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Hans Mendgen: Als Flaksoldat im Raum Mannheim 1945

Dieser Eintrag von Hans Mendgen (*1926) aus Rosenfeld (hans.mendgen@gmx.de) von März 2011 stammt aus dem: Biografie-Wettbewerb Was für ein Leben!

Anfang 1945 wurde ich als junger Wehrmachtssoldat nach meiner Rekrutenzeit in Dänemark nach Mannheim kommandiert. Gleich auf dem Marsch in die Kaserne mussten wir über den, sicher unfreiwilligen, Humor in dieser Stadt lachen. Wie jetzt überall in Deutschland, zierten auch in "Mannem" Durchhalteparolen aller Art, die Wände der Häuser. Gleich in der Nähe des Bahnhofes prangte ein riesiges Plakat mit der Aufschrift: "MANNEM STEHT EISERN". Gleich darunter, nicht weniger auffällig, der Hinweis: "VORSICHT, EINSTURZGEFAHR". Die Stadt hatte in letzter Zeit viele Bombenangriffe erleiden müssen, und allenthalben ragten einsturzgefährdete Ruinen in den Himmel, wie auch diese einsame Wand mit ihren Sprüchen.

In der Kaserne wurde ich mit vier weiteren Kameraden unserer Gruppe aus Dänemark zu einer Flakbatterie nach Frankenthal abkommandiert. Mit Straßenbahn und Eisenbahn fuhren wir umgehend weiter zum Endpunkt unserer Reise auf der westlichen Seite des Rheins. Auf dieser Fahrt sahen wir, welch schreckliche Schäden von den zahllosen Bomben schon angerichtet worden waren. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, wo die Menschen dieser Stadt noch wohnen konnten. Auch Ludwigshafen sah nicht besser aus. Sogar die wesentlich kleinere Stadt Frankenthal bestand fast nur noch aus Ruinen, über deren Schuttberge auf den Straßen, man nur mühsam vorankam.

Unsere Batteriestellung befand sich außerhalb der Stadt und hatte erstaunlicherweise noch keinen Schaden genommen. Aber den Berichten nach war es erst zwei Tage her, dass ein Bombenangriff Frankenthal zerstört hatte. Darum hatten wir den Anblick dieser Stadt vorhin auch als so trostlos empfunden. Schnell wurden uns unsere Aufgaben zugeteilt, denn nun begann der Ernst des Lebens. Das Personal dieser Batterie war ein ziemlich zusammen gewürfelter Haufen. Der alte Stamm bestand aus ein paar Obergefreiten, die schon seit Kriegsbeginn dazu gehörten, dazu kamen einige ältere Soldaten, die aufgrund irgendwelcher Gebrechen zu dieser so genannten Heimatflak abkommandiert waren. Inzwischen konnte man hier allerdings nicht mehr von Hinterland oder Heimatfront sprechen, denn die Amerikaner rückten ziemlich schnell ostwärts vor und waren gar nicht mehr so arg weit entfernt.

Interessanterweise, fanden wir zu diesen wesentlich älteren Männern, die eigentlich unsere Väter hätten sein können, nie ein echtes kameradschaftliches Verhältnis. Wir sprachen sie immer mit "Sie" und ihren Nachnamen an, während sie uns halbe Kinder selbstverständlich duzten. Seit einem halben Jahr waren eine Gruppe Mannheimer Gymnasiasten und ein paar 15-jährige Hauptschüler als Luftwaffenhelfer auch mit von der Partie. Etwa 20 russische Freiwillige, die in extra Baracken untergebracht waren, komplettierten die Mannschaft. Die Russen wurden Hiwis (Hilfswillige) genannt. Erst vor kurzem, über 50 Jahre nach dem Krieg, habe ich gehört, dass dieses Wort heute noch benützt wird, allerdings meist ohne Kenntnis seiner Herkunft und natürlich für einen völlig andern Personenkreis.

Die Russen wurden für alle möglichen einfachen Arbeiten herangezogen, die in einer solchen Einheit anfielen. In erster Linie sorgten sie dafür, dass die Munitionsvorräte bei den einzelnen Kanonen aufgefüllt waren. Das war eine schwere Arbeit, denn wir verwendeten Patronen mit einem Durchmesser von 10,5cm, die über einen Meter lang waren. Weil zudem immer zwei davon zusammen gepackt waren, wären zum Beispiel unsere Luftwaffenhelfer unter so einer Last sicher zusammengebrochen. Obwohl ja die Russen uns deutschen Soldaten als Freiwillige zur Seite standen, entwickelte sich kein kameradschaftliches Verhältnis zu ihnen. Im Gegenteil, eine "Verbrüderung" mit ihnen war sogar untersagt. Wie eng dieser Begriff ausgelegt werden konnte, erlebte ich am eigenen Leib. Ein Feldwebel hatte seine Unterkunft in unserer Gemeinschaftsbaracke, und jeden Tag, etwa zur gleichen Zeit, putzte ein Hiwi sein Zimmer. Auch solche Arbeiten ließ man von diesen Leuten ausführen.

Zufällig kam ich eines Tages mit ihm ins Gespräch. Er sprach sehr gut deutsch und wir unterhielten uns ausgezeichnet miteinander. Am nächsten Tag richtete ich es mir dann so ein, dass ich zur gleichen Zeit wieder dort war, um unsere Unterhaltung fortzusetzen. Leider hatte ich aber nicht bemerkt, dass wir dabei heimlich vom Feldwebel beobachtet wurden, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als meine "Verfehlung" sofort dem Batteriechef zu melden. Umgehend wurde ich zur Rede gestellt und musste mir eine geharnischte Strafpredigt anhören. Da nun schon zwei Personen in die Angelegenheit involviert waren, konnte nur mit knapper Not verhindert werden, wegen Verbrüderung mit dem Feind angeklagt zu werden. Ich hätte es besser wissen müssen, denn vor Jahren, zwischen Neuruppin und Rheinsberg, hatte ich ja ähnliches als Schüler mit französischen Kriegsgefangenen schon einmal erlebt.

Nacht für Nacht kamen die Flugzeuggeschwader und bombardierten Mannheim und Ludwigshafen. Als sie dann anfingen, auch noch tagsüber zu kommen, war es mit dem Schlafen ganz vorbei. Ich war manchmal so müde, dass ich versuchte im Stehen einzuschlafen. Leider funktioniert das nicht, denn in dem Moment, in dem man dann wirklich einschläft, geben die Knie nach und man fällt in sich zusammen. Nie wieder seither habe ich mich so nach Schlaf gesehnt wie damals. Trotzdem kam man sich nicht bedauernswert vor, weil es ja allen gleich erging und irgendwie ergab es sich ja doch hin und wieder, eine Mütze voll Schlaf zu finden.

Eingedenk dessen, dass ich möglicherweise in naher Zukunft größere Strecken zu Fuß würde laufen müssen, beantragte ich Einlagen für meine Plattfüße. Zunächst wurde ich auf ein Amt in Mannheim geschickt, und von da überwies man mich nach Heidelberg. Einen größeren Kontrast, wie der zwischen diesen beiden Städten damals, kann man sich gar nicht vorstellen. Mannheim, eine Stadt, die in den letzten Wochen systematisch Straßenzug um Straßenzug von den amerikanischen Bomben in Schutt und Asche gelegt wurde, war die schreckliche Gegenwart. Aber bereits als mein Zug in den Heidelberger Bahnhof einfuhr, schien es mir, als ob ich in einer anderen Welt gelandet sei. Schon der Bahnhof selbst überraschte mit seinem intakten Anblick, aber als ich dann auf die Straße trat, traute ich meinen Augen nicht. Massen von Menschen flanierten an schön dekorierten Schaufenstern vorbei, vollbesetzte Straßenbahnen ratterten durch die Stadt, ja, man sah sogar vereinzelt Autos mit Zivilisten.

Plötzlich heulten die Sirenen, jetzt wird dieser Spuk schnell vorbei sein, vermutete ich. Aber oh Wunder, bei den Leuten war keinerlei Reaktion zu erkennen, habe ich Halluzinationen? Kein Mensch soll hier auf die Idee kommen, hastig einen Luftschutzkeller aufzusuchen, wie man das überall in Deutschland tagtäglich gewöhnt war? Nein, tatsächlich keiner, denn hier waren sich alle absolut sicher, dass auf diese Stadt keine Bombe fallen wird. Hier hatten viele prominente Amerikaner studiert, diese Stadt wollten sie nicht zerstören. Hierher, nach Heidelberg, wollten sie nach dem Krieg wieder in eine heile Welt zurückkommen können. Woher die Leute das so genau wussten, wird der Uneingeweihte fragen: nun, sie hörten ebenfalls die Nachrichten der so genannten "Feindsender. Freilich war das bei schwersten Strafen verboten, aber immerhin eine echte Alternative zu dem propagandistischen Geschwätz der offiziellen Sender. An das, was die sagten, glaubte inzwischen sowieso niemand mehr, so wenig, wie an die Wunderwaffen.

Der nächste Morgen brachte in Frankenthal eine entscheidende Wende. Noch vor Tagesanbruch wurden unsere Russischen "Hiwis" abgeholt und eine uns bislang unbekannte Gruppe von Flaksoldaten montierte die so genannte Vierlingsflak ab, mit der wir uns bisher die schnellen Jagdflugzeuge vom Leibe halten konnten. Schließlich eröffnete man uns, dass auch wir morgen mit allen Geschützen den Platz verlassen müssten, da die Amerikaner bereits in unmittelbarer Nähe seien. Wir sollten nur noch auf die erforderlichen Zugmaschinen warten, die aber bereits im Anrollen seien. Schöne Aussichten, empörten sich alle, und wie sollen wir uns jetzt der ständig anfliegenden Jagdflieger erwehren? Ihr müsst halt mit euren großen Kanonen schießen, war die lakonische Antwort. Und wir schossen aus allen Rohren. Getroffen haben wir allerdings nichts, denn dafür waren unsere Geschütze viel zu schwerfällig. Entweder bekamen die Angreifer mit der Zeit doch Respekt vor unserem Geballere, oder sie wurden inzwischen auf andere Ziele angesetzt, jedenfalls ließen sie uns gegen Abend schließlich in Ruhe. Wir selbst waren inzwischen fast taub geworden und konnten uns nur noch schreiend miteinander verständigen. Das wurde zwar nach ein paar Tagen etwas besser, aber ein Rest Schwerhörigkeit blieb mir zeitlebens.

Noch in der Nacht kamen die schweren Zugmaschinen, um unsere Kanonen abzuholen. Sie konnten alle mitnehmen, bis auf eine. Diese sollten wir auf ihrer Lafette, sozusagen von Hand, bis nach Ludwigshafen und dann noch über die Rheinbrücke ziehen. Dort würde dann eine Möglichkeit bestehen, sie zu unserer neuen Stellung nach Weinheim an der Bergstraße zu schaffen. Also, in die Hände gespuckt, und los ging's: links zwo drei vier, immer der Straße nach. Nach schier endloser Zeit erreichten wir Ludwigshafen - zu spät - ,die Brücke über den Rhein war soeben gesprengt worden. Was nun? Die nächste noch intakte Brücke befand sich in Speyer, also ab nach Süden geht's, weiterziehen. Kurz vor Speyer fanden wir schließlich einen mitleidigen Bauern, der uns mit seinem Traktor die Plackerei abnahm. Ein Unteroffizier konnte mitfahren, wir übrigen folgten in kleinen Gruppen per pedes nach. Immer wieder mussten wir in den Straßengräben Deckung vor angreifenden Jagdflugzeugen suchen, die im Tiefflug mit ihren Maschinengewehren die Straßen "beharkten". Man kann sich denken, wie langsam wir vorankamen.

Am nächsten Morgen mussten wir gleich unserer Kanone hinterher laufen, sie war ja ohne uns schon unterwegs Richtung Weinheim. Es wurde dann wieder Abend, bis wir endlich unsere neue Stellung gefunden hatten. Unser Gepäck war uns ja schon voraus gereist und erwartete uns in einer von zwei großen Scheunen, die unser Quartier für die nächste Zeit sein sollten. Ebenso wartete auch ein Haufen Arbeit auf uns. Mit Pickel und Schaufel mussten die neuen Geschützstellungen ausgeschachtet werden, und wir hatten nur noch wenige Leute, die Hand anlegen konnten beim Schaufeln der "Gräber" für unsere Kanonen. Denn es war uns allen klar, dass dies wohl die letzte Stellung für sie sein würde.

Das Wetter verwöhnte uns zwar in diesem März 1945, aber das war auch schon die einzige Instanz, die gut zu uns war. Mit der Arbeit mussten wir uns außerdem jetzt besonders sputen, denn die Amerikaner rückten unaufhaltsam vor. Unsere schweren Geschütze, die eine große Reichweite hatten, sollten ihr Vorrücken mit Hilfe von "indirektem Beschuss" ein wenig aufhalten. Endlich, nach ein paar Tagen Schufterei, waren wir mit dem Stellungsbau fertig und begannen mit unserer eigentlichen Aufgabe, nach der Landkarte auf Bodenziele zu schießen! Kaum aber hatten die ersten Granaten die Rohre unserer Geschütze verlassen, tauchte in der Ferne ein Aufklärungsflugzeug der Amerikaner auf. In gleichmäßigem Abstand, gerade außerhalb unserer Reichweite, flog es hin und her. Offensichtlich ermittelte es die Koordinaten unserer Stellung. Wir selbst bekamen natürlich weder über eigene Flugzeuge, noch über sonst irgendein Medium, Nachrichten vom Erfolg unserer Schießerei. Aber ein Störfaktor waren wir offensichtlich doch, denn nach kurzer Zeit begann die amerikanische Artillerie mit ihrer noch deutlich größeren Reichweite, sich auf uns einzuschießen. Ihr Flugzeug hatte leider sehr gute Arbeit geleistet, denn haarscharf in der Mitte ihrer ersten drei Granateinschläge, befand sich unsere Batterie.

Jetzt war der Moment gekommen, in dem es uns mulmig wurde. Der nächste Schuss der Amerikaner, könnte ein Volltreffer sein! Längst hatte auch unser Batteriechef die Hoffnungslosigkeit unserer Lage erkannt und wir erhielten den Befehl, das Sprengen unserer Geschütze sowie der noch reichlich vorhandenen Munition vorzubereiten. Bei allen Geschützen waren schon vor ein paar Tagen je zwei Leute für diese Aufgabe eingeteilt und geschult worden. In unserem Stand waren es der Geschützführer und ich. Wir schickten alle anderen zum vorgesehenen Sammelpunkt und warteten auf das Kommando zum Auslösen der Zeitzünder.

Plötzlich detonierte eine feindliche Granate unmittelbar neben einem Geschützstand und das darauf einsetzende Geschrei signalisierte uns, dass es wohl die ersten Verletzten gegeben haben musste. Wo blieb aber jetzt der Befehl zum Sprengen? Auf einmal sah ich ein paar Leute ihre Stände fluchtartig verlassen, offensichtlich war die entscheidende Anordnung doch schon erfolgt. Unsere Kopfhörer blieben aber stumm, war die Telefonleitung unterbrochen? Egal, Befehl hin oder her, wenn wir jetzt nicht sofort reagierten, wurde uns womöglich der Rückzug versperrt. Sobald nämlich die Munition anfing, in die Luft zu fliegen, würde hier die Hölle los sein. In Null Komma Nichts, waren unsere letzten Handgriffe getan und wir flogen regelrecht über die klebrigen Schollen des Ackers, der die Stellung umgab. Dann erreichte uns der erste Knall. Ein kleiner Erdhaufen erschien mir ausreichend als Schutz und ich warf mich dahinter, und platsch, landete der Geschützführer direkt auf mir. Total außer Atem, konnte auch er nicht mehr rennen und schnaufte wie eine Lokomotive. Wir etablierten uns notdürftig hinter unserem "Wall" und warteten zunächst ab, was nun geschehen würde.

Nicht die Sprengladungen, die unsere Geschütze unbrauchbar machen sollten, verursachten uns die meisten Sorgen, sondern die großen Mengen an Munition, die da in die Luft fliegen würden. Die Depots dafür befanden sich innerhalb der Erdwälle, so dass bei den Detonationen jetzt alles nach oben flog. Womit wir aber gar nicht gerechnet hatten, war das unberechenbare Verhalten der Patronenhülsen. Sie wurden beim Explodieren der Köpfe abgesprengt, weit hinauf katapultiert, rotierten dabei in rasender Geschwindigkeit laut kreischend um sich selbst und stürzten dann, immer noch heulend auf völlig unvorhersehbaren Flugbahnen, aus allen Richtungen auf uns herab. Einige Mal, wurden wir beinahe von ihnen getroffen, ständig mussten wir ihnen ausweichen. Nachdem dieser Spuk endlich vorbei war, machten wir uns auf, die andern, die schon längst außer Sicht waren, einzuholen.

Unser Gepäck hatten wir vorsorglich von einem Kameraden in die Nähe des Fluchtwegs deponieren lassen. Das war eine gute Entscheidung, wie sich jetzt herausstellte, denn unser Quartier der letzten Tage, eine der zwei Scheunen, stand inzwischen in hellen Flammen. Wir hätten dort nichts mehr holen können. Bald erreichten wir die andern, und als wir uns endgültig außerhalb der Reichweite der amerikanischen Artillerie befanden, zog unser Batteriechef während einer improvisierten Mittagspause, Bilanz über das, was ihm geblieben war. Das größte Glück war, dass wir keine Toten zu beklagen hatten. Einer unserer jungen Luftwaffenhelfer war allerdings durch einen Granatsplitter an der rechten Hand leicht verletzt worden. Der arme Bub war so verstört, dass er die ganze Zeit über weinte. Gott sei Dank konnten wir ihn schon im nächsten Dorf bei Verwandten zurücklassen. Fast beneideten wir ihn, denn für ihn war der Krieg erst mal vorbei, für uns aber leider noch lange nicht.

lo