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Paul Diekmann - Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil I (Mai bis Dezember 1915)

Dieser Eintrag "Feldpostbriefe unseres Großvaters Paul Diekmann aus dem Ersten Weltkrieg (Mai bis Dezember 1915)" stammt von Gertrud Mohr, Cord Diekmann und Christel Lohmann [Kontakt: info@cord-diekmann.de, Juni 2008]

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Unser Großvater Paul Diekmann, geboren am 19.09.1881, war für uns Enkelkinder ein fast Unbekannter. Er fiel am 30.11.1917 bei Cambrai. Erst nach dem Tode unserer Großmutter Luise Diekmann, die 1987 mit 97 Jahren starb, ist er uns durch seine Briefe, die er während des Ersten Weltkrieges fast täglich an seine Frau geschrieben hatte, vertraut geworden.

Er war in seinem Hauptberuf Lehrer in Nienhagen, heute Ortsteil von Detmold/Lippe; im Krieg war er Leutnant und Kompanieführer. Seine Briefe sind ein beeindruckendes Dokument des furchtbaren Stellungskrieges in Frankreich und Belgien. Später wollte er, so unser Eindruck, diese sorgfältig datierten Briefe zusammen mit Fotos und Karten von Kriegsschauplätzen auswerten, vielleicht auch veröffentlichen.

Unsere Großeltern Paul und Luise Diekmann haben am 26. Mai 1911 geheiratet. Unser Vater Paul wurde 1913, sein Bruder Helmut 1914 geboren. Die Kinder haben mit ihrem Vater nicht viel Zeit gemeinsam gehabt: Seit Kriegsbeginn konnte er die Erziehung seiner Söhne nur durch Briefe und während weniger Urlaubstage beeinflussen. Nach seinem Tode musste unsere Großmutter ihre Söhne allein erziehen und versuchte, das im Sinne ihres verstorbenen Mannes zu tun. Mit großer Liebe hat sie sich während ihres langen Lebens bemüht, ihren Söhnen und später uns Enkelkindern ihren Mann in Erzählungen lebendig zu halten; dabei hat sie ihn - nicht immer zur reinen Freude ihrer Kinder und Enkel - oft als mahnenden Erzieher dargestellt und sicher ein überhöhtes Bild gezeichnet. Für uns Enkel war unser Großvater vor allem der ernst und ein wenig traurig blickende Soldat auf dem riesigen Portraitfoto über dem Sofa.

Als wir die Briefe das erste Mal lasen, wurde uns bewusst, dass unsere Großmutter in ihren Erzählungen einen 36-Jährigen für uns zum Großvater gemacht hatte, einen Mann, der jünger war als wir damals beim Lesen. Eingedenk dessen, was wir als 30-Jährige gedacht und getan hatten und später kritisch hinterfragten, empfanden wir mit Trauer, dass unsere Großmutter in lebenslanger Treue an einem Bild ihres Mannes festgehalten hatte, das er nicht mehr hatte verändern können.

Die Rettung eines Teiles der Briefe geht zurück auf die Schilderung unserer Mutter, wie unsere Großmutter nach dem Lesen in den Briefen ihres gefallenen Mannes gebeugt vom Mülleimer zurück gekommen war, in den sie die gerade gelesenen Briefe geworfen hatte. Jetzt, 60 Jahre nach dem Tode ihres Mannes, wollte sie die ihr so wichtigen Briefe vernichten; offenbar um uns Enkel nicht damit zu belasten. Dieses Bild der von Gram niedergedrückten alten Frau war uns Anlass, ihr das sorgsame Hüten der Briefe - in denen sie meist Liesi oder Lieschen genannt wird - zu versprechen. Bis zu ihrem Tode 1987 hat sie weiterhin häufig in den Briefen gelesen.

Wir freuen uns, über das Deutsche Historische Museum/LeMO einen Weg gefunden zu haben, den Wunsch eines längst verstorbenen jungen Mannes zu erfüllen, seine Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken auch anderen zugänglich zu machen und damit zugleich an die Schrecken und Folgen eines entsetzlichen Krieges zu erinnern

Die Originalunterlagen sind zugänglich im
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen / Staats- und Personenstandsarchiv Detmold




Feldpostbriefe von Mai bis Dezember 1915



 

Feldpostbrief, 26. Mai 1915

Salomé b/La Bassée, d. 26. Mai 1915, Mittwochabend 3/4 10 Uhr.

Mein teures, heißgeliebtes Mädchen!

Soeben komme ich von Sainghin zurück, wo die aktiven 55er jetzt in Ruhe liegen. Ich habe nur schnell noch gegessen.

In der furchtbaren Hitze wars eine Wohltat, daß ich Wagen und Pferd zur Verfügung hatte. Es war ein ziemlicher Weg. Ich fragte zuerst nach Rudolf Dickewied. Der war vor 3 Tagen nach Deutschland gekommen. Dann nach Georg Junker. Der war 1 Stunde vorher ins Lazarett transportiert. Die Nerven haben nicht mehr wollen. Aber dann hatte ich Glück. Der erste Offizier, den ich anredete, war Ltn. Schulz, ein blutjunger Mann. Der hatte mit Theodor [Anm.: Verlobter der Schwester der Adressatin] und Leutnant Thümmel in demselben Unterstande gelegen, als die unglückliche Granate eingeschlagen ist, die Theodor getötet und die beiden anderen Offiziere leicht gestreift hat. [...] Nachher habe ich auch noch Akemeier und Linke und Nordsiek getroffen. Letzterer war mit zum Militärfriedhof. Linke hat mir versprochen, Theos Grab baldmöglichst zu photographieren und Euch ein Bild zu schicken.

Der liebe Theodor ruht schön unter Gottes blauem Himmel. In einem Rondell ruhen die gefallenen Offiziere des Regimentes. Nicht weit von Theodor liegt auch Richard Schäfer. Und daneben in langen, langen Reihen, Kreuz an Kreuz, die wackern Helden vom stolzen Regiment. Gar nicht weit von Theos Grabe Koll. Worth. So liegen keine 20 m auseinander 3 liebe Krieger aus Heiden. Wenn erst jedem sein Stein gesetzt ist u. schöne Bäume kühlen Schatten spenden, dann ruhen all die Wackern "auch in fremder Erde im Vaterland". So nahe nebeneinander all die, die treue Freundschaft geschlossen in Not u. Gefahr! Und wie der Kirchhof angelegt ist! So könnens nur deutsche Kameraden mit all ihrer Liebe, ihrer Treue! Und mancher, mancher, der später das Grab eines lieben Gefallenen aufsucht, wird mit tiefer Dankbarkeit derer gedenken müssen, die ihren Kameraden solche Ruheplätze schufen. Und ganz sicher wird mancher Lipper später seine Schritte zum Friedhof in Illies lenken.

Und nun von unseres lieben Toten letzten Augenblicken. Am 17. Mai morgens ists gewesen, als die Granate in die Deckung geschlagen ist. Der Sanitätsunteroffizier ist sofort zur Stelle gewesen. Das Sprengstück hat Theo von hinten getroffen und das linke Schlüsselbein weggerissen. Korte sieht den Herzmuskel, die beiden Herzklappen geöffnet. Er drückts mit Mull zu, und Theo bleibt noch 20 Min. bei vollem Bewußtsein. Er wiederholt immer: "Grüßen Sie meine arme, arme Braut - meinen lieben Vater - meine Mutter lebt schon lange nicht mehr." Und dann, Korte, ich habe noch etwas auf dem Gewissen. So kann ich nicht ruhig sterben. Der Oberleutnant Limes (genau weiß ich den Namen nicht) hat mich, als ich gern Offizier werden wollte, gefragt, ob ich Offiziersaspirant gewesen sei. Ich habe "Ja" gesagt. Und so bin ich Offizier geworden. Ich bin aber nicht Offiziersaspirant gewesen. Sagen Sie das dem Oberleutnant bitte! Er möge mir vergeben. Offizier konnte ich nicht werden, weils meine Vermögensverhältnisse nicht erlaubten." Dann hat Theo gebetet und hat noch gesagt: "Die Welt war zu schlecht, zu gottlos. Darum kommts nun so." Dann sind die lieben, guten, treuen Augen gebrochen. Und 10 Min. später hats Herz zum letztenmal gezuckt. In Kortes Armen ist er hinübergeschlummert ins bessere schönere Leben. Der Wackere hat ihm die Augen zugedrückt und er, der Hundert anderen im letzten Augenblick schon beigestanden, hat weinen müssen. So lieb hat er Theo gehabt. So lieb haben ihn aber alle Leute der Komp. gehabt, ihn, den allzeit Lebensfrohen und Freundlichen. Und dann ist Korte zum Oberleutnant L. gelaufen und hat Theos letzte Bitte erfüllt. Und der hat gesagt: "Wenn alle Offiziere so wären, dann brauchen sie nicht Offz.-Aspiranten gewesen sein!" [...]

Jetzt ists 3/4 2. Morgen mehr, Gott schütze Euch!


Feldpostbrief, 1. Juni 1915

Im Schützengraben vor La Bassée, 1. Juni 1915, Dienstagabend 6 Uhr.

Mein herzliebes Lieschen!

Etwas gemütlicher wars heute schon hier im Schützengraben. In vorheriger Nacht haben sich unsere Leute, so gut es ging, Deckungen gebaut. In der letzten Nacht haben wir 6 Leute angestellt, die uns ein kleines Stübchen hergerichtet haben. Klein! So lang, daß man eben gerade liegen kann. So breit, daß neben mir auch noch Wegener liegen kann u. so hoch, daß man auf dem Fußboden wenigstens sitzen kann, ohne mit dem Kopfe ständig anzustoßen. Und doch gefällts uns hier. Der Fußboden hat Dielen, die drei Wände und die Decke sind gleichfalls mit Brettern abgekleidet. Nach vorn ist das Loch offen, aber wir könnens doch leicht mit einer Zeltbahn verhängen. Und wenn die Sonne scheint, dann lassen wir ihre Strahlen ein. Es ist dann doch auszuhalten. Auf dem feuchtkalten Fußboden hätte mans nicht lange mehr ausgehalten. Das ist nämlich gerade das Trostlose in dieser Gegend, daß alles Sumpf und Moor ist. Höchstens 1 m tief stößt man auf Grundwasser. Darum lassen sich so sehr schlecht Schützengräben und Deckungen anlegen. Es ist ganz anders wie bei Reims.

Aber wir wollen geduldig ausharren. Die armen Leute aber, die hier den Winter haben zubringen müssen! Es muß doch furchtbar gewesen sein! Außerdem haben wir die stille Hoffnung, daß wir nicht gar zu lange bleiben. Wenns aber so friedlich bleibt, wie es hier augenblicklich ist, dann kann mans schließlich auch schon aushalten. Und so friedlich solls eigentlich immer gewesen sein, außer kurz vor Weihnachten mal und jetzt bis zum 9. Mai, wo die Engländer hier so furchtbar angegriffen haben. Wir wußten das ja auch von Theodor.

An Stuhl und Tisch und Kiste fehlts vorläufig noch hier in unserer Deckung. Ich sitze deshalb auf der Erde und schreibe auf einem Buche auf den Knien. Wenns so nicht mehr geht, dann lege ich mich lang hin, strecke Kopf und Brust aus unserer Haustür in den Graben und schreibe auf einem Brettchen. Das geht alles. Aber es weckt doch auch sehr die Sehnsucht nach Haus und Herd, wo's so gemütlich war u. traut. Du meintest neulich, m. Liebling, der Krieg sei ein Erzieher. Ja, mir ist er's in mehr als einer Beziehung geworden. Wenn man sich auch nur ein einziges Mal im Hause nicht ganz wohl fühlen sollte, dann tut man bitteres Unrecht. Gebe Gott, daß ich dieses Unrecht nie mehr begehe!

Ich glaubs auch nicht. Wie wir uns lieben, Lieschen, wissen wir. Kann das je wieder anders werden? Und dann unsere Lieblinge, so lieb und drollig! Wie freut mich jedes Mal, daß Bubi gesprochen hat! Allerdings höre ich ja nur das Gute, nicht das Böse von ihm. Aber welch herrliche Aufgabe vom Himmel ist es, ihn u. klein Helmut zu guten Menschen zu erziehen! Werden wir sie erfüllen können? Wir beide zusammen gewiß, Liesi, wenn wir uns einig sind und treu. Jedem allein wirds schwerer fallen. Aber möglich sein muß es doch auch!

Die Sehnsucht nach Euch nimmt oft meine ganzen Sinne gefangen, füllt häufig all' meine Träume aus. Und da habe ich denn trotz Allem das Gefühl, daß ich Euch recht bald wiedersehe. Du erwartest vielleicht von mir, Lieschen, daß ich wie früher häufiger mal über die allgemeine Lage schreibe. Das kann ich nicht. Wir sind hier wie von der Welt abgeschnitten. Erfahren kaum mal die neuesten Kriegsnachrichten. Und die wenigen Zeitungen, die wir kriegen, sind alt. So kommts denn, daß wir viel weniger wissen als Ihr wißt. Nur haben wir alle die Hoffnung, daß Italien jetzt auch nicht so sehr viel mehr schaden kann. Und ob seinetwegen der furchtbare Krieg nun doch sehr viel länger dauern wird, ist vielleicht auch noch zweifelhaft. Hoffen wollen wir's nicht. Bisher hat man in Kreisen, die es wissen müßten, mit einem Frieden in 3-4 Monaten gerechnet. Und das wäre ja noch auszuhalten. Und wir wollten nicht murren und unzufrieden sein! Aber nur nicht nochmals einen Winterfeldzug! Wer hielte da aus?

Daß ich, m. I. L., als Kompagnieführer allerlei Mehrarbeit habe, schrieb ich schon. Man trägt ja schließlich für alle u. für alles die Verantwortung. Ist das in Zeiten der Ruhe u. d. Erholung schon nicht leicht, so erst recht in Zeiten der blutigen Angriffe. Aber Gott hat gnädig gewaltet über unsere Kompagnie! Allen kommts wie ein Wunder vor, daß unsere ja leider viel zu großen Verluste nicht fünfmal so hoch sind! Und die vielen Verwundeten sind gottlob alle nur leicht verwundet, u. wir werden sie gottlob recht bald wiederhaben. Auch von den Schwerverwundeten ist bisher keine schlimme Nachricht gekommen. Hoffentlich kommen alle mit dem Leben davon.

Daß ich August [Anm.: Bruder der Adressatin] hier noch nie getroffen habe, schrieb ich schon. Es ist auch sehr fraglich, ob ich ihn überhaupt treffe. Die Truppen liegen hier weit auseinander, u. womöglich sind wir beide stets gleichzeitig im Graben. Sobald als möglich, suche ich ihn natürlich auf. Vorläufig liegen wir noch im Graben. Ob wir morgen - nach 5 Tagen - wirklich abgelöst werden, ist wohl immer noch nicht sicher. Wenn ja, m. I. L., dann gibts morgen nur einen kurzen Brief. Das Schreiben im Liegen ist doch zu schwer.

Und doch hab ichs so gern getan. Schreib Du auch recht oft, Herzblatt! Deine l. Briefe sind doch das Schönste für mich. Grüße alle Lieben und küsse unsere Jungen!

Auch Dir heiße Grüße und Küsse!
Dein dankb., treuer Paul.




Feldpostbrief, 5. Juni 1915

Im Reservegraben vor La Bassée, 5. Juni 1915, Sonnabendmorgen 3/4 3 Uhr.

Mein liebes, gutes Herzensliebchen!

Eine etwas merkwürdige Zeit, wirst Du denken. Aber das ist nun so bei uns, was bei Euch ungefähr 8 Uhr Abends ist. In zwei Stunden gehts nämlich zu Bett. D.h. wenn nichts besonderes mehr vorfällt. Meine Kompagnie hat die ganze Nacht vorn gearbeitet und kehrt um 1/2 4 Uhr zurück. Ich bin schon vor 1 Stunde heimgekommen, weil ich gestern Abend zum Major mußte, ehe ich gegessen hatte. Schade, als ich eben heimkehrte, waren meine schönen Bratkartoffeln, die mir eine Ordonnanz aus dem Kasino gebracht hatte, kalt geworden, u. auch das schöne Sauerkraut aus der Feldküche war kalt, obgleich es mein Bursche warm in Decken eingehüllt hatte. Na, die Bratkartoffeln haben auch kalt geschmeckt u. das schöne Stück Braten dazu schmeckt auch heute Mittag noch zum Butterbrote. Als Nachtisch habe ich dann die beiden Äpfel gegessen u. eine Apfelsine aus Deinem kleinen schönen Pakete vom 27. Mai, das in meiner Abwesenheit angekommen war. Es ist ja eigentlich ein bißchen wenig, in 48 Stunden einmal etwas Warmes! Aber ein guter Magen hilft über allerlei hinweg. Außerdem haben wir uns gestern Nachmittag über einer Kerze in der Feldflasche den Kaffee etwas angewärmt, u. augenblicklich labt mich der warme blaue Rauch einer guten Zigarre, die "den deutschen Offizieren" gewidmet ist.

Etwas enttäuscht war ich bei meiner Rückkehr, als ich außer Deinem Paketchen gar keine Postsachen vorfand. Nach Deinem gestrigen lieben langen Sonntagsbriefe hatte ich ja allerdings kein Recht, schon wieder auf Brief oder Karte zu hoffen. Und doch tut mans so gern. Warum? Weil ich Dich so lieb habe, Schatzi!

Ich weiß nicht, wies kommt, Lieschen, aber ich bin so leicht und froh, wie lange nicht! Das kleine Paketchen ist vom Hochzeitstage. Du hasts so gut gemeint. Und ich bin Dir so dankbar für all Deine Liebe und Treue, Du gutes Mädchen! Am 27. Mai selbst habe ich ja nicht an die Bedeutung des Tages gedacht. Vor lauter Arbeit u. Lauferei gerade an diesem Tage nicht. Aber nachher umso mehr. Und heute, mein liebes Lieschen, nein gestern meine ich, als wir unser kaltes Mittagessen in Gestalt von Butterbrot u. kaltem Tee verzehrt hatten, da sollten Briefe geschrieben werden. Ich lag auf meinem Strohsacke. Wegener u. Himstedt saßen am Tische. "Mein liebes, gutes Lieschen" las Himstedt als Anrede aus Wegeners angefangenem Briefe vor. Ja, Wegeners Frau war lieb und gut. Darum schreibe er so. Und nun war das Thema "Gute Frauen" dran. Und wir alle stellten fest, daß unsere Frauen seien, wie deutsche Frauen sein sollen: treu u. ehrlich, wahr u. rein, fleißig u. sauber u. voll schöner Sorge für Mann u. Kind! Und als bei der Gelegenheit Wegener erzählte, daß er einst im Wäscheschranke seiner Frau ein Sparkassenbuch gefunden über 700 M für seinen Jungen, in das sie nach u. nach von erspartem Haushaltungsgelde eingezahlt, da habe ich mir gesagt, daß Du später zu den vielen anderen Sorgen auch noch die Verwaltung der Kasse wirst übernehmen müssen. Du hasts ja nun gelernt und wirsts auch viel besser machen als ichs je gekonnt.

Nun ists inzwischen 3/4 5 Uhr geworden. Die Kompagnie ist zurück, hat ihre Postsachen erhalten, u. draußen ists hell u. still geworden. Wir drei haben noch eine Flasche Bier getrunken. Wegener u. H. liegen schon auf Ihrem Strohsack, u. ich will auch heute Mittag weiterschreiben. Der Brief geht ja doch erst heute Abend fort.

Merkwürdig! Ihr steht auf! Wir gehen schlafen! Gott sei mit euch und uns!

Dein dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 5. Juni 1915

Sonnabd., nachm. 1/2 5 Uhr

Mein liebes Lieschen!

Jetzt ists also beinah 12 Stunden später. Wir haben bis 1/2 2 geschlafen, haben gegessen u uns gewaschen. Dann habe ich ein paar Karten beantwortet, die gestern Abd. doch noch mitgekommen waren. Von Onkel Fritz, Mine Hackemack u. Fr. Wortmann. Dessen Onkel ist ja hier auch gefallen u. ruht mit all den vielen anderen Lippern auch auf dem Soldatenfriedhof in Illies. So hat doch eigentlich das kleine Nienhagen schon verhältnismäßig viele Opfer bringen müssen. Und doch ists noch am traurigsten um den lieben Fritz Kordhanke. Daß er noch lebt, ist ja nun eigentlich nicht mehr anzunehmen. Aber auch über sein Ende wird man wohl nie etwas Bestimmtes erfahren. Und das ist doch eigentlich das Härteste für die Angehörigen. Mit feststehenden Tatsachen - u. seien sie noch so hart - findet sich das Herz immer leichter u. schneller ab, als mit so Ungewissem - selbst, wenn noch Hoffnungsschimmer bleiben. Kordhanke tut mir sehr leid.

Wie wirds nun mit Theos Leiche werden? Gelegentlich habe ich auch mit Kameraden über die Angelegenheit gesprochen. Aber alle - ohne Ausnahme - sagen: Nicht die Ruhe der Toten stören! Und wenn der liebe Theodor nicht so schön läge! Ich schriebs ja. Ich sehe schon im Geiste, wie das dankbare Vaterland all diese Ruhestätten seiner Helden würdig schmücken wird. Ich habe in Noyon und anderswo auf Friedhöfen Namen von bekannten Grafen- u. Adelsgeschlechtern gelesen. Niemand wird jetzt oder später daran denken, die sterblichen Überreste der Gefallenen in die Heimat zu holen. [...] Was hilfts uns, wenn wir den Grabhügel, der unser Liebstes birgt, in nächster Nähe haben? Gewiß, dort läßt sichs beten besser als anderswo. Dort kann man sich ausweinen - satt und leichter als auf jedem anderen Fleck Erde. Man kann das Grab oft u. schön mit Blumen u. anderen Zeichen der Liebe schmücken. Aber sind wir dem Toten selbst darum näher? Fühlen wir uns deshalb inniger mit ihm verbunden? Nein, das, was unsterblich an uns ist, - nenns Seele, nenn es Geist - das umschwebt uns stets, wenn die treue Erinnerung uns mit dem verbindet, was der Tote in seinem Leben war. Und wer so großes Opfer hat gebracht, daß er sein Liebstes hinausziehen ließ in den Reihen der deutschen Söhne, daß er das Liebste bluten und sterben ließ zwischen Kameraden u. Freunden - der sollte auch noch das Opfer bringen, daß er den Gefallenen ruhen läßt auf dem Felde, das man das Feld der Ehre nennt.

Der Krieg macht alle gleich. Der Tod erst recht. Wenn wir im Schützengraben liegen, Mann an Mann - was heißt da Stand u. Rang? Und sieh, Liesi: Die allermeisten Deutschen können die Leichen ihrer Söhne nicht holen lassen. Und die es könnten, sollten es lassen. Das heißt doch eigentlich: Unterschiede noch im Tode machen. Und Unterschiede sollen und müssen wir verwischen. [...] Ich glaube fest und sicher: Deutschlands Glück und Zukunft wird davon abhängen, ob wir Brücken schlagen gelernt haben über all die unglücklichen Klassen, die Gegensätze u. Abgründe, die die Volksschichten trennen. Anfänge sind gemacht. Und wenn der Krieg selbst nicht zu Ende führt, was jetzt begonnen, dann kommts nicht zu einem Ende. Und glaube keiner, daß die Liebe in den unteren Volksschichten geringer ist als oben. Ich habe rührende Briefe für unsere Leute gelesen von Weib u. Kind, von Vater u. Mutter!

Nun will ich schließen, I L.! Gott befohlen! Grüße an Paulchen u. Helmut! Grüße aber auch die l. Eltern, Lina u. Dina, He. Echterling! Heißesten Treuekuß aber Dir, m. l. Lieschen!

Dein ewig dankbarer Paul.


Feldpostbrief, 6. Dezember 1915

Klein Hantay, Montag, den 6. Dezember 1915.

An meinen lieben Helmut!

Dein erster Geburtstag! Und Dein Vater immer noch im Felde wie heute vor einem Jahre auch. Und wer weiß, obs übers Jahr schon Friede ist! Schlimmer als vor einem Jahre rollt an der nahen Front u. gewaltiger der furchtbare Donner der Geschütze. Und dazu kämpfen wir einen schier aussichtslosen Kampf gegen die Elemente. Gegen das Wasser. Als ob uns die Natur immer wieder zeigen will, daß alle Weisheit u. Kunst u. Kraft der Menschen rein gar nichts bedeutet gegen ihre Gewalten. Wie klein ist doch trotz allem der Mensch!

Du fühlst u. ahnst noch nichts von allem dem. Wohl bist Du geboren worden als Dein Vater fern war. Wohl hast Du Dein erstes Lebensjahr ohne ihn leben müssen. Aber der Mutterliebe zarte Sorgen bewachten Deinen goldnen Morgen. Und als das herzig gute Mütterlein mal für 6 Wochen Dich hat verlassen müssen um ihrer gefährdeten Gesundheit willen, da hat's Dir auch an treuer Liebe nicht gefehlt. Das hat Dein Vater selbst gesehen, als er am späten Abend des 1. September Dich leise geweckt u. in die Arme geschlossen hat. Und Du hast nicht geweint. Und hast dem fremden Mann nicht gewehrt. Du hast gelächelt sogar u. Dich vom Vater tragen lassen. Und still bist Du wieder eingeschlafen. Zwei Tage später kam's Mütterlein heim, u. glückliche zwei Wochen sind gefolgt. Für uns alle.

Ein Kriegsjunge bist Du. Und unter Sorgen bist Du groß geworden. So groß, daß Du nun grad noch laufen gelernt hast vorm Geburtstage. Der Mutter Freude über den ersten Schritt ist auch des Vaters Freude gewesen. Wie er dann auch mit ihr gebangt u. gesorgt hat in jenen Vorfrühlingstagen dieses Jahres, als Du schwer krank gelegen hast. Gott hat geholfen. Und wenn Deine Gesundheit auch seit jenen Tagen nicht mehr ganz so widerstandsfähig scheint: Es wird schon wieder werden. Dein Mütterlein tut ja doch alles, was in ihren Kräften steht. Für Deinen größern Bruder wirst Du nun gar bald der Spielkamerad sein, der ihn gern u. oft zur Schule zieht.

Zwei gute Menschen sind heute an Deinem Geburtstage nicht mehr. Dein Patenonkel ist den schönen Heldentod für's Vaterland gestorben. Er hat Dich nicht mehr gesehen. Das tote Großmütterlein hat sich noch über Dich freuen dürfen.

Gott mit Dir u. mit uns auch im neuen Lebensjahre! Ich bin Dein treuer Vater.





Feldpostbrief, 25. Dezember 1915

Im Apfelhofkeller, den 25. 12. 1915, Am 1. Weihnachtsfeiertage, abds. 6 Uhr.

Mein liebes, gutes Lieschen!

Da ist nun auch der 1. Feiertag wieder um, auf den ich mich eigentlich gefreut. Ich dachte immer noch an Reims im vorigen Jahre. An den "Frieden auf Erden" wenigstens für den Weihnachtstag. Ich hatte ja von der schönen Schützengrabenfeier zwischen Franzosen und uns eigentlich nichts gesehen, weil ich bis Heiligen Abend in Charleville war, um Geschenke für die Kompagnie einzukaufen. Damals war heller Mondenschein und bitterkalter Frost. Am gleichen Abend war die Kompagnie auch in den Graben gerückt. Am 1. Feiertage bin ich dann noch mit August zusammengewesen u. abends bin ich dann bei schönem Frost auch in den Graben gegangen.

Wie ganz anders diesmal! Statt des trockenen Frostes Regen. Statt der feierlichen Stille diesmal ein Artilleriekampf durch die ganze Nacht. Ohne Aufhören beinahe. Wohl haben auch ein paar von unsern Leuten um 12 Uhr in der Heiligen Nacht, so gut es gehen wollte, Weihnachtslieder gesungen. Aber keine Antwort klang von drüben. Schon möglich, daß der Wind die Klänge bis an die englischen Gräben gar nicht hat kommen lassen. Ich kann u. mag es doch nicht glauben, daß Haß u. Bosheit so gewachsen sein sollen im letzten blutigen Kriegsjahre, daß die Menschen sich nicht mehr dem heiligen Zauber der Christnacht hingeben können. Da sei doch Gott davor!

Zwischen 12 u. 1 in voriger Nacht stand ich draußen. Der Regen hatte gottlob aufgehört. Der Mond stand hoch. Von allen Seiten wetterleuchtete es. Herüber und hinüber sausten die verderbenbringenden heulenden Geschosse der Artillerie. Dazwischen die einzelnen Schüsse wachsamer Posten und das unheimliche Rattern der Maschinengewehre. Aber ich war mit meinen Gedanken bei Euch.

Ihr wart ja sicher längst zur Ruh. Vielleicht hatte aber gerade klein Helmut geweckt. Aber sicher stand im großen Zimmer das geschmückte Tannenbäumchen, das unsere Lieblinge erfreuen u. auch lieb Mütterlein neue Hoffnung ins sorgenvolle Herz geben sollte. Vielleicht hatte auch Bübchens lebhafte Phantasie ihm im Traume schon etwas von dem gezeigt, was der neue Morgen ihm Schönes bringen sollte.

Dann habe ich noch eine Tasse Kaffee getrunken und Bübchens Plätzchen dazu gegessen. Das hat mir so gut geschmeckt. Dann habe ich fest u. gut geschlafen wie schon lange nicht mehr.

Post war gestern Abend von Dir nicht da. Hoffentlich heute. Gott befohlen, m.l.L.! Seid alle drei herzlichst gegrüßt u. geküsst von Eurem treuen

Vater

Leider kam auch heute keine Post von Dir. Aber Rudolf schrieb u. Lieschen und Friedr. Aus Düsseldorf. Gruß und Kuß!

Dein Paul

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Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg - Teil VI (Juni bis Juli 1917)
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