Deutsches Historisches MuseumBoheme & Diktatur
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Schubsen am Trog

Eine Künstlergruppe organisiert 1984 den “1. Leipziger Herbstsalon” – furiose Schluß-Attacke nach vergeblichen Reformversuchen im Künstlerverband

Die Einzahlung von 4.070 Mark auf das Leipziger Sparkassenkonto 5605-10-6024 ist wohl mit einiger Sicherheit der subversivste Geldtransfer in der DDR-Kunstgeschichte. Als Günther Huniat am 7.12.1984 die abgezählten Scheine auf den Filial-Tresen blättert, setzt er damit den monetären Schlußpunkt unter den 1. Leipziger Herbstsalon, eine illegal organisierte und privat finanzierte Kunstausstellung, die vom 15.11. an über drei Wochen lang die kulturpolitischen Verhältnisse der Messestadt zum Tanzen bringt. Eingetragener Zahlungsempfänger auf seinem Bankavis ist die Leipziger Messegesellschaft. Die respektable Summe ist das vertraglich vereinbarte Salär für die Anmietung einer halben Etage im zentral gelegenen Messehaus am Markt. Dafür bekommt die sechsköpfige Künstlergruppe, die vom stadtbekannten Bildhauer Günther Huniat offiziell vertreten wird, einen Ausstellungsplatz in bester Lage: 627 qm zum Vorzugspreis von 6 Mark pro Meter. Durch die Fensterscheiben des ersten Stocks können die Besucher direkt auf Leipzigs historische Mitte schauen. Und unter der Rufnummer 287350 haben die selbsternannten Kuratoren sogar ihren eigenen Draht zur Welt, den sie – wie die spärliche Telefonrechnung verrät – freilich wegen der von der Stasi angezapften Leitung kaum in Anspruch nehmen. Unter DDR-Verhältnissen sind das nicht die schlechtesten Präsentationsbedingungen, für die selbst eingefleischte Individualisten ungewohnte Kollektivpflichten auf sich laden. So sorgt der Maler Hans Hendrik Grimmling während der Ausstellungslaufzeit als Brandschutzverantwortlicher für ausreichend Sicherheit, fungiert der Multimedia-Künstler Lutz Dammbeck als umtriebiger Öffentlichkeitsarbeiter und der bereits erwähnte Bildhauer Huniat haftet gegenüber dem ewig nörgelnden Messe-Hausmeister für die korrekte Einhaltung der Vertragsklauseln. Gebündelter Teamgeist, der zusätzlich von den Malern Frieder Heinze, Olaf Wegewitz und Günther Firit getragen wird. Siebenter im Bunde ist Svend-Gunnar Kirmes, angemieteter Rechtsanwalt aus Grimma, dessen Rolle begrenzt, aber kaum weniger wichtig ist. Aus diesem Gruppenauftritt entspringt ein “sensationelles Großereignis”, so der involvierte Leipziger Kunsthistoriker Henry Schumann, “weil sich in einem Handstreich sechs Künstler inmitten der Stadt völlig unerwartet und wider das offizielle Reglement massiv zur Wirkung brachten, und weil er von Schließung bedroht war. Vor allem aber, daß dieses Unternehmen zu einem politisch-ideologischen Eklat aufgeblasen und Querelen mit Künstlerverband und Partei publik wurden, machte den ‘Herbstsalon’ zu einer ungewöhnlichen Angelegenheit.”(1)

Der Bezug zu Herwarth Waldens “Erstem Deutschen Herbstsalon”, der 1913 zum Wegbereiter der Moderne wird, ist beim Leipziger Nachläufer offensichtlich. Die Last, die sich die Gruppe mit dem traditionsreichen Titel aufbürdet, scheint allerdings auch ein wenig über ihre künstlerischen Kräfte zu gehen. Selbst wenn bei der Namenswahl ein gehöriges Maß an Selbstironie im Spiel gewesen sein mag, wie Lutz Dammbeck die Sache heute im Rückblick ein wenig herunterspielt – im Vergleich zum Original backen die Leipziger 71 Jahre später die deutlich kleineren Brötchen. Ein Spruch im ausgelegten Gästebuch macht dies auf vergnügliche Weise deutlich: “Ihr seid zwar nicht mehr neu, aber ganz schön wild!”(2) Eigentlich wollte der nonkonforme Künstlertrupp die selbstverantwortete Ausstellung auch einfach nur “Kunst” nennen. Für Lutz Dammbeck, den intellektuellen Kopf der Gruppe, ist der vorgesehene Projektname allerdings zu beliebig. Er setzt auf den Entwurf des Siebdruckplakates den Schriftzug “1. Leipziger Herbstsalon”. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er nicht, daß dieses Blatt trotz der subversiven Umstände seiner Entstehung beim jährlichen Plakat-Wettbewerb des Künstlerverbandes prämiert werden wird. Sein Titel-Vorschlag wird nach einigen Querelen von der Gruppe akzeptiert.

Doch die respektlose Traditionswahl, die unter anderem ein gesundes Maß an kollektivem Selbstbewußtsein dokumentiert, ist nicht der Grund, warum der messestädtische Salon zum kulturpolitischen Präzedenzfall gerät. Bei den Künstlern des Herbstsalons handelt es sich nicht um blutjunge Nachrücker, deren revolutionäre Bild-Attacken und kraftstrotzende Boheme-Allüren den satt gewordenen Statthaltern in der städtischen Kunstakademie die Pinselhaare sträuben läßt. Was da in den improvisierten Kojen im ersten Stock des Messehauses an den Wänden lehnt, auf Ziegelsteinen steht oder mittels gewagter Strickhalterungen von der Decke baumelt – die Messeleitung hat das Einschlagen von Nägeln unter empfindliche Geldstrafe gestellt – ist nicht das Durchgangsstadium eines gemeinsamen Kunstprogrammes.

Das Spektrum der vertretenen Konzepte könnte nicht größer sein: von den wuchtig-aggresiv gemalten Körperknoten Hans-Hendrik Grimmlings bis zu den mythischen Insignien Frieder Heinzes, in fein ziselierter Fabulierlust additiv zum Bild gereiht; vom surrealen Blick des Klee- und Altenbourg-Verehrers Günther Huniat, der in seinen Vogel- und Fisch-Motiven die Reinigungskräfte der Natur beschwört, bis zum kühl-intellektualisierenden Gestus in den Mediencollagen Lutz Dammbecks. Die stilistische Heterogenität ist augenscheinlich. Zudem sind die sechs Leipziger längst keine Newcomer mehr. Die meisten sind gestandene Mittdreißiger, und einer von ihnen geht bereits mit einiger Macht auf die Fünfzig zu. Ein subversiver Salon ohne verkannte Underdogs, ohne das erkennbare Signum unentdeckter Außenseiter? Die Herbstsalon-Künstler sind keine Randgruppen-Maler: Günther Huniat fungiert immerhin als stellvertretender Sektionsvorsitzender in der Bezirksabteilung des staatlichen Künstlerverbandes (VBK). Flankiert wird er von seinen Freunden und Vorstandsmitgliedern Hans Hendrik Grimmling und Frieder Heinze. Auch Lutz Dammbeck ist als zeitweiliges Mitglied der Arbeitsgruppe Junge Kunst beim Zentralvorstand des VBK nicht gerade ein verfemter Künstler, obwohl seine Multimedia-Installationen wegen ihrer tabulosen Geschichtsbefragung auf Widerstand bei den provinziellen Kunsthütern stoßen. Nur durch diese personelle Konstellation ist die Anmietung der Messehausetage letztlich möglich. “Jeder Karnickelzüchterverein und Philatelistenverband konnte damals eine Halle mieten”, erinnert sich Günther Huniat, “warum also sollten wir das nicht auch ausprobieren? Wir haben uns als Mitglieder der Verbands-Sektionsleitung ausgegeben, was ja durchaus der Wahrheit entsprach.”(3)


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