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Hans Mendgen: Als Hitlerjunge in Kronstadt (Rumänien)

Dieser Eintrag von Hans Mendgen (*1926) aus Rosenfeld (hans.mendgen@gmx.de) von März 2011 stammt aus dem: Biografie-Wettbewerb Was für ein Leben!

Aufgewachsen bin ich als Siebenbürger Sachse in Marienburg bei Kronstadt in Rumänien, wo ich gemeinsam mit meiner Schwester Hanna die Grundschule besuchte. Von vorneherein stand fest, dass wir anschließend in Kronstadt das Gymnasium besuchen sollten, insbesondere, da das in unserer Familie schon seit Generationen Tradition war. Um uns Kindern so lange wie möglich ein vertrautes "Zuhause" bieten zu können, entschloss sich Mutter gemeinsam mit uns Kindern und unserer Großmutter, ihrer Mutter, für die Dauer unserer Schulzeit in eine Mietwohnung nach Kronstadt zu ziehen. So blieben wir Geschwister weiterhin beieinander und wurden oft sogar zu Geburtstagsfesten von Mitschülerinnen oder Mitschülern gemeinsam eingeladen.

Ich erinnere mich da an ein wunderbares Geburtstagsfest bei einer Mitschülerin Hannas, namens Karfunkelstein. Dieser Name steht eindeutig für die jüdische Herkunft der Familie, ein Aspekt, der aber damals in Kronstadt noch keine negative Bedeutung hatte.

Hannas beste Freundin, war allerdings Ingegerd, die Tochter des deutschen Konsuls in Kronstadt. Dort fehlte es buchstäblich an nichts. Die Gouvernante hatte freie Hand, um Kinderfeste zu organisieren, die alle herkömmlichen Normen sprengten.

Den "Herrn" Konsul und seine Frau sahen wir zwar nur selten, aber gerade Ingegerds Vater sollte eine Wende in unserem Leben herbeiführen, die niemand vorhergesehen hatte: Bei einem zwanglosen Gespräch, das unsere Mutter einmal mit den Eltern von Hannas Freundin führte, ergab es sich, dass auch die Rede auf unseren Vater kam, der sich vor einigen Jahren hatte scheiden lassen und sich bisher um alle Zahlungen für seine Kinder gedrückt hatte. Der Konsul versprach, eher beiläufig, sich der Angelegenheit anzunehmen. Gewöhnt an die Nachlässigkeit rumänischer Ämter, die sowieso nur agierten, wenn ein Bakschisch heraussprang, war dieses Gespräch bald vergessen.

Eines Tages kam völlig überraschend ein amtliches Schreiben des Konsulats, das uns kundtat, dass Elsa Mendgen, geb. Schirmer, sowie ihre Kinder Hanna und Hans mit allen persönlichen Unterlagen baldmöglichst vorsprechen sollten. Nanu! Was sollte das heißen? Mama kramte jedenfalls alles Nötige zusammen, und wir machten uns auf den Weg. Der Konsul, höflich wie er war, empfing uns selbst und erklärte, dass wir uns ab sofort als deutsche Staatsbürger zu betrachten hätten. Da Hanna und Hans bereits das erforderliche Alter erreicht hätten, müssten sie ab sofort regelmäßig zum BDM- beziehungsweise HJ-Dienst erscheinen. Auf den Einwurf unserer Mutter, was der Herr Konsul bei unserem Vater, bezüglich der Unterhaltszahlungen für die Kinder, erreicht habe, winkte dieser ab und meinte, dass diese Angelegenheit äußerst umständlich und wenig Erfolg versprechend sei.

Ferner sagte er: "Ich habe andere Schritte in die Wege geleitet, die für Ihre Kinder wesentlich vorteilhafter sind. In absehbarer Zeit 'dürfen' sie voraussichtlich nach Deutschland fahren und dort deutsche Schulen besuchen. Sie werden in einem Heim für auslandsdeutsche Kinder wohnen und mindestens ebenso gut aufgehoben sein, wie zu Hause." Der Mann war sich seiner Überheblichkeit gar nicht bewusst - erkennt man heute!

Mama erschrak darum auch zunächst bei dieser Ankündigung, aber weil bei uns in Siebenbürgen, eine Ausbildung in Deutschland seit jeher als das Erstrebenswerteste angesehen wurde, was einem widerfahren konnte, freundete sie sich bald doch mit diesem Gedanken an. Wir Kinder waren sowieso begeistert, denn wir betrachteten das als eine Auszeichnung und wurden außerdem noch von den Mitschülern beneidet.

Mit Politik befassten wir uns natürlich noch nicht, in unserem Alter interessierten wir uns für andere Dinge. Trotzdem erinnere ich mich an eine Begebenheit, deren hoch politischer Charakter bis heute nachwirkt. Als wir mal von der Schule heimgingen, entdeckten wir vor dem neuen Hotel am Ende der Klostergasse zwei Autos, die voller Schussbeschädigungen waren. Wir stellten zwar fest, dass sie laut ihrer Kennzeichen aus der Tschechoslowakei stammten, aber mehr bekamen wir zunächst nicht heraus. In der Kronstädter Zeitung des nächsten Tages konnte man dann aber nachlesen, dass es sich bei den Leuten in diesen lädierten Fahrzeugen um den tschechischen Staatspräsidenten Benesch und seiner engsten Vertrauten gehandelt habe, die den deutschen Truppen 1938 mit knapper Not entkommen waren.

Für uns aber ging damals der Alltag seinen gewohnten Gang weiter, wie bisher. Allerdings erbrachten die "Heimabende", die wöchentlich ein- bis zweimal stattfanden, keine Steigerung unserer Leistungen in der Schule. Bei den regelmäßigen "HJ Heimabenden" brachte man uns auch manche Dinge bei, die unserer Mutter und Großmutter nicht so ganz gefielen. Wir Kinder sahen das allerdings mit anderen Augen, wir waren begeistert bei der Sache und machten uns, unserem Alter entsprechend, keine Gedanken. Manchmal aber wurde ich doch stutzig. Es war im Jahr 1938, als uns der HJ Führer aufforderte, unsere Eltern zu veranlassen, nicht mehr in jüdischen Geschäften einzukaufen, auch das "Capitol-Kino" dürften wir ab sofort nicht mehr besuchen, da es einem Juden gehöre. "Aber die Frau Konsul geht doch auch immer dorthin", reklamierte prompt ein Bub, der das beobachtet hatte. Außerdem bedauerte er es sehr, die schönen Filme nicht mehr anschauen zu dürfen, für die dieses Haus bekannt war. Unser Führer hatte einige Schwierigkeiten, sich da heraus zu reden, er wollte doch die hohe Dame nicht kompromittieren.

In dieser Zeit erschien eines Tages ein Rundschreiben mit der Post, das ein junger Siebenbürger, der in Deutschland studierte, an alle Sachsen Kronstadts adressiert hatte. Er hatte an seinem Studienort Gelegenheit gehabt, einiges zu beobachten, das so gar nicht in das positive Klischee passte, das man sich bisher bei uns von Deutschland gemacht hatte. Die Reaktion seiner Landsleute auf dieses Schreiben dürfte der junge Mann allerdings nicht vorhergesehen haben. Kein Mensch glaubte ihm! Die meisten, die das lasen, bekamen großes Mitleid mit seinen Eltern. Mitleid, über einen so ungeratenen Sohn, der solche Verleumdungen in die Welt setzte. Mutter und Großmutter ließen uns den Brief damals gar nicht lesen, weil sie uns mit solchem "Unsinn" nicht belasten wollten. Wir erfuhren zunächst nur, dass hetzerische Parolen darin gestanden seien. Zum ersten Mal aber merkten wir, dass es tatsächlich Menschen gab, die nicht alles gut fanden, was mit Deutschland zu tun hatte. Erst viel später erinnerte Mama sich, dass in diesem ominösen Schreiben damals eigentlich gar nichts Böses über Deutschland drin stand, sondern nur Kritik an der damaligen Regierung geübt wurde.

Deutschland selbst ist für die Siebenbürger immer das Mutterland geblieben, zu dem seit Urzeiten eine innige Bindung besteht. Wer sich nicht mit Politik beschäftigte, dazu gehörten fast alle Erwachsenen und die Kinder sowieso, erfuhr ja nur Positives. Die deutsche Presse Siebenbürgens schrieb das Gleiche, was auch in Deutschland zu lesen war, und was anderes las man nicht, obwohl das internationale Angebot an Zeitungen sehr groß war. Letztendlich kann also nicht geleugnet werden, dass auf diese Art das meiste unbesehen geschluckt wurde und die Mehrzahl treue Anhänger des Nationalsozialismus wurde. Man begrüßte den Anschluss Österreichs, betrachtete den Einmarsch deutscher Truppen in der Tschechoslowakei als eine längst fällige Notwendigkeit (das Land hatte ja schon früher zu Österreich-Ungarn gehört!), und man hörte sich jede Ansprache Hitlers an. Weil wir kein Radiogerät besaßen, wurden wir immer rechtzeitig vom Hausherren, oder anderen Bekannten, dazu eingeladen. Dort saß dann eine Menge Leute, die sich gegenseitig oft gar nicht kannten, andächtig lauschend beieinander. An den Inhalt dieser Reden kann ich mich allerdings gar nicht erinnern, ich saß eben auch dabei und konnte nachher sagen: "Gestern habe ich die Führerrede gehört!" Wenigstens durfte ich dabei sitzen und musste nicht die ganze Zeit stehen wie bei den Ansprachen, die auf dem Konsulat von extra aus Deutschland angereisten Prominenten absolviert wurden. Dort wurden wir "HJ Jungen und Mädchen" als Dekoration im Saal aufgestellt und mussten oft stundenlang stehend uns Unverständliches anhören. Nur wenn die ersten umfielen, gestattete man uns, auf den schönen Teppichen, die überall im Hause lagen, zu sitzen.

Später Geborene können unsere Einstellung zu der damaligen Politik nur schwer nachempfinden, am besten kann man das mit den Worten Manfred Rommels, des ehemaligen Oberbürgermeisters von Stuttgart formulieren: "... bei pauschalen Verurteilungen ganzer Bevölkerungsgruppen wegen ihres früheren Verhaltens ist Vorsicht geboten. Jede Generation neigt zu der Unterstellung, was sie im Nachhinein erfahren hat, hätte die frühere Generation schon von vornherein wissen können". Andererseits gibt mir eine Formulierung zu denken, die ich in einem ganz anderen Zusammenhang gelesen habe. R. Wagner, ein siebenbürgischer Schriftsteller, lässt in seinem Roman "Miss Bukarest", einen Protagonisten folgendes sagen: "Man kann keiner verbrecherischen Organisation angehören, ohne selber schuldig zu werden". Wenn diese Gedanken auch erst in einer viel späteren Zeit formuliert wurden und ein anderes Regime, nämlich ein kommunistisches meinten, so passen sie doch auch erstaunlich gut auf die hier folgende Begebenheit.

Wir wohnten damals noch in der Katharinengasse. Neben uns lebte eine sehr sympathische jüdische Familie, die einen Sohn in meinem Alter hatte, der das rumänische Gymnasium besuchte. Der Junge war zweisprachig aufgewachsen und sprach ebenso gut deutsch wie ich. In dem großen Garten spielten wir oft miteinander und vertrugen uns ausgezeichnet. Eines Tages aber ritt mich der Teufel. Mit einem neuen Freund aus der HJ Gruppe hielt ich mich im oberen Bereich des Gartens auf, als der Bub unserer Nachbarn mit einem Schulkameraden unten auftauchte. Ich hatte nichts Eiligeres zu tun, als meinem Begleiter zu erzählen, dass der da unten ein rumänischer Jude sei. Zufällig hatten wir gerade beim letzten Heimabend erfahren, dass die Juden einer minderwertigen Rasse angehörten, dass sie Deutschlands Untergang betreiben würden und dergleichen Parolen mehr, wie sie ja zum Programm der Nationalsozialisten gehörten. Dieses war wohl bei uns beiden auf fruchtbaren Boden gefallen, denn plötzlich fingen wir an hinab zu plärren: "Jidan, jidan", (Jude Jude).

Ausgerechnet das aber hatte meine Mutter noch gehört, die mich gerade zum Essen holen wollte. Sie war so entsetzt über mein primitives, gemeines Benehmen, dass sie mir umgehend einen langen Vortrag über die Toleranz hielt, die in Siebenbürgen seit Generationen das Zusammenleben der verschiedenen Völker und Religionen erst ermöglicht habe und vieles mehr. Zum Schluss befahl sie mir: "Und jetzt gehst du sofort zu dem Jungen und entschuldigst dich, für dein unmögliches Verhalten." Alle meine Einwände: "Der andere hat angefangen" oder: "aber im Heimabend hat man doch gesagt...", fruchteten nichts, ich musste mich überwinden und gehorchen. "Schau, er ist gerade im Hof, erledige das gleich und merk' es dir für dein ganzes Leben!" Kleinlaut, zog ich los und brachte meine Entschuldigung vor. Erstaunlicher Weise nahm er sie in seiner altklugen Art an und sagte ein wenig gespreizt: "Ich glaube, du warst negativ beeinflusst." Diese für mich bis dahin gar nicht geläufige Formulierung hat sich mir so eingeprägt, dass ich sie bis heute ebenso wenig vergessen habe wie die ganze unrühmliche Episode. Meiner Mutter danke ich noch heute dafür, dass sie mich trotz aller ideologischen Einwirkungen, denen sie ja auch ausgesetzt war, auf den richtigen Weg gebracht hat.

Es ist verständlich, dass sich die Beziehungen zwischen dem Nachbarjungen und mir, trotz meiner Entschuldigung, ziemlich abgekühlt hatten. Weil wir außerdem noch im gleichen Jahr aus dieser Wohnung in einen anderen Teil der Stadt umzogen, verloren wir uns auch aus den Augen. Wenig später kam ich 1940 dann ohnehin in ein "Heim für auslandsdeutsche Kinder" in Hohenelse bei Rheinsberg


 

lo