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Ursula Sabel: Luftangriffe auf Duisburg

Dieser Eintrag stammt von Ursula Sabel (* 1924) aus Kenn bei Trier , 25.04.2000:


Im Jahre 1940 kam der Krieg für uns in Duisburg wesentlich näher. Es begann die schreckliche Zeit der Luftangriffe. Zunächst wurden die Angriffe nur bei Nacht geflogen. Wenn die Maschinen in Grenznähe gesichtet wurden, ertönten bei uns die Sirenen in dem furchtbaren Jaulton, viele Male auf und ab, 'Alarm'. Alle Bürger hatten sofort den Keller oder einen anderen Schutzraum aufzusuchen.

Mit dicken Eisenbahnschwellen hat mein Vater schon bald unseren Vorratskeller abgestützt; er lag mitten unter unserem Haus ohne Außenmauer. Meist lagen wir schon zu Bett, wenn die Sirene ertönte. Dann mußten wir uns im Dunkeln anziehen, denn es durfte bei Strafe kein Lichtschein nach draußen fallen. Wir schnappten uns unsere Koffer und ich auch meine Geige und dann schnell in den Keller. Dort standen dann später zwei Holzpritschen zum Hinlegen. Und wir blieben bis zur 'Entwarnung', einem langgezogenen Dauerton.

Die vorgeschriebene Verdunkelung brachte übrigens manche Arbeit mit sich. Wir hatten zwar Außenblenden vor den Fenstern, aber durch die vielen Rillen wäre Licht nach draußen gedrungen, und die Flugzeuge hätten vielleicht einen Anhaltspunkt für ihr Ziel gehabt. So beklebten wir unsere Blenden mit schwarzem Papier, und waren ängstlich bemüht, pünktlich zu schließen. Aber vor die vielen kleinen Treppenfenster machte mein Vater kleine schwarze Rollos aus Papier, mit denen man sehr sorgfältig umgehen mußte.

In unserer weiteren Nachbarschaft wohnten Eisenbahnerfamilien, deren Männer irgendwann in ihrem Garten einen kleinen Bunker bauten. Aber nur wer sich beteiligt hatte, durfte hinein. Da hatten wir Pech, denn mein Vater erfuhr zu spät davon, hätte aber auch nicht zum Material etwas beitragen können. So blieb uns lange nichts anderes übrig, als im Keller Sicherheit zu suchen. Leider hörte man oft, daß die Menschen dort getroffen und unter dem Haus verschüttet wurden. Manchmal blieben wir auch zitternd oben in unseren Betten, es mußte uns ja nicht gerade treffen, so dachten wir. Aber schlafen konnten wir doch nicht vor lauter Angst. Oft brummten die Flieger über unserem Haus.

Allmählich nahmen die Überflüge und die Angriffe auf die Städte immer mehr zu, und es wurde uns klar, in welcher Gefahr wir uns befanden, und daß unser Keller vielleicht unser Grab werden könnte. Da beschloß mein Vater, meiner Mutter und mir in unserem Garten einen Unterstand zu graben, wie im ersten Weltkrieg im Schützengraben. Aber er wollte es uns recht gemütlich machen, soweit das möglich sein könnte. Ich bin ihm dabei zur Hand gegangen: erst wurde ein tiefes Loch ausgehoben, so daß meine Mutter und ich uns gerade gegenüber sitzen konnten. (Mein Vater und mein Bruder mußten bald mit der Schule in die Kinder-Landverschickung).
Die Abdeckung des Eingangsloches machte Vater aus einem dicken, gebogenen Baumstamm wie ein Tor. Das Dach machte er aus dicken Brettern und deckte alles mit viel Erde hoch angehäuft zu. Eine Türe gab es nicht, der schräge Eingang führte im Winkel hinunter. Die Wände kleideten wir mit Flechtwerk aus Reisig aus, zwei Bretter wurden unsere Sitzgelegenheit. So waren wir vor dem Verschüttetsein bewahrt, nur ein direkter Treffer konnte uns evtl. das Leben kosten, aber wahrscheinlich gab es ja genügend andere Ziele; so fühlten wir uns relativ sicher.

Wie oft bin ich mit meiner Mutter in den folgenden Monaten sogar im tiefsten Winter mitten in der Nacht bei Eis und Schnee in voller Garderobe, dazu mit Jacke, Mantel und Schal, mit altem Kittel als Schutz vor Nässe und Schmutz, mit Mütze und einem alten ausgedienten Stahlhelm durch den Garten gelaufen, einen großen Koffer und meinen Geigenkasten in der Hand. Den Koffer stellten wir an unserem Gartenzaun ab, und meine Geige nahm ich mit in unseren Unterstand in unser gemütliches Erdloch. Man soll es nicht glauben, aber wir schliefen oft im Sitzen ein und wurden erst durch die Sirene bei der Entwarnung wieder wach nach manchmal mehr als einer Stunde - oder zwei.

Am anderen Morgen standen wir aus unseren Betten auf, und ich fuhr mit dem Rad zur Schule, als ob nichts gewesen wäre. Erst 1942 begannen die Tagesangriffe, so daß wir Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatten.

lo