In der Reinheit des Stils seiner Filme spiegeln sich Peter Goedels Anschauung und Empfindung der menschlichen, gesellschaftlichen, staatlichen Dinge. Ich möchte ihn einen poetisch Forschenden nennen, insofern, als bei ihm der Film als Film sich bemerkbar macht. Das Leben der Filme in sich bleibt immerzu spürbar. „Ich male doch ein Bild, nicht einen Stuhl“, meinte Schönberg. Die mir unvergesslich gebliebenen Schauplätze in Tanger, Rückkehr zu den Sternen, Elias Canetti sind auch ­– wie die Filme insgesamt – Schauplätze geistiger Erfahrung. Als Mythenforscher, der eine legendäre Stadt erkundet und mit den Rätseln des Weltalls bekannt macht, lässt sich Peter Goedel ganz auf die überlieferten Erzählungen ein: Science und Fiction. Es ist ja auch so, dass einige illustre Schriftsteller, wie sie in Tanger vorkommen, inzwischen zu dieser Hafenstadt gehören wie die Eule zu Pallas Athene oder der Blitz zu Zeus.

Die Kennerschaft Peter Goedels macht sich gleichermaßen auf literarischem wie auf musikalischem Gebiet geltend. In Tanger sind die Welten der Literatur und der authentischen nordafrikanischen Musik auf einzigartige Weise ineinander verwoben. Mit leichter Hand hebt der Regisseur die Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm auf, so dass wir darüber erstaunen, wie der Wegfall der Grenzpfähle, analog zum wirklichen Leben, so gar keinen Wechsel der Landschaft bewirkt. In Tanger gibt es einen Flaneur mit dunkler Vergangenheit, der die Stadt auf sich einwirken lässt, in Elias Canetti ist ein junger Mann der Empfangende, der die Bücher des Schriftstellers liest und Kraft für sein Leben aus ihnen gewinnt. Immer ist es die in Hoffnung und Desillusion zusammengehaltene Erfahrung der Menschen, die den Filmen Relief gibt. Sie strömt von unten her in sie ein und konstituiert ihre Form.

Bei den Schlagerfilmen Rainer, 21 Jahre, möchte Schlagersänger werden und Talentprobe resultiert aus der Weichheit und Formbarkeit der Aspiranten, der Beschwingtheit des Drumherums – im Zusammenspiel mit der bezwingenden Konstruktion, der Montage – ein Tonfall magischer Innigkeit, wie er den Sehnsüchten und Enttäuschungen der frühen Jahre entspricht.

Bald werden sie nur noch Erinnerung sein, wie in Zugabe. Talentprobe – Ein Wiedersehen, einem Film, der uns sagt, dass Vergänglichkeit nicht etwas Trauriges ist. Sie ist hier so etwas wie die Ruhe zwischen zwei Tönen – der Jugend und dem Alter –, in deren dunklem Intervall sich die Gegensätze versöhnen.

Es war einmal in Masuren trägt uns den Klang einer untergegangenen Welt, in welcher der Schriftsteller Wolfgang Koeppen seine Kindheit verbrachte, über die Jahre eines langen Menschenlebens hinweg wieder zu. In Das Treibhaus, nach Koeppens Roman, lässt Rüdiger Voglers Kommentarstimme die Gegenwart so klingen, als wäre sie schon Erinnerung.

Treibhaus Bonn ergänzt diese beiden Filme zu einer Art Trilogie, einem Herzstück von Peter Goedels Œuvre, in dem – wie im Werk Wolfgang Koeppens – Vergänglichkeit erfahren wird als die Seele des Seins. Aufgehoben ist hier die Spaltung der Welt in Ewiges und Vergängliches. Auch wird kein Ewiges im Vergänglichen aufgesucht; eher handelt es sich um einen Versuch, das Vergängliche zu verewigen. (Peter Nau)

Anlässlich der Werkschau erscheint eine Monografie über Peter Goedel, herausgegeben von SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien, Wien.