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Wilhelm Kaudel: Aufzeichnungen von der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China

Dieser Beitrag stammt von Thomas Dreßler aus Nordhausen, August 2015

Der folgende Beitrag gibt einen Auszug der Aufzeichnungen meines Urgroßvaters Wilhelm Kaudel (29. Oktober 1881 bis 25. März 1968) während seiner Dienstzeit bei der kaiserlichen Marine wieder.

Am 1. Februar 1900 trat Wilhelm Kaudel im Alter von 18 Jahren freiwillig für drei Jahre in die kaiserliche Marine und zwar in die 2. Kompanie der I. Werftdivision in Kiel ein und wurde dort als Heizer ausgebildet.

Seinen ersten Einsatz hatte er in einheimischen Gewässern für 17 Tage auf dem großen Kreuzer S.M.S. Vineta. Anschließend wurde er mit dem Ablösungsdampfer Köln nach Tsingtau gebracht.

Dort wurde er auf die S.M.S. Hansa versetzt und nahm an Einsätzen dieses Kreuzers in Ostasien, Afrika, Australien und in der Südsee teil. Dieser Beitrag handelt von seiner Teilnahme am Einsatz des deutschen kaiserlichen Ostasiengeschwaders zur Niederschlagung des Boxeraufstandes in China.

Das vollständige „Tagebuch“ mit weiteren Erläuterungen kann unter www.sms-hansa.de nachgelesen werden.

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Es war am 17.Juni 1900, als der Peiho-Fluss und dessen Reede von vielen Kriegsschiffen verschiedener Nationen blockiert war. Der Fluss mündet zwischen den Forts-Anlagen direkt in den Golf von Tschili und ist bis nach Tientsin durch Schiffe mit geringem Tiefgang schiffbar.

Im Fluss lagen das deutsche Kanonenboot Iltis, "Algerine" (engl.), "Giljak" (russ.), während im oberen Strom eine chinesische Torpedoboots-Division lag.

Auf der Aussenreede lagen von deutschen Schiffen – S.M. Schiffe: Hertha, Hansa und Kaiserin Augusta, Gefion, Irene und Jaguar – und machten ihre Landungstruppen klar.

Des Nachts 1 Uhr (Sonnabend zu Sonntag) gab S.M.S. Iltis der Fortsignalstation Signal. Sie sollten diese drei Kanonenboote ohne feindliche Absichten zum Schutze der Europäer passieren lassen.

Die Antwort: Eine 21 cm Kr.-Granate schlägt 50 m vor Algerine ein, auf diesen drei Kanonenbooten erfolgt sofort militärische Antwort. 

Vom Iltis dröhnt das deutsche „Hurra” in die Nacht hinaus und eine Artilleriesalve folgt der anderen.

Als der Morgen graute gingen die gut vorgearbeiteten Landungstruppen zum Sturm vor.

Uns voran unser Kapitän Pohl („Hansa“), allerdings wurden wir nun mit einem mörderischen Feuer empfangen, jedoch in tigerartiger Schnelligkeit hatten wir bereits den ersten Wall erstürmt, auch hatten wir so schnell es der Feind kaum ahnen konnte, Maschinengewehre in Stellung gebracht und nun ging es den Chinesen schlecht, als die 2. Kette vom Maschinengewehr abgefeuert war, sah man von den Mannschaften der Forts-Außenverteidigung nicht mehr viel.

Nun ging es an die Innenverteidigung, selbige wurde mit schnell in Stellung gebrachten 8,8 und 3,7 Maschinenkanonen geleitet. Letzteres wurde von unserer Artillerie so gut und kräftig geleitet, dass sich der Feind in eiliger Flucht zurückzog.

Genau früh 8 Uhr verhallten die letzten Schüsse und die internationalen Flaggen flatterten auf den chinesischen Forts ( Deutsche, Russische, Englische, Japanische, Italienische).

Ein kräftiges Seemannshoch auf seine Majestät beschloss die schöne Feier am 18. Juni 1900.

 

Wir blieben dann am 18., 19., 20. Juni in den eroberten Stellungen. Es wurden einfach nachts die Decken mit wasserdichten Unterlagen ausgebreitet, die Moskito-Netze gespannt zum Schutze vor Moskito-Infekten, welche sehr gefährlich sind, hatten wir doch einige Todesfälle durch Moskito-Stiche zu verzeichnen.

Die Gewehre schussbereit, das Koppel etwas gelüftet, wurde sich nun dem Schlaf hingegeben.

Wir hatten am 19. des Nachts Alarm, es war ein Überfall vonseiten der Boxer und chinesischen Soldaten geplant, jedoch wurden sie fast alle aufgerieben. Am 20. nachts bekamen 25 Mann Beorderung mit mehreren Dampfbooten den Peiho-Fluss aufwärts nach Tientsin zu fahren, darunter befand auch ich mich.

Es war uns allen klar, dass es eine schwere Aufgabe für uns war und die nur nachts möglich, da wir am Tage einfach vom Land aus in den Grund gebohrt würden. Nachts 12 Uhr wurden dann 2 Maschinengewehre in die Dampfpinasse gebracht, für mehrere Tage Proviant mitgenommen, die nötige Munition und frisches Wasser in Schläuchen.

2 Uhr nachts gingen wir im Schutz der Nacht flussaufwärts. Unsere Aufgabe war Erkundigung einzuziehen von unseren längst aufgegebenen Kameraden, welche schon 14 Tage auf dem Wege nach Peking waren, von denen jede Benachrichtigung fehlte.

Unsere verhängnisvolle Fahrt sollte aber bald gut zu Ende geführt werden und als der Morgen graute erblickten wir unweit Tientsin am Strande des Flusses Seesoldaten.

Wir konnten alsbald feststellen, dass es englische Marinesoldaten waren, dass selbige sich mit unseren Truppen vereinigt hatten und hier zusammen waren, hatten wir jedoch keine Ahnung. Einer unserer Signalgäste setzte sich mit ihnen in Verbindung und bald hatten wir Einsicht in vorliegende Verhältnisse. Wir fuhren nun den Strandposten zu und landeten. Der größere mitgebrachte Posten Munition kam unseren Kameraden gut zu passen, denn sie hatten sich ziemlich verschossen. Wir schlossen uns nun der Truppe an und nun gings unter Seymour (engl. Admiral) auf Tientsin zu.

“Hurra” the Germans to the front!

 

Es war im Juni 1900 als wir (die zurückgeschlagene Seymour – Expedition), das Dorf Langfang im Sturm nehmen mussten, weil wir annähernd 3 Regimenter chinesische Regierungstruppen und Boxerhorden darin festgestellt hatten und von selbigen lebhaft beschossen wurden.

(...)

Nun mussten wir uns nur noch allen Dingen dieses Lagers bemächtigen, nun hieß es „Sturmkolonnen formieren”, „ Sprung auf Marsch, Marsch”. Allerdings empfing uns ein mörderischer Kugelregen, zum Glück schossen diese „Scheinis” zu hoch.

In einer halben Stunde war unser Ziel erreicht, in planloser Flucht stoben die Feinde auseinander, Leichen ließen sie genug zurück. Wir wünschten uns mehrere Schwadronen deutsche Kavalerie an Ort und Stelle, so hätte es einen bösen Verfolgungskampf gegeben. Jedoch wir konnten nicht folgen, weil wir zu schwach waren.

lo