Hannah Arendt und der Eichmann-Prozess

Mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann rückte die Shoah in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Als Leiter des Referats für „Judenangelegenheiten“ war Eichmann während der NS-Zeit zuständig für die Organisation der Deportation der europäischen Jüdinnen und Juden und deshalb mitverantwortlich für die Ermordung von sechs Millionen jüdischen Kindern, Frauen und Männern. Nach Kriegsende floh Eichmann nach Argentinien. 1960 vom israelischen Geheimdienst entführt, wurde er nach Israel gebracht, vor Gericht gestellt und schließlich zum Tode verurteilt.

Hannah Arendts Reportage über den Prozess gilt als einer ihrer bekanntesten Texte. Eichmann in Jerusalem erschien zunächst im Magazin The New Yorker und wurde anschließend als Buch publiziert. Arendt beschrieb darin den Eindruck, den der Angeklagte auf sie gemacht hatte: Eichmann präsentierte sich vor Gericht als Befehlsempfänger ohne eigene Motive – ein Eindruck, der Arendt zu ihrer These von der „Banalität des Bösen“ führte. Ihre Überlegungen stießen auf massive Kritik und handelten ihr den Vorwurf ein, die Shoah und das Leiden der Opfer zu verharmlosen.

Neuere Auseinandersetzungen mit dem Prozess haben Eichmanns Auftreten vor Gericht als Inszenierung entlarvt. Hannah Arendts Überlegungen aber wirkten nachhaltig. Ebenso einflussreich war das Täter-Bild, das mittels des Prozesses von Eichmann entstand. Der Angeklagte mit der großen Brille, der im Gerichtssaal aus Sicherheitsgründen in einer kugelsicheren Glaskabine untergebracht war, wurde zur Symbolfigur des „Schreibtischtäters“.

In Israel gab es zwar 1961 noch kein Fernsehen, aber sehr wohl ein Bewusstsein für die Möglichkeiten des Mediums. Als internationales Fernsehereignis angelegt, wurde der gesamte Prozess unter Leitung des Regisseurs Leo Hurwitz von der amerikanischen Produktionsfirma Capital Cities Broadcasting aufgezeichnet. Auf dieser Grundlage konnte weltweit über den Prozess berichtet werden. So rückte das Ausmaß der an den europäischen Jüdinnen und Juden begangenen Verbrechen in die mediale Weltöffentlichkeit.

Überlebende wie Simon Srebrnik, die in Jerusalem ausführlich über ihre Erfahrungen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern sprachen, trugen dazu bei, dem mit der Shoah verbundenen Leid Gesichter und Stimmen zu geben. Die Bedeutung des Prozesses liegt aus zeithistorischer Sicht daher auch in der „Entstehung des [Zeit‑]Zeugen“ als „Träger der Geschichte“ (Annette Wieviorka).

Mit einem Fokus auf die Bundesrepublik, wo der Prozess das einsetzende Ende einer Phase der Verdrängung markierte, und auf Israel, wo viele der Überlebenden zuvor oft auf Unglauben gegenüber ihren Erfahrungen gestoßen waren, versammelt die in Zusammenarbeit mit Götz Lachwitz entstandene Retrospektive, die die Ausstellung Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert begleitet, vor allem Filme und Fernsehsendungen, die die Bedeutung des Prozesses für den sich wandelnden Umgang mit der Shoah beleuchten. Die Filme vermitteln eine Stimmung, in der auch Hannah Arendt arbeitete und über Adolf Eichmann nachdachte. (Götz Lachwitz)

Wir zeigen Zichronot Mishpat Eichmann mit freundlicher Genehmigung des Yad Vashem Visual Center, der Perlov Familie und von KANN 11 – Israeli Broadcasting Corporation.