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Willi Witte: Zigaretten und Brot für die Gefangenen

Dieser Eintrag stammt von Willi Witte (*1928) aus Westerlan/Sylt, April 2001:

Auf der Insel Sylt waren im Zweiten Weltkrieg enorm viele Soldaten und auch Fremdarbeiter für den Bunkerbau und andere Befestigungsarbeiten verpflichtet worden. Unmittelbar neben dem Bahnhof (südlich) auf einer grossen Fläche waren Eisenbieger für den Bunkerbau stationiert. Hier arbeiteten hauptsächlich Gefangene der italienischen Badoglio-Armee. Diese Strafgefangenen wurden im wahrsten Sinne des Wortes wie Vieh behandelt! Ich habe selbst gesehen, wie man diese Leute mit geflochtenen Draht verprügelte. Wir wurden aber meistens von den Bewachern weggejagt.

Im Osten von Westerland, Ende Stadumstrasse, war das sogenannte Arbeitslager. Dort waren auch Italiener, die sich aber so halbwegs freiwillig in ihrem Land für Arbeiten in Deutschland verpflichtet hatten. Denen ging es aber wesentlich besser als den Angehörigen der Badoglio-Armee. Diese hatten auch mal die Möglichkeit, im Urlaub nach Hause zu fahren. Wenn sie aus dem Urlaub wieder zurückkamen, brachten sie so manche Dinge mit, die es in Deutschland schon lange nicht mehr gab. Das war wohl auch für einige deutsche Frauen sehr interessant, soweit ich mich erinnern kann. Ausserdem waren, soweit ich mich erinnern kann, Dänen, Niederländer, Belgier und Marokkaner in den Arbeitslagern auf der Insel untergebracht.

Den russischen Kriegsgefangenen auf der Insel ging es wohl am schlechtesten. Das Barackenlager dieser Menschen stand etwa da, wo heute die Telekom mit dem Funkturm ihren Standort hat. Es mag auch 100m südlicher gewesen sein. Was die Russen so alles machen mussten, weiss ich nicht mehr so ganz genau. Aber an einige Gefangene kann ich mich noch gut erinnern, denn sie arbeiteten bei unserem Kohlenhändler A. Nielsen, der später nach dem Krieg Bürgermeister der Stadt Westerland wurde. Ich hatte gesehen, wie zwei Russen bei Schnee und eisiger Kälte nur Lappen anstatt Schuhe an den Füßen hatten. Die brachten mal Kohlen zu uns. Meine Mutter bat sie, diese im Schuppen auszuschütten.

Da lag ein Haufen Brot für die Hühner, dass wir immer bei den Soldaten holten. Es war steinhart und total verschimmelt. Aber diese beiden fielen wie Tiere darüber her, so ausgehungert waren sie. Den Russen etwas zu Essen zu geben war ja streng verboten. Ich weiss aber, dass meine Mutter und eine Nachbarin immer frisches Brot für die Russen unter dem Ascheimer versteckten. Später, nach Kriegsende und der Befreiung der Kriegsgefangenen, trafen die Russen mal meine Mutter am Kino. Sie sind gleich auf sie zugegangen und sagten: "Gute Frau". Wie schon erwähnt, wenn jemand erwischt wurde, der den Russen etwas gab, dem war mindestens Gefängnis sicher.

Andreas Nielsen, der Kohlenhändler, hat damals sehr viel riskiert, als er den Russen so viel geholfen hatte.

Wir Jungs kannten damals einen Niederländer, einen Belgier und einen Marokkaner etwas näher. Es waren Zivilarbeiter, die sich auch ein bisschen freier bewegen konnten. Leider weiss ich die Namen nicht mehr. Den Marokkaner nannten wir "Olala". Denn immer wenn er irgendwie erstaunt oder erschrocken war sagte er, "Olala". Von nun an hatte er so seinen Namen weg.

Diese drei, vielleicht auch mehr, wurden eines Tages von der Gestapo abgeholt. Einige von uns, ich auch, mußten daraufhin zur Gestapo in der Bahnhofsstrasse. Leider weiss ich heute nicht mehr warum. Man sprach von Sabotage, glaubte ich aber nicht. Die drei wurden dann im Rathaus für kurze Zeit in eine Zelle gesperrt. Die Zellen wurden von einer hohen Mauer zum Hof hin, (heute Hof der Feuerwache) abgegrenzt.

Über diese hohe, halbrunde Mauer haben wir den Gefangenen, weiss ich noch, mit Wäschestützen Zigaretten und Brot gereicht. Dazu mussten wir übereinander stehen. Später wurden die Gefangenen an einen anderen Ort verlegt. Wir haben niemals wieder von ihnen gehört! Wehe, man hätte uns dabei erwischt. Von wegen, "nicht strafmündig". Das gab es in diesem Sinne nicht. Erziehungsanstalten waren mehr als harte Schulen. Es ging aber alles gut für uns.

Allerdings war zu der Zeit alles gefährlich, wenn man etwas "Verbotenes" tat. Denn man konnte nicht mal seinen Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunden, Verwandten, wem auch immer, trauen. Dieses Problem hatten aber mehr die Erwachsenen.

Die Heranwachsenden waren ja in dieses System hineingewachsen und kannten es eben nicht anders. Das wir diesen drei Menschen, soweit es uns möglich war, geholfen hatten, war wohl unserem Instinkt zuzuschreiben. Denn wir waren auch noch sehr jung und hatten mit denen nur ein bisschen angefreundet. Dieser Vorgang war auch einmalig. Wir haben ähnliches auch nie mehr riskiert. Es gingen auch enorm viel uniformierte Streifen durch die Strassen.

Es waren auch H-J Streifen dabei. In den Dünen habe ich oft Streifen vom Zoll gesehen. Es war praktisch alles unter voller Kontrolle. Wir hatten z.B. den kasernierten Luftschutzdienst. Die meisten waren unter 18 Jahre alt. Da war z.B. ein Kaufmann aus der Strandstrae. Ich glaube, der war Zugführer oder ähnliches. Wenn man den Mann irgend etwas über die Luftschutzeinheit (SHD) fragte, war seine Antwort stets: "Geheim ! Geheim !"

Nun gab es beim Luftschutz wohl kaum Geheimsachen. Ansonsten ging es aber streng militärisch beim SHD zu.

lo