Die Ruhmeshalle

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Grundriß vom Erdgeschoß und Grundriß vom Obergeschoß nach dem Umbau von 1877-1880 Das Zeughaus. Querschnitt durch Hof, Haupttreppe und Ruhmeshalle nach dem Umbau von 1877-1881 durch den Architekten Friedrich Hitzig
Grundriß vom Erdgeschoß und Grundriß vom Obergeschoß nach dem Umbau von 1877-1880
Das Zeughaus. Querschnitt durch Hof, Haupttreppe und Ruhmeshalle nach dem Umbau von 1877-1881 durch den Architekten Friedrich Hitzig

Am 22. März 1875, seinem Geburtstag, unterzeichnete Kaiser Wilhelm I. eine Order, die vorsah, daß das Berliner Zeughaus in eine »Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee« umzuwandeln sei. Zahlreiche Parallelen der inhaltlichen und künstlerischen Umsetzung dieses Gedankens sprechen dafür, daß Wilhelm I. durch das österreichische Vorbild angeregt wurde, wahrscheinlich während seines Besuchs der Weltausstellung in Wien 1873.

Die Ruhmeshalle, (1935) Neben der Viktoria von Fritz Schaper (1885) zwei Bronzestandbilder, links der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm (1883/84) von dem Bildhauer Erdmann Encke, rechts der Kaiser Wilhelm I. (1889/91) von dem Bildhauer Rudolf Siemering

Blick aus der Herrscherhalle in die westliche Feldherrenhalle
Die Ruhmeshalle, 1935. Neben der Viktoria von Fritz Schaper (1885) zwei Bronzestandbilder, links der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm (1883/84) von dem Bildhauer Erdmann Encke, rechts der Kaiser Wilhelm I. (1889/91) von dem Bildhauer Rudolf Siemering. Die Historiengemälde von Anton v. Werner zeigen links "Die Krönung Friedrich I. in Königsberg" und rechts "Die Kaiserproklamation zu Versailles 1871". In der Mitte die Totenmaske Hindenburgs.
Blick aus der Herrscherhalle in die westliche Feldherrenhalle. Das Wandgemälde zeigt "Die Aufnahme der Gefallenen nach Walhalla" (1890) von Friedr. Geselschap, darunter die Bronzestandbilder, rechts König Friedrich I. (1883/84) von L. Brunow, links König Friedrich Wilhelm I. (1883/84) von C.H. Hilgers. Im Hintergrund der Feldherrenhalle ist die Marmorskulptur "Kraft" (1881/87) von Reinhold Begas zu sehen, Aufnahme nach 1935.

In Österreich war in den Jahren 1850-1856, als unmittelbare Folge der Erstürmung des Wiener Zeughauses, ein neues »K. k. Artillerie-Arsenal« mit Waffendepots, Kasernen und Offizierswohnungen außerhalb der Stadt Wien gebaut worden. Innerhalb dieses Komplexes war durch den dänischen Architekten Theophiel Hansch (1813-1891) ein selbständiger Museumsbau mit einem zentralen Kuppelsaal, einer Ruhmeshalle für die österreichische Armee entstanden. Das umfangreiche Gemälde- und Skulpturenprogramm diente zur Verherrlichung der Geschichte und der Leistungen des österreichischen Heeres. Dieses herausragende Beispiel zur Darstellung von nationaler Militärgeschichte fand nicht nur internationale Beachtung, sondern auch seine Nachahmung.

In Sachsen entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1873-1876) am Rande der Stadt Dresden ein riesiger Militärkomplex, die Albrechtstadt, deren Mittelpunkt ein neues Arsenal bildete. Wenn auch der traditionelle Funktionsgedanke noch dominierte, wurden bereits 1897 Teile der Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das alte Dresdener Zeughaus baute 1884-1887 K. A. Canzler zum Albertinum um.

Die Waffensammlung im Obergeschoß. (Oktober 1916)
Die Waffensammlung im Obergeschoß, Aufnahme Oktober 1916.
(Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege, Meßbildarchiv)

Nachdem die Gesetzesvorlage zum Umbau des Berliner Zeughauses in eine preußische Ruhmeshalle nach anfänglichem Widerspruch - hauptsächlich wegen ihres partikularistischen Grundgedankens und den ursprünglichen Kosten von 6 Millionen Mark - auch die Zustimmung des preußischen Abgeordnetenhauses gefunden hatte, unterzeichnete Wilhelm I. das Gesetz am 17. März 1877. Damit wurde das alte Waffenarsenal endgültig Museum. Nach den Plänen des Architekten Friedrich Hitzig (1811-1881) begann man am 1. August 1877 mit den Umbauarbeiten. Der Umbau bestand aus zwei Teilen, einem architektonischen und einem künstlerischen. Die Kosten betrugen 4,33 Millionen Mark.

Ende 1880 war der technische Umbau ausgeführt. Zu den wichtigsten baulichen Veränderungen gehörten die Überdachung des Hofes, die doppelläufige Freitreppe, die Wölbung des Obergeschosses und die Kuppel in der Mitte des Nordflügels. Der Kuppelsaal bildete das Zentrum der brandenburgisch-preußischen Ruhmeshalle, die aus der Herrscherhalle und den sich rechts und links anschließenden Feldherrenhallen bestand.

Teilansicht der Waffensammlung im Erdgeschoß
Teilansicht der Waffensammlung im Erdgeschoß, Aufnahme 1916.
(Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege, Meßbildarchiv)

Seit dem 3. November 1883 konnte die Öffentlichkeit im Erdgeschoß die Artillerie- und Ingenieurwesenabteilung und im Obergeschoß die Waffensammlung besichtigen. Im überdachten Lichthof hatten die im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erbeuteten Geschütze und Fahnen Aufstellung gefunden. In den folgenden Jahren entwickelte sich das Zeughaus zu einem der beliebtesten Museen Berlins. Seine militärhistorischen Sammlungen gehörten am Ende des 19.Jahrhunderts zu den namhaftesten in Europa. Besonders der Ankauf der umfangreichen mittelalterlichen Waffensammlung des Prinzen Karl von Preußen 1883 stellte eine wichtige Zäsur innerhalb der Sammlungsgeschichte des Hauses dar. Die über tausend Waffen, hauptsächlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert, waren nicht nur eine quantitative Bereicherung der Bestände, sondern bildeten zugleich den Beginn einer neuen Qualität der wissenschaftlichen Sammlungstätigkeit. Der Konflikt zwischen dem ursprünglich ausschließlich brandenburgisch-preußischen Sammlungsauftrag und der real existierenden nationalen deutschen Geschichte war bis zur Jahrhundertwende und darüber hinaus immer wieder Anlaß zur Erörterung. Die Lösung in dieser Frage brachte die Zeit zugunsten einer umfassenderen Sammlungstätigkeit, die aber die Entwicklung des Kriegs- und Heerwesens Brandenburg-Preußens nach wie vor als Kernstück betrachtete.

Die Geschützsammlung im Erdgeschoß (1916)
Die Geschützsammlung im Erdgeschoß, Aufnahme 1916.
(Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege, Meßbildarchiv)

Bis 1891 dauerte die umfangreiche künstlerische Ausgestaltung - 16 historische Wandgemälde, die Szenen aus der Geschichte der brandenburgisch-preußischen Armee bzw. die Krönung Friedrich I. in Königsberg 1701 und die Kaiserproklamation zu Versailles 1871 darstellten, wurden von den namhaften Malern der Zeit, wie Anton von Werner, Wilhelm Camphausen und Georg Bleibtreu geschaffen. Zugleich waren zahlreiche allegorische Wandgemälde von dem Maler Friedrich Geselschap für die Herrscherhalle entstanden. Außerdem gehörten zu dem ikonographischen Programm acht Bronzestandbilder der Hohenzollern; sie befinden sich heute auf der Burg Hohenzollern bei Hechingen. Diese vereinten sich mit einer 3,90 m hohen Viktoria aus weißem Marmor von Fritz Schaper und vier Bronzebüsten - Bismarck, Stein, Scharnhorst und Roon - sowie weiteren 32 Bronzebüsten in den angrenzenden Feldherrnhallen zu einer Versammlung der preußischen Helden, Könige und Feldherren. Für den Innenhof schuf Reinhold Begas (1831-1911) 1885 die »Borussia« aus weißem Marmor von 4,5 m Höhe. Mit dieser Ruhmeshalle hatte sich Preußen nicht nur ein Denkmal für seine Armee gesetzt, sondern versuchte darüber hinaus auch identitätsstiftend zu wirken.

Friedrich Geselschap, Ausschnitt aus dem Kuppelfries "Triumphzug" 
für die Herrscherhalle, Skizze, 1789, Graphit und Deckfarben
Friedrich Geselschap, Ausschnitt aus dem Kuppelfries "Triumphzug" für die Herrscherhalle, Skizze, 1789, Graphit und Deckfarben
(Kunstbibliothek PKB)

Wilhelm II., dem nachgesagt wurde, daß die Soldatenspielerei sein höchster Zeitvertreib war, nutzte die Ruhmeshalle in einem stetig wachsenden Maße. Seit 1897 fanden jährlich an seinem Geburtstag, dem 27. Januar, am Neujahrstag und bei anderen Anlässen feierliche Fahnennagelungen und -weihen statt. Die Rede Wilhelms II. bei der Fahnenweihe zur Jahrhundertwende verdeutlicht, welches Geschichtsbild und welche Zukunftsvision er und seine Militärs hatten. Zur Neuweihung der Fahnen und Standarten des Gardekorps hatte sich der ganze Hof nebst Kaiserin Auguste Viktoria im Zeughaus versammelt. In seiner Ansprache, die er auf der Empore der Freitreppe im überdachten Innenhof des Zeughauses hielt, sagte Wilhelm II: »Der erste Tag des neuen Jahrhunderts sieht Unsere Armee, d. h. Unser Volk in Waffen, um seine Feldzeichen geschart, vor dem Herrn der Heerscharen knien... Ein Blick auf unsere Fahnen..., sie verkörpern unsere Geschichte.« Daran schloß sich ein Lobgesang auf Wilhelm I. an, den »genialen Schöpfer der deutschen Einheit und des deutschen Heeres ... Ihm danken wir, daß Kraft dieser Armee das Deutsche Reich Achtung gebietend seine ihm bestimmte Stellung im Rate der Völker wieder einnimmt. ..« So lautete sein Urteil über die Vergangenheit. Seine Pläne für das 20. Jahrhundert bildeten dazu eine Kontinuität: »Und wie mein Großvater für sein Landheer, so werde ich für meine Marine unbeirrt in gleicher Weise das Werk der Reorganisation fort- und durchfahren, damit ... durch sie das Deutsche Reich auch im Ausland in der Lage ist, den noch nicht erreichten Platz zu erringen.

In diesem Sinne wurde versucht, mit Hilfe der Heldenverehrung im Geiste des Preußentums neue Helden zu erziehen. Die Jugend, die schulklassenweise durch das Zeughaus geführt wurde, sollte hier ihr Vorbild finden. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war das Zeughaus »Bildungsstätte« für die junge Generation, Wallfahrtsort für die Sedan- und Kriegervereine und Repräsentationsstätte der Hohenzollern.

Gottesdienst bei der Fahnenweihe am 1. Januar 1900 im Lichthof
Gottesdienst bei der Fahnenweihe am 1. Januar 1900 im Lichthof

Mit der Kriegseuphorie zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde deutlich, daß die Verherrlichung der militärischen Überlegenheit Preußen-Deutschlands - zu der auch die Ruhmeshalle einen Beitrag geleistet hatte - auf große Teile der Bevölkerung nicht ohne Wirkung geblieben war. An der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg konnte auch die Verlängerung der Öffnungszeiten des Zeughauses 1917 nichts mehr ändern; der Hurra-Patriotismus hatte sich erschöpft.

Die verheerenden Folgen des Ersten Weltkrieges brachten für viele eine Erfahrung, die ihre Sinne schärfte in der Betrachtung des Zeughauses, dem »Reklamebau für den Krieg«, wie Kurt Tucholsky in seinem Buch »Deutschland, Deutschland über alles« schrieb: »Wenn du an diesem Haus vorüber gehst -: vergiß nicht, daß durch die bunten Stoffe, durch die Uniformen und die Wappen Hunderttausende von gemarterten Menschenleibern zum Himmel schrein.

 

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