Kunst gegen Devisen einmal andersherum – Die Ankäufe des Museums für Deutsche Geschichte im bundesdeutschen Kunsthandel

Christopher Jütte | 8. April 2026

Während der Aufbauphase des 1950 gegründeten Museums für Deutsche Geschichte (MfDG, die Sammlungen des MfDG wurden 1990 dem Deutschen Historischen Museum übertragen) agierte das nationale Geschichtsmuseum der DDR auch als Akteur auf dem westdeutschen bzw. West-Berliner Kunstmarkt. Christopher Jütte, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Provenienzforschung am Deutschen Historischen Museum (DHM), geht diesen Erwerbungen des MfDG in seinem Beitrag nach.

Rund 900 Objekte erwarb das MfDG in bundesdeutschen Auktionshäusern, den mit über 500 Objekten größten Teil davon bei der Galerie Gerd Rosen in West-Berlin. Aber auch bei Hauswedell in Hamburg, bei Karl & Faber in München, bei J.A. Stargardt in Marburg und bei Lempertz in Köln ersteigerte das Museum Ausstellungsstücke, die allermeisten davon zwischen 1953 und 1960.

Um an Auktionen in der Bundesrepublik teilzunehmen, war das MfDG auf die Zuweisung von Devisen durch die dem Haus übergeordnete Institution, dem Staatssekretariat für Hochschulwesen (SfH) angewiesen. Frei konvertierbare Devisen waren bereits in der jungen DDR rar, sodass sich das Museum stets um die Bereitstellung derselben bemühen musste. Die Beantragung der Devisen war in ein langwieriges bürokratisches Verfahren eingebettet: Das Museum forderte die Mittel beim SfH an, dieses beantragte die Devisen dann beim Deutschen Innen- und Außenhandel (DIA) Kulturwaren, einem Außenhandelsbetrieb der DDR, und abschließend musste das Ministerium des Innern (MdI) noch seinen Segen geben.[1]

Dieser aufwendige Prozess hatte zur Folge, dass das MfDG an manchen Auktionen in der Bundesrepublik nicht teilnehmen konnte, da die Devisen, wenn überhaupt, erst kurz vor Beginn der Auktion freigegeben wurden.

Die Summen an Devisen, die im hier beschriebenen Zeitraum immer in Mark der Bank Deutscher Länder (BDL), also der Deutschen Mark der Bundesrepublik, beantragt und dem MfDG zur Verfügung gestellt wurden, schwankten. Im November 1952 schrieb der stellvertretende Direktor des MfDG, Eduard Ullmann (1919-2000), einen Brief an den damaligen Staatssekretär für Hochschulwesen, Gerhard Harig (1902-1966), um Devisen für das MfDG zu erbitten. Ullmann beantragte „schnell greifbare Westmark-Beträge“ in Höhe von 500.000 bis 1.000.000 Mark, die über ein Sonderkonto bereitgestellt werden sollten.[2] Letztlich bekam das Museum für das Jahr 1953 lediglich einen Pauschalbetrag von 50.000 D-Mark, was für die Zeit dennoch eine nicht zu unterschätzende Summe war, für Erwerbungen im westdeutschen Kunsthandel zugewiesen.[3] 1954 erhielt das MfDG keinen Pauschalbetrag mehr, sondern musste jeden Ankaufswunsch einzeln vorab beantragen, was den Erwerbungsprozess nochmals verlängerte.[4] Dieser Umstand führte unter anderem dazu, dass sich das Museum im Juli 1954 an den damaligen Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl (1894-1964) wandte und ihn um Unterstützung beim Objekterwerb in Westdeutschland bat.[5] Gleichsam betonte man in diesem Schreiben auch die Wichtigkeit des bundesdeutschen Kunstmarktes für den Sammlungsaufbau: „Wenn das Museum für Deutsche Geschichte eine wirklich nationale Kulturstätte werden soll muss ihm auch die Möglichkeit gegeben werden, seine musealen Bestände zu erweitern. Der Sammlung in der DDR sind bestimmte Grenzen gesetzt.“[6]

Abb. 1 Briefkopf der Galerie Gerd Rosen aus dem Jahr 1960, Schreiben der Galerie Gerd Rosen an das MfDG vom 28. Dezember 1960, DHM-HArch MfDG/Rot/054, o Bl.

Für das Jahr 1955 bewilligte das SfH gar keine Valutamittel.[7] Erst 1956 wurde dem MfDG wieder ein Ankaufsetat, diesmal von 30.000 Mark-BDL, zur Verfügung gestellt.[8]

Dieses Budget setzte das MfDG unter anderem dazu ein, um im Mai und November 1956 auf Auktionen der Galerie Gerd Rosen Kunstwerke einzukaufen (Abb. 1). Der Antiquar Gerd Rosen (1903-1961), ein kontroverser Akteur des West-Berliner Kunsthandels, eröffnete die nach ihm benannte Galerie bereits im Jahr 1945. Während Rosen zunächst Ausstellungen unter anderem zur klassischen Moderne präsentierte, konzentrierte er sich ab den 1950er-Jahren verstärkt auf den Kunst- und Antiquariatshandel.[9] Bei den Auktionen der Galerie Rosen kaufte das MfDG besonders gerne und häufig ein. In der Bibliothek des DHM haben sich wenige Auktionskataloge der Galerie Rosen erhalten, die vom Personal des MfDG akribisch durchgesehen und umfassend mit Annotationen versehen wurden. Sie ermöglichen Aussagen über den Preis, den das Museum zu zahlen bereit war, sowie über die Priorisierung von begehrten Stücken.

Abb. 2 Gotisches Kästchen, 1401/1500, 9 x 6 x 13 cm Eisen, Holz, Leder, geprägt, geschnitten, Inventarnummer: K 58/150. Foto: DHM.
Abb. 3 Eintrag zum gotischen Kästchen, hier bezeichnet als Minnekästchen, im Katalog zur XXVI. Auktion 1956 bei Gerd Rosen unter der Los-Nummer 3655. Foto: DHM.

Zwei Beispiele aus der zwischen dem 5. und 9. Mai 1956 abgehaltenen XXVI. Auktion bei Gerd Rosen sollen das verdeutlichen. Versteigert wurden wertvolle Bücher, Autographen und Kunst. Das MfDG hatte sein Augenmerk unter anderem auf ein gotisches Kästchen gelegt.[10] (Abb. 2 + 3) Der Auktionskatalog zeigt unter der Los-Nummer 3655 eine Abbildung des Kästchens sowie eine Beschreibung desselben. Am Rand finden sich die handschriftlichen Vermerke aus dem MfDG: Offenbar plante man, etwa 450 D-Mark für das Kästchen auszugeben. Die beiden Pluszeichen stellen wahrscheinlich einen Prioritätsmarker dar: Ein Plus bedeutet eine geringe, drei Pluszeichen eine hohe Priorität. Die beiden Pluszeichen zeigen folglich eine mittlere Priorität an. Erworben hat es das MfDG schließlich sogar zum Preis von 880 D-Mark. Ob dieser Preis bereits das Aufgeld enthält, geht aus der musealen Objektdokumentation nicht hervor.

Abb. 4 Vortragekreuz, Oberitalien, 1446/1455, Lack (schwarz), Holz, Kupfer, Bronze, feuervergoldet, lackiert, gedrechselt, genagelt, Inventarnummer: K 56/125. Foto: DHM.
Abb. 5 Eintrag zum Vortragekreuz im Katalog zur XXVI. Auktion 1956 bei Gerd Rosen unter der Los-Nummer 3650. Foto DHM.

Ein weiteres Beispiel aus derselben Auktion ist ein unter der Los-Nummer 3650 angebotenes mittelalterliches Vortragekreuz.[11] (Abb. 4 + 5) Auch dieses erwarb das MfDG, allerdings im Nachverkauf zu einem Gesamtpreis von 2.760 D-Mark[12], inklusive des Aufgeldes in Höhe von 15%. Der Preis lag also unter dem Taxwert des Auktionshauses von 3.000 D-Mark, aber über dem eigentlichen Wunschpreis von 2.000 D-Mark, wie die Notiz auf dem Rand der Katalogseite zeigt.

Abb. 6 Kasel, Italien, 1501/1600, 110 x 70 cm, Seide (braun), Seide (goldfarben), Samt, Atlasbindung, Inventarnummer: K 57/246. Foto: DHM.
Abb. 7 Eintrag zur Kasel im Katalog zur 448. Auktion im Kölner Kunsthaus Math. Lempertz 1957 unter der Los-Nummer 592. Foto: DHM.
Abb. 8 Abbildung der Kasel im Auktionskatalog zur 448. Auktion im Kölner Kunsthaus Math. Lempertz 1957 unter der Los-Nummer 592, Tafel 51.

Wie die Beantragung von Valuta im Vorfeld von Auktionen in der Bundesrepublik aussah, kann anhand der zwischen dem 21. und 25. November 1957 erfolgten 448. Auktion im Kölner Kunsthaus Math. Lempertz nachverfolgt werden. Das MfDG beantragte in Person des stellvertretenden Direktors Eduard Ullmann im November 1957 beim Staatssekretariat die Bewilligung von 13.700 DM BDL. Diese sollten verwendet werden, um auf Auktionen bei Rosen und Lempertz verschiedene Objekte zu ersteigern, unter anderem auch eine Kasel.[13] (Abb. 6-8) Die Anträge, die das MfDG vorab stellte, fielen unterschiedlich detailliert aus. Manche listen jedes gewünschte Objekt mit Los-Nummer auf, in anderen Fällen werden nur pauschal Objektgruppen genannt. Zum Empfang der beantragten Devisen berechtigt war Rolf Kiau (1927-?), der damalige Direktor der Abteilung Sammlung des MfDG, der zusammen mit Eduard Ullmann auch bei der Auktion in Köln vor Ort war. Der Gegenwert der beantragten Devisensumme sollte anschließend in Mark der DDR vom Konto des Museums abgebucht werden.

Auch zu dieser Auktion hat sich ein annotierter Auktionskatalog aus dem MfDG erhalten.[14] Wie schon bei dem zuvor erwähnten Exemplar der Galerie Rosen, wurde auch der Lempertz-Katalog durch die beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MfDG durchgearbeitet und am Rand mit Preisspannen versehen. Die Randnotiz an der vom MfDG erworbenen Kasel mit der Los-Nummer 592 ist nicht deutlich zu erkennen, könnte aber als „2100“ gelesen werden.[15] In diesem Fall läge der Kaufpreis von 2.200 D-Mark zzgl. 15% Aufgeld, den das MfDG zahlte, nur knapp darüber.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das MfDG in seiner Aufbauphase in den 1950er-Jahren auf dem westdeutschen Kunstmarkt mitmischte. Dafür erhielt das Haus regelmäßig Valutamittel, auch wenn die Beschaffung dieser stets Schwierigkeiten bereitete. Gleichzeitig sahen die Verantwortlichen im Museum die Notwendigkeit, die Sammlungen mit Objekten aus dem Westen aufzubauen, um eine „nationale Kulturstätte“ werden zu können.

Für die Provenienzforschung sind diese Ankäufe aus dem westdeutschen Kunsthandel ebenfalls von Relevanz. So soll der oben erwähnte Gerd Rosen beispielsweise Bücher aus der SBZ bzw. aus der DDR über die Grenze nach Westberlingeschmuggelt lassen haben.[16] Eine Überprüfung der Provenienz von Objekten aus dieser Quelle ist also geboten.


[1] Schreiben des MfDG an den Staatssekretär für Hochschulwesen Gerhard Harig vom 12. Mai 1954, DHM-HArch, MfDG/Rot/470, o. Bl.

[2] Schreiben Eduard Ullmans an Gerhard Harig vom 7.11.1952, BArch DR 3/1481, Bl. 162-163.

[3] Entwurf eines Schreibens des MfDG an den Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl vom 10. Juni 1954, DHM-HArch MfDG/Rot /470, o. Bl. Das Schreiben datiert auf den 19. Juni 1954. Eine handschriftliche Bemerkung darauf gibt an, dass das Schreiben am 10. Juli 1954 abgesandt wurde.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Aktennotiz des Abteilungsdirektor Sammlung des MfDG, Rolf Kiau, vom 2. November 1955, DHM-HArch MfDG/rot/29, o. Bl.

[8] Schreiben des Staatssekretariats für Hochschulwesen an das MfDG vom 26. März 1956, DHM-HArch MfDG/Rot/470, o.Bl.

[9] Zur Galerie Gerd Rosen s. Kohlhauer, Carl-Ernst: Gerd Rosen (1903-1961) – Antiquar Galerist und Auktionator in Berlin, in: Aus dem Antiquariat NF 9, (2011) Nr. 5, S: 199-218, hier S. 204; s. auch: Eintrag zur Galerie Gerd Rosen, Berlin in der Galerie des 20. Jahrhunderts in West-Berlin: https://www.galerie20.smb.museum/kunsthandel/K58.html (letzter Zugriff: 24.03.2026)

[10] Gerd Rosen Auktionen, Katalog zur Versteigerung XXVI., 5.-9. Mai 1956, Los-Nummer 3655, S. 150.

[11] Ebd., Los-Nummer 3650, S. 147.

[12] Schreiben Eduard Ullmanns an die Abteilung Wissenschaftliche Bibliotheken, Museen und Hochschulfilm des Staatssekretariats für Hochschulwesen vom 11. Mai 1956, DHM-HArch MfDG/Rot/470, o. Bl.

[13] Schreiben Eduard Ullmanns an das Staatssekretariat für Hochschulwesen vom 5. November 1957, DHM-HArch MfDG/Rot/025, Bl. 116.

[14] Kunsthaus Math. Lempertz, Katalog zur 448. Math. Lempertzschen Kunstversteigerung, 21.-25. November 1957.

[15] Ebd., Los-Nummer 592, S. 63.

[16] Kohlhauer, Carl-Ernst: Gerd Rosen (1903-1961) – Antiquar Galerist und Auktionator in Berlin, in: Aus dem Antiquariat NF 9, (2011) Nr. 5, S: 199-218, hier S. 214.

© Thomas Bruns

Christopher Jütte

Christopher Jütte ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter für Provenienzforschung am Deutschen Historischen Museum mit dem Schwerpunkt Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und DDR.