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Viktor Staffa: Als 15-Jähriger von Rotarmisten gefangen genommen

Dieser Beitrag stammt von: Viktor Staffa (*1929) aus Untergriesbach, Februar 2014

Im März 1945 durchbrachen die Russen bei mir in der Heimat bei Proskau die deutsche Front an der Oder. Eines Tages machte ich mich von meiner Tante, die im Dorf Ringwitz untergebracht war, auf, um nach Hause zu laufen. Unterwegs traf ich zwei Männer aus dem Heimatort, die mussten auf ihre alten Tage noch beim Volkssturm mitmachen. Eine alte Knarre in die Hand gedrückt, ohne militärische Ausbildung gegen die Russen kämpfen. Die kamen aber mit Panzern an und walzten alles nieder. Die Männer mussten ihre Familien verlassen, waren kleine Landwirte und Waldarbeiter, kannten sich im Wald gut aus, aber nicht mit alten Karabinern. Wir waren den ganzen Tag auf den Beinen, ohne was zu essen und mussten versuchen, in den Wald zu kommen. Bis zum erhofften Wald waren es ungefähr noch 5 km, und langsam wurde es finster. Kurz vor dem Wald hieß es plötzlich laut "stoj". Wir haben die Russen gar nicht gesehen, aber der Traum nach Haus zu kommen, war vorbei. Wir wurden mit erhobenen Händen in die nächste Ortschaft geführt. Der vor mir gehende Gefangene murmelte immer: Jetzt werden sie uns erschießen.

In einem größeren Anwesen wurden wir in einem großen Zimmer, in dem sich wohl schon 50 Gefangene befanden, untergebracht, meistens Zivilisten. Zusammengekauert übernachteten wir, und in aller Früh ging es gleich weiter. Eine Kolonne von ca. 100 Mann waren unterwegs, auch viele Soldaten, welche in anderen Gebäuden untergebracht waren. Unterwegs rollte eine russische Panzereinheit Richtung Westen. Einer von den Zivilgefangenen sprang aus der Kolonne und warf sich unter einen Panzer. Ein zerquetschter Körper lag auf der Straße. Die Panzer hielten an, die Gefangenen gingen weiter. Am späten Nachmittag kamen wir in Klein-Strelitz an. Hier sind wir auf einem Bauernhof mit einer Schreinerei, umgeben von einer Mauer, zur Nacht untergebracht worden. Hinlegen im Hof auf blanker Erde in einer kalten Märznacht, denn in der Schreinerei waren alle Stehplätze schon belegt. Ich machte mir Gedanken über das Abhauen, eine Möglichkeit hätte es sogar gegeben. Den Weg von hier bin ich mit meinem Vater zweimal gegangen, es waren 11 oder 12 km durch den Wald nach Hause. Aber es wurde von russischer Seite gesagt, dass 20 Mann erschossen werden, wenn einer abhaut! Da ging es mir durch den Kopf. wenn es dann Familienväter trifft und die Kinder warten auf den Vater und der starb, weil ein 15-Jähriger abgehauen ist in der Dunkelheit? Das kannst du nicht machen, wie würde man damit später im Leben fertig? Da sagte ich zu mir selbst: "Wenn du überleben sollst, dann wirst du überleben, solltest du nicht überleben, dann hat dich das Schicksal ereilt!" Da half nur noch Gott vertrauen!

Am nächsten Tag ging es Richtung Krappitz und weiter nach Cosel. Obwohl es Mitte März war, hatte der Wettergott mit uns wohl Mitleid, denn es gab keine Nachtfröste mehr und am Tage war es angenehm warm. Zwischen Krappitz und Cosel wurde der ganze Trupp von ca. 100 Mann von einem Kommissar und Offizier der Roten Armee angehalten. Jetzt wurde entschieden über Leben und Tod! Der Kommissar und der Offizier gingen die Reihen durch, schauten sich die Soldaten an und es hieß sehr oft: "ty Ruski" (du Russe), raus aus der Kolonne! Viele antworteten mit "da", also ja, und mussten aus der Reihe treten. Einige antworteten gar nicht und traten ebenfalls aus der Reihe. So holte man 10 bis 12 Soldaten aus der Kolonne heraus. Sie wurden vor eine Scheune geführt, welche etwas tiefer lag wie die Straße, Zwei Soldaten der Roten Armee kamen hinzu, jeder mit einer Maschinenpistole, legten an und erschossen die Soldaten vor unseren Augen. Die Rotarmisten wurden zu Todesarmisten, Befehl ausgeführt! Da merkte ich wie mir die Knie zitterten. Nach getanem Mord an Gefangenen hieß es rechts um und weiter ging der Marsch Richtung Hölle! Einige der Soldaten waren wohl von der Wlassow-Armee, welche auf deutscher Seite gekämpft hat. Die Kosaken haben in ihrer Geschichte sehr oft auf der falschen Seite gekämpft für ihre Unabhängigkeit, auch dieses Mal.

Im Nächsten Ort kam uns eine Russin hoch zu Ross entgegen geritten. Ich ging in der Kolonne ziemlich vorne, mir nichts dir nichts schlägt sie mit der Reitpeitsche auf mich ein. Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht! Der Hass macht einen Menschen zur Bestie. Vielleicht haben ihr meine blonden Haare gefallen? Wie dem auch sei, dadurch wurde ich aus dem Erschießungtrauma geweckt. Ein paar Kilometer weiter sah ich im Straßengraben ein halbes Wagenrad von einem Bauernbrot liegen. Mit einem Sprung in den Graben, Brot erwischt und mit einem Satz zurück in die Kolonne. Der Posten hatte die Maschinenpistole schon entsichert. Zu was man nicht allem fähig ist, wenn man so einen unbeschreiblichen Hunger hat! Jeder der hungrigen Gefangenen wollte von mir ein Stück Brot, aber leider binnen paar Minuten war alles verteilt und verschlungen, für mich blieben auch nur ein paar Bissen. Dies war wohl das erste Mal, dass ich Brot verteilt habe, obwohl ich selber keines hatte, dafür aber großen Hunger. Dies war auch für mich der erste Bissen Brot nach 3 Tagen. So gelangten wir irgendwann nach Cosel, und da erwartete uns ein grausiger Anblick: Überall am Straßenrand und in den Gärten lagen Tote übereinander, Deutsche und Russen im Tod vereint. Weiter ging es in ein Auffanglager nach Heidebrück und hier gab es auch eine warme Suppe, endlich was Warmes für den Magen. Am nächsten Tag wurden die Zivilisten von den Soldaten getrennt und 2 Tage später hieß es wieder marschieren Richtung Oppeln. Alles Männer aus der Umgebung, Arbeiter und Bauer, die noch arbeitsfähig waren, und einige Jugendliche.

Ostersamstag schließlich kamen wir in Groß-Strelitz an. Zu Ostern 1945 wurden wir an die Polen übergeben. Man wollte über die Osterfeiertage die Gefangenen nicht durch die Dörfer und Städte führen, nachdem die Auferstehung Christi in den Kirchen gefeiert wurde. So wurden wir in Groß-Strelitz im Gefängnis eingelocht. Es gab wenigstens 2 mal am Tag Pellkartoffeln zu essen, aber einmal am Tag den langen Gefängnisspaziergang, Spießrutenlaufen. Wer sich so was ausgedacht hat und das zu Ostern, wie kann man sich zu so einer Brutalität hergeben, und das in einem christlichen Polen. Wenn ich an einem der Schläger vorbei musste, schaute ich ihm in die Augen und beobachtete die Hand mit dem Stock. Holte er aus, versuchte ich zur Seite zu springen. Sehr oft ist es mir gelungen, dem Schlag auszuweichen. Aber die alten Männer, es waren doch nur Bauern und Arbeiter, alle so um die 50 Jahre alt, auf die man eingeschlagen hat. Mancher alte Mann konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, und dann wirst du noch geprügelt.I ch konnte es nicht verstehen, zu was erwachsene Männer in ihrem Hass fähig sind, und das zu Ostern, obwohl fast alle Christen waren. Im Hass hat man auch seinen Glauben verloren. Liefen denn nur noch Teufel in Menschengestalt herum?

Nach Ostern holten uns die Russen wieder aus dem Gefängnis in der Früh ab, abzählen, stimmt die Zahl der Sklaven noch und weiter ging es Richtung Süden. Eines Tages kamen wir in Peiskretscham in einem Durchgangslager an, noch in derselben Nacht ging es mit dem Zug Richtung Osten nach Russland zum Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer durch das deutsche Militär. 40 Mann in einem Waggon. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Wir sahen aber auch, was der verfluchte Krieg für Leid und Schäden angerichtet hat. Da brauchte man sich nicht zu wundern, wenn uns Deutschen manchenorts so ein Hass entgegen schlug.

Nach etwa 10 Tagen Fahrt standen wir am Asowschen Meer vor Rostow, einige Meter vom Wasser entfernt. Auf freier Strecke blieb der Zug stehen, weit und breit nichts zu sehen außer dem Meer und den langen Transport. Wir durften aus den Waggons und runter zum Meer. Nach langer Zeit hat man sich ein wenig waschen können, was für eine Wohltat! Am nächsten Tag ging es durch einige Tunnels von Majkop zum Schwarzen Meer. In der Nähe von Sotschi blieb der Zug auf freier Strecke stehen, rechts das Schwarze Meer, links die hohen Berge des Kaukasus. Das Schwarze Meer war auch tatsächlich schwarz. Es ging weiter, es muss um den 20. April 1945 gewesen sein, waren wir angekommen im Lager 2061 in Dwiri an der Kura im Südkaukasus. Hier begann meine fast fünfjährige Lagerzeit in der Sowjetunion.

Leider hatten wir einen Kranken im Waggon, einen 19-jährigen jungen Mann, der sich vor Schmerzen krümmte. Der Sanitäter ist am Transport unten lang gegangen, so rief ich ihm zu "Sani, hast Du was, wir haben einen Typhusverdächtigen". Seine Antwort wörtlich: "Das macht nichts, ihr müsst sowieso alle krepieren". Da hab ich mir im Stillen gedacht: "Junge, da haste aber gute Aussichten zu überleben!"

lo