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Günther Vogel: Meine NAPOLA-Zeit

Dieser Eintrag stammt von Günther Vogel (*1928) aus Langlois Oregon, zusammengestellt von Horst Ahrens aus Hamburg, Juni 2011:

Mein Vater ist in Thüringen geboren, seine Universitätsausbildung erhielt er in Halle/Saale und ist etwa 1923 nach Argentinien ausgewandert. Dort war er Journalist in der Nachrichtenfirma des Joshua Powers tätig und kehrte kurz vor meiner Geburt 1928 mit seiner jungen Frau nach Deutschland zurück.

Mein Vater trat 1933 in die NSDAP ein und gehörte später dem NSKK ( Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps ) an. Er arbeitete im Reichsnährstand und vertrat Deutschland im Ausland bei Agrarkonferenzen. Kurz nach Kriegsanfang wurde er Angehöriger der "Abwehr" unter Admiral Canaris. Die Familie oder wenigstens wir fünf Kinder, wussten wenig von seiner politischen Neigung, denn Papito (wie wir ihn in der kastilianischen Art nannten) war viel auf Reisen.

Eines Tages kam Vater in hoher Offiziersuniform nach Hause. Ein Grund hierfür wurde nicht erwähnt. Vater war sehr streng mit uns: "Man hört Kinder nicht, sieht sie nur!" Als ich 10 war, sträubte sich mein Vater anfänglich, dass ich der HJ ( dem "Jungvolk" ) beitreten würde. Er sah aber ein, dass es für ihn nicht gut wäre, wenn er seine Zustimmung für meinen Eintritt nicht gäbe.

Um meine Erziehung und Zukunft zu sichern, beschloss mein Vater, mir in der NAPOLA Potsdam das Studium zu ermöglichen. Ich war 11 Jahre alt, als ich die Aufnahmeprüfung für die NAPOLA bestand. Was mir damals nicht so bewusst war, war dass ich "rassisch rein" sein musste, einen langen ( arischen ) Ahnenpass vorzuweisen hatte und körperlich ( sportlich ) fit sein musste.

Nach der medizinischen Untersuchung kurz nach Kriegsanfang wurde ich Anfangs 1940 dort angenommen. Der Übergang von der Goetheschule in Berlin war für mich schwer, denn sportlich war ich weniger als Durchschnitt, was mir in den nächsten paar Jahren täglich das Leben verbitterte.

Die Klassen in der NAPOLA wurden "Züge" genannt und der meine hatte etwa 25 Jungs von allen möglichen Bevölkerungsschichten. Übrigens, der Potsdamer Anstaltsleiter hatte einen türkischen Orden von seiner Tätigkeit im ersten Weltkrieg im "Deutschen Asienkorps", im Vorderen Orient, als deutscher Offizier im Kampf gegen Lawrence of Arabia erhalten und verlor dort auch einen Arm.

Wer im Sportlichen hervorragte, wurde Zugführer, aber obendrein hatten wir erwachsene "Zugführer", die Hälfte von ihnen waren Zivilisten und die andere Hälfte SA, SS oder Militärangehörige, nicht unbedingt Offiziere.

Da war ein ehemaliger SA-Mann Möller, der sogar in London Lehrer gewesen war und Cockney mit uns sprach. Ein Anderer, mit Namen Bischoff, sehr beliebt und freundlich. Sie waren "Dienstoffiziere" für 2 Tage, neben ihren Lehrpflichten und als solche die ersten, die wir morgens sahen und hörten mit "Aufsteh'n!" und einem Pfiff ihres Adjutanten, einer der Jungmannen eines höheren Zuges oder Hundertschaft. Wir hatten drei davon.

Was wir am Leib trugen war 100% Napola-Zeug, sogar die Socken. Wir hielten all dieses mit Nadel und Zwirn in gutem Zustand, also Nähen war etwas, was man von Zuhause mitbrachte, es wurde einem nicht beigebracht. Wir waren eine Oberschule, geführt und gelehrt von einem Zugführer Müller, während Sport und Mathematik - wenigstens für 2 Jahre - Herrn Erkenbrecher unterstanden. In meiner Erinnerung ein Sadist aber nur gegen diejenigen, die "auffielen", sowie bei solchen, denen ein Nagel in der Stiefelsohle fehlte oder der seinen Spind nicht akkurat gepackt hatte beim Appell.

Ich zitterte vor dem Erkenbrecher jeden Montagmorgen, wenn er Zugführer vom Dienst war, denn es war das Brüllen eines Wilden, der uns um 6 Uhr aus dem Schlaff riss und dann über den Appellplatz jagte, der mit riesigen Kastanienbäumen umstanden war.

Frühstück war um sieben und montags war der am wenigsten beliebte Tag, aber wir waren uns bewusst, dass die "draußen" nur auf Lebensmittelkarten lebten. Im Spind hatte ich einen Topf mit Mostrich, erhältlich als das einzige Lebensmittel ohne Karte. Das war das Einzige, was ich auf Brot tat welches ich mir immer unter der Jacke mit nahm vom Speisesaal und später am Tag aß.

Am Tisch saßen acht Jungs, wir hatten unsere "Stammtische", mit dem Tischführer immer ein Jungmann. Vorgesetzter, also Zugführer oder Stubenältester. Dieser war der erste, der sich bediente, während zwei der anderen Kameraden Helferpflichten hatten, d.h., dass sie das Essen auf Tabletts an ihre Tische brachten. Die anderen sieben Stühle waren nach den Tagen der Woche benannt und je nach Tag durfte sich der entsprechende Junge als zweiter bedienen, was am Donnerstag und Wochenende sehr erwünscht war, denn da gab es besseres Essen.

Um fair zu sein, wurde diese Ordnung jede Woche im Uhrzeigersinn verschoben, sodass man nach 6 Wochen immer denselben Stuhl innehatte. Das weibliche Personal in der Küche waren Zivilisten. Wir hatten mit ihnen keinen Kontakt, aber es war offensichtlich, dass an gewissen Tagen eine anonyme Großmama, die ihre Enkel lieb hatte, etwas extra für uns tat.

Dann begann um acht der Schulunterricht, deutsch, englisch (mein Lieblingsfach), Mathe (hasste ich, denn Erkenbrecher war da mein Nemesis...), Physik, Geographie (auch mein Favorit). Jedes Fach wurde gelehrt von einem Erzieher (Anstaltsfakultät) oder Zivilisten die nicht in Uniform auftraten und als solche täglich "von draußen" kamen. Sie nahmen als solche auch nicht am Morgenappell auf dem Appellplatz teil.

Auf diesem wurden die Befehle für den Tag ausgesprochen, Kritiken bekannt gegeben mit den dazu gehörenden Strafen für die, die "aufgefallen" waren und einmal sogar das Schlimmste, das einem passieren konnte: Aus der Anstalt wegen Unehre ausgewiesen zu werden. Ein solcher Fall ist mir im Gedächtnis geblieben: Der Groß-groß-groß-Enkel eines friderizianischen Generals war schuldig des Kameradendiebstahls. Seine Eltern mussten ihn auf der Stelle vom Antreteplatz abholen. Er hatte einen Cousin in einem anderen Zug, dem aber zum Glück nichts vorgeworfen wurde.

Im Jahre 1941 wurde die erste Klasse der Achtzehnjährigen entlassen. Alle gingen als Offiziersanwärter in die Truppe ihrer Wahl. Darunter war auch ein junger Mann, in Peru geboren, der zur Marine ging und am Ende des Krieges zweiter Offizier auf einem Schnorchel-U-Boot war. Im September 1945 kreuzten sich unsere Wege auf dramatische Art ohne dass wir uns bewusst waren, dass wir in 1941 auf dem selben Boden gestanden hatten - ich, in Ehrfurcht vor ihm und seinen kriegsbereiten Kameraden und er in Erwartung auf das, was das Schicksal ihm bringen würde.

Ich kann mich nicht erinnern, ob wir noch Unterrichtsstunden nach dem Mittagessen hatten, aber nachmittags waren Hausaufgaben, Sport und dann das Abendbrot. Anschließend gab es vielerlei Aktivitäten, einige musikalisch oder Vorbereitung für Theateraufführungen, welche immer "groß" geschrieben waren. Entweder waren es patriotische Themen oder solche von Klassikern. Ich erinnere mich an ein Bühnenspiel während der Zeit der Siege in Nord-Afrika. Da wurden nur gewisse Jungs ausgewählt, die entweder musikalisch waren oder gewisse natürliche Eigenschaften besaßen, die der Aufführung von Wert sein könnten. So wurde ich - zu großem Mitleid meiner näheren Kameraden - beordert, die Rolle eines britischen Majors zu spielen, sogar in englischer Uniform, der in seinem Befehlsbunker in Gefangenschaft kam, während seine Truppen draußen dem Feind gegenüber standen.

Nach dem Ende gab man mir besonderen Beifall, was von da an für mich eine Ehre war und man mir vergab, dass ich im Sport immer am Ende stand und den Klassendurchschnitt in sogenannten Sportleistungen herunterbrachte, was natürlich als unkameradschaftlich empfunden wurde. Nur im Schwimmen, welches ich nun heimlich im Schwimmbecken übte, wurde ich so gut, dass ich die Minimum 60 Punkte weit übertraf, womit sich meine "Minuspunkte" im Sport erheblich verminderten.

Im September 1942 wurde ich bei der Morgenparade oder Appell beim Namen genannt und herausgerufen kurz nachdem der Kommandant erschien. Ich stand versteinert vor diesem, als er seine Hand ausstreckte und mir sein Beileid aussprach. Er hätte des Morgens die Nachricht bekommen, dass das Elternhaus einer seiner Jungmannen beim vorabendlichen RAF-Angriff schwer beschädigt wurde. Also das war ich. Unser Haus in Charlottenburg wurde in Brand gesetzt aber nur das vierte, obere Stockwerk war betroffen, während meine Familie mit den anderen Hausbewohnern im Keller saß. Dann fügte er hinzu, dass mein Vater am Vortag in einem Krankenhaus gestorben sei und er eine Ehrenwache zu seinem Begräbnis schicken würde, für die ich mir zehn meiner Kameraden aussuchen konnte.

Mein Vater starb also plötzlich, bekam ein Staatsbegräbnis, zu dem hohe Militäroffiziere und auch Parteifunktionäre erschienen waren. Man sagte uns nichts über die Umstände seines Todes und der Sarg durfte auch nicht geöffnet werden. So nahmen wir an, dass das eine Ehre war, die man unserem Vater erwies, für seine treuen Dienste die er seinem Vaterland geleistet hatte.

Nun bekam ich eine Woche frei. Was immer Mutti wusste von den Umständen meines Vaters Tod, sie hat es mir nie erklärt. Je weniger Kinder wussten von der Politik der Eltern, desto besser. Kinder schwatzen und geben unschuldigerweise Geheimnisse preis, die besser in der Familie geblieben wären.

Ich hatte also in der Napola frei bekommen und kam vom Bahnhof in die Suarezstraße gegenüber vom Lietzensee und da waren Lastwagen und auch Leute in SA-Uniform, die alle Trümmer beiseite räumten. Ein Polizist gab mir die Anschrift, wohin man meine Familie geschickt hatte, zur Kantstrasse und dort fand ich meine geliebte Stiefmutter, eine Schwester meines Vaters und meine vier Brüder und Schwestern.

Meine Stiefmutter hatte nichts aus dem zerstörten Haus gerettet. Mit wenigem Gepäck brachte ich sie zur Bahn, um sie mit meinen Geschwistern zusammen zu bringen. Meine Schwester, von der ersten Ehe meines Vaters, war als Vierzehnjährige als Krankenschwester eingezogen worden. Ich konnte sie kurz besuchen in einem Bauernhof in Brandenburg, wo man ihr zehn Schwerverwundete von der Ostfront in Güterwagen gab, diese zu betreuen und im Stroh zwischen den Soldaten schlief. Es war für mich ein fürchterlicher Eindruck, das kleine Mädchen inmitten der stöhnenden Kriegsopfer zu finden, mit nur einem kleinen Koffer voller Habseligkeiten.

Ich habe kürzlich den Bericht eines Kameraden aus der NAPOLA-Potsdam gelesen. Dieser Kamerad Lorenz war in meinem Zug, er war der Kleinste von uns. Ein toller Musikkünstler, der jedes Musikinstrument spielen konnte, das man in einen großen Wäschekorb tun kann. Er war der Gehilfe des Zugführers Müller und oftmals bei Proben, so dass er nicht immer all das Schleifen für bestimmte Vorfälle mitmachen musste. Alles, was er schrieb über unser tägliches Leben könnte aus meinem eigenen nicht geschriebenen Buch genommen worden sein. Nur, er drückte es besser aus. War ein lieber Kamerad. Ich hatte aber keine Ahnung, dass er zwei Jahre jünger war als ich, denn er hat alles mit uns mitgemacht. Die Behandlung von den Russen, wie er sie beschrieb, muss für ihn ein Glücksfall gewesen sein, denn der Rest der Klasse wurde fürchterlich behandelt.

Die Hälfte meiner Zeit in Potsdam war erfüllt mit der Angst "aufzufallen", was ja der Lorenz so gut beschrieben hatte. Die Potsdamer Anstalt war zur Zeit Hitlers eine "Stabila" - Staatliche Bildungsanstalt. So kam es, dass wir nur oberflächliche Nazipropaganda mitmachten und für England hatten wir keinen Hass. Unser Austauschland war Suomi - Finland.

Wir waren also nicht gezwungen, Nazifunktionäre zu werden. Alle 18-Jahrigen, so viel ich weiß, traten in die verschiedenen Truppengattungen der Wehrmacht.

Ich war vor ein paar Jahren Gast in Berlin bei einem ehemaligen Jungmann, den ich nicht von Schulzeiten kannte, den ich aber übers Internet kennen lernte, und der mich für ein paar Tage in Berlin herumführte. Ich wollte gern einmal mein ehemaliges NAPOLA-Gebäude sehen und betreten. Da mein Kamerad den typisch deutschen Gehorsam im Blut hatte, riet er mir ab von einem Besuch, denn es war ein "out-of-bound" Komplex für Zivilisten. Ich sagte ihm "vielleicht für deutsche Zivilisten, warte nur bis mich einer fragt, was wir hier tun...". Ich wollte ihm eigentlich nur damit zeigen, dass wir in den USA anders denken über die, denen wir unsere Stimme gaben, damit sie ein Amt haben. So ging ich also alleine ins Gebäude, Kamera um den Hals und knipste die Eingänge zum Speisesaal, meine alten Zimmer, die auf beiden Stockwerken lagen und nordische Motive hatten mit Geusen, Wikinger etc. Mein altes Zimmer, eins von den kleinen mit nur 4 Betten, war nun das Vorzimmer des Präsidenten.

Na, das war ja für mein damaliges Heim eine ziemliche Beförderung. Angestellte, die auf die Korridore traten, gingen auf Dielen, über die wir Jungs 60 Jahre zuvor marschierten. Ich knipste ungeniert, sogar aus dem Fenster auf meinen Gastgeber, der unten auf einer Bank in Angst saß - wie er mir später sagte - dass man mich herausbringen würde in Handschellen. Kein Mensch kümmerte sich um mich, sonst hätte man was gehört von einem "Beutegermanen", der sich noch an harte Schimpfworte erinnert.

Das alte Krankenhaus, wir nannten es "Lazarett" war weg, auch die Schwimmhalle, wo man Feiglinge, wie Jungmann Vogel, auf den Befehl von Erkenbrecher von willigen Klassenkameraden ins tiefe Wasser stieß. Einer von denen, die den Befehl bekamen, den Schlappschwanz rauszuholen, war mein beliebter Stubenführer G.T., der nach dem Krieg auch nach hier ( USA ) auswanderte und mit dem ich regen Postverkehr habe.

Ich habe im Bereich "Wehrertüchtigung" nur mit einem KK-Gewehr ( .22 lfB ) geschossen. Ich war ein guter Schütze. Wir hatten außerdem die "Kartoffelstampfer-Handgranate" (Übungshandgranaten) nur als Objekte für das Weitwerfen, was wir auch mit dem Baseball taten. Da waren auch Holzwände( genannt: Eskaladierwände ), die wir übersprangen oder an denen wir hoch- und rüberkletterten.

Einmal im Jahr ging es in ein Zeltlager, wo wir Essen aus Gulaschkanonen bekamen. Da kommt mir ein Zechliner See zu Bewusstsein, wo ich meinen Freischwimmer machte, eine Ehrensache, ohne die ein Jungmann nicht geduldet wurde. Im Zeltlager am Zechliner See, hier machte ich den Freischwimmer. Zu unserer Ausrüstung gehörte eine dreieckige Zeltplane. Zwölf davon machten ein Groß-Zelt für zwölf zum Schlafen. Essen gab es aus einer Gulaschkanone. Wir hatten keinen Unterricht, wohl aber kriegsartige Manöver, u.a. mit Ringkämpfen, abendlichem Lagerfeuer mit Gesang und Erzählungen. Die Erzieher (wie Mitte) trugen Trainingsanzüge, keine Uniformen.

In Berlin wieder angekommen, besuchte ich meinen Onkel, einen jüngeren Bruder meines Vaters, der Offizier bei der Luftwaffe war. Er überraschte mich mit der Nachricht, dass er eine Umschulung auf eine Heimschule im Wartheland organisiert hätte und ich nach Posen/Birnbaum fahren sollte, anstatt nach Potsdam zurückzukehren. Ich war nicht besonders glücklich in der Napola, vermisste aber meine Kameraden dort.

Nach fast vier Jahren nur in Uniform von einer oder der anderen Sorte in der Napola, hatte ich nur meine "Ausgehuniform" an, also schwarze Hosen und. Jacke, ohne HJ- Armbinde. So kam ich in meiner neuen Schule an, wo man nur einmal in der Woche HJ-Uniform trug und zwar nur für zwei Stunden jeden Donnerstag-Nachmittag. Ich erinnere mich nicht, woher meine Zivilkleidung kam und ob ich etwas davon noch in Berlin erstanden hatte, denn ich wusste nicht, was mich in der neuen Schule erwarten würde.

In Birnbaum hatten wir gleichen Fächer wie auf jeder anderen Oberschule, nur viel weniger Sport. Das Akademische war gut vertreten. Wir wohnten in einem Gebäude und gingen in ein zweites Haus einen oder 2 zwei Blocks weiter weg, wo die Klassenzimmer waren. Wir hatten auch "Fahrschüler", also deutsche Kinder aus der Birnbaumer Gemeinde, auch Mädchen. Von NS-Politik war wenig zu sehen, unsere größte Hoffnung war, dass der Krieg nicht zu Ende gehen würde, bevor wir eine Chance hatten, "Luftwaffenhelfer-Helden" zu werden, wie wir sie immer in den Wochenschauen sahen.

Einer der Erzieher war SS-Mitglied, den wir manchmal in Uniform sahen. Da war keinerlei NS-Indoktrination als die Dienst- Donnerstage, an denen wir das Marschieren übten. In Gegensatz zu Potsdam, waren die Schüler (nicht Jungmann genannt!), aus einfachen Familien, Söhne von Bauern im Reich, also keine Einwohner des Korridors. Man kann meine Erinnerung an diese Zeit als rosig betrachten nach der unbeliebten Strenge in Potsdam.

Jedoch in Birnbaum war ich plötzlich der große Herr, dem jede Disziplin leicht fiel. Wir hatten sogar einen Kameraden, der buchstäblich nicht wusste wo links und rechts war, sodass er immer beim Anmarschieren dem Vordermann in die Hacken trat. Bei so einem Marsch durch Birnbaum sah ich, dass unsere Kolonne aus einem Fenster heraus fotografiert wurde. Ich merkte mir Haus und Etage und ging bei nächster Gelegenheit dort hin. Verängstigt öffnete man mir die Tür. Als ich meinen Wunsch äußerte, so ein Foto zubekommen, wurde man zugänglicher. Das Bild war noch nicht da und man bat mich wiederzukommen. Ich kam bei nächster Gelegenheit wieder, wurde freundlich bewirtet und erhielt das Foto.

Dann war da ein Zwischenfall, wo wir eine alte Kiesgrube fanden irgendwo hinter der Schule. Da kam einem von uns die Idee (sein Vater war in einer Kohlenmine...) eine leere Sektflasche mit Karbid (??) zu füllen, dann schnell Wasser drauf, Korken drauf und in die Grube zu schmeißen. Und dann: Sie wollte nicht explodieren, so fischte er sie aus dem Wasser und warf sie vor sich auf den Boden und gab ihr einen Fußtritt. Das Ding explodierte plötzlich und riss ihm vom Fuß den kleinen Zeh ab. Das war ein Kinderscherz oder Unsinn, an den ich mich immer erinnere, wenn ich als Erwachsener eine Sektflasche öffne.

Das letzte halbe Jahr meiner regelmäßigen Schulzeit war eine glückliche, denn es war eine Pause für mich vom Militarismus - bis zur Ausbildung bei der Heimatflak in Büsum/Schleswig-Holstein. Am Ende von 1943 wurde meine Klasse in Posen gesundheitlich untersucht und alle von uns wurden dann im Februar 1944 Luftwaffenhelfer.

lo