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Werner Brähler: Auf der Fahnenjunkerschule in Posen 1944/45

Dieser Eintrag stammt von Werner Brähler (*1925) aus Bendorf-Sayn (Homepage: "Aus meiner Zeit"), Februar 2010:

Am 1. Oktober 1944 wurde ich zur Fahnenjunkerschule V der Infanterie nach Posen kommandiert. Hier waren ca. 1200-1500 Fahnenjunker und Oberfähnriche der Infanterie auf zwei Offiziersschulen verteilt. Ich kam zur "Kuhndorf-Kaserne," die am Stadtrand von Posen in nordwestlicher Richtung lag. Die zweite Schule lag im "Warthelager", ca. 10 km nördlich von Posen in einem großen Waldgebiet. Gegenüber dem "Warthelager" lag der Ort Treskau. Hier war eine SS-Junkerschule mit zwei Bataillonen aus Braunschweig stationiert.

Der Dienst auf der Schule war anstrengend und gestaltete sich sehr abwechslungsreich. Neben den militärischen Fächern, wie taktisches Verhalten, Sandkastenspiele als Vorbereitung für praxisbezogene Aufgabenstellungen, Gefechtsübungen und Führungsaufgaben im Kompanie- und Zugverband auf dem Truppenübungsplatz Warthelager, Waffenkunde und -einsatz, Kartenkunde, Angriffs- und Verteidigungsübungen, Nahkampfausbildung, Ausbildung zum Zugführer, Führungspraktiken, Vorgesetztenverhalten, Befehlsgebung, Befehlskontrolle u.a. Sportliche Betätigung gehörten zum wöchentlichen Dienstplan. Reiten, Boxen, Fechten und Leichtathletik. Unterricht im Sanitätswesen, Benehmen in der Öffentlichkeit, Gesellschaftsabende mit Damen, Gedenkfeiern und Konzerte im Offizierskasino, Dichterlesungen, Vorträge von Politikern, Erlebnisbericht eines Filmregisseurs (Paul Hoffmann) über große historische Ufa-Filme.

Im Dezember 1944 - nach der ersten Zwischenbeurteilung - wurden wir zum Fahnenjunker-Feldwebel befördert und angewiesen, unsere Offiziersuniform beim Schneider zu bestellen. Dafür benötigten wir natürlich Geld, welches wir von unseren Eltern anforderten. Es war am 10. Dezember, als meine Eltern mir schrieben, dass sie das Geld überwiesen hätten. Zwei Tage später unternahmen die Alliierten einen großen Bombenangriff auf meine Heimatstadt Witten. Ich erhielt zeitverzögert ein paar Tage später ein Telegramm: "Haus total zerstört, alles verloren, Mutter verletzt."

Mir wurde daraufhin Urlaub bis zum 01. Januar 1945, 24.00 Uhr genehmigt. Am 22. Dezember traf ich in Witten ein, ging durch die stark zerstörte Innenstadt. Überall noch Schwelbrände und rauchende Trümmer bis zu unserem Haus. Es war bis auf die Grundmauern zerstört. Auf den Mauerresten am Haustüreingang waren Kreidenotizen angebracht. Hier stand, dass meine Eltern noch lebten, jedoch nicht, wo ich sie finden könnte. Nach stundenlangem Suchen fand ich meine Mutter in einem Vorort wieder. Sie war die Letzte, die aus dem brennenden Keller des Hauses gerettet wurde. Es war ein trauriges Wiedersehen. Die gesamte Einrichtung inkl. Wertgegenstände, Fotos und Papiere konnten nicht gerettet werden. Innerhalb von Minuten war alles vernichtet. Vielen Bürgern, damals sagte man ja "Volksgenossen", erging es ebenso. Der "Totale Krieg", den Dr. Joseph Goebbels als Reichspropagandaminister schon im Februar 1943 im Berliner Sportpalast ankündigte, hatte Witten jetzt auch erreicht.

In Posen gab es nach Dienstschluss für uns außerhalb der Kaserne eigentlich nur wenige Möglichkeiten sich zu entspannen oder gar zu vergnügen: Man versuchte in den Posener Gaststätten oder Hotels ein "Stammgericht" zu ergattern, möglichst ohne Lebensmittelmarken, da wir als Soldaten ja diese nicht zugeteilt bekamen, denn wir wurden ja vom Staat verpflegt. Da das Theater und die Oper seit September 1944 geschlossen hatten, kam nur ein Kinobesuch in Frage. Dafür musste man sich meistens längere Zeit an der Kinokasse anstellen, um überhaupt Karten zu bekommen. Wir wechselten uns hierbei ab, oder auch unsere Freundinnen besorgten uns schon einmal die Karten. Wer von zu Hause Lebensmittelmarken zugeschickt bekam, konnte natürlich ein anspruchsvolleres Restaurant oder gar ins Hotel "Monopol" oder "Ostland" gehen. Ich hatte hier Glück, dass zwei meiner Kameraden von zu Hause damit öfter gut versorgt wurden. So partizipierte ich von den "Reichtümern" meiner Kameraden.

In diesen Monaten des Krieges wurde fast überall jede Möglichkeit eines Vergnügens wahrgenommen. Man wusste ja nicht, wie lange man noch zu leben hatte. Die Frauen, besonders die unverheirateten, feierten gerne mit. Die Städte fielen in Schutt und Asche; jeder wollte seine Zeit nutzen und überleben.

Inzwischen hatte sich die Lage an der Ostfront weiter zugespitzt. Am 12. Januar 1945 begann die große russische Offensive aus dem Brückenkopf Baranow an der Weichsel. Es gab drei Stoßrichtungen: Im Norden die Eroberung Ostpreußens, in der Mitte der Großangriff in Richtung Oder und Berlin und im Süden in Richtung Schlesien. Am 15. Januar erfolgt ein russischer Angriff auf Krakau. Am 17. Januar wurde Warschau von den deutschen Truppen geräumt.

Ab dem 18. Januar wurde die Mehrzahl der deutschen Zivilbevölkerung aus dem Raum Posen evakuiert. Die Evakuierung steigerte sich am 21. Januar zur Panik, obwohl die Reichsbahn alles tat, um die Deutschen aus der Stadt herauszubekommen. Von den 70 000 Deutschen in der Stadt konnten die meisten fliehen, viele kamen jedoch in der Winterkälte um. Einige Transporte wurden von der Roten Armee erreicht, zerschlagen, viele Menschen getötet und Frauen vergewaltigt.

Am Morgen des 20. Januars 1945 wurde der Festungsalarm ausgelöst. Wir Fahnenjunker waren uns bewusst, dass wir bei der Verteidigung von Posen eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatten. Unsere Moral war in Ordnung, und wir versuchten, unseren Optimismus auch den Soldaten unserer neuen Einheit mitzugeben, sie moralisch und kämpferisch zu stärken. Hierbei war aber von großem Nachteil die Tatsache, dass der überwiegende Teil der uns unterstellten Soldaten uns bis dahin völlig unbekannt war. Sie sind alle rein zufällig zu uns gekommen. Ihre Namen und ihre Herkunft konnten wir uns kaum merken. Nichts war mit ihnen organisch gewachsen, gegenseitiges Vertrauen nicht vorhanden, das sollte sich erst noch bilden. Über ihren waffentechnischen Ausbildungsstand waren wir im Unklaren. Viele dieser Soldaten und Unteroffiziere hatten bis dahin den Krieg - oft ein oder mehrfach verwundet - überlebt, und die Skepsis uns gegenüber, ihren neuen Truppenführern, die zudem noch meist alle jünger waren als sie, und auch nicht eine so lange Fronterfahrung hatten, war verständlicher Weise sehr groß. Dennoch glaubten wir, dass durch unser persönliches Vorbild, durch unsere Unerschrockenheit, unseren Mut und unsere Zuversicht, die Vorbehalte kompensieren zu können. Das musste aber erst noch bewiesen werden.

In der Kuhndorf-Kaserne war am 23. Januar immer noch Aufbruchsstimmung, ein nicht zu übersehendes Durcheinander. Ein Hin und Her, ein Auf und Ab von Fahrzeugen und Soldaten. Immer noch kamen versprengte Soldaten aus dem Osten zu uns. Auch noch Urlauber und ein paar Volkssturm-Einheiten marschierten ab, sie wurden in ihre neuen Stellungen eingewiesen. Überall Hektik und Nervosität. Das Gros der sowjetischen Verbände war schon an Posen vorbei und bewegte sich in Richtung Westen. Am nächsten Tag erhielten wir einen Kampfauftrag. Ich zog meine neue Offiziers-Uniform an, die seit etlichen Tagen im Spind hing. Dabei hatte ich das Gefühl, nicht mehr in die Kuhndorf-Kaserne zurückzukehren, was sich dann auch bewahrheitete.

In den nächsten Tagen folgten erbitterte Straßenkämpfe mit der Roten Armee. Es war ein ernstes Problem festzustellen, dass wir den Russen nicht Gleichwertiges entgegen setzen konnten. Nur mit infanteristischem Einsatz, bei immer weniger werdender Munition kann man nicht viel ausrichten. Es war in unserer ganzen Einheit auch kein Funkgerät vorhanden, so dass keine Verbindung zu anderen Truppenteilen aufgebaut werden konnte. Stundenlang haben wir in den Kellern der Häuser ausgeharrt und gehofft, dass wir wieder Anschluss an unsere Einheit finden würden. Von uns ausgesandte Melder kehrten nicht mehr zurück. Wir waren zur Stadt hin abgeschnitten. In ostwärtiger Richtung gesehen lag in etwa 200 m Entfernung das Fort Grolman, das wie fast alle anderen Forts in Posen zwischen 1828-1841 mit meterdicken Mauern und Wällen gebaut war. Unsere Lage war kritisch, die Versorgung mit Essen fand auch nicht mehr statt. Wir waren auf uns selbst angewiesen, ohne Befehle und Anordnungen. Unser Zugführer befahl Verbindungsaufnahme zum Fort Grolman, auf das wir uns dann am 29. Januar zurückzogen. Der Ausbruch aus dem Fort erfolgte dann am 30. Januar 1945.

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