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Frühe Harnische
(Katalognummern 1 - 12, 13 - 25, 26 - 37, 38 - 44)
   

Der Wunsch des Menschen nach "Unverwundbarkeit" führte im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung zur Herausbildung verschiedener Formen von Körperpanzerung. Die Wechselwirkung zwischen Waffen und Körperrüstungen hatte auf beiden Seiten immer neue Formen und Konstruktionen zur Folge.
Verbesserungen auf dem einen Gebiet zogen Weiterentwicklungen auf dem anderen nach sich. Körperpanzerungen sollten ausreichend schützen und die Beweglichkeit ihrer Träger nicht zu stark beeinträchtigen.
Aus Eisendraht gefertigte Kettengeflechte und Helme wurden ab dem 11. Jahrhundert in Europa zum gebräuchlichsten Schutz der Reiter und Kriegsknechte. In der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts fand die Armbrust zunehmend Verwendung; Reiter benutzten im Kampf schwere Lanzen. Vor der Wucht dieser Angriffe schützten die Kettenhemden nicht mehr in ausreichendem Maße. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts wurden deshalb die besonders gefährdeten Körperstellen durch an den Kettenhemden befestigte Eisenbleche geschützt. Brust- und Schulterstücke kamen in Gebrauch. An den Beinen trug man Kniebuckel und Schienen. Der schwere Topfhelm wurde durch die Hundsgugel und die Beckenhaube ersetzt, die mehr Sicht und besseren Schutz boten.
Im Zuge fortschreitender handwerklicher Fertigkeiten und verstärkt durch die kriegstechnischen Erfahrungen entwickelte sich aus diesen Eisenplatten ein vollständiger Körperschutz. Besondere Schwierigkeiten entstanden durch die eingeschränkte Beweglichkeit. Die anatomisch richtige Konstruktion der Schultern, Arme oder Beinzeuge führte zwangsläufig zur Entwicklung sog. Geschübe, d. h. untereinander beweglich verbundener Metallteile. Auch das Muskelspiel der Arme und Beine mußte der Plattner berücksichtigen.
Sehr bald wurde der komplette Harnisch für den im Einzelkampf erprobten Ritter zur unverzichtbaren Kriegsrüstung und gleichzeitig Zeichen seines adeligen Standes. Mit dem Fortschreiten der Waffenschmiedekunst gelang es, auch den Körper des Pferdes mit Stahlplatten zu bedecken (Kat. Nr. 43). Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war es Ausdruck höchster Eleganz, wenn Mann- und Roßharnisch in Stil und Verzierung eine Einheit bildeten. Solche Garnituren waren besonders kostspielig und wurden deshalb nur von Fürsten oder anderen hohen Herren getragen.
Die zum Gefolge der Ritterheere gehörenden Knappen trugen als Körperschutz häufig nur einen Eisenhut und ein Kettenhemd. Für die städtischen Aufgebote fanden ebenfalls nur einfache Rüstungen oder Teilrüstungen Verwendung, wie das Beispiel Bernau (Kat. Nr. 40) belegt.
Führend in der Harnischproduktion war zunächst Italien, insbesondere Mailand. Sehr bald entstanden Plattnerzentren auch in anderen Ländern. Nationale Besonderheiten und verschiedene Stilrichtungen lassen sich allmählich ausmachen. Im 15. Jahrhundert war der Plattenharnisch vollständig ausgebildet und erreichte eine funktionelle Schönheit, wie sie für das gotische Kunsthandwerk insgesamt charakteristisch war.
Als Helmtyp für diesen Harnisch eigneten sich besonders der Armethelm und die Schaller. Da die Schaller die untere Gesichtshälfte nicht bedeckte, wurde als besonderer Gesichtsschutz ein sog. Bart getragen, der an der Harnischbrust festgesteckt und um den Nacken verschnallt wurde. Charakteristisch für den gotischen Harnisch ist die geschiftete Brust und der ebenso konstruierte Rücken. Hier greift eine Unterbrust, die unterhalb des Halsausschnittes in einer Spitze ausläuft, über die Brustplatte. Auf dem geschobenen Rücken ist die Schiftung gerade umgekehrt aufgebaut, hier schiebt sich die obere Platte über die untere. Die einzelnen Platten sind meistens mit Nieten beweglich verbunden. Diese Konstruktion ergab eine geschickte Kombination aus erhöhter Beweglichkeit und verstärktem Schutz.
Die Spitze der Brustschiftung ist oft als gotisches Blattwerk gestaltet, und die Ränder sind herzförmig durchbrochen. Mittelgrat, feine Kannelierungen und Riefelungen aller Teile sowie die Taillierung von Brust und Rücken verstärken die schlanken Linien und heben die gotischen Elemente der Rüstung hervor. Die Schultern bestehen aus geschobenen Folgen. Den Achselschutz bilden bewegliche Achselscheiben. An den bis auf die Brust herabreichenden Schultern ist die rechte weit ausgeschnitten, um den Lanzenschaft durchzuführen, der auf dem Rüsthaken aufliegt. Die spitzen Schnabelschuhe bedecken die Füße.
Vollständig erhaltene gotische Manns- und Roßharnische sind äußerst selten. Zu den Besonderheiten der Zeughaussammlung zählt ein Harnisch, der Stilelemente der Gotik und Renaissance vereinigt. Den künstlerischen Wandel dieser Zeit, der sich innerhalb eines Jahrzehnts vollzog, dokumentiert dieser um 1500 in Innsbruck geschaffene Harnisch auf herausragende Weise (Kat. Nr. 44).
Schwere Niederlagen gegen schweizerische und flämische Fußkämpfer und die Hussitenkriege führten zum allmählichen Verfall des Rittertums und zum Aufkommen des Söldnerwesens. Beschleunigt wurde dieser Prozeß durch die mit der Verbreitung der Feuerwaffen verbundenen Wandlungen der Kriegstechnik und den wachsenden Einfluß des Geldes.
Für die Entwicklung der Harnische hatte dies eine noch deutlichere Aufteilung in einfache Kriegsrüstungen und Prunk- bzw. Turnierrüstungen zur Folge. Landsknechte trugen zum Schutz nur noch einzelne Rüstungsteile. Einzig die schwere Reiterei hielt noch längere Zeit an den kompletten Rüstungen für den Feldkampf fest.

Gerhard Quaas

Kat. 42 Gotischer Harnisch
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