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Hans Mendgen: Als französischer Kriegsgefangener in Kehl und Straßburg am 8./9. Mai 1945

Dieser Eintrag von Hans Mendgen (*1926) aus Rosenfeld (hans.mendgen@gmx.de) von März 2011 stammt aus dem: Biografie-Wettbewerb Was für ein Leben!

Nach meiner Gefangennahme bei Obernheim auf der Schwäbischen Alb kam ich in ein französisches Internierungslager in einem Zementwerk in Balingen. Unter den vielen hundert Kriegsgefangenen, die gleich uns Soldaten in Uniform waren, befanden sich auch einige Zivilisten. Die einen wollten damit verbergen, Soldaten zu sein, in der vergeblichen Hoffnung, so der Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Aber offensichtlich waren auch Wärter der Konzentrationslager aus der Umgebung Balingens darunter. Diese hofften in der großen Masse der Kriegsgefangenen untertauchen zu können. Wir erfuhren erst viel später, dass sie allen Grund gehabt hätten, sich jetzt zu verstecken. Wir normalen Soldaten wurden mit diesen Ereignissen zum ersten Mal konfrontiert, als eines Tages eine Abordnung der ehemaligen Insassen so eines KZ bei unserem Lagerleiter erschien und die Auslieferung eines von ihnen gesuchten, ehemaligen Wachmannes forderte. Nachdem wir alle im Hof angetreten waren, überließ man uns diesen Leuten. Uns war gar nicht wohl in unserer Haut, denn nie war bloßer Willkür mehr freie Bahn gegeben, als bei dieser Aktion. Sie suchten lange, und schließlich einigten sie sich auf einen, den sie dann trotz seines heftigen Protestes mitnahmen. Spät abends brachten sie ihn dann wieder ins Lager zurück, in einem schrecklichen Zustand. Er war offensichtlich gefoltert worden und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.

Jemand alarmierte die Krankenschwester, die auch umgehend kam, und ich erinnere mich noch heute an ihre Worte: "Wo ist die Mann mit die kaputte Gosch". So komisch das klang, war doch keinem von uns zum Lachen zumute. Sie nahm ihn mit und versorgte ihn, so gut es ihr möglich war. Am anderen Morgen holten ihn die Männer von gestern wieder ab. Aber an diesem Abend brachten sie ihn nicht mehr zurück - und auch an keinem der folgenden. War er wirklich ein Schuldiger, fragten wir uns damals.

An einem der ersten Maitage marschierten wir von Balingen nach Rottweil, wo vor der Dominikanerkirche, ein mit Stacheldraht umzäunter Platz auf uns wartete. Als wir ankamen, befanden sich dort schon Hunderte weiterer Schicksalsgenossen, denen wir jetzt helfen konnten, auf die ungewisse Zukunft zu warten. Hier wurden wir auch erstmals mit der Brutalität mancher Menschen konfrontiert, die plötzlich das Recht erlangt haben, Gewalt über Untergebene auszuüben. Bis jetzt war uns das ja erspart geblieben, aber das Wachpersonal hier in Rottweil war auch tatsächlich von einer ganz besonders miesen Sorte. Viele Rottweiler Bürger wollten gerne den Soldaten hinter dem Zaun helfen und reichten ihnen Nahrungsmittel aber auch Decken und Kleidung durch den Stacheldraht. Die Nächte waren nämlich noch recht kalt und viele waren nicht dafür ausgerüstet, im Freien zu übernachten. Der Andrang auf beiden Seiten der Absperrung wurde immer größer und als sich niemand mehr um das Geschrei der Wachsoldaten kümmerte, fingen die plötzlich an zu schießen. Im Nu leerte sich der Platz vor diesem provisorischen Kriegsgefangenenlager.

Aber einige der Leute und sogar etliche Kinder blieben in Sichtweite und wir erfuhren, dass es sich bei ihnen vor allem um Eltern, Frauen und Kinder von Kameraden handelte, die nun aus der Ferne sehnsüchtig den Sohn, Mann oder Vater hinter dem Stacheldraht mit den Augen suchten und nicht verlassen wollten. Wenn sich dann allerdings einer doch wieder dem Zaun näherte, knallte plötzlich wieder ein Schuss und trieb ihn zurück. Um so erstaunter waren wir, als nach ein paar Stunden der Lagerdolmetscher mit lauter Stimme verkündete, dass Ehefrauen und Kinder wieder an den Zaun kommen dürften, aber ab nun nur noch Nahrungsmittel herein gereicht werden dürften.

Am nächsten Morgen stand auf dem Platz vor der Absperrung eine große Anzahl Lastwagen, von denen einer nach dem andern am Tor vorfuhr. Der hintere Schlag wurde geöffnet und wir mussten "allez-y, vite, vite", (los, schnell, schnell) die offene Ladefläche erklettern. Jedes Mal, wenn wirklich keine Maus mehr Platz gehabt hätte, wurde der Schlag geschlossen und Platz für den nächsten Lastwagen gemacht. Irgendwann fuhr dann eine endlose Kolonne los. Keiner von uns wusste wohin es ging, aber sicher westwärts, wohin auch sonst. Wir sind damals mit den Lastwägen bis Kehl transportiert worden, wo außerhalb der Stadt ein riesiges ebenes Areal, umgeben von einem hohen Stacheldrahtverhau, auf uns wartete. Wie eine Herde trieben uns die Wachen da hinein und bezogen dann die zahlreichen Wachhäuschen rundherum. Ein besonderes Ereignis ließ uns in dieser Nacht nicht an Schlaf denken: es war schon stockdunkel, als sich rundum überall lautes Geschrei erhob und eine wilde Schießerei das Schlimmste befürchten ließ. Was war jetzt wieder los - keiner konnte uns eine Antwort geben. Aber auf einmal tauchten überall am Horizont riesige V-Zeichen auf, von Flakscheinwerfern an den Nachthimmel projiziert. Jetzt konnten wir's erraten: DER KRIEG WAR ZU ENDE! Am 8. Mai 1945 hatte Admiral Dönitz die Alliierten um Waffenstillstand gebeten und am 9. Mai, also heute eine Minute nach Mitternacht, war er in Kraft getreten. Mitteilungsbereite französische Soldaten bestätigten unsere Vermutung mit fröhlicher Stimme; sie hatten gut lachen, aber was erwartete uns?

Ohne Verpflegung auszugeben, ließen uns die Franzosen am nächsten Tag in aller Frühe dieses Lager in einem endlos langen Zug verlassen. Wie gestern auch, hatte natürlich niemand eine Ahnung, wohin es gehen sollte. Außer uns Tausenden von Kriegsgefangenen und der Wachmannschaft war kein Mensch zu sehen, Kehls Straßen waren gespenstig leer. Nach Überquerung einer notdürftig reparierten Rheinbrücke erreichten wir jetzt Straßburg. Im Unterschied zu der wie tot wirkender Stadt Kehl erwarteten uns hier Tausende von Menschen, die unsere traurige Kolonne sehen wollten - oder sollten? Anscheinend war unsere Ankunft hier bekannt gemacht worden, denn spontan hätte sich eine so große Masse Menschen nicht so schnell einfinden können. Wir gefangenen deutschen Soldaten sollten heute mit unserer Anwesenheit den Rahmen für diesen festlichen Tag abgeben. Vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag trieb man uns durch die Gassen, damit uns ja möglichst alle Straßburger zu Gesicht bekamen. Die meisten ließen diese geschlagene Armee aber still an sich vorüberziehen. Es gab sogar viele, meist junge Leute, die uns gar nicht beachteten, sie zogen grölend durch die Straßen, und manche hatten sogar Privatautos irgendwoher aufgetrieben, mit denen sie in Schlangenlinien durch die Stadt kutschierten, um das Ende des Krieges mit Hupkonzerten, lautem Geschrei und offensichtlich auch Strömen von Alkohol zu feiern.

Eigentlich wunderten wir uns, dass uns hier kein Hass entgegen schlug. Die meisten Leute verhielten sich eher passiv bis uninteressiert. Es gab sogar welche, die selbst in einem abgerissenen Kriegsgefangenen den Mitmenschen erkannten und würdigten, oder identifizierten sie sich noch teilweise mit uns? Das Elsass war ja bis vor kurzem noch eine deutsche Provinz, um die sich allerdings Frankreich jetzt sehr bemühte. Ein paar mitleidige Straßburger verteilten sogar trotz der Posten Essen und Wasser an uns. Andere, weniger mutige, stellten Wassereimer und in Papier eingewickeltes Essen vor ihre Häuser. Dort konnten sich manche endlich ihren Durst stillen und die Feldflaschen auffüllen. Sogar die auf und ab patrouillierenden französischen Soldaten bekamen hin und wieder etwas ab und ließen die Straßburger stillschweigend gewähren.

"So war das aber nicht geplant", dachte sich wohl ein rabiater Chauvinist unter den Vorgesetzten unserer Wachposten. Solchen fraternisierenden Machenschaften musste sofort ein Ende gesetzt werden!" Mit entsichertem Schnellfeuergewehr raste er, laut mit den erschrockenen Wachsoldaten fluchend, unsere Reihen entlang. Wenn er Wassereimer vor den Häusern sah, schoss er ein paar Salven in die unschuldigen Gefäße, sah er Leute mit Päckchen für die Gefangenen, schlug er sie ihnen aus den Händen trampelte darauf herum und brüllte: "Haben wir euch dafür von den Nazis befreit, dass ihr sie jetzt füttert?"

Irgendwann gegen Abend erreichten wir schließlich den Bahnhof und damit das Ende dieses Spießrutenlaufs. Dort standen schon lange Güterzüge mit offenen Waggons, wie sie sonst für den Transport von Kohle verwendet wurden. Als wir einstiegen, merkten wir, dass es tatsächlich Kohlen waren, die als letztes darin befördert worden waren. Alles war dick mit Kohlenstaub bedeckt und wir nach kurzer Zeit ebenfalls. In jeden Waggon waren windgeschützte Ecken eingebaut, die ganz jungen Franzosen in funkelnagelneuen Uniformen und mit eben so neuen Karabinern, als Wächterhäuschen dienten. Nun begann die Fahrt in die Kriegsgefangenschaft in Frankreich, die erst Ende 1948 enden sollte.

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