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Dorothea Günther: Machtergreifung der Nationalsozialisten und Gleichschaltung 1933

Dieser Eintrag stammt von Dorothea Günther (*1914) aus Berlin, Juni 2010:

Der "große Tag der Machtergreifung", der 30. Januar 1933, ging damals völlig spurlos an mir vorüber, denn ich verstand die Tragweite dieses Ereignisses nicht. Berlin war an diesem Tag aufgewühlt. Mein damaliger Freund Wolfgang und ich spazierten am Abend in Richtung Tiergarten. Bereits am Alexanderplatz war kein Durchkommen mehr: die Kolonnen marschierten aus allen Richtungen mit flatternden Fahnen und klingendem Spiel zur Wilhelmstraße. Wir hätten unentwegt die Fahne grüßen müssen, also kehrten wir um und gingen im Friedrichshain spazieren. Wolfgang, damals noch kein Hitlerjunge, spottete über Hitler, er habe die Mütze auf wie ein Briefträger - sie war mit einem Stahlband verstärkt aus Furcht vor Attentaten. Wir beide waren keineswegs angetan vom "Führer".

Wenige Wochen später, am 28. Februar 1933, feierten meine Eltern mit meiner Schwester und mir gemeinsam Karneval. Nach alter Tradition gingen wir gemeinsam tanzen in eines der großen Lokale am Potsdamer Platz. Es ging sehr lustig dort zu und wir ließen keinen Tanz aus. Zu vorgerückter Stunde verbreitete sich plötzlich die Kunde, draußen sei ein Großfeuer zu sehen. Wir liefen hinaus. Der Reichstag stand in Flammen! Glutrot leuchtete der nächtliche Himmel. Ein Gefühl des Entsetzens packte uns bei diesem Anblick. Aber keiner ahnte, dass schon wenige Jahre später in ganz Berlin Großfeuer lodern würden.

Im Mai des Jahres 1933 spazierten Wolfgang und ich eines Abends zum Tiergarten. Wir gingen am Berliner Schloss vorbei über die Kurfürstenbrücke auf die Straße Unter den Linden. Neben der Staatsoper sahen wir Flammenschein und eine Menschenmasse, laut gebrüllte Wortfetzen drangen an unser Ohr. Die Menschen bildeten einen Kreis um einen Scheiterhaufen. SA-Männer standen neben hohen Bücherstapeln und ergriffen ein Buch nach dem anderen. Sie brüllten den Titel, schmähten den Verfasser und verkündeten, ob er Jude, Pazifist oder sonst was sei, und dann hieß es: "Wir übergeben dich dem Feuer!", während das Buch in die Flammen geschleudert wurde. Ich war fassungslos und zutiefst empört, denn viele Bücher, die in den Flammen aufgingen, hatten wir im Lettehaus gelesen und diskutiert. In dieser Zeit ging das große Wort von der "Umwertung aller Werte" um. War sie hier zur Tat geworden? Ich durchschaute damals noch immer nichts.

In den nächsten Wochen wandelte sich das Berliner Stadtbild. SA-Uniformen überall und neue Umgangsformen: Man grüßte einander nicht mehr mit "Guten Tag", sondern es musste der Hitlergruß sein, besonders in Büros und Dienststellen. Einmal wurde es absolut lächerlich, als sich Wolfgangs und meine Eltern zufällig auf der Straße trafen und es keinen Händedruck gab, sondern der Arm gehoben wurde und man etwas Undeutliches murmelte. Mutter machte es besonders ungeschickt, ihr fehlte die Übung.

Bei Aufmärschen der Nazis war es "heilige Pflicht", die Fahne am Straßenrand stehend mit hoch erhobenem Arm zu grüßen ("denn die Fahne ist mehr als der Tod..."). War man nicht flink genug zum Gruß bereit, bekam man einen Stoß ins Kreuz von den SA-Männern, die wie Terrier die Kolonne umkreisten, und wurde dazu noch angeflegelt und angeraunzt. Nach der Machtübernahme bestand unsere kirchliche Jugendgruppe, in der ich aktiv war, noch eine Weile in der gewohnten Form. Die Älteren unter uns, die bereits politisch dachten, waren jedoch besorgt, dass sich eine Wandlung vollziehen würde. Um die Jahreswende 1933/34 war es dann soweit: Wir wurden gleichgeschaltet, d.h. in den BDM überführt. Da in dieser NS-Organisation ein großer Mangel an Führungskräften herrschte - man brauchte Mädel mit höherer Schulbildung, die einigermaßen intelligent waren, - wurde ich sehr bald mit der Führung einer Gruppe in unserem Wohngebiet betraut.

Die Heimabende leitete ich nach bewährtem Muster. Es wurde viel gesungen, vorgelesen und es wurden Spiele gemacht. Keiner kümmerte sich um uns, wenn wir nur brav BDM-Uniform trugen und ab und gelegentlich zu Appellen antraten. Allerdings mussten zu besonderen Anlässen vorgegebene Themen auf der Grundlage von Schulungsbriefen behandelt werden. Allmählich setzte so die politische Durchdringung unserer Gruppierung ein und damit kamen auch militärische Formen. Bald wurde mir eine größere Gruppe - ca. 120 Mädel - überantwortet. Mit dieser Gruppe kam es schon bald zu einem für mich sehr peinlichen Erlebnis. An einem Sonntagmittag kamen wir von einer Veranstaltung zurück. In der Lippehner Straße, vor unserem Heim, sollten die Mädchen verabschiedet werden. Brav aufgereiht standen sie vor mir und hatten Haltung angenommen. Von den Balkonen der umliegenden Häuser schauten einige Leute auf diese nett aussehende, wohl disziplinierte Mädchenschar. Ich hingegen rannte verzweifelt vor der Gruppe auf und ab, denn ich konnte mich nicht an den Befehl erinnern, mit dem ich die Mädchen aus ihrer starren Haltung hätte erlösen können. Er fiel mir partout nicht ein, und ich geriet in Panik. Schließlich konnte ich nicht einfach sagen; "Nun geht mal schön nach Hause." Da fiel mein Blick auf Dilli. Sie war ehrgeizig bemüht und wollte auch BDM-Führerin werden, sie hatte bereits einen Führerinnen-Schulungskurs gemacht. Ich sagte ihr, nun dürfe sie sich beweisen und den Rest übernehmen. Stolz trat sie vor die Gruppe, pfiff und rief; "Rührt euch!" Damit war der Bann gebrochen! Mit diesem Erlebnis wurde mir klar, dass ich beim BDM fehl am Platze war. Außerdem nahm die Organisation mich zeitlich zu sehr in Anspruch, mein privater Bereich wurde eingeengt. Also verkündete ich, dass ich keine Zeit mehr hätte, weil ich in absehbarer Zeit heiraten würde und deshalb Kochen und Säuglingspflege lernen müsse. Kochen habe ich tatsächlich gelernt, geheiratet aber noch lange nicht.

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