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Paul Diekmann - Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil III (Mai bis September 1916)

Dieser Eintrag "Feldpostbriefe unseres Großvaters Paul Diekmann aus dem Ersten Weltkrieg (Mai bis September 1916)" stammt von Gertrud Mohr, Cord Diekmann und Christel Lohmann [Kontakt: info@cord-diekmann.de, Juni 2008]

Feldpostbrief, 2. Mai 1916

Willemeau bei Tournai
Am Dienstag, 2. Mai 1916, abds. 6 Uhr

Mein liebes Lieschen!

Nun steht schon eure schöne Photographie vor mir, die Du am Sonnabend mit den Handschuhen abgeschickt hast. Ich habe mich herzlich gefreut, auch wenn mein Frauchen ein Kopftuch um hat. Du siehst doch sonst ganz frisch aus.

Aber was ist mit Bub? Der macht ein Gesicht wie Krankenstube und als obs ihm schwer werde, das Köpfchen hoch zu halten. Wie ganz anders der kleine Dicke! Dem scheint zwar auch was nicht zu passen, aber er strotzt doch vor Gesundheit. Und du hast recht, Liesi, wenn du neulich schriebst, daß er immer niedlicher werde. Hübsch wie ein kleines, niedliches Mädel! So hatte ich ihn mir gar nicht vorgestellt! Ich bin stolz auf unsern Jüngsten. Aber am meisten sehne ich mich nach unserm Buben. Wie kann ich mir den flinken kleinen Burschen jedes Mal denken, wenn Du mir Worte von ihm mitteilst! Die Sonne wird ihm ja auch längst wieder rote Backen gemacht haben.

Gestern kam Dein l. Brief vom Freitag. Da kann ja nun plötzlich Helmut auch reden, wenn auch wohl nicht viel. Aber das soll schon noch werden. Und Bubi scheint ja recht weise Reden zu führen, wenn er noch nicht weiß, "wann" er wieder Dein Junge werden will. So etwas muß ja zu interessant sein. Schade, daß ich die Entwicklung bei beiden nicht mit erlebe.

Während ich nach Rudolfs letzter Karte bestimmt annehmen mußte, daß sein Rgt. Herausgezogen sei, schreibt er heute vom 28.4. wieder von Verdun. Der arme Kerl! Er scheint wieder ziemlich fertig zu sein. - Hier ist's heute den ganzen Tag drückend schwül gewesen. Nun donnerts. Ob's aber zum Regnen kommt? Nötig genug wäre schon mal ein Schauer wieder. Daß Ihr im Garten reichlich Arbeit habt, kann ich mir lebhaft denken, zumal wenn auch auf dem Felde die Kartoffeln noch gepflanzt werden müssen. Das alles darf Dich aber nicht verleiten, Liesi, selbst mit zuzugreifen! - Wir hatten heute ziemlich viel Dienst. Für die Kaiserparade gibt's ja noch allerlei zu tun. Um 6 morgens steht man auf. Eigentlich also um 5 Uhr.

Gott befohlen, mein Lieb! Grüß u. küß mir beide Jungen, sei aber vor allem Du heiß geküßt von

Deinem treuen Paul.


Feldpostbrief, 20. Mai 1916

Bapaume, Rue d'Arras 18, den 20. Mai 1916.
am Sonnabendnachmittag 3 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Was sind das für herrliche Maientage. Du lebst doch nun auch sicher wieder auf! Ich lebe ganz der Erinnerung an die gleichen Tage im Vorjahre. Genau dasselbe Wetter. Gestern abend war's ein Jahr, daß wir zum erstenmale in die elenden Gräben bei La Bassée kamen. Und heute vor einem Jahre begann das englische Trommelfeuer. Der Hauptmann war gleich nachts weggeholt. Er mußte das Batl. führen. Und ich die Kompagnie. Essen gab's nicht. Trinken auch nicht. Da sammelten wir am 21. das Regenwasser auf Zeltbahnen u. gruben Löcher, aus denen wir schöpften. Einerlei, wie das Wasser beschaffen war. Ich hatte zum Glück Bansitropfen u. eine Zitrone u. einige Stück Zucker. So hab' ich's ausgehalten.

Am 22. morgens 2 Uhr kamen dann die Gurkhas. Wir siegten. Und wurden abends abgelöst. In mildem, erlösenden Gewitterregen. Am Sonnabend vor Pfingsten. Und dann kam Pfingsten selbst mit strahlender Festessonne, aber mit dem Treuebruch Italiens u. Deiner Nachricht von Theos Tode. Und erneutem wahnsinnigen Artilleriefeuer der Engländer. Da war mir alles gleich. - Und nun empfängt gerade jetzt Italien den Lohn für seinen Verrat! Beinah', als ob der rächende Gott der Weltgeschichte das so gewollt hat. 10000 gefangene Italiener werden heute gemeldet. Und die deutsche Mauer, die vorm Jahre so ernstlich bedroht schien, sie steht fester denn je zuvor. Gott wird auch weiter helfen.

Gestern wurden hier 3 Soldaten beerdigt. Ein Artillerist vom Nordseestrande, ein Infanterist vom Fuße des Schwarzwaldes u. ein Engländer. Freund u. Feind in einem Grabe. So feierlich sollt's eigentlich bei jeder Beerdigung sein! Die Rgtskapelle des Res.Inf.Rgts. 110 spielte herrliche Trauermärsche. Zwei Hilfsgeistliche, ein evangel. Leutnant, ein kathol. Gefreiter, sprachen am Grabe. Und gar der Friedhof selbst! Das ist nun doch der schönste, den ich bisher gesehen. Das 14. Res. Korps hat ein ergreifend schönes Denkmal gesetzt. Inschrift: "Wir neigen das Haupt vor unsern Toten - die furchtlos u. treu ihr Leben boten. - Was sterblich war, brachten wir hier zur Ruh' - ihr Geist zog befreit der Heimat zu. - Den in der Umgebung von Bapaume gefallenen Kameraden zollt seinen Dank durch dieses Denkmal das 14. Res. Korps. 1914 - 1915."

Dicht davor steht das Denkmal für die 1870/71 gefallenen Franzosen. Auf dem Friedhof selbst liegt ein am 3. Jan. 1871 gefallener Artillerie Seconde Ltn. Rechts von ihm u. links ruhen nun die deutschen Offiziere von 1914-1916. Unterschiede gibts nicht. Unsere Soldaten haben die Gräber der Franzosen u. Engländer genau so geschmückt wie die deutschen Gräber. [...]

Gott sei mit Euch u. mit uns! Ich bin u. bleibe in herzlich treuer Liebe stets Dein

dankbarer Paul


Feldpostbrief, 30. Juni 1916

Schützengraben in Gommécourt
Freitag, d. 30. Juni 1916, abds. 1/2 9°

Mein heißgeliebtes Lieschen!

Heute vor 8 Tagen war ich um diese Stunde in Lage. Freude u. Erwartung waren aufs Höchste gestiegen. Eine Stunde späte hatte ich schon mein Lieschen und meinen Ältesten. Seligstes Glück! Gut nur, daß man nicht in die Zukunft schaut! So gab's doch 1 1/2 wirklich ungetrübte Tage. Und ich freue mich, daß ich sie habe verleben dürfen. Ich habe viel von Glück u. Sonne mitnehmen dürfen in das Dunkel der gräßlichen Gegenwart. Heute war's wieder ärger als gestern u. vorgestern. Und noch immer erkennt man nicht, was der Engländer eigentlich will. Jedenfalls sollen wir völlig mürbe u. seelisch gebrochen gemacht werden. Acht Tage währt nun morgen früh das Trommelfeuer. Vorige Nacht ist's nur unsern braven Patrouillen zu verdanken gewesen, daß die Engländer unsere Kompagnie nicht überrascht u. aufgerieben haben. Leider ist wieder der beste u. unerschrockenste unserer Leute dabei gefallen; 5 andere sind verwundet worden. Aber die Wackern haben gesiegt. Gott wird weiter helfen. Zu ihm wollen wir immerdar rufen! Er schütze uns alle! Ich küsse Dich u. die heißgeliebten Kinder!

Mit herzl. Gruß an alle bin und bleibe ich Dein Dich innig liebender, getreuer und dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 9. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre, d. 9.9.1916
am Sonnabendnachmittag um 2 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Dein versprochener ausführlicher Brief ist noch nicht gekommen. Aber auch andere Post kam nicht. Wahrscheinlich klappt's mit der Verbindung nach hier noch nicht. Das Rgt. liegt von unserer Division zu weit ab. Wir gehören augenblicklich zur 26. Res. Inf. Brigade (Generalltn. Frhr. v. Soden). Unsere Postadresse wird aber wohl kaum geändert werden. Jedenfalls schreibe ich's sonst sofort. Im allgemeinen kann man eigentlich sagen, daß es bei uns etwas ruhiger geworden ist. Heute ist z.B. noch wenig geschossen. In den letzten Nächten ist bei dem hellen Mondenschein auch ziemlich gearbeitet worden. Das würden die Engländer kaum dulden, wenn sie die Absicht hätten, bald wieder anzugreifen. Wenn wir aber nur einige Wochen Ruhe bekommen, werden wir die Stellung schon wieder verteidigungsfähig haben. Arbeit gibt's ja mächtig. Besonders wenn am Tage so manches wieder eingeschossen wird, was nachts mit Mühe aufgebaut ist.

Gestern abend war wieder ein schwerer Angriff. Scheinbar dicht links von Thiepval. Ob die Engländer Erfolg gehabt haben, konnten wir von hier aus nicht feststellen. Hoffentlich nicht! Ich war gestern um Mitternacht in Stellung. Eine stimmungsvolle Mondscheinnacht! Besonders, als es um Thiepval ruhiger wurde. Da bin ich zum erstenmale auch durch den Abschnitt der links von uns liegenden 12. Komp. gewesen. Die stößt links an die Ancre. Die Ancre bildet dort aber einen derartigen Sumpf mit kleinen Seen, daß selbst im Hochsommer nicht durchzukommen ist. Deshalb hören dort die Stellungen einfach auf. 300 m jenseits der Bahn, die am Ancretalrande von Achiet le Grand nach St. Albert führt, beginnen am jenseitigen Talrande die Stellungen wieder. Am 3. Septb. haben die Engländer nun auch am Bahndamm entlang durchzukommen gesucht. Es war ihnen auch gelungen. Bis sie dann weiter hinten das Schicksal ereilte.

Dann ging ich ganz zum rechten Flügel meiner Kompagnie. Dort hatte man gestern nachm. im Drahtverhau noch einen englischen Verwundeten bemerkt. Der sollte geholt werden. Ich wollt's eigentlich verbieten. Er lag so dicht am engl. Graben wie an unsern. "Aber wer war da der Nächste dem, der unter die Mörder gefallen war?" Wir sinds gewesen. Unsere Leute haben gesucht, gerufen. Sie waren in höchster Lebensgefahr. Der Verwundete hat sich aber totgestellt u. sich mit seiner Zeltbahn zugedeckt. Heute morgen erst hat man ihn wiedergesehen, als er seinen Kameraden im engl. Graben winkte. Da haben ihn 3 meiner wackern Leute geholt. Behutsam, wie man ein krankes Kind trägt. Beinahe 7 Tage hat der arme Kerl gelegen. Aber gemeldet hatte er sich in seiner Höllenangst vor den Barbaren nicht. Jetzt werden unsere Ärzte alles dransetzen, die schon angefaulten schweren Wunden zu heilen. Na, die Engländer haben unsere "barmherzigen Samariter" wenigstens nicht beschossen. So hat meine Kompagnie nun schon 8 Leute gerettet. Deutsche Barbaren! Ob eine Gerechtigkeit der Weltgeschichte es zulassen kann, dass unser deutsches Volk zugrunde geht?

Vorgestern schickte mir Schneidermann eine Karte aus Oerlinghausen. Er hatte mit Junker u. Lütchemeier eine Wanderung durch die blühende Heide der Senne gemacht. Wie mich da das Heimweh mächtig packte! Du weißt ja, Liesi, wie ich gerade um diese Zeit die braune Senne liebe. Und mit der gleichen treuen Liebe bin ich ewig Dein. Wie heißts in der Löweschen Ballade doch?

"Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat so liebt wie Du!"

In diesem Sinne grüße und küsse ich Dich und die lieben Jungen als Euer treuer Vater.

Gott mit uns allen!


Feldpostbrief, 11. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre, d. 11.9.16
B 6, U. 29, am Montagnachmittag um 4 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Zweierlei kam gestern aus Nienhagen. Dein l. Kartenbrief u. die Photographie von Helmut. Da haben wir zwei mal wieder den gleichen Gedanken gehabt. Gestern schrieb ich vom Photographen Hey, u. gestern abend erzählst Du mir vom vergeblichen Versuche, unsere beiden Jungen bei ihm photographieren zu lassen. Gewiß hat das meine Geburtstagsüberraschung werden sollen. Schade!

Auf Friedels Karte scheint mir Paulchen nicht geraten zu sein, weil die Platte nur teilweise benutzt worden ist. Und Helmut macht ein so finsteres Gesicht, als ob ihm das Photographieren durchaus nicht passe. Sonst sieht er aber prächtig aus. Fleischnot merkt man ihm nicht an. Auch der kleine Anzug steht ihm gut. Ob Du den kleinen Dicksack überhaupt noch tragen kannst? Wie ist's mit Bubi jetzt? Du schriebst von Appetit und Befinden längere Zeit nicht. Da ist beides hoffentlich gut! Und wenn Du jedesmal schreibst "uns geht's gut", dann bist Du selbst doch hoffentlich auch mit eingeschlossen!

Friedel schreibt nichts von Forbach. Möglich, daß er da doch noch einmal in der Senne bleibt. Hoffen wir für ihn das beste! Rudolf scheint's im Lazarett schon lange nicht mehr zu passen. Er sehnt sich zum Regiment zurück. Ich kann so etwas wohl verstehen. Wenn Du Wegeners Karten u. Briefe mal gelesen hast, findest Du da stets dieselbe Erscheinung. Man möcht's beinahe Heimweh nennen. Und zu verstehen ist's ja. Zwei Jahre bin ich nun beim Regiment. Man ist mit ihm verwachsen. Und durchs ganze Leben hindurch würden später meine Gedanken noch oft zurückfliegen, würden all das Unangenehme und Grausige überhasten und haften bleiben an dem vielen Schönen und Guten u. Edlen, das man gesehen und erlebt, an Heldentum und Freundschaft und Treue. Der Schatz solcher Erinnerungen ist gottlob ein reicher. Was steckt ja schließlich auch in all den Briefen, die ins Feld kamen, u. die ich aus dem Felde schrieb. Ich glaube beinahe, ich könnte mich später bei jedem einzelnen Briefe wieder in die Situation hineinversetzen, aus der heraus er geschrieben worden ist. Und wieviele erinnungsreiche Tage jähren sich nun bald zum zweitenmale mitten im Kriege! Jetzt vor einem Jahre war ich in der Heimat. In einigen Tagen ist schon unserer lieben Mutter Todestag. In den Tagen, die dann folgen, ist mir beinahe jede Stunde in frischer Erinnerung. Irgend etwas werdet Ihr ja dem lieben Großmütterlein zu Liebe tun am 15. Septb., ohne daß ich besonders darum bat.

Hier wirds eigentlich täglich ein wenig ruhiger. Wenigstens scheint mir's so. Weiter links tobt die Schlacht allerdings weiter. Kleine Erfolge haben dabei wohl die Gegner stets. Bei dem gewaltigen Munitionseinsatz ist das natürlich kaum ein Wunder. Ob die Erfolge den Opfern entsprechen? Eigentlich wohl kaum. Aber auch unsere Verluste sind stets groß. Wie lange wäre wohl schon der Krieg vorbei, wenn Amerika nicht die Munition lieferte! Nun sollen wieder Dänemark u. Holland zwischen Krieg u. Frieden schwanken? Genau wie Griechenland. Na ja, wenn's sein soll, dann nur bald! Daß doch die Entscheidung kommt! So oder so! - Natürlich haben auch wir uns über den Fortschritt in Rumänien gefreut. Hoffentlich gehts so weiter! - Ich bin jetzt oft erkältet. Das kannte ich bisher im Schützengraben nie. Gestern ging's auch mal wieder besser. Dafür spüre ich ja nun meinen Rheumatismus weniger.

Wie gehts eigentlich dem lieben Vater? Arbeitet er nicht zuviel? Grüß ihn doch bitte ganz besonders u. sage ihm, daß ich schriebe, sobald ich ein bischen Zeit mehr hätte. Ich denke so oft an ihn. - Grüß auch alle andern u. küß unsere beiden Jungen! Auch Dir heiße Küsse u. "Gott befohlen!"

Dein tr. Paul.


Feldpostbrief, 15. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt, den 15. Septb.
B 6, U. 29., Freitag, mittags 1/2 1 Uhr.

Mein heißgeliebtes bestes Lieschen!

Heute ist Mutters Todestag. Ich will nicht traurig sein und nicht weich werden. Und davor bewahrt mich am besten das prächtige Bild von Dir und unserem Buben in blühender Heide.

 

Er bedeutet mir in seiner blühenden Gesundheit und seinem lachenden Gesicht die bessere Zukunft, wie mir das liebe Mütterchen die schöne Vergangenheit, das eigene Jugendland bedeutet. Du u. ich, Liesi, wir sind die Gegenwart, die schwere, kampfdurchzitterte. Wir müssen beide kämpfen für unsere Kinder, für Deutschlands Zukunft. Und so wie Paulchen vor mir steht, ein Kind der schönen Heimat, frisch u. froh u. kerngesund, ist er schon hineingewachsen in ein Alter, das für uns beide selbst die ersten Erinnerungen unseres eignen Lebens bedeutet. Wie würde sich das tote Mütterlein des Enkels gefreut haben, der heute sicher mit Blumen an ihrem Grabe steht! Gewiß blickt's heute segnend nieder auch auf unsere beiden Jungen. Und wir beide handeln ganz im Sinne der teuren Toten, wenn wir unsere Kinder erziehen zur Schlichtheit und Einfachheit, aber an ihre geistige Ausbildung alles wenden u. in ihnen den Sinn wecken nicht bloß fürs Gute und Edle, sondern auch fürs Schöne, für alle echte, wahre Kunst. Da ist alles Geld gut angelegt. So hat unsere Mutter auch stets gedacht, und wir verdanken ihr gerade da so viel. Gut, daß gerade in diesem Stücke auch wir zwei so ganz eines Sinnes sind, Liesi!

Mutters Todestag hat mich mit Trommelfeuer geweckt. Um 1/2 7 wars. Vom Unterstande aus sah ich den klarblauen Himmel, sah auch den Mond im Westen verblassen. Die Sonne sah ich nicht. Ich konnte beim besten Willen den Unterstand nicht verlassen. So lag das Feuer vor dem Eingange. Wohl waren's nur Schrapnels u. kleine Granaten. Aber die hagelten so dicht, daß jeder Versuch herauszuspringen, den sichern Tod bedeutet hätte. Meine Telefonverbindungen waren sofort zerstört, u. ich wußte noch nichts von meiner Kompagnie. Natürlich hörte ich, daß noch nicht angegriffen wurde. Es war noch kein Gewehrfeuer. Nur ganz rechts arbeiteten schon Maschinengewehre. Dann wurd's ruhig. Am Morgenhimmel stand blutigrot die Sonne. Morgenrot, Morgenrot!

Zum Ancretal hinunter wälzte sich langsam der Pulverdampf. "Ihr Blutrauch hüllte die Sonne in Nacht." Aber lange Zeit zum Beobachten blieb nicht. Meine Ordonannzen waren kaum vom ersten Graben zurück, als das 2. Trommelfeuer einsetzte. Wieder 1/2 Stunde. Noch toller als vorher. Der Unterstand bebte in allen Fugen. Dann wurd's wieder still. Es war 8 Uhr. Ich ging durch meine Kompagnie. Alles auf dem Posten. Warum kamen nun die Engländer nicht? Alles wartete sehnlichst. Der so schön aufgebaute Graben war entsetzlich verwüstet. Man kannte ihn nicht wieder. Aber - Wunder Gottes! - kein Mann verwundet! Mutter Erde schirmt u. schützt! Dicht rechts von uns hatten's die Engländer bei der 2. Komp. versucht, vorzukommen. Wohl 40 Mann haben den Graben verlassen, sind planlos hin- u. hergelaufen, nur nicht auf unsere Gräben zu, u. nun liegen wohl 20 von ihnen bleich, blutig u. tot auf dem grünen Rasen. Unsere Artillerie u. die Maschinengewehre haben gründliche Arbeit geleistet. Ich sah nur Tote, keine Verwundete. Wir alle stehen vor Rätseln. Was soll solch' schwächlicher Versuch? Der wird stets mißlingen!

Ich erhielt gestern abend Deinen I. Kartenbrief vom Montagnachm. Daß Du ein Mädchen nehmen willst, freut mich sehr. Hoffentlich triffst Du es gut! Über Friedel erfahre ich gewiß bald neues. Ich kann ihm dann endlich schreiben.

Mit herzlichem Gruß an alle und mit heißem Kuß für Dich u. unsere Jungen bin u. bleibe ich in treuer Liebe stets Dein

dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 16. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt sur Ancre
B 6, U. 29., Sonnabend, 16. Septb. 1916, 7 Uhr abds.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Zwar kam von Dir gestern abend keine Post, aber Dein und Bubis liebes Bild reichen vorläufig hin, so etwas nicht zu schwer zu empfinden. Die schöne Photographie habe ich immer vor mir auf dem Tische, und abends fällt mein letzter Blick auf sie. Ich kann mich an meinem Jungen nicht satt sehen und meine so oft, Bub könnt's garnicht sein, der da so groß und verständig vor mir steht. Alle freuen sich über das Bild. Wie dem Jungen der Anzug sitzt, sein Höschen, sein Kittel! Und wie selbstverständlich und frei ist seine Haltung! Freust Du Dich nicht auch immer wieder über Deinen lieben Jungen?

Jedesmal, wenn draußen Trommelfeuer einsetzt, dann werfe ich noch einen Blick auf Euch beide. Dann weiß ich, für wen ich dem Tode ins Auge schaue, und dann stecke ich das Bild in meine Brieftasche. Ich möcht's im letzten Augenblicke bei mir haben u. auch, wenn man in Feindes Hand geraten sollte. Das Bild würde über vieles weghelfen.

Vom Angriff gestern morgen erzählte ich Dir schon. Gestern abend wiederholte sich dieselbe Sache. Diesmal ging's gegen die 12. Komp. links von mir. Eine starke englische Patrouille wollte sich dort heranmachen, wurde aber früh genug bemerkt u. war bald erledigt. Ein engl. Leutnant mit seinem Burschen wurde gefangen genommen. Ersterer schwer verwundet. Er ist auch wohl bald danach gestorben. Gleichzeitig kam auf meinen Abschnitt ein wahnsinniges Minen- und Artilleriefeuer. Ich hatte mich gerade todmüde zur Ruhe gelegt. Euer Bild neben mir. Im nächsten Augenblick steckte ich wieder in Waffen und unterm Stahlhelm. Im gleichen Augenblick erzitterte der ganze Unterstand, u. die Treppe herunter kamen Mengen von Steinen und von Geröll. Eine schwere Granate hatte den Eingang getroffen. Gut, daß 20 m weiter rechts noch ein zweiter Ausgang war! Als nach 1/2 Stunde das Feuer schwieg, haben sofort 10 meiner Leute mit den Aufräumungsarbeiten beginnen müssen. Und heute morgen war die Treppe wieder frei. Wie hätte man früher gezittert u. gebebt bei so etwas! Heute denkt man nichts mehr dabei. Man lebt ja ständig in Todesgefahr.

Aber wie sehen meine schönen Gräben wieder aus! Die ganze Nacht mußte gearbeitet werden, damit sie wieder gangbar wurden.

Die Strafe folgt jetzt schon. Gerade wurde ich gerufen, weil wir einen Gasangriff auf Thiepval machen. So etwas habe ich so deutlich noch nie gesehen. Der giftige grüne Gasdampf kriecht langsam über die englischen Linien weg, Tod bringend und Verderben. Und unsere Leute stehen und reiben vor Vergnügen die Hände und machen faule Witze. So macht der Krieg. Der Engländer würd's ja auch gewiß nicht anders machen. Jetzt zittert und bebt man dort vor unserm Angriff. Und die englische Artillerie legt ein Sperrfeuer auf unsere Gräben an der Höhe links von Thiepval, wie ich es auch noch nicht gesehen. Es ist schaurig schön. Und dabei geht im Westen friedlich u. still wie immer an schönen Septemberabenden die Sonne unter, als sähe sie nichts von all dem Blut und Jammer u. Tod.

Gestern hat man mir nun auch meinen braven fleißigen Feldwebel Leutnant Reineke genommen. Er ist Verpflegungsoffizier des Bataillons geworden. Ich gönne ihm den schönen Posten, aber er wird mir noch lange fehlen.

Ich muß nun noch schnell vorn zur Kompagnie. Leb wohl, Liesi, u. "Gott befohlen!" Ich bin und bleibe mit herzlichem Gruß u. Kuß für Dich und unsere Buben in treuester Liebe stets

Dein dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 18. September 1916

Im Schützengraben vor Beaucourt, den 18. Septb. 1916
B 6, U. 29., Montagabend 1/2 7 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Mein Tagebuch vom vorigen Jahre habe ich nicht hier. Aber ich glaube, daß es genau um diese Stunde war, als ich erfuhr, daß ich keine Mutter mehr hatte. In meiner schönen Kompagnieführerdeckung am Jägerhof bei La Bassée hatte ich auch damals gerade meinen Brief an Dich zu schreiben angefangen, als mir der Telefonist den Fernspruch mitteilte. Du erinnerst Dich wohl noch. Damals war prachtvolles Herbstwetter. Und als ich am andern Morgen vom Rgts.-Motorfahrer bis Lille mit seinem Motorrade gebracht wurde, hatte es stark gereift. Jetzt regnets draußen in Strömen.

Unsere kaum wieder aufgeschütteten Gräben zerfließen, und all die viele Arbeit der schweren 14 Tage scheint vergeblich. Wenn der von all der Artilleriemunition völlig zu Mehl gewordene Kalkboden mit Wasser sich mengt, dann gibts Kalkschlamm. Und der fließt dickflüssig. Das Zeug klebt an den Füßen, daß man kaum weiterkann.

Die Gefechtstätigkeit leidet natürlich unter solchem Wetter. Gestern abend habe ich wieder ein schauerliches Schlachtenbild gesehen. Eins übertrifft jetzt immer das andere. Und dabei glaubte ich immer schon, furchtbares mitgemacht zu haben. Es ging mal wieder um Thiepval. Und die Dunkelheit schickte ihre ersten Schatten. Aber die Höhe rechts von Thiepval war in Feuer gehüllt. Und Rauch zog über dem Ganzen hin, der all die Schrecken verhüllen wollte. Aber blutrot leuchteten 4 Schweinwerfer durch den dichten Rauch. Das werde ich nie vergessen. Sie sollten wohl den stürmenden Engländern Signale sein. Aber etwas so Grausiges, wie diese buchstäblich blutroten Lichter in ihrem ruhigen Schein in all dem wehenden Rauch u. zwischen dem zuckenden Feuer krepierender Granaten u. Schrapnels sich dem Auge darboten, Liesi, das läßt sich nicht beschreiben, dafür hat auch kein Maler Farben. Uns möge man Schlachtenbilder zeigen später, soviel man will -solch grausige Wirklichkeit kann nie und nimmer dargestellt werden.

Ob etwas erreicht ist durch den Sturm, das weiß ich nicht. Wahrnehmen konnte ich's nicht. Der heutige Heeresbericht konnte davon noch nichts bringen. Im übrigen lautete er ja nicht gerade ungünstig. Vor allem in Rumänien ist unsere Lage scheinbar günstig. Und es gibt ja heute viele Leute, die glauben, dort, fern im Osten, falle die Entscheidung.

Ein Brief kam gestern von Dir nicht. Da gibt's gewiß doch heute einen. Vielleicht sogar ein Paket. Morgen hat ja Dein Paul Geburtstag, u. den vergißt mein Frauchen nicht. 35 Jahre. Dein Mann wird alt, Liesi! Aber mein Herz ist jung geblieben und wird's auch bleiben, wenn ich Leben u. Gesundheit behalte.

Wenn alles gut geht, werde ich morgen durch die 10. Komp. abgelöst, u. ich kann morgen abend meinen Geburtstag in 2. Stellung feiern. Da ich mit dem Kompagnieführer der 10. Komp., Ltn. Neise, sehr gut fertig werde, ist das Zusammenarbeiten der beiden Kompagnien ein Vergnügen. Vielleicht ist um 9 Uhr die Ablösung schon beendet. Dann gibts für 14 Tage ein vielleicht etwas ruhigeres u. regelmäßigeres Leben. Hier gings an die Nerven.

Leider ist mein gestriger Brief nicht mitgekommen u. liegt noch auf der Schreibstube. Nun wird er wohl mit diesem Br. zusammenkommen.

Ich bin mit herzlichstem Gruß u. heißem Kuß in treuer Liebe

"Gott befohlen!" Euer Vater


Feldpostbrief, 30. September 1916

Im Bismarckstollen, den 30. September 1916
Sonnabend, abends 12 1/4 Uhr.

Mein heißgeliebtes, gutes Lieschen!

Eigentlich ist 's ja schon Sonntag. Aber soeben kam telefonischer Befehl, daß um 1 Uhr die Uhren auf 12 Uhr zurückgestellt werden. Da beginnt also der 1. Oktb. erst um 1 Uhr. Und im Grunde genommen ist eine Stunde gewonnen. Die will ich dann noch schnell für mein Lieschen benutzen. Wir haben bis eben gemütlich bei einem Glase Bier zusammengesessen. Das hat uns gut geschmeckt. Denn keiner von uns hatte gehofft, daß heute abend der schöne Bismarckstollen noch in unserm Besitz gewesen wäre. Heute morgen griffen die Engländer an. Heute nachm. gegen 1/2 6 Uhr wieder. Überraschend. Ohne große Artillerievorbereitung. Das sollte wohl endgültig die wichtige Höhe links von uns den armen Regimentern dort nehmen. In hellen Haufen sahen wir die Engländer bereits am diesseitigen Hange laufen. Unsere Artillerie sah das zu spät. Aber trotzdem glauben wir, daß die Engländer nichts haben halten können. Ich sage Dir, Lieschen, das erleichtert! Verzweifeln hätte man mögen, als die Kerle wie die Sündflut kamen. Und wir konnten doch nicht helfen. Schießen durften wir nicht. Es konnten ja flüchtende Deutsche sein. Aber gejubelt haben wir, als einzelne Leute zurückliefen. Das mußten ja fliehende Feinde sein. - Nun sind's 5 Tage, daß die Engländer anrennen. Ob sie's bald aufgeben? Erreicht haben sie doch nicht besonders viel. - Ich habe aber an jedem dieser 5 Tage einmal meinen Tornister mit dem Nötigsten gepackt für den Rückzug oder für die Gefangenschaft. Eins von beidem kommt nur in Frage, wenn links die Höhen nicht zu halten sind u. man am Leben bleibt. Jetzt kehren aber Hoffnung und Vertrauen wieder.

Da kam mir eben telefonische Nachricht vom Major, daß unser Falkenheyn eine rumänische Armee vernichtend geschlagen habe. Und in Amerika scheint unsere "Bremen" glücklich gelandet zu sein. Gottlob! Nach trüben Tagen endlich Sonne! Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten! Du glaubst kaum, Liesi, welch schwerer Druck von mir genommen ist!

Dazu kam schon heute Dein lieber, lieber Brief vom 28.9. Herzlichsten Dank dafür. Auch für die Heideblümchen! Von Lina kam ein Brief vom 16.9. Der hatte erst den Umweg über sämtliche Kompagnien des R.l.R 15 gemacht, weil er dorthin adressiert war. - So, Liesi, gleich ist 's 1 Uhr. Da stelle ich die Uhr auf 12, u. dann gehe ich zu Bett.

Morgen mehr! Gott befohlen und gute Nacht!

Dein treuer Paul.

weitere Feldpostbriefe von Paul Diekmann:
Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil I (Mai bis Dezember 1915)
Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil II (Januar bis April 1916)
Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil IV (Oktober bis Dezember 1916)
Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil V (Februar bis Mai 1917)
Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil VI (Juni bis Juli 1917)
Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil VII (November 1917)

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