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Das Eisenkleid der Landsknechte  
(Katalognummern 118-129, 130-141, 142-153, 154-166)  
   

Der italienische Staatsmann, Schriftsteller und Philosoph Niccolo Machiavelli (1469-1527) zeichnete in seiner Abhandlung "Über die Kriegskunst", die 1521 in Florenz erschien, ein genaues Bild der militärischen Situation seiner Zeit. Seine Arbeit übte einen großen Einfluß auf das militärische Denken im 16. Jahrhundert aus. Über die Bewaffnung der Söldner schrieb er: "Zu ihrer Verteidigung haben die Infanteristen einen Brustpanzer und für den Angriff eine neun Ellen lange Lanze, die sie Pike nennen; an der Seite tragen sie ein Schwert, das an der Spitze mehr rund als spitz ist. Das ist die übliche Ausrüstung der Infanteristen von heute, denn wenige haben den Rücken und die Arme gepanzert und keiner den Kopf; diese wenigen tragen anstelle der Pike eine Hellebarde, deren Schaft, wie ihr wißt, drei Ellen lang ist und eine Klinge hat, die wie eine Axt gebogen ist."
Machiavelli weist in seiner Beschreibung auf einen wichtigen Umstand hin. Die Landsknechte verzichteten für den Feldkampf auf komplette Rüstungen; nur noch Brust- und Rückenpanzer oder ein Helm wurden bevorzugt getragen. Dies war eine Konsequenz der erhöhten Beweglichkeit im Feldkampf. Die Landsknechtsharnische kennzeichneten offene Sturmhaube, Achselkragen, einfache Brustund Rückenteile und mehrfach geschobene Beintaschen. Auch Feldherren und Fürsten bevorzugten eine Zeitlang Landsknechtsharnische, die aber in der Qualität ihrer Ausführung oft erheblich von den knechtischen Harnischen abwichen.
Die zunehmende Durchschlagskraft der Feuerwaffen machte den Einsatz der Harnische für Kriegszwecke immer problematischer. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die Handfeuerwaffen durch Schlösser und handlichere Schäftung deutlich verbessert. Die erhöhte Schußkraft und die leichtere Handhabung der Lunten- und Radschlösser waren wesentliche Ursachen für die Zunahme der mit Feuerwaffen ausgerüsteten Landsknechte gegenüber den Spießträgern. In gleicher Weise förderte die erleichterte Handhabung der Lunten- und Radschlösser die Einführung von Pistolen und Karabinern bei der Kavallerie. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts traten die mit Degen oder Pallasch und Pistolen ausgerüsteten Reiter verstärkt an die Stelle der schweren Reiterei. Für den Kampf der großen Söldnerheere verlor die volle Rüstung ihren eigentlichen Sinn, denn das Zusammenwirken der einzelnen Waffengattungen erforderte eine veränderte Taktik.
Der Feuerkraft von Feldgeschützen, Pistolen und Arkebusen konnten die Eisen- und Stahlpanzer der Harnische auf Dauer nicht widerstehen. Ein Karree komplett gerüsteter Reiter stellte unter diesen Bedingungen keine militärische Macht mehr dar. Dieser kriegstechnische Wandel zieht sich über viele Jahrzehnte hin. Für den Kriegsalltag erfüllten die Rüstungen immer noch wichtige Funktionen. Die Vielzahl der kriegerischen Auseinandersetzungen in Italien und auf anderen europäischen Schlachtfeldern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte immer einen erhöhten Waffenbedarf und einen sprunghaft steigenden Handel mit Waffen und Rüstungen zur Folge. Große Zeughäuser mußten ihre Waffenbestände ständig wieder auffüllen oder durch modernere Ausrüstungen ersetzen. Die einfachen Feldharnische wurden als Massenware in großer Stückzahl hergestellt. Es waren schmucklose und billige Anfertigungen, ganz auf den Verwendungszweck abgestimmt (Kat.-Nr. 155).
Für die Bewaffnung der Söldner hatten sich längst bestimmte Normen herausgebildet. Zur schweren Reiterei gehörte immer noch der Küriß als vollständiger Reiterharnisch, der von den mit der Lanze kämpfenden schweren Reitern (Lanzierern) getragen wurde. Runde Formen und Riefelharnische herrschten vor. Trabharnische kamen als Schutzrüstung der Arkebusierreiter (Schützen zu Pferd) in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf. Der Trabharnisch bestand aus Sturmhaube, Achselkragen, Brust, Rücken und Beintaschen. An der Brust fehlte der Rüsthaken, denn die Lanze gehörte nicht mehr zur Bewaffnung. Um 1530 ist der gewölbte Brustpanzer wieder glatt, etwas länger als vorher, und die Arm- und Beinzeuge werden mit weniger Folgen vereinfacht. Gegen 1545-1550 verlängert sich das Bruststück noch mehr und bekommt in der Mitte eine Spitze, den Tapul (italienisch: il tappo = der Zapfen). Dieser Zapfen rutscht im Laufe der Zeit immer mehr nach unten, bis er um 1570 die Form des Gansbauchs der spanischen Mode angenommen hat.
Die Harnische unterlagen noch weiteren Veränderungen ihrer äußeren Form. Im 17. Jahrhundert gehörten zum geschwärzten Reiterharnisch ein Mantelhelm, Kragen, Schultern, Brust und Rücken. Die Armzeuge blieben ohne Handschuhe. Die langen, vielfach geschobenen Schöße mit Kniestück setzten unmittelbar an der Brust an und waren entsprechend der Mode breit geformt. Der Reiter trug darunter einen spitzenbesetzten Kragen, Spitzen, die unter den Armröhren hervorschauten, und weite, mehrfach gefaltete Pluderhosen. Die stählernen Beinzeuge ersetzte man durch die weicheren Lederstiefel, die bis zu den Knien reichten oder umgeschlagen waren. Statt der geschlossenen Helme wird immer häufiger die Sturmhaube und die aus Ungarn kommende Zischägge getragen.
Äußerlich sind die Harnische entsprechend der spanischen Mode auf den hell-dunkel-Kontrast reduziert; kreisförmig oder paarig angeordnete Nieten bilden einen sparsamen Dekor. Diese Harnische entsprachen schon mehr dem barocken Körperideal. Wegen ihrer imponierenden und ausladenden Formen wurden sie auch häufig von Heerführern getragen (Kat.-Nr. 160).
Mitte des 17. Jahrhunderts setzte in vielen europäischen Ländern der Übergang vom Söldnerheer zu den stehenden Heeren ein. Dies zog auch einen deutlichen Wandel in der Bewaffnung und Ausrüstung nach sich. Die Harnische kamen gänzlich außer Gebrauch.
Der Adel trennte sich von diesen sichtbaren Zeichen seines Standes sehr schwer. Noch im 18. Jahrhundert ließ er sich vorwiegend im Harnisch als Ausdruck militärischer Macht und herrschaftlicher Positionen portätieren. Kürassiere trugen bis zum Ersten Weltkrieg als Brust- und Rückenpanzer den Küraß, und der HArnischkragen lebte als Offiziersringkragen fort.
Damit war eine Epoche zu Ende, die für drei Jahrhunderte das äußere Bild unzähliger Kriegsschauplätze bestimmte und mit dem komplett gerüsteten Ritter wohl seinen vollendeten Ausdruck gefunden hatte.

Gerhard Quaas

Kat. 161
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