellen Räumen und, was uns besonders anzog, mit einer Klassenlautsprecheranlage ausgestattet. Wir lagen zu 20. in den geräumigen Stuben und hatten bei genügender Verpflegung auch ziemlich guten Unterricht. Allerdings nahm dieser aus Lehrermangel gegen Lagerende hin immer mehr ab. Da Prag  ja nicht weit entfernt ist, fuhren wir des öfteren dorthin um unsere Einkäufe und dienstlichen Sachen zu erledigen. Dort wurden wir auch zum Volkssturm vereidigt, hatten aber niemals Dienst. Verschiedentlich wurde unsere Klasse zum Schneeschippen eingesetzt, da die Zufahrtstraßen verschneit waren. In der Nähe von Böhmisch-Brod liegt der Sender Prag II, dem ich mich mit großem Interesse widmete. Größere Ausflüge unternahmen wir in der Zeit unseres Hierseins nicht. Das Weihnachtsfest, das wir hier verleben mußten, verlief nach einer total mißlungenen Feier auch sehr wenig stimmungsvoll. Selbst unsere Bemühungen waren nicht von Erfolg gekrönt. Auch Sylvester wurde zu einem vollkommenen Versager. Da die Lehrer die ganze Zeit sich in unserer Stube aufhielten, konnten wir die vorgesehene Maskerade nicht durchführen, zumal um 24ºº eine Führerrede war. So endete das Jahr 1944 mit einem Inferno von zerbrochenen Flaschen und Gläsern. Schon der Beginn des nächsten Jahres brachte uns einen Einsatz, dem noch viele folgen sollten.

Am 6. Februar traten wir in den Bahnhofsflüchtlingsdienst ein. Wir hielten uns während dieser Zeit in der Ymca und auf der Schützeninsel  in der Moldau auf. Als eine der drei Einsatzgruppen  hatten wir abwechselnd Tag und Nacht Dienst und halfen den vom Elend heimgesuchten Schlesiern so gut wir konnten, um ihnen ihren Prager Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Unsere Freizeit, die wir reichlich hatten oder uns nahmen, widmeten wir der Stadt selbst und ihren Vergnügungen. Allerdings war die Verpflegung in der Ymca völlig unzureichend, was uns aber nicht viel ausmachte, da wir ja an der Quelle saßen und uns zusätzlich verpflegen konnten. 14 Tage weilten wir in Prag und erlebten auch den 1. Terrorangriff auf die Stadt. Doch zu unserem Bedauern  kam am 20.2.45 unser Böhmisch-Broder Lager an und wir wurden alle nach Schwarzenberg verlegt.

Die Bahnfahrt dauerte 10 Stunden. Schwarzenberg selbst hat keine Bahnstation und ist nördlich Brünn gelegen. Dort lag nun unser Lager, wie in Böhmisch-Brod eine Hauptschule, allerdings hier ein nüchterner Zweckbau amerikanischen Stils, kurzum: ein Kasten. Während der kurzen Dauer des Lagers war die Verpflegung zwar gut, aber äußerst unzureichend. Die Unterkünfte waren ziemlich verlottert, der Putz war von den Wänden abgefallen und an einen Unterricht war kaum zu denken. Da wir mit dem Säubern des Lagers vollauf beschäftigt waren, kamen wir nur selten aus dem Hause. Die Tage vergingen mit dem Reinemachen und Einrichten, und gerade, als wir uns es einigermaßen gemütlich gemacht hatten, kam die Einberufung des Jahrgangs 1929 zum 6.3. ins Wehrertüchtigungslager, kurz WE genannt.

Das WE Lager lag 6 km nordöstlich von Olmütz auf einem Berg, dem „Heiligenberg“. Auch die kleine Ortschaft, die mit einer Wallfahrtskirche, einem Kloster und zwei Hotels dort oben heißt so. Wir hatten das Kloster als Ausbildungslager und waren ziemlich weltabgeschlossen. Das Essen, das uns von einigen Nonnen gekocht wurde, war sehr gehaltvoll und schmackhaft. Unser Dienst beschäftigte sich hauptsächlich mit Gelände- Schieß- und Waffenkunde. Ursprünglich sollten wir nach dem 6 Wochen dauernden Lehrgang entlassen werden, doch wir fielen der überaus schlau angelegten Werbung unseres Oberfeldwebels zum Opfer und verblieben im Lager, das dann als SS Bereitstellungslager belegt wurde.

Man erzählte uns von 1 jähriger Ausbildung und so weiter, aber bald wurde zugegeben, daß es damit nichts würde. Die Ausbildung wurde fortgesetzt, als ob wir noch im WE wären und sollte erst später erweitert werden. Nach langem Hin und Her wurde schließlich einem Teil des Lagers ein Urlaub von wenigen Tagen gewährt. Mit verschiedenen davon betroffenen Kameraden fuhr ich noch einmal  nach Schwarzenberg, holte meine Sachen und machte eine kleine, nette Osterfeier mit. Am selben Tag abends brachen wir nach Prag auf, gelangten dank eines glücklichen Zufalls am 5. April mit dem Gepäckwagen des Prager D-Zuges nach Berlin.

Jedoch nur zwei Tage war uns das Wiedersehen vergönnt, und in diesen Tagen hatten wir auf verschiedenen Dienststellen viel zu erledigen.

Der 8.4. fand uns schon wieder in Heiligenberg, doch einige Tage später wurden wir mit allem Haus- und Küchenrat nach Tschaslau bei Kolin verlegt.

Unsere Unterkunft bestand in einer verdreckten Mittelschule, in die wir uns nach anfänglichem Strohlager auch Betten stellten. Das Essen war im allgemeinen gut, aber für uns doch zu wenig. Hier wurde unsere vormilitärische Ausbildung bei weniger Freizeit fortgesetzt. Bald nach den Tagen, in denen ich mit noch einigen Kameraden an einer Budweisfahrt in Prag gescheitert und wieder zurückgekehrt war, mußten wir der Größe nach antreten und wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die Größten kamen zur „Führerbegleitdivision“, Freiwillige zur „SS Reiterei“ und der Rest zur „SA Standarte Feldherrnhalle“.

Schon am nächsten Tag quetschten sich 50 Mann als 1. Transport in einen Viehwagen der Reichsbahn und ab ging es nach Budweis. Von dort aus fuhren wir mit einem Kohlenzug nach Neuhaus und wurden dort nach Empfang von Marschverpflegung eingekleidet. Nachdem man uns mit allem Drum und Dran eines richtigen Soldaten versehen hatte, nur Gewehre bekamen wir noch nicht, ging es noch am selben Tage weiter nach Linz.

Wir kamen dort gerade in den schwersten Terrorangriff hinein und mußten die Nacht in einem Luftschutzstollen im Linzer Trümmerfeld verbringen. Da der Bahnhof total zerstört war, keuchten wir am anderen Morgen mit unserem Riesengepäck die 2 km bis zum Einsatzort der Pendelzüge. Seit Neuhaus hatten wir nichts mehr gegessen.

Nachdem wir nun eine Ewigkeit gewartet hatten, kam endlich ein Zug. Mit diesem fuhren wir durch das zerstörte Wels nach dem später so viel umkämpften Schärding. Dort stärkten wir uns durch ein kleines Frühstück. Ich hatte aber noch solchen Kohldampf, daß ich mit noch einem Kameraden ein eingetauschtes Brot auf einmal verschlang. Dann luden wir unser Gepäck auf einen L.K.W und setzten uns nach Antiesenhofen in Marsch. Während der ganzen Zeit waren wir ständig von Tiefangriffen bedroht und selbst in Antiesenhofen waren wir davon noch nicht sicher. In Antiesenhofen, das wir nach unserem 18 km Marsch erreichten, faßten wir Verpflegung und stiegen dann auf einen L.K.W, der uns nach Lambrechten brachte, nachdem er ersteinmal in den Straßengraben gefahren war. Während dieser Fahrt konnten wir schon deutlich das Rollen der Passaufront hören.

Um 21ºº kamen wir in Lambrechten an, das als militärisches Ausbildungslager eine Zweigstelle der Zentrale Antiesenhofen war. In einem Gasthaus des Ortes wurden wir untergebracht, 60 Mann in einem Saal, in dem 50 kaum Platz hatten. Die ersten Tage hatten wir außer verschiedenen Appellen noch Ruhe, da noch nicht alle beisammen waren. Bald ging es dann los mit Exerzieren, Marschübungen, Geländediensten und dergleichen mehr; im allgemeinen war die Ausbildung nur eine Erweiterung unserer WE Lager Kenntnisse. Da für unser leibliches Wohl genügend gesorgt war, ließ es sich hier schon aushalten. Bei unserem 1. Unterricht am M.G. kam plötzlich der Befehl: „Fertigmachen zum Abmarsch!“ Nur das Nötigste konnte und durfte mitgenommen werden, und viele Privatsachen blieben im Schlafsaal zurück. Nun ging es Schlag auf Schlag. Sachen abgeben, neue empfangen, Waffenausgabe, Munitionsverteilung, Marschverpflegungsausgabe, und so weiter. Nach dem Mittagessen stiegen wir in 4 Autobusse, die uns nach Antiesenhofen brachten.

Dort erfuhren wir dann, daß es zum Fronteinsatz ginge. Mgs wurden ausgegeben, Handgranaten, Panzerfäuste und noch mehr Munition. Unsere Hoffnung, noch weiter gefahren zu werden, wurde getäuscht. Sämtliche versammelten Kompanien wurden in Antiesenhofen untergebracht und sollten diese Nacht noch dort schlafen. Wir selbst waren in ein Gasthaus gekommen und auf harten Brettern in einen leichten Halbschlaf gesunken. In der Nacht zum 1. Mai wurde es dann bekannt, daß der Führer tot war. Viele meinten: „Nun erst recht!“ Jedoch die Mehrzahl, und unter ihnen ich, sahen jetzt vollkommen schwarz. Am nächsten Morgen wurde uns der Befehl verkündet, daß die „SA-Standarte Feldherrnhalle“ die Donaustellung zwischen Waldkirchen und St. Agatha halten sollten. Als Tagesmarschziel war das 30 km entfernte Peuerbach vorgesehen. Der Marsch war bei der Hitze nicht gerade angenehm, zumal wir anfänglich noch das schwere Gepäck tragen mußten. So manches militärische Kleidungsstück sah man hier und da in den Straßengraben fliegen. Nachdem uns auf der Straße Taufkirchen-Sigharting  durch einen Unfall ein Kamerad verunglückt war, bezogen wir in einer Sighartinger Scheune Quartier. Doch unsere Ruhe dauerte nur bis 4ºº morgens, wo es hieß, der Amerikaner sei uns auf den Fersen. Schon ging es weiter. Einen ganzen Wagen Panzerfäuste mußten wir der Steigung wegen zurücklassen, da die Pferde es einfach nicht schaffen konnten. Da ich während fast des ganzen Marsches das M.G. tragen mußte, war ich heilfroh, als uns an einer Kreuzung einige L.K.Ws aufsitzen ließen und mit nach dem gestrigen Tagesziel, Peuerbach  nahmen, das wir um 9ºº erreichten. Dort gelangte Brot und Wurst zur Verteilung und wir ruhten uns auf dem Stroh im Saal des „Volkshauses“ aus. Nach dem Mittagessen stieg die 1. Kompanie in einen bereitgestellten Omnibus und fuhr los, während wir auf die anderen warteten. Doch lange sollten wir nicht mehr warten, denn plötzlich erhielten wir die Nachricht, daß die Amerikaner in Peuerbach eingedrungen waren und den ersten Omnibus mit allem, was darin war, erbeutet hatten. Auf Befehl eilten wir nur mit Waffen und unter Zurücklassung allen Gepäcks durch die Hintertür in den Wald. Nach kurzem Lauf befanden wir uns auf einem Hügel, allerdings ohne Führer, denn diese, die eben noch von: „Kampf bis zum Letzten!“ geredet hatten, hatten sich mit ihren Fahrrädern verdrückt. Nur ein Obersturmmann, soviel wie ein Gefreiter, weilte noch bei uns. Wir lagerten uns in einer Scheune und warteten das Weitere ab. Gegen Abend kam ein anderer Obersturmmann zu uns hinauf, der uns erzählte, Ungarn hätten unser Gepäck geplündert und die Gefangenen des Ortes seien in den Saal gebracht worden, in dem wir vorher waren. Er könne uns nur empfehlen uns gefangen zu geben, da wir gut behandelt werden würden. Darauf entschloß sich die ganze Kompanie, bis auf 10 Berliner, unter denen auch ich war, sich gefangen zu geben.Während diese ihren Vorsatz ausführten zogen wir 10 los und schlichen uns nach den Sternen Richtung Waldkirchen. Unterwegs vernichteten wir das M.G. und andere Waffen bis auf die Gewehre. Da wir keine Marschverpflegung mehr hatten, ließen wir uns während unseres Nachtmarsches ab und zu von Bauern etwas Brot geben, dem sie freiwillig Most hinzufügten. Um 6ºº des nächsten Tages kamen wir zu einem Bauern, der uns mit Brotsuppe sättigte und uns dann bis Mittag in seiner Scheune schlafen ließ. Nach einem wunderbaren Essen vergruben wir unsere Gewehre und tauschten unsere Kleidung gegen bäuerliche Kleidung. Dann trennten wir uns und ich fand mit noch einem Kameraden, mit Namen Heinz Hoffer für die Nacht ein Quartier. Dort faßte ich den Entschluß, mich nach Thurnau durchzuschlagen, und Heinz schloß sich mir an.

Am anderen Tage setzten wir bei Regen über die Donau und übernachteten in einem nahen Gasthaus. Dann ging es weiter nach Hofkirchen, wo wir die ersten Amerikaner trafen und von nun an bis Wegscheid mit ihnen auf der selben Straße zogen. Auf meine Frage, ob sie uns mit ihren Autos nicht mitnehmen könnten, antworteten sie verneinend. Unterwegs schenkten sie uns einen Mantel, nachdem wir ihnen wie so oft noch erzählt hatten, daß wir aus einer aufgelösten K.L.V. seien. Wir schliefen in Kasperg in einer Scheune und brachen dann nach Sonnen auf. Dort schenkte uns eine Frau ein Brot, allerdings nur in Marken, die wir aber später noch sehr gut gebrauchen konnten. Nachdem wir in Razing übernachtet hatten, marschierten wir über Waldkirchen (in Bayern) nach Perlesreut. Ein Leutnant schloß sich uns dort an und wir bezogen bei einem Schuster Quartier. Dieser Leutnant aber, in Zivil natürlich, brachte uns viele Nachteile, da er uns richtig ausnutzte und außerdem noch sehr große Umwege machte. Kurz entschlossen verabschiedete ich ihn, als es uns zu bunt wurde. Alleine ging es nun wieder schneller. Über Schöffweg gelangten wir nach Abschlag, wo wir zum ersten male in Federbetten übernachteten. Bis Regen waren es jetzt nur noch 3 Stunden. Wir wanderten die Reichsstraße Richtung Westen immer weiter, bis uns ein Auto mit nach Viechtach nahm, wohin das K.L.V. Lager Schwarzenberg verlegt worden war. Dort wurden wir sehr freundlich aufgenommen und machten 2 Tage von der Gastfreundschaft des Lagers Gebrauch. Wir ruhten uns aus und besonders ich ließ meine Füße, die verschiedentlich Blasen aufwiesen, ausheilen. Wir besorgten uns im Rathaus Fahrräder, die die Amerikaner beschlagnahmt und dorthin gebracht hatten, und fuhren wieder los.

Über Miltach wollten wir mach Cham, mußten jedoch wegen Typhusgefahr einen Umweg machen, auf dem unsere Räder dem Überfall einer K.Z. Bande zum Opfer fielen. Wir gingen nun zu Fuß weiter nach Schatzendorf, wo wir über Nacht blieben. Über Rötz ging unser Marsch nun weiter nach Neuenburg und auf Umwegen nach Nabburg, da noch vereinzelt Banden dort ihr Unwesen trieben. Da wir in Schnaittenbach ein Auto nach Nürnberg erwischten, ließen wir die ursprüngliche Absicht, nach Bayreuth zu laufen, fallen. Es war mein Plan in Neustadt erst noch die Großmutter zu besuchen, ehe wir nach Thurnau gingen. Wir liefen also nach Fürth und hatten sofort „Anschluß“ nach Neustadt, wo wir abends um 10ºº vor der erstaunten Großmutter standen. Dort ließen wir uns  Lebensmittelkarten geben und blieben noch eine Woche dort.

Wir wanderten dann über Höchstadt nach Zendtbechenhofen und von da aus über Hirschaid und durch die „Fränkische Schweiz“ nach Sachsendorf. Es gelang uns dort einen Wagen anzuhalten, der das Höchstmaß an km, nämlich 44 an einem Tage, vollmachte. Sonst kamen wir durchschnittlich nur 30 km voran. Von Hollfeld bis Thurnau waren es jetzt nur noch 17 km, die wir am nächsten Tage zurücklegten. Tante Molly nahm uns sehr freundlich auf und wir blieben dort eine ganze Weile. Während Heinz dann weiter nach Celle ging, begab ich mich zu einem Bierbrauer in Berndorf in Arbeit. Nachdem dieser mich jedoch ziemlich gemein ausgenutzt hatte, kündigte ich ihm und ging abermals 2 Wochen zur Großmutter.

Dort holte ich verschiedene zurückgelassene Sachen ab und versuchte einen Passierschein nach Berlin zu bekommen, was mir jedoch wie in Kulmbach auch nicht gelang. Der Rückweg wurde mir nicht schwer, da ich in Kulmbach eine Fahrgelegenheit hatte und so nur noch 12 km zu laufen hatte. Lange blieb ich jetzt nicht mehr in Thurnau, da es mich vieler Gerüchte und Radiomeldungen wegen nach Berlin drängte. Ich reparierte bei Tante Molly noch das Radio und die  Kellerbeleuchtung, baute ein Bügelbrett, sägte und spaltete Holz, ehe ich mich am 12. August entschloß nach Berlin aufzubrechen.

Mit genügend Proviant versehen ging es am 13.8. los. Ich erlangte durch gutes Zureden auf dem Milchauto nach Kronach einen Platz und fuhr dann von Kulmbach bis Leibendorf. Bis Kronach mußte ich nur noch 11 km zurücklegen und dort übernachtete ich bei einem Bauern. Ich wanderte anderntags weiter nach Stockheim und überquerte um 15ºº die russische Demarkationslinie ohne Passierschein. Ich kam, nachdem ich mich durch 7 km Sperrgebiet geschlichen hatte, noch gerade zurecht, um in den Zug Sonneberg Eisfeld einzusteigen. Die Nacht verbrachte ich bei mehrmaliger Kontrolle im Eisfelder Wartesaal. Am anderen Morgen drückte ich mich um 6ºº auf den Bahnsteig und fuhr um 7ºº über Zella Mehlis nach Erfurt.

Mit der Straßenbahn kam ich zu Onkel Guido, der mich bewirtete und mit Marschproviant versah und um 15ºº ging der Zug nach Halle schon ab.

Die Nacht mußte ich in Halle auf dem zerlöcherten Bahnsteig zubringen. Am Morgen des 16.8. stürzte ich mich mit der Volksmenge auf den Güterzug nach Berlin, der dann endlich um 21ºº in Lichterfelde eintraf. Ich löste von Bitterfeld aus nach und wurde gleich nach Verlassen des Bahnhofs von einem amerikanischen Posten kontrolliert. Doch meine bayrischen Papiere taten ihre Schuldigkeit und ließen mich nach 2¾ jähriger Abwesenheit  unter Zurücklegung von 950 km zu Hause eintreffen.

 

 

 

Meinem Vater

zum Weihnachtsfest 1945

Meinhold Haußknecht

 

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