Kino im Zeughaus

Aktuelles Kinoprogramm


   

 

Filminhalte Oktober 2004

 

 

1945 – ARENA DER ERINNERUNGEN

»Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.« William Faulkners berühmte Sentenz, ursprünglich ein Dialogsatz einer Figur in »Requiem for a Nun«, wurde, gerade in Deutschland, zum geheimen Motto einer neuen Beschäftigung mit der Geschichte. Genauer: der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Schon für Faulkner war es ein polemischer Satz, er bezog sich auf den Bestseller »Vom Winde verweht«. Scarlett O´Hara beginnt in diesem Roman ihr Leben nach dem Bürgerkrieg, angesichts des heruntergewirtschafteten väterlichen Anwesens, der brach liegenden Felder nach kurzer Ermattung und Resignation mit ihrem Motto: »Das Vergangene war vergangen, die Toten waren tot.« Sie stürzt sich in den Wiederaufbau, zielstrebig und erfolgreich vor allem deswegen, weil sie sich keinen Blick zurück gestattet.
Alexander Kluge, Christa Wolf oder Alfred Andersch zitierten Faulkners Satz, weil sie den Blick zurück für notwendig hielten. Dass das Vergangene nicht tot sein sollte, das galt ja vor allem, weil es so lange vergessen, verdrängt oder nun in einer dem nationalen Selbstbild zuträglichen und schmeichelnden Form erinnert wurde. Historische Erinnerung gilt nie einfach dem Vergangenen, wie es wirklich war. Sie ist selektiv, wertend, voller Vorlieben und Ausgrenzungen – nirgendwo mehr als in Fällen der schmerzlichen Erinnerung. Der Zweite Weltkrieg und der Völkermord an den Juden Europas waren daher in Deutschland ein Beispiel für »umkämpfte Erinnerung«. Es dauerte lange, bis Holocaust und Vernichtungskrieg zu Themen der öffentlichen Diskussion wurden.
Unter ganz anderen Bedingungen lässt sich auch für andere Staaten von einer merklichen Veränderung der Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg sprechen. Die Geschichtskonstruktionen, die unmittelbar nach Kriegsende allgemein akzeptiert waren, sind es heute nur noch in wenigen Fällen. Die oft heroische Formulierung der »eigenen Geschichte« ist skeptischeren Auffassungen gewichen.
Der Film hat diese Geschichtsbilder vermutlich wirkungsvoller als andere Medien geprägt. Nicht nur im Prozess der Verklärung der eigenen Geschichte, auch in der Revision dieser Bilder spielte er eine entscheidende Rolle. Dabei war er wohl nur in seltenen Fällen der Auslöser von Neuorientierungen. Häufiger aber gab er ihnen die prägende Form. Die Filmreihe zeigt Beispiele aus mehr als zehn Ländern.

 

SHRINKING CITIES

Das Shrinking Cities Film-Festival wird sich mit dem Gang-Film einem Genre widmen, in dem das Thema (Schrumpf)Stadt in unterschiedlichsten Schattierungen zur Darstellung kommt.
Entlang der historischen Entwicklung des Genres werden wir Filme zeigen, die – Glanzlichter sowieso – sich insbesondere durch einen präzisen topographischen Blick und räumliche und soziologische Genauigkeit auszeichnen. Ein frühes, erstaunliches Beispiel dafür ist William Wylers Film »Dead End« von 1936. Der Clash der Kulturen von Arm und Reich an den Docks von Manhattan, wo Kinderbanden in die Fänge eines Gangsters (Humphrey Bogart) geraten, wird in einer kunstvollen Studioanlage dennoch hyperrealistisch abgearbeitet. In dem Kultklassiker »The Warriors« von Walter Hill wird dieses Sujet aufgenommen, inzwischen jedoch – der Film ist von 1986 – ist ganz New York sozial/rassisch segregiert, jedes dieser Quartiere wird von einer Gang kontrolliert. Die Gang gilt fast immer als Indiz sozialer Dekomposition, die in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Stadtbild steht. Für die 90er Jahre ist Bruno Dumonts wunderbarer Film »La vie des Jesus« – gedreht in der französischen Provinz – ein gutes Beispiel dafür. In einer ehemaligen Bergbauregion – die Häuser stehen noch, aber die Arbeit ist weg – schlägt eine Gruppe Jugendlicher, die von der Zukunft nichts zu erwarten haben, ihre Zeit mit Mopedfahren und Autoschrauben tot. Die Depressivität des Ortes atmet aus jedem Bild, dabei schafft es Dumont jedoch, noch in der kleinsten Banalität des Alltags ein Geheimnis aufscheinen zu lassen.
Das Filmprogramm wird mit Filmen wie den genannten beste Kinematographie zeigen und dabei zum Sujet Schrumpfstadt neue Zugänge eröffnen.

 


Wenn die Kraniche ziehen 
Letjat schurawli 
UdSSR 1957, R: Michail Kalatosow, D: Tatjana Samoilowa, Alexej Batalow,
Wassili Merkurjew, 95’ | dt. Fass.

Mit seinem Film Letjat schurawli wurde der Regisseur Michail Kalatosow als Erneuerer des sowjetischen Films nach Stalins Tod bekannt. Die Kamerafahrten, Montagen und die expressiven Einstellungen waren für diese Zeit außerordentlich. Der Film erzählt eine Liebesgeschichte, die außerhalb der heroischen Legenden steht und trotzdem die Sinnlosigkeit des Krieges betont:
1939 verlieben sich in Moskau die junge Veronika und Boris ineinander. Bevor sie heiraten können, muss Boris in den Krieg ziehen. Bei einem Luftangriff wird Veronikas Elternhaus zerstört, ihre Eltern sterben in den Trümmern. Boris’ Eltern nehmen die junge Frau bei sich auf. Aus Verzweiflung und großer Einsamkeit heiratet sie Boris’ Bruder, doch die Ehe zerbricht bald. Sie will die Nachricht, dass Boris inzwischen gefallen ist, nicht glauben. Jeden Tag erwartet sie zurückkehrende Einheiten am Bahnhof, um den Geliebten mit Blumen zu empfangen. Als die letzten Soldaten wieder zu Hause sind, erkennt sie ihr vergebliches Tun: Weinend verschenkt sie sie Blumen.
Wenn die Kraniche ziehen war einer der Welterfolge des sowjetischen Kinos der fünfziger Jahre und wurde beispielsweise in der DDR und der Bundesrepublik fast gleichzeitig gestartet. 1958 gewann er in Cannes die Goldene Palme.

am 01.10. um 18.15 Uhr
am 02.10.2004 um 20.30 Uhr

 

 

Einführung Jan Kindler
Hein Petersen – Bilder aus dem Leben eines Schiffsjungen 
D 1917/21, P: Bild- und Filmamt /
Universum-Film AG, Kulturabteilung, Berlin, 22’

Eine gängige Strategie militärischer Filmpropaganda nach 1918 war die Wiederzulassung von Filmen des ehemaligen kaiserlichen Bild- und Filmamtes, dessen Archiv in großen Teilen von der Kulturabteilung der inzwischen gegründeten Ufa übernommen worden war. So fand auch der im Sommer 1917 von der Bufa auf Veranlassung der »Schiffsjungen-Ausbildungs-Division« in Flensburg-Mürwik hergestellte Werbefilm Hein Petersen – Vom Schiffsjungen zum Matrosen eine zweite Veröffentlichung im Jahr 1921. Stimmungsvolle Bilder von seemännischer und sportlicher Ausbildung, die ursprünglich noch kurz vor Kriegsende jugendlichen Nachwuchs für den Dienst in der Marine begeistern sollten, warben jetzt für die neue Reichsmarine und ihre ungebrochenen Flottenträume. Das Zeughaus zeigt die 1921 von der Ufa mit neuem Untertitel in die Kinos gebrachte zweite Fassung, die mit 510 von ursprünglich 991 Metern um fast die Hälfte auf Beiprogrammlänge gekürzt worden war und so als Bestandteil des öffentlichen Kinoprogramms auch das »Binnenland« erreichen sollte.
mit Klavierbegleitung

 


 

When Fleet meets Fleet – A Romance of the Great
Battle of Jutland Die versunkene Flotte D/ GB
1926/27, R: Manfred Noa, Graham Hewett, D: Agnes Esterhazy,
Bernhard Goetzke, Hans Mierendorff, WernerPittschau, Heinrich
Goerge, Hans Albers, Käthe Haack, 97’ | engl. Zwt.

Die Produktion abweichender Fassungen für ausländische Filmmärkte stellte nach dem Ersten Weltkrieg eine gängige Praxis dar. Dies gilt auch für den 1926 entstandenen Film Die versunkene Flotte, der von der Kieler Woche 1914 über die Schlacht am Skagerrak 1916 bis zur Selbstversenkung eines kaiserlichen U-Bootes 1919 Marinegeschichte rund um den Ersten Weltkrieg als Rahmen für melodramatische Liebesaffären, Freundschaft und Rivalität im deutsch-englischen Marinemilieu einsetzt. Da die ursprüngliche deutsche Fassung weiterhin als verschollen gilt, zeigt das Zeughaus eine Fassung für den britischen Filmmarkt, die gezielte Änderungen aufweist. So wurde aus einer deutschen Offiziersfrau (Agnes Esterhazy), der ein englischer Seeoffizier verfällt, eine geborene Engländerin, die zudem am Ende seinem Werben nachgibt. Dies hatte man dem deutschen Publikum so kurz nach dem Krieg nicht zumuten wollen. In der deutschen Fassung hatte sie sich noch Bedenkzeit ausgebeten.
Regisseur Manfred Noa legt den Schwerpunkt deutlich auf die melodramatische Handlungsebene, doch werden auch hier alle Aspekte der kriegerischen Rahmenhandlung in personalisierter Form abgehandelt. Im Gegensatz zum ungleich erfolgreicheren, nur eine Woche später uraufgeführten maritimen Heldenepos Unsere Emden findet sich bei Noa neben ausgefeilter Schauspielführung eine eher zurückhaltende Heroisierung der deutschen Flotte, wozu auch die anfängliche Betonung deutscher Versöhnungsabsichten gegenüber England gehört. Dahinter stand jedoch weniger politisches als geschäftliches Kalkül: mit dem je nach Geschmack »militaristischen Pazifistenfilm oder pazifistischen Militärfilm« (Film-Kurier) sollte in Deutschland linkes wie auch nationalistisches Publikum angesprochen werden – ein für das polarisierende Weimarer Kino ungewöhnlicher Versuch. Der Film vervollständigt nicht nur unsere Kenntnis eines wenig bekannten Regisseurs der zwanziger Jahre, er zeigt darüber hinaus zwei Star-Schauspieler des deutschen Films am Anfang ihrer Karrieren: Heinrich George als grobschlächtig-pflichtgetreuer Bootsmaat und Hans Albers als revolutionär angehauchter Heizer sind hier nicht nur politische Gegner, sondern auch Rivalen um die Gunst einer Kieler Wirtsfrau (Käthe Haack) – wen Opfertod und wen Liebesglück erwartet, entscheidet nach nationalistischer Konvention die »richtige« Gesinnung.
mit Klavierbegleitung

am 01.10.2004 um 20.30 Uhr

 


Roma città aperta 
Rom, offene Stadt
 I 1945, R: Roberto Rossellini, D: Anna Magnani, Aldo Fabrizi, Marcello Pagliero, Maria Michi, 100’ | OF

Rossellinis neorealistisches Meisterwerk berichtet vom Kampf und vom Untergang einer Widerstandsgruppe zur Zeit der deutschen Besetzung Roms im Jahr 1944. Das erschütternde Drama über die Auswirkungen des Krieges auf menschliche Werte und Beziehungen wurde noch während der deutschen Besatzung Roms heimlich geplant und unmittelbar nach der Befreiung durch die Alliierten gedreht. Ursprünglich sollte es nur ein kurzer Dokumentarfilm über die Ermordung eines Priesters durch die Deutschen werden. Während der Dreharbeiten entwickelte sich jedoch eine damit verknüpfte Geschichte immer mehr zum zentralen Element: die Geschichte des von der Gestapo gejagten Widerstandsführers Manfredi, der von einer Freundin, die ihm Unterschlupf gewährt, aus Angst verraten wird. So ergab sich aus der Improvisation eine faszinierende Kreuzung aus Dokumentarischem und Fiktionalem, deren aufrüttelnder Appell zur Anteilnahme nichts von seiner Wirkung verloren hat.
»Anders als in seinen späteren Filmen hat Rossellini in Roma città aperta die ideologischen Fronten derb gezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt konnte er sich der Zustimmung aller Italiener sicher sein.« (Thomas Meder)

am 02.10.2004 um 18.15 Uhr
am 03.10.2004 um 20.30 Uhr

 


Ivans Kindheit
Iwanowo Djetstwo UdSSR 1962,
R: Andrej Tarkowski, D: Kolja Burjajew, Valentin Subkow,
Jewgeni Scharikow, 97’ | dt. Fass.

Der Film beschreibt in Rückblenden die Geschichte einer kurzen und vom Krieg zerstörten Kindheit. Ivans Vater ist schon zu Beginn des 2. Weltkriegs als Grenzsoldat gefallen, seine Mutter und seine Schwester wurden umgebracht. Er selbst fiel in die Hände der Deutschen; dem Todeslager, in dem er interniert wurde, konnte er unter traumatischen Umständen entkommen.
Jetzt ist Ivan 12, arbeitet für die sowjetische Feindaufklärung und riskiert dabei sein Leben. Sein Vorgesetzter schließt den Jungen ins Herz und will ihn ins ungefährliche Hinterland auf eine Militärakademie schicken. Doch Ivan will unter allen Umständen weiter gegen die Deutschen kämpfen. Auf seine inständige Bitte hin schickt ihn sein Vorgesetzter schweren Herzens noch einmal hinter die feindlichen deutschen Linien. Der Junge verschwindet lautlos in den Nebelschwaden am Fluss.
Jäher Szenenwechsel und Zeitsprung: dokumentarische Bilder zeigen den Einmarsch der Roten Armee in Berlin, die deutsche Kapitulation. Sowjetische Soldaten sichten Gestapo-Akten: »Erschossen – hingerichtet – erschossen...« Unter den Fotos der Ermordeten ist auch das von Ivan.
»Tarkowski wollte die Zerstörung einer Kindheit durch den Krieg demonstrieren. Deshalb unterläuft er die Wirklichkeit immer wieder mit verfremdeten Erinnerungs- oder Traumbildern, die Krieg und Brutalität mit den verpassten Glücksmöglichkeiten eines Kindes konfrontieren.« (Reclams Filmführer)

am 07.10.2004 um 18.15 Uhr
am 10.10.2004 um 18.15 Uhr

 


Jakob der Lügner 
DDR 1975, R: Frank Beyer, D: Vlastimil Brodsk´y, Erwin Geschonneck, Henry Hübchen, Blanche Kommerell, 101’

In einem osteuropäischen jüdischen Ghetto im Jahre 1944 wird Jakob Heym (Vlastimil Brosk´y) wegen angeblicher Überschreitung der Ausgangssperre von einem Posten zum Gestapo-Revier geschickt. Durch Zufall kommt er mit dem Leben davon und schnappt bei der Gelegenheit eine Radiomeldung über den Vormarsch der Roten Armee auf. Er möchte die Nachricht an seine Leidensgefährten weitergeben, um ihnen Mut zu machen, hat aber Angst, man würde ihn wegen seiner »Verbindung« zur Gestapo für einen Spitzel halten. So greift er zu einer List. Er gibt vor, ein Radio versteckt zu haben. Die Menschen im Ghetto schöpfen neuen Lebensmut. Es gibt keine Selbstmorde mehr, und man möchte laufend neue Nachrichten über den Vormarsch hören. Damit die Hoffnung bleibt, muss er von nun an immer weiter lügen. Vorlage des Films ist der gleichnamige Roman von Jurek Becker. Es ist ein sehr sanfter stiller Film, der, bar jeder Larmoyance, den Ghettoalltag mit kurzen Glücksmomenten konfrontiert. Mit dem bitteren Thema des Ghettolebens und der inszenierten Emotionalisierung und Personifizierung jüdischen Lebens und Leidens trug der Film wesentlich dazu bei, das Interesse an der Geschichte des Judentums in der DDR zu wecken. Er ist jedoch auch der einzige DEFA-Film geblieben, der in dieser Intensität den Judenmord behandelte.

am 03.10.2004 um 18.15 Uhr
am 07.10.2004 um 20.30 Uhr

 


Shoah 
F 1985, R: Claude Lanzmann, 9h 30min | OmU

Shoah ist ein hebräisches Wort. Es bedeutet: Abgrund, Vernichtung, Dunkelheit, Katastrophe, Untergang, großes Unheil. Claude Lanzmann hat letzte überlebende Augenzeugen des großen Unheils aufgespürt und ihnen Fragen gestellt. Er wollte von Opfern, Tätern und Zuschauern wissen, was in den Ghettos und Lagern geschah.
Shoah gibt die Fragen und Antworten wieder. Antworten von einem Lokomotivführer, der die Transportwaggons zur Rampe fuhr, oder von einem Bauern, der neben dem Lager sein Feld bestellte. Aus der Anonymität der Zahlen und des Unfassbaren treten Menschen hervor, die eigene Gesichter, eigene Stimmen haben.
»Claude Lanzmann zeigt uns die Bahnhöfe von Treblinka, Auschwitz, Sobibor. Er betritt die heute mit Gras bewachsenen ›Rampen‹, von denen aus Hunderttausende von Opfern in die Gaskammer getrieben wurden. Zu den ergreifendsten Bildern gehört für mich ein Berg von Koffern, schlicht die einen, eleganter die anderen, alle mit Namen und Adressen versehen. Mütter hatten vorsorglich Milchpulver, Talg und Weizenbreipulver hineingepackt, Kleidung, Lebensmittel und Medikamente in andere. Und nichts davon wurde gebraucht.« (Simone de Beauvoir, Le Monde)
»Claude Lanzmanns Shoah hat den Wettlauf mit der Zeit aufgenommen und dokumentiert ihn bis in die unscheinbarste Einstellung hinein: schnell, bevor es zu spät ist, die noch lebenden Überlebenden ausfragen, ihnen kein Detail ersparen, den legitimen Wunsch auch der entkommenen Opfer nach Vergessen ignorieren.« (Lothar Baier, Frankfurter Rundschau)

am 08.10.2004 erster Teil des Materials und
am 09.10.2004 zweiter Teil des Materials, jeweils um 18.15 Uhr

 


Schindler’s List 
Schindlers Liste 
USA 1993, R: Steven Spielberg, D: Liam Neeson, Ben Kingsley, Ralph Fiennes,
Caroline Goodall, 185’ | OF

Die Basis für den Film lieferte der 1982 erschienene dokumentarische Roman des Australiers Thomas Keneally, der die Rettung von ca. 1100 Krakauer Juden durch den sudetendeutschen Industriellen Oskar Schindler im Herbst 1944 beschreibt. Schindler, der 1939 im Gefolge der deutschen Wehrmacht nach Krakau gekommen war, hatte dort eine Emailwarenfabrik eingerichtet und jüdische Arbeiter als billige Arbeitskräfte angeworben. Als 1943 das Krakauer Ghetto ausgelöscht wurde, richtete Schindler mit Genehmigung der SS auf dem Gelände seiner Fabrik ein eigenes Lager ein und konnte 1944, als die letzten noch lebenden polnischen Juden nach Auschwitz transportiert wurden, durch eine Liste, die sein Buchhalter Itzhak Stern und er aus dem Kopf zusammengestellt hatten, 1100 Menschen durch eine Evakuierung ins tschechische Brünnlitz retten.
»Mit Schindlers Liste greift Spielberg eine Ausnahmesituation innerhalb des Holocaust auf: er stellt den ›guten Deutschen‹ mit seiner Rettungsaktion vor und zeigt am Beispiel dieser Ausnahme um so deutlicher das Grauen und das Nichterzählbare des millionenfachen Mordes. Im Einzelfall scheint erzählbar zu sein, was sonst nicht darstellbar ist. » (Knut Hickethier)
Die Arbeit an Schindler’s List veranlasste Spielberg, sich noch stärker zu seinem jüdischen Erbe zu bekennen. Er widmete dem Gedächtnis von Oskar Schindler die Righteous Persons Foundation mit dem Zweck, an die Nichtjuden zu erinnern, die Juden vor dem Holocaust gerettet hatten. Die Stiftung fördert Künstler, Schriftsteller, Dokumentarfilm-Regisseure und jüdische Wohltätigkeitseinrichtungen und hat auch die Restaurierung des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam unterstützt.

am 10.10.2004 um 20.30 Uhr


 

 

In Zusammenarbeit mit dem Künstlerklub DIE MÖWE 

Fallada – letztes Kapitel 
DDR 1988, R: Roland Gräf, D: Jörg Gudzuhn, Jutta Wachowiak, Corinna Harfouch, Katrin Saß, Ulrike Krumbiegel, 101’

Hans Fallada ist einer der wenigen bedeutenden und zeitkritischen Autoren, die nach 1933 in Deutschland bleiben. Mit zunehmender Macht der Nationalsozialisten wächst der Druck auf den Schriftsteller. Zwischen Gewissen und Kompromissbereitschaft hin und her gerissen, gerät Fallada psychisch und physisch aus den Fugen, das Schreiben gelingt immer seltener, er flüchtet sich in Tabletten und Alkohol. Nach Kriegsende setzt die Rote Armee Fallada als Bürgermeister ein, aber auch in diesem Amt scheitert er. Mit letzter Kraft schreibt er noch den Roman »Jeder stirbt für sich allein«, bevor er 1947 an Herzversagen stirbt.
Hervorragende Schauspieler und zutiefst menschliche Dramatik tragen den Film weit über die Schriftstellerbiographie hinaus.
Zu den wichtigsten Filmen des Regisseurs Roland Gräf zählen z.B.: Mein lieber Robinson (1971), Bankett für Achilles (1975), Märkische Forschungen (1982), Der Tangospieler (1991), Die Spur des Bernsteinzimmers (1992).
Anschließend Filmgespräch mit Roland Gräf (Regie und Drehbuch), Christel Gräf (Dramaturgie), Helga Schütz (Drehbuch), Jutta Wachowiak und Jörg Gudzuhn (Hauptdarsteller)
Moderation: Paul Werner Wagner

am 11.10.2004 um 20.00 Uhr

 

 

Kuratiert von Antje Ehmann in Kooperation mit dem
Zeughauskino, Texte: Antje Ehmann

Dead End 
USA 1936, R: William Wyler, D: Sylvia Sidney, Joel McCrea, Humphrey Bogart, Wendy Barry, 93’ | OF

Mit William Wylers Dead End von 1936 wird der Auftakt unserer Filmreihe zugleich das früheste Beispiel eines erstaunlichen Gang-Films sein. Wyler zeichnet den Clash der Kulturen von Arm und Reich an den Docks von Manhattan. In einer kunstvollen Studioanlage wird hyperrealistisch abgearbeitet, wie Kinderbanden in die Fänge eines berühmt-berüchtigten Gangsters »Baby Face« (Humphrey Bogart) geraten, der nach New York zurückkehrt, um seine Mutter und Jungendliebe wiederzusehen. Die Reunion wird nicht stattfinden, dafür aber ein tödlicher Verfolgungskampf.

am 14.10.2004 um 18.15 Uhr

 

 

Germania anno zero 
Deutschland im Jahre Null
I 1947/ 48, R: Roberto Rosselini, D: Edmund Moeschke,
Ingetraud Hinze, Franz-Otto Krüger, Ernst Pittschau, 78’ | dt. OF

Im zerstörten und korrumpierten Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit tötet ein mit Nietzsche-Ideen und NS-Gedankengut überfütterter Jugendlicher unter dem Einfluss seines homosexuellen ehemaligen Lehres seinen Vater und begeht Selbstmord. Rosselini verknüpft diesen Stoff mit der Schilderung des Lebens von Kindergangs in den Ruinen Berlins.

am 14.10.2004 um 20.30 Uhr



 


Die Vergessenen 
Los olvidados 
Mex 1950, R: Luis Buñuel, D: Alfonso Mejía, Estela Inda, Miguell Inclán, Roberto
Cobo, 88’ | dt. Fass.

Mexico City im Jahre 1950. Verwilderte, zerlumpte Kinder werden zu Kleinkriminellen, verwiesen in ein soziales Niemandsland. Bunuel schöpft seine surrealistischen Effekte aus der sozialen Wirklichkeit und dieser Realismus ist etwas ganz Besonderes.

am 14.10.2004 um 22.30 Uhr

 

 

Berlin – Ecke Schönhauser 
DDR 1957, R: Gerhard Klein, D: Ekkehard Schall, Ilse Pagé, Harry Engel, Ernst-Georg Schwill, 80’

Die Hochbahn an der Schönhauser Allee ist Treffpunkt einer Gruppe Jugendlicher, die in Ost-Berlin leben und in das Kraftfeld des Ost-West-Gegensatzes geraten. Einer sucht auf der Straße die Freiheit, ein anderer ist auf der Flucht vor seinen Eltern, ein dritter liebäugelt mit dem Westen und stiehlt für eine Schmugglergruppe Personalausweise, um sich ein paar West-Mark zu verdienen. Bei dieser Generation von ›Halbstarken‘ kommt kein einziges Elternteil gut weg. Weil es die Mauer bei der Entstehung des Films noch nicht gab, musste er die Jugend für sich gewinnen, und dennoch versucht er dabei dem stärksten Wirkungsmittel des Westens – dem Rock’n Roll – etwas entgegenzusetzen. Die Dialoge erwähnen Marlon Brando und Ekkehard Schall kann da durchaus mithalten. Auch die Filmerzählung steht in ihrer eleganten Reduktion komplexer Konstruktionen dem amerikanischen Standard in nichts nach. Erstaunlich: Die Dekadenz des Westens wird nur vorsichtig angeschwärzt und unter dem Strich gibt es nur einen Grund, in der DDR zu bleiben: Den Eigensinn.

am 15.10.2004 um 18.15 Uhr

 

 

Les coeurs verts
 F 1966, R: Edouard Lunts, D: Gérard Zimmermann, Marise Maire, Eric Penet, Françoise Bonneau, 95’ | OF

Eine Gruppe Jugendlicher am Stadtrand von Paris. Im Mittelpunkt zwei Blousons-Noir-Typen, die nach kurzer Haft wegen geringfügiger Delikte in ihre Clique zurückkehren. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Lebens- und Überlebenskonzepte.

am 15.10.2004 um 20.30 Uhr



West Side Story 
USA 1961, R: Robert Wise, Jerome Robbins, D: Natalie Wood, Richard Beymer, Russ Tamblyn, Rita Moreno, 146’ | OF

Mit der kühnen Übertragung des Romeo-und-Julia-Konfliktes in die Gegenwart des New York von 1950 behandelt West Side Story historisch vielleicht zum ersten Mal die Frage des Tribalismus als Gesellschaftsmodell. Kühn ist diese Übertragung, weil nun aus dem ständischen Clan-Konflikt (Montagus gegen Kapules) ein ethnisch-urbaner wird. Wise und Robbins entfalten diese mythologisch-tragische Dimension des Migrationsdramas auf so kongeniale Weise, dass der Film bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Die mythologische Dimension rechtfertigt auch die Länge des Films. Wir zeigen ihn – die Chronologie unterbrechend – als Late-Night-Show.

am 15.10.2004 um 22.30 Uhr

 

 

Switchblade Sisters 
USA 1975, R: Jack Hill, D: Robbie Lee, Joanne Neil, Monica Gayle,
Asher Brauner, 90’ | OF

Switchblade Sisters gehört zu den Filmen, die Quentin Tarantino mit einer neuen Kopie in seinen (leider inzwischen untergegangenen)Verleih »Rolling Thunder Pictures« aufgenommen und als ein erstaunlich frühes Beispiel postmoderner Genre-Komödien promotet hat. Es sei ihm gedankt. Die dionysische Überdosis an Klischees, schlechtem Schauspiel und schriller Selbstreferenzialität ist genauso sexy wie entgeisternd amüsant – ein einsames Licht in dem kleinen Kosmos der Girl-Gang-Filme. Hochstaplerisch viele Sujets werden zum anklingen gebracht und fügen sich doch zu einem Ganzen.

am 16.10.2004 um 15.30 Uhr



The Warriors 
USA 1978, R: Walter Hill, D: Michael Beck, James Remar, Dorsey Wright,
Brian Tyler, 90’ | OmU

In dem Kultklassiker The Warriors von 1986 ist inzwischen ganz New York sozial/rassisch segregiert und jedes Quartier wird von einer Gang kontrolliert. Der Film schildert die Ereignisse einer Nacht, in der sich Tausende von Gangmitgliedern auf den Weg machen, um zu einer strategischen Beratung zusammenzukommen. Daraus jedoch wird nichts. Im Handumdrehen wird die Masse zersprengt und es beginnt eine Hetzjagd auf die »Warriors«, deren Rückweg von der Bronx nach Coney Island zu einem atemberaubenden Parcour durch ein New York wird, das Nachts kein Zivil mehr kennt. Gerade weil der Film keine soziale Erklärung gibt, sondern eine Erscheinungsform behauptet, macht ihn die dynamische Gegenwartsentwicklung immer aktueller.

am 16.10.2004 um 18.15 Uhr

 

 

Escape From New York 
Die Klapperschlange
USA 1981, R: John Carpenter, D: Kurt Russell, Lee Van Cheef, Ernest Borgnine, Donald Pleasence, 99’ | OmU

1997. Der Präsident der USA stürzt über Manhattan ab, das in der Hand von Verbrechern ist: eine akute Gefahr für den Weltfrieden, weil er eine Tonbandkassette bei sich hat, die den Atomkrieg verhindern kann. Ein Exsoldat und Gangster wird gezwungen, innerhalb von 24 Stunden Präsident und Tonband herauszuholen. Der Film überrumpelt mit großartigen Effekten. Entgeisternd, wie der Broadway von aggressiven Randalierern kontrolliert wird, die wie die Ratten aus den Gullis klettern. Für das Schrumpfstadtthema ohnehin unumgänglich, hat Carpenter mit Escape From New York die Marke in der Geschichte des Genres gesetzt.

am 16.10.2004 um 20.30 Uhr



Deprisa, Deprisa! Los, tempo!
F 1981, R: Carlos Saura, D: Berta Socuéllamos, José Antonio Valdelomar, Jesús Arias, José M. H. Roldáu, 98’ | OmU

Eine Bande von Heranwachsenden in Madrid. Drei Jungen und ein Mädchen verüben brutale Raubüberfälle, wobei sie mit einer Leichtigkeit handeln, als seien sie in einem Tanzfilm.
Die Jugend der Nach-Franco-Zeit agiert als hätte sie keine Vergangenheit. Auch Sauras Blick auf die baum- und traumlosen Vorstädte Madrids ist exzessiv gegenwärtig. Zwei schwindelerregende Affirmationen.

am 16.10.2004 um 22.30 Uhr

 

 

The Outsiders
USA 1983, R: Francis Ford Coppola, D: Thomas Howell, Matt Dillon, Ralph Macchio, Patrick Swayze, Tom Cruise, 90’ | OF

Die Outsider und Rumble Fish, beides Jugenddramen, sind im selben Jahr, kurz hintereinander entstanden. Coppola hat hier zwei bemerkenswerte und dabei völlig unterschiedliche stilistische Variationen und Simulationen der 50er-Jahre-Rebellen-Filme realisiert. In The Outsiders agieren Matt Dillon, Patrick Swayze und Tom Cruise als Ensemble lebendiger Zitate im goldenen Licht künstlicher Sonnenuntergänge. Und dann noch ein Geschenk: Zu Beginn und am Ende zirbelt sich Stevie Wonder mit dem Song »Stay Gold« in die Herzen der Zuhörer.

am 17.10.2004 um 15.30 Uhr

 

 

Rumble Fish 
USA 1983, R: Francis Ford Coppola, D: Matt Dillon, Mickey Rourke, Diane Lane, Dennis Hopper, 94’ | OF

Als ein Post-Gangfilm müsste Rumble Fish eigentlich am Ende der Reihe stehen. Vielleicht zeigt jedoch die von uns bevorzugte chronologische Programmierung, wie hellsichtig Coppola hier gearbeitet hat. In Rumble Fish werden Namen, Orte und Gassen in einer Weise beschworen, dass sich magisch-mythisch das Phantasma einer ›falschen Seite der Stadt‹ ergibt, ohne dass jedoch greifbar wird, was das ›Richtige‹ wäre. In einem Dialog heißt es, dass es Gangs wieder geben werde, wenn die Drogen aufhören, weil die Kämpfe der Gangs die Droge seien. Die vielen Konjunktive sind Referenz auf die Gangfilm-Geschichte genauso wie auf das real existierende Gangtum. Der Film entlässt einen mit Bildern von ziehenden Wolken und bunten Fischen, die sich in das melancholische Schauspiel von Mickey Rourke einpassen, als handele es sich um eine Welt, die genau nur so sein kann. Und diese Selbstverständlichkeit ist doch ein Rätsel.

am 17.10.2004 um 21.00 Uhr



La vie des Jésus
F 1997, R: Bruno Dumont, D: David Douche, Marjorie Cottreel, Kader Chaatouf, Sébastien Delbaere, 96’ | OmU

Die Gang gilt fast immer als Indiz sozialer Dekomposition, die in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Stadtbild steht. Für die 90er Jahre ist Bruno Dumonts wunderbarer Film La vie des Jesus – gedreht in der französischen Provinz – ein gutes Beispiel dafür. In einer ehemaligen Bergbauregion – die Häuser stehen noch, aber die Arbeit ist weg – schlägt eine Gruppe Jugendlicher, die von der Zukunft nichts zu erwarten hat, ihre Zeit mit Mopedfahren und Autoschrauben tot. Die Depressivität des Ortes atmet aus jedem Bild, dabei schafft es Dumont jedoch, noch in der kleinsten Banalität des Alltags ein Geheimnis aufscheinen zu lassen. Dieser Film zeigt als einziger der Reihe die Wirkung von Schrumpfungsprozessen in kleinstädtisch-dörflichen Gebieten.

am 17.10.2004 um 23.00 Uhr

 

 

Der Pianist 
F/ D/ PL/ GB 2002, R: Roman Polanski, D: Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Frank Finlay, Maureen Lipman, 148’ | dt. Fass.

Warschau 1939: Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen beginnt auch für den gefeierten polnisch-jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman die Zeit des Leids. Nachdem er der Todesfalle des Warschauer Ghettos nur mit viel Glück und Dank der Hilfe des polnischen Untergrunds entkommen konnte, geistert er allein und voller Angst durch die entvölkerte Metropole. Ein Offizier der deutschen Wehrmacht erwischt Szpilman und... erschießt ihn nicht. Im Gegenteil – er rettet ihm das Leben.
»Zum Herrlichsten, was unsere Dichtung nach 1945 hervorgebracht hat, gehört Paul Celans ›Todesfuge‹«, schreibt Marcel Reich-Ranicki in dem Artikel ›Polanskis Todesfuge‹ in der FAZ. »Sosehr ich auch dieses Gedicht bewundere, so kann ich doch nicht verheimlichen, dass mich der unübertroffene Wohlklang dieser Verse nicht nur beglückt, sondern auch beunruhigt. Sind sie nicht gar zu schön? Was benötigen wir? Ein lyrisches Bild, ein Gleichnis oder lieber doch ein Protokoll, kühl und nüchtern, einen Bericht, sachlich und trocken? Keiner kennt diese Problematik besser als Roman Polanski, der, ein Kind noch, dem Krakauer Ghetto entkommen ist und seit langem zu den bedeutendsten Filmregisseuren der Gegenwart gehört. (...) Als er die Erinnerungen des Pianisten und Komponisten Wladyslaw Szpilman las, eines Juden, der das Warschauer Ghetto überlebt hatte, glaubte Polanski, dies sei der Stoff, der es ihm ermöglichen könnte, das, was ihm bisher nicht darstellbar schien, doch darzustellen.« (Marcel Reich-Ranicki)

am 21.10.2004 um 18.00 Uhr
am 24.10.2004 um 20.30 Uhr

 


Das Leben ist schön 
La vita è bella I 1998, R: Roberto Benigni, D: Roberto Benigni, Nicoletta Braschi, Giorgio Cantarani, Guistino Durano, Sergio Bustric, 124’ | OmU

Italien 1939: Guido und sein Freund Ferruccio zieht es von der ländlichen Toskana nach Arezzo, wo Guido einen Buchladen eröffnen möchte. Auf der Reise begegnet Guido der jungen Lehrerin Dora, für die er mit Witz, Mut und List die Welt auf den Kopf stellt und die zu seiner großen Liebe wird. Wie in einem Märchen scheinen sich seine Wünsche zu erfüllen, als es ihm gelingt, seine Geliebte in letzter Minute vor ihrer Verlobung mit einem von den Faschisten protegierten Aufsteiger zu entführen. Einige Jahre später, beide sind glücklich verheiratet und haben einen kleinen Sohn, Giosué, wird Guido zusammen mit seinem Sohn plötzlich in ein Konzentrationslager deportiert, weil sie Juden sind.2004 um bei ihrer Familie zu bleiben, schließt sich Dora dem Transport ins Lager an. Guido möchte seinen Sohn vor den schrecklichen Tatsachen in der »surrealen« und grausamen Welt der Zwangsarbeit und des Todes schützen und ihm das Überleben ermöglichen. Deshalb inszeniert Guido diese Wirklichkeit als ein Spiel und setzt seine ganze Kraft ein, um mit Komik und Fantasie gegen die Absurdität der Todesmaschinerie anzukommen ...

am 21.10.2004 um 21.00 Uhr
am 22.10.2004 um 18.00 Uhr

 

 

Padenie Berlina 
Der Fall von Berlin UdSSR 1949,
R: Michail Ciaureli, D: Michail Gelowani, F. Blasewitsch, W. Ljubimow,
Boris Andrejew, 165’ | OF

Ein quasi offizieller Dokumentarfilm mit effektvollen Spielfilmszenen, der den »Fall von Berlin« und damit den Sieg der Sowjetunion über die deutschen Truppen zeigt. Das beeindruckende Material der dokumentarischen Partien stammt von militärischen Kameraleuten.
Der Film entstand im Gründungsjahr der beiden deutschen Staaten während des bereits entflammten Kalten Krieges, der Berliner Blockade und der stalinistischen Ausrichtung Ostmitteleuropas nach 1948. Vor diesem Hintergrund ist die Darstellung des Verhältnisses der Sowjetunion zu den Westalliierten und das Bild der Deutschen im Nazistaat zu sehen. Roosevelt und Churchill erscheinen als Papiertiger in der Kriegsführung und als Unsicherheitsfaktoren in der Diplomatie. Mehrmals wird angedeutet, dass sie fast eher mit Hitler sympathisieren, als mit Stalin. Der Generalissimus erkennt die Problematik und stellt fest, dass die Sowjetunion beim Vormarsch auf Berlin nur auf ihre eigene Kraft vertrauen kann...
»Der Fall von Berlin ist wunderbar durch seine wahre Darstellung der gegenseitigen Beziehungen von Führer und Volk. Im Film wird inspiriert, poetisch, leidenschaftlich von der großen Liebe der Völker zu Stalin erzählt, von der Liebe des großen Stalin zu den Völkern. Das gigantische Bild Stalins gibt dem ganzen Film Farbe. Stalin nimmt sogar dann unsichtbar an den Angelegenheiten der sowjetischen Menschen teil, wenn er gar nicht auf der Leinwand ist.« (A. SŠtejn, 21.1.1950)
deutsche Übersetzung wird eingesprochen

am 22.10.2004 und
am 23.10. jeweils um 20.30 Uhr




Die Mörder sind unter uns 
D 1946, R: Wolgang Staudte, D: Hildegard Knef, Erna Sellmer, Arno Paulsen, Ernst Wilhelm Borchert, 91’

Berlin 1945. Susanne Wallner, eine junge Fotografin, kehrt aus dem Konzentrationslager zurück, doch ihre Wohnung ist besetzt. Hier lebt seit kurzem der aus dem Krieg heimgekommene Chirurg Mertens, der seine furchtbaren Erinnerungen mit übermäßigem Alkoholgenuss zu verdrängen sucht. Die beiden arrangieren sich, und mit Susannes Hilfe findet Dr. Mertens langsam wieder zu sich selbst. Da begegnet ihm sein ehemaliger Hauptmann Brückner, nun ein aalglatter Geschäftsmann, dem es egal ist, ob er aus Stahlhelmen Kochtöpfe macht oder umgekehrt. Mertens’ Gewissen rebelliert und am Weihnachtsabend 1945 will er Sühne fordern für ein von Brückner drei Jahre zuvor im Osten befohlenes Massaker an Frauen, Kindern und Männern. Im letzten Moment kann Susanne ihn davon überzeugen, dass die Vergeltung solcher Schuld keine Privatangelegenheit ist, sondern der Kriegsverbrecher vor ein Gericht gehört.
»Staudtes pessimistisches Nachkriegsdrama ist der erste nach Kriegsende in Deutschland hergestellte Film. Er entstand auf dem Filmgelände der DEFA und wurde von den sowjetischen Besatzungsorganen zensiert. Ursprünglich sollte Dr. Mertens den Fabrikant Brückner tatsächlich umbringen, aber die sowjetischen Zensoren verboten die Propagierung der Selbstjustiz. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Produktionen der Nachkriegszeit setzt sich Regisseur Wolfgang Staudte ernsthaft mit der Schuldfrage auseinander.« (Die Chronik des Films)

am 23.10.2004 und
am 29.10.2004 jeweils um 18.15 Uhr

 


Zug des Lebens 
La Train de vie F/ Belgien/ Rumänien 1998, R: Radu Mihaieanu, D: Lionel Abelanski, Clément Harari, Agathe de la Fontaine, Bruno Abraham-Kremer, 103’ | dt. Fass.

Zug des Lebens erzählt die Geschichte eines jüdischen Schtetls in Osteuropa zur Zeit des 2. Weltkriegs, das sich durch die herannahenden Nazi-Truppen in seiner Existenz bedroht sieht. Berichte von Deportationen und Konzentrationslagern lösen bei den Bewohnern Panik aus – ein Rettungsplan muss her. Die zündende Idee, ausgerechnet von Schlomo, dem »Dorfidioten«, aufgeworfen, ist so wahnwitzig wie genial: Man inszeniert die eigene Deportation, stilecht mit Naziuniformen und umgebautem Zug. Ziel: Palästina, das gelobte Land. Nachdem die gesamte Dorfbevölkerung in den alten Güterzug gestopft wurde, beginnt endlich die große, abenteuerliche Fahrt gen Süden. Doch schon bald funktioniert das Leben untereinander überhaupt nicht mehr und zu allem Überfluss jagen Nazis und Partisanen gleichermaßen hinter dem Zug her...
»›Der Humor und die Violine haben eines gemeinsam: man kann sie überall hin mitnehmen.‹ So Henry Bulawko, Autor der ›Anthologie de´l Humour Juif et Israélien‹. Witz und Musik waren also schon immer das leichteste Gepäck der Juden und spielen vielleicht deshalb in ihrer Kultur eine so große Rolle. Und natürlich weil es die beiden ersten Mittel sind, um seelischen Schmerz aller Art zu ertragen. Radu Mihaileanu, rumänischer Jude, der inzwischen in Frankreich lebt, will mit seinem Film Zug des Lebens dem ›Jüdischen Humor‹ ein Denkmal setzen.« (Dirk Schneider)

am 24.10.2004 um 18.15 Uhr
am 29.10.2004 um 20.30 Uhr

 

 

In Zusammenarbeit mit dem Künstlerklub DIE MÖWE

Der Verdacht 
D 1990, R: Frank Beyer, B: Ulrich Plenzdorf, D: Michael Gwisdek, Christine Schorn, Christiane Heinrich, Marie-Anne Fliegel, Ulrike Krumbiegel, 98’

Karin, Tochter eines Funktionärs, liebt Frank, der trotz seiner jungen Jahre schon eine einschlägige Karriere hinter sich hat. Als Karins Vater von einem neuen Verdacht gegen Frank erfährt, besteht er auf einer Trennung, da die Zukunft des Mädchens gefährdet scheint. Unter dem enormen elterlichen und politischen Druck gibt Karin ihre Liebe preis und wird zur gehorsamen Maschine. Erst als Frank einen Selbstmordversuch unternimmt kommt sie zur Besinnung… Das Drehbuch von Ulrich Plenzdorf, basiert auf der Erzählung »Unvollendete Geschichte« von Volker Braun, einer ostdeutschen Romeo und Julia-Geschichte aus dem Jahre 1975, die nach ihrem Erscheinen die Gemüter erhitzte. Die Filmadaption von Frank Beyer wurde 1990 zu einem bitteren Rückblick auf den Alltag einer Gesellschaft, die ihre Ideale verloren hatte.
Anschließend Filmgespräch mit Ulrich Plenzdorf (Drehbuch), Frank Beyer (Regie), Volker Braun (Schriftsteller), Christine Schorn und Michael Gwisdek (Hauptdarsteller))
Moderation: Paul Werner Wagner

am 27.10.2004 um 20.00 Uhr

 

 

Hitler, ein Film aus Deutschland
BRD/ F/ GB 1976/77, R: Hans Jürgen Syberberg, D: Heinz Schubert, Harry Baer, André Heller, Peter Kern, 410’

»Der fast sieben Stunden lange, wie Wagners »Ring« vierteilige »Hitler«-Film erzählt keine Geschichte im Sinne des narrativen Kinos, er ist ein Film der radikalen Nicht-Narrativität: Statt eine Geschichte in der (Film-) Zeit zu entfalten, entfaltet er ein Kaleidoskop der deutschen Geschichte im Raum – im Raum eines Münchner Studios, in dem Requisiten und Versatzstücke, Juwelen, aber auch Monstrositäten dieser Geschichte kunstvoll arrangiert sind. Dokumentarische Bild- und Tonaufnahmen aus der Nazi-Zeit, Biografie-Fragmente von Hitler, Göring oder Goebbels (meist als Erzählungen eines ihrer Lakaien), Zitate aus der bildenden Kunst, Literatur und Filmgeschichte, musikalische Zitate von Wagner, Mahler, Mozart und Beethoven sowie inszenierte symbolische Aktionen und Statements einzelner Figuren oder des »Zeremonienmeisters« André Heller sind die Elemente dieses Panoptikums der deutschen Geschichte, in dem Hitler zweifellos eine zentrale Stellung einnimmt.« (Bruno Fischli)
Mit diesem Film wurde Syberberg endgültig zu einem viel umstrittenen Film- und Theaterregisseur in Deutschland. Er untersucht die Figur Hitler, um die bildhaften, emotionalen und gar mythischen Ursprünge des deutschen Faschismus darzulegen.
Syberberg beschreibt seine Technik als »einen Versuch, das epische Theater Brechts und die musikalische Ästhetik Wagners zu kombinieren.«

am 30.10.2004 um 18.15 Uhr, Teil 1, 91’
am 30.10.2004 um 20.30 Uhr, Teil 2, 126’
am 31.10.2004 um 18.15 Uhr, Teil 3, 93’
am 31.10.2004 um 20.30 Uhr, Teil 4, 100’

Im Anschluss (22.30 Uhr) zeigen wir auf besonderen Wunsch:
Ein Traum was sonst (Regie: H.J. Syberberg)

 


 

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