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Dorothea Günther: Der Krieg 1939/40

Dieser Eintrag stammt von Dorothea Günther (*1914) aus Berlin, Juni 2010:

Der Krieg begann nicht wie im Sommer 1914 mit Jubel und Hurra-Geschrei. Am 1. September hielt Hitler eine markige Rede zum Einmarsch in Polen. Eine kurze Zeit lang hofften wir noch, ein Weltkrieg wäre vermeidbar, aber am 3. September ging diese Hoffnung zuschanden: England erklärte Deutschland den Krieg. Ich war gerade in Buchholz. Der Nachbar hatte die Nachricht im Radio gehört und rief sie uns über den Gartenzaun zu. Ich saß hoch oben im mächtigen alten Birnbaum und pflückte die "Grauchen", eine besonders süße Birnensorte. Ringsum lagen die Gärten in herbstlich bunter Pracht, über mir der seidig blaue Septemberhimmel. Alles schien Frieden und Stille zu atmen, aber nicht weit entfernt, an der polnischen Grenze, war Tod und Verderben über die Menschen hereingebrochen. Das machte mich unendlich traurig.

Am 10. Mai 1940, einem sonnigen, kühlen Frühlingsmorgen, machten Gerda Holz, eine Freundin, und ich eine Wanderung von Bernau nach Wandlitz. Diesen Weg liebten wir im Mai besonders, wenn die Birken in frischem Grün leuchteten. Doch an diesem Morgen waren wir bedrückt, alle Schönheit der Natur konnte uns nicht trösten. Seit dem frühen Morgen wussten wir, dass deutsche Truppen in Holland und Belgien einmarschiert waren. Der Westfeldzug hatte begonnen. Es war ein an Maikäfern sehr reiches Jahr; durch die Nachtkälte erstarrt lagen sie auf dem Weg. Nicht allen konnten wir ausweichen, wir traten hin und wieder darauf und der berstende Chitinpanzer verursachte ein entsetzliches Geräusch. Für mich blieb der Beginn des Westfeldzuges immer mit diesem Geräusch verbunden, um so mehr, wenn in den Kriegsberichten von Panzer knacken die Rede war.

Den Krieg hielten wir beide für Wahnsinn, wir wollten unsere Jugend genießen und eine Zukunft haben. Mein Bruder Rudi war als Soldat in Frankreich eingesetzt. Im Juni 1940 erhielten wir von einem Kameraden die Nachricht, dass er gefallen sei. Trauer fiel wie ein grauer Schleier über die Familie. Ich hatte das Gefühl, alles Gute und Schöne habe seinen Sinn verloren. Ein Fünkchen Hoffnung war jedoch geblieben: Rudis Tod war noch nicht offiziell bestätigt. Und tatsächlich: Wir erfuhren, dass er wegen einer Krankheit in ein Lazarett eingeliefert worden war. Sein Kamerad hatte nur einen Witz machen wollen! Dafür bekam er ein Gerichtsverfahren angehängt.

Der Krieg wurde mir durch dieses Ereignis noch verhasster. Bald war auch der Frankreichfeldzug siegreich beendet. Jubel ohne Grenzen! Mehr denn je wurde Hitler verherrlicht. Der "Endsieg" schien in greifbare Nähe gerückt. Wie konnte es da überhaupt noch Zweifler geben?! Der deutsche Landser zog in Paris ein. Es kam zu einem Ausverkauf an französischen Parfums, Dessous und sonstigem Pariser Chick. Die Siegesparade, die in Berlin durchs Brandenburger Tor zog, war einfach bombastisch. Von der Nazipresse wurde Dünkirchen hochgejubelt als das siegreiche Ende der größten Schlacht aller Zeiten. Ich mit meiner anglophilen Einstellung dachte an die vielen tausend Engländer, die sich kämpfend mit dem Rücken zum Meer zurückzogen, verzweifelt auf Schiffe wartend, die sie über den Kanal bringen sollten. Damals warnte Churchill, es werde "Blut, Schweiß und Tränen kosten, diesen Krieg durchzustehen."

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