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Bereits seit der Stummfilmzeit und Pionierwerken wie Fritz Langs programmatisch betiteltem Spione (1927) oder Fred Niblos The Mysterious Lady (1928) sind Geschichten um verschlungene Verschwörungen, undurchsichtige Agenten und skrupellose Geheimdienste fester Bestandteil der globalen Kinolandschaft. Konjunktur erlebten diese Filme aber vor allem während schwerwiegender politischer Konflikte und internationaler Spannungen, in Zeiten also, die besonders anschlussfähig sind für das Grundmotiv einer abzuwendenden Invasion des bösen Anderen, wie es das klassische Spionagekino mit seinen polaren Figurenkonstellationen entscheidend prägt. Entsprechend gilt die Kalte-Kriegs-Ära als Hochphase des Genres und brachte zahlreiche, oft in Serie produzierte Agentenfilme hervor, in denen die stereotypisierten Antagonistenrollen nicht selten Vertretern des realsozialistischen Ostens zufielen. Der immense Erfolg etwa der französischen Lemmy Caution-Werke (ab 1953) und natürlich der James Bond-Reihe (ab 1962), bewegte die DEFA dazu, ein eigenes Spionagekino zu instanziieren.

For Eyes Only war der erste dieser sogenannten Kundschafterfilme und basiert lose auf wahren Begebenheiten: 1956 gelang es Horst Hesse, einem Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit, geheime Dokumente aus dem Westen zu schmuggeln, die angeblich NATO-Angriffspläne gegen die DDR offenbarten. Tatsächlich handelte es sich jedoch um Personalakten von im Osten stationierten US-Agenten, sodass es im Nachgang des Coups zu reihenweisen Enttarnungen kam. 1960 präsentierte das Regime erneut Kriegspläne des Westens, die dieses Mal von desertierten Bundeswehroffizieren stammen sollten.

Im Film steht der aus Würzburg operierende US-Geheimdienst MID nach jahrelangen Vorbereitungen und unter Federführung des trottelig-ehebrecherischen Majors Collins kurz davor, seine sinisteren, auf Bürgerkriegszustände zielenden Aktionspläne für einen Umsturz des ostdeutschen Systems zu verwirklichen. Um den Staatsstreich abzuwenden, liegt es an dem von der Stasi bei den Amerikanern installierten Spion Hansen, die mit der Geheimhaltungsstufe for eyes only versehenen Manöverpapiere des MIDs zu entwenden. Als sich Hinweise auf undichte Stellen häufen, droht die Deckung des Doppelagenten jedoch aufzufliegen und ein Spiel gegen die Zeit beginnt.

Der deutlich auf eine Komplettumkehrung der Identifikationsangebote westlicher Genre-Vertreter gepolte Film wurde in der DDR von einem Millionenpublikum gesehen und reüssierte auch in diversen Bruderstaaten. Die Rolle des gerissenen, moralisch jedoch stets integren Agenten Hansen machte den bis dato filmunerfahrenen Theaterdarsteller Alfred Müller zum Star. Folgende Kundschafterfilme, die oft noch stärker auf ideologische Unterweisung und Stasi-Imagepflege gepolt waren, konnten den Erfolg von For Eyes Only jedoch nicht wiederholen.

Als Begleitprogramm präsentieren wir For Eyes Only – Ein Film und seine Geschichte. Auf Basis von Zeitzeugen-Interviews befasst sich die Dokumentation mit dem tatsächlichen Fall des ehemaligen Stasi-Agenten Hesse und seiner verfälschenden propagandistischen Ausschlachtung durch den Staatsapparat. (Christian Lenz)