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Elisabeth Trautwein: Werner Richard Heymann über seine Einberufung 1914

Dieser Eintrag stammt von Elisabeth Trautwein-Heymann aus Berlin, Februar 2010:

Als ich den Einberufungsbefehl bekam, war mein größtes Ziel, nicht an die Front zu kommen. Ich weiß, das klingt nach Drückebergerei, aber ich schäme mich ihrer durchaus nicht. Mein erster Gang war also zu Prof. Klemperer, einem Vetter des Dirigenten Otto Klemperer. Er untersuchte mich, stellte die mir bereits bekannte Herzverbreiterung fest und schrieb ein Attest, das mich völlig untauglich zum Fronteinsatz erklärte. Ich wurde, wie der Zufall so spielt, nach Königsberg einberufen und zwar zum selben Regiment, bei dem mein Vater 1870/71 als Oberleutnant gekämpft hatte, dem 1. Ostpreußischen Nachschubbataillon.

Die Fahrt nach Königsberg war entsetzlich. Wir waren ab Berlin vier Tage und vier Nächte unterwegs, in gewöhnlichen Wagen III. Klasse, die auch noch überfüllt waren, so dass zwei von uns im Gepäcknetz schlafen mussten. Ich hatte einen Koffer mit Esssachen mit, die allerdings nicht lange vorhielten, da wir überhaupt nicht verpflegt wurden. Nach zwei Tagen waren wir alle hungrig wie die Wahnsinnigen. Als wir endlich in Königsberg ankamen, fanden wir keine Quartiere vor, sondern mussten bei mehreren Grad unter Null auf nackten Ziegeln im Pferdestall schlafen. Ich bekam prompt eine Lungenentzündung, was meine Situation erheblich verbesserte. Ich kam erst einmal auf die Revierstube und wurde dort, nachdem die Lungenentzündung ausgeheilt war, auf Grund meines einen Semesters Medizin als Hilfskraft im Lazarett verwendet. Ich habe in diesen Tagen etwa dreitausend Menschen gegen Pocken, Cholera und Typhus geimpft und ebenso viele Soldbücher mit dem entsprechenden Vermerk voll geschrieben.

Sehr lustig verlief das erste Gespräch mit meinem Feldwebel. Er fragte mich:"Wat sind se? Ich sagte: "Komponist." Sagte er: "Wat is det?" Darauf sagte ich: "Das ist ... äh ... ich komponiere - ich mache - ich schreibe Musik." - "Ach Musiker sind Se. Gehen Sie mal auf die Kammer und lassen Se sich ein Horn geben und blasen Se mir was vor!" Darauf ich: "Entschuldigen Sie, Herr Feldwebel, das kann ich nicht." Sagt er: "Nee? Na, dann lassen Se sich ne Trompete geben!" - "Verzeihen Sie, Herr Feldwebel, das kann ich leider auch nicht." - "Na also, wat können Se denn? Sie wollen Musiker sein und können weder Horn noch Trompete blasen?" Ich:"Nein, Herr Feldwebel, das ist so: Ich schreibe die Sachen, die andere Leute nachher auf dem Horn oder auf der Trompete blasen sollen." - "Ach so." sagte er. "Sie werden mit der Mannschaft Weihnachtslieder einstudieren. Abtreten!"

Mitten im Winter 1915 sollte das Frühlingsnotturno für kleines Orchester mit dem Blüthner Orchester in Berlin uraufgeführt werden. Mein Vater brauchte einige Schreiben kompetenter Musiker, um dafür beurlaubt zu werden. Als schließlich noch Paul Scheinpflug einen Brief an den Kommandeur des Regiments schrieb, wurde er vom Obersten, der offenbar ein kunstverständiger Mensch war, empfangen. Dieser entließ ihn mit vielen freundlichen Wünschen nach Berlin und sorgte sogar persönlich dafür, dass er eine möglichst anständig aussehende Uniform bekam.

Mein Vater erzählt: So traf ich Ende Dezember 1915 in einer ziemlich eleganten Kavallerieuniform und mit einem riesigen Säbel in Berlin ein. Diesmal fuhr ich aber mit einem normalen Zug und war in der fahrplanmäßigen Zeit von acht Stunden wieder daheim.

Es ist für einen jungen Komponisten ein berauschendes Gefühl, seine Komposition zum ersten mal zu hören, denn wenn es sich nicht um Klavierstücke handelt, sondern wie in meinem Fall um ein ganzes Orchester, hört er tatsächlich, sosehr er es sich auch hat vorstellen können, sein Werk erst dann, wenn es aufgeführt wird. Ein Dichter kann vorlesen, das Werk eines Malers, eines Bildhauers ist sowieso fertig, wenn es fertig ist. Der Komponist wird, wenn sein Werk erklingt, zum ersten Mal wirklich mit ihm konfrontiert - und überrascht. Ich war hingerissen vom Klang meines Notturno, zumal glaube ich, wirklich instrumental sehr begabt bin.

Das Werk hatte einen großen Erfolg und ich durfte mich bei der Uraufführung verbeugen. Das hat aber seine Tücken, wenn man einen großen Kavalleriesäbel umgeschnallt hat. Ich kam sehr gut die ersten zwei Stufen des Orchesterpodiums hinunter, aber dann stand eine Harfe im Weg, und da war auch noch der Säbel, und prompt lag ich auf den sehr scharfen Dornen, an denen die Saiten der Harfe befestigt sind. Ich spürte, dass ich an den Augenbrauen wie ein Schwein bluten musste und hielt mir geistesgegenwärtig ein Taschentuch vor die Augen. Die Zuschauer glaubten, ich sei über ihren Beifall so gerührt, dass mir die Tränen kamen, und der Anblick des rauen Kriegers mit dem Taschentuch im Gesicht dürfte den Beifall noch verstärkt haben. Ich wurde mehrmals herausgerufen und hatte nur einen einzigen Gedanken: Du darfst um Gottes Willen nicht zeigen, dass du blutest.

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