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Dorothea Günther: Die Bombardierung Potsdams 1945

Dieser Eintrag stammt von Dorothea Günther (*1914) aus Berlin, Juni 2010:

Seit der furchtbaren Vernichtung Dresdens im Februar 1945 fürchteten mein Mann und ich, uns könnte Ähnliches treffen. Hunger und Kälte hatten wir zu ertragen gelernt, doch nie würden wir uns an das Entsetzen gewöhnen können, das uns packte, wenn wir durch das Heulen der Sirenen aus dem Schlaf gerissen wurden. Vor Müdigkeit kaum die Augen aufbekommend, ergriffen wir das Luftschutzgepäck und stolperten in den Keller. Wenn dann die Bomberverbände über uns hinwegdröhnten und die Flak ihr ohrenbetäubendes Sperrfeuer um Potsdam legte, waren wir hellwach.

Ich war schwanger, und mein Wunschtraum war es, nur eine Woche mal ungestört durchschlafen zu können und alles zu vergessen. Am Vormittag des 14. April, einem Sonnabend, hatte ich die Betten frisch bezogen und genoss nach getaner Arbeit den adretten Anblick. Doch wir sollten nicht mehr dazu kommen, das Wohlgefühl der frisch bezogenen Betten zu erleben, denn am Abend dieses Tages erlebte Potsdam sein "Dresden". Kaum hatten die Sirenen ausgeheult, hörten wir in der Ferne das gleichmäßige Brummen der anfliegenden Verbände. Wir sausten in den Keller. Die Luftschutzwartin hatte einen Blick nach draußen geworfen und sagte nur: "Diesmal gilt es uns." Überall standen

'Tannenbäume'. Da schlugen auch schon die ersten Bomben ganz in der Nähe ein. Das Licht ging aus, Hindenburglichter (Teelichter) erleuchteten nur spärlich den Luftschutzkeller. Dann hatten wir das Gefühl, die Welt ginge unter. Die Mauern rings um uns wackelten, Kalkbrocken fielen von der Decke, Mörtel rieselte herunter, zerberstendes Glas schepperte. Der Boden unter uns rollte so, als sei heftiger Wellengang. Bei jedem Einschlag dachte ich, nun stürzt das Haus ein, nun kommt das Ende. Und immer neue Luftminen kamen mit lautem Pfeifen heruntergestürzt.

Ich hatte noch nie solche Todesnähe empfunden. Mein Mann Martin, unser Untermieter und ich flüchteten unter einen Türrahmen. Dort sollte der sicherste Platz sein. Die beiden Männer hielten mich umschlungen. Das sollte ein schützendes Gewölbe für unser Kind sein, das tobte und strampelte. Ich dachte immer nur: "Dresden", und: "Das muss doch mal ein Ende haben."

Endlich wurde es ruhiger, wir setzten uns zu den übrigen Hausbewohnern. Eine Frau hatte begonnen, Leinen in Streifen zu reißen als Verbandsmaterial. Absurderweise trieb mich dieses reißende Geräusch nach all dem infernalischen Lärm an den Rand der Verzweiflung.

Endlich gab es Entwarnung. Wir kletterten aus dem Keller und stellten fest, dass das Haus noch stand und nicht einmal brannte. Dach und oberstes Geschoss waren schwer beschädigt, alle Türen und Fenster waren herausgerissen, aber die Mauern hatten gehalten. Die Geburtsklinik gegenüber, wo mein Kind zur Welt kommen sollte, war zerstört. Die Frauen wurden auf Bahren weggetragen. Jemand schrie: "Wo sind denn die Kinder? Helft doch mal, die Kinder suchen!"

Ringsum brennende Häuser und Trümmerhaufen. Ganze Straßenzüge der Innenstadt lagen in Schutt und Asche, die Bewohnen waren verschüttet oder verbrannt. Wie viele Menschenleben der Angriff gekostet hat, ist amtlich nie festgestellt worden, weil sämtliche offizielle Stellen bereits in Auflösung begriffen waren. Der Angriff hatte auch einen Teil der berühmten, das Stadtbild prägenden Baudenkmäler zerstört.

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