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Ilse Schier: Tagebuchaufzeichnungen über die letzten Kriegstage in Berlin

Dieser Eintrag stammt von Ilse Schier-Weimann (*1924) aus Berlin, Mai 2011:

Berlin-Steglitz, 25. Mai 1945

Es tut mir leid, daß ich nicht schon eher auf den Gedanken gekommen bin, mein tägliches Erleben festzuhalten, so will ich jetzt versuchen Versäumtes nachzuholen, soweit u. so gut ich mich zurück erinnern kann.

Beginnen will ich mit den Erlebnissen der letzten Kriegstage u. dann laufend weiter. Es ist so um den 20. April herum, die Gesichter aller Leute sind todernst, auf der Straße beachtet keiner den anderen, jeder hat mit sich zu tun. Es ist aber auch bald unerträglich geworden, wie man meint, denn Tag u. Nacht hat der Engländer u. Amerikaner schwere Angriffe geflogen. Doch sollte es noch weit schlimmer kommen. Nachrichten konnten wir fast gar keine mehr hören; denn es gab fast gar keinen Strom mehr. Am 21. April war ich noch auf der Kartenstelle nach einem Kohlenbezugsschein. Eine Buchhalterin erzählte da, daß sie von Wilmersdorf telephonisch durch bekommen hätte, Goebbels hat gesprochen u. hat Berlin zur Festung erklärt! In Wilmersdorf gab [es] Strom, da konnte man die Rede hören. Na, dachte jeder bei sich, das kann ja heiter werden. Begreifen konnte das keiner, denn erstens war die Befestigung nicht von weither u. zweitens sah man doch fast gar kein Militär, speziell hier in Steglitz. Der Volkssturm buddelte fieberhaft Löcher hinter dicken Bäumen, das habe ich gesehen. - Die ersten Flüchtlinge aus der Stadt kamen, erzählten nichts Gutes, Alexanderplatz, Friedrichstraße u. viele andere Stadtteile liegen unter Artilleriefeuer, Tote u. Verwundete lägen auf der Straße. Da dachte ich, mein Gott, was soll nur aus uns werden.

Sonntag, den 22. April hieß es mit einem Mal, alle Lebensmittel werden ausverkauft! Mutti raste los mit der Einkaufstasche u. den Lebensmittelkarten bewaffnet. Doch war der Gang schon ziemlich gefährlich; denn wir lagen ja noch nicht unter direktem Artillerie-Beschuß, doch war das Rollen und Grollen der nah tobenden Schlacht deutlich zu hören, die Fenster erzitterten von dem Druck. Immerhin lagen wir unter dauerndem Tieffliegerbeschuß. Von Anfang an war ich ob des furchtbaren Dröhnens sehr erschrocken doch mit der Zeit wurde man weniger ängstlich. Wenn sich gerade über uns ein Luftkampf abspielte, flitze man schnell vom Fenster ins Zimmer der Wohnung, dann zog man das Genick ein u. ließ das Geknatter vorüberrauschen. Nebenbei wurden aber auch Bomben geworfen. Der Vormittag verging schnell - , am Nachmittag zogen alle Mieter des 2. 3. u. 4. Stockwerkes hinunter in den 1. Stock bzw. Parterre. Auch wir trugen das nötigste in den 1. Stock, Muttis gerettete Betten, Ingrids Bettchen u. ein paar Stühle. Dazu räumten wir die Küche u. Speisekammer restlos aus. Alle Lebensmittel trugen wir in den Keller.

Steglitz lag unter Artillerie-Beschuß. Das war ein Tanz, meine Güte! Am Abend ließ der Beschuß etwas nach, deshalb legten wir uns noch schlafen. Doch konnte ich fast kein Auge zu tun, von ferne her hörte man das furchtbare Dröhnen. Da - mit einem male, es war so gegen Morgen erzitterte das ganze Haus von den nahen Einschlägen, gegenüber sahen wir im Garten Bäume fallen. Da nahm ich aber meine Ingrid u. rannte runter in den Keller, Mutti und Gerda mit Berta kamen hinterher bepackt mit Mänteln u. anderen Kleidungsstücken; denn ich bin nur um mein Leben gerannt, hatte alles stehen u. liegen gelassen. Nun waren wir im Keller, aus dem wir dann auch 14 Tage lang mit kleinen Unterbrechungen nicht mehr herausgekommen sind. Gott sei Dank hatten wir noch unsere beiden Sessel nach dem Luftschutzkeller gebracht. So konnten wir doch wenigstens abwechselnd etwas bequem sitzen. Außerdem hatte jede Familie für sich ein Luftschutzbett zur Verfügung. Das war ja ein großes Glück Ingrids wegen. Überhaupt, für das arme Würstchen war der andauernde Kelleraufenthalt gar nicht gut. Außer einer starken Erkältung hat sie Gott sei Dank alles gut überstanden. Oft hab ich sie beneidet, daß sie alles so unbewußt miterlebt hat.

Ja, nun waren alle Hausbewohner da unten eine große Familie geworden. Ich muß sagen, es ging ganz gut, durch die gemeinsame Not kam man einander doch viel näher. So verbrachten wir also die Zeit bis zum Mittag in dauerndem Alarmzustand. Doch sind wir dann nochmal auf die Straße gegangen, die Kleiderkarten waren freigegeben u. auch noch verschiedenes andere gab es. Ich bin mit Gerda nochmal abgehauen, um für Ingrid einiges zu erstehen. Leider hatte ich wenig Erfolg. Nach dem Himmel mußten wir andauernd spähen[,] um beim Tiefanflug in den nächsten Hauseingang zu türmen. So kamen wir doch gut nach Hause. Mittlerweile war es Montag Abend geworden, die letzten Vorbereitungen für die Nacht wurden getroffen. Die Nacht verlief ziemlich glatt, ich habe sogar neben Ingrid im Bett geschlafen.

Am anderen morgen war der Beschuß schon intensiver, ich steckte die Nase nicht mehr raus. In der Kellerwohnung des Hauswarts wurde gekocht. Wasser gab es keins mehr. Wir hatten unser Frühstück verzehrt, so gut es da unten im Halbdunkel eben ging; denn wir hatten ja nur Kerzenlicht zur Verfügung - da begann ein heftiges Bombardement, ach, hat das gekracht - und auf einmal wackelte das Haus, als wenn's 'ne Bretterbude wäre, es hatte eingeschlagen! Unten im Keller ein Staub, daß man nichts sehen und nicht atmen konnte. Ingrid bekam schnell ein nasses Tuch vor den Mund. Ganz fest hat sie sich an mich gepreßt. Wie mag das Haus zugerichtet sein, steht nicht mehr viel oder war es nicht so schlimm, das war die Frage, die alle bewegte. Die anwesenden Männer gingen, nachdem es etwas ruhiger geworden war, mal nachschauen. Das Resultat war: Eine Bombe kleineren Kalibers war in den dritten Stock gegangen u. hatte bis zum zweiten Stock durchgeschlagen. Und zwar waren die Küche, Kammer u. das Mädchenzimmer getroffen worden. Ja, im dritten Stock wohnten wir ja, also waren wir wieder beschädigt, in letzter Minute. Grade in dem kleinen Mädchenzimmer hatten wir es uns ein wenig gemütlich eingerichtet, die Couch, Rauchtischchen, meine Stehlampe, zwei Sessel u. Ingrids Spielkram waren drin. Es fehlte so nötig Wasser, Mutti u. Gerda machten sich auf den Weg zur Pumpe.

Ach du Schreck, kaum waren sie weg, ging ein neues Bombardement los. Ich hatte eine Angst um die beiden, das ist verständlich; denn links u. rechts, überall verspürte man Einschläge, ein Ding setzten sie uns wieder vors Haus. Der Luftdruck war ungeheuer. Ingrid war so brav, ich sagte immer, "mach den Mund auf", prompt tat sie das. Endlich kamen auch Mutti u. Gerda wieder zurück mit Wasser. Die dachten ja, ihr letztes Stündlein hat geschlagen. Die Flugzeuge rauschten nur so über sie hinweg u. als Schutz hatten sie sich die Wassereimer über den Kopf gestülpt! - In der Nähe von uns befand sich das S.S. Hauptamt, da waren eine Unmenge Lebensmittelvorräte. Und da die S.S. sich in die Stadt zurückgezogen hatte, holte die Bevölkerung sich die Lebensmittel heraus, unter härtestem Beschuß. Auch unsere Portierfrau, leider Gottes wurde sie schwer verwundet. Nun kein Arzt zur Stelle, es war schlimm.

In der nächsten Nacht u. am morgen war der Höhepunkt erreicht, Gewehrschüsse peitschten die Straßen entlang , M.G.-Feuer war überall dazu Tiefflieger. An unserem Haus war ein M.G. aufgestellt. Laute Rufe hörte man, ich guckte einmal raus, zu meinem Schrecken mußte ich feststellen, daß es schon nicht mehr deutsche Laute waren. Es dauerte auch nicht mehr lange, da kamen die ersten Russen zu uns in den Keller. Das erste was sie sagten war: Uhr, Uhr! Also wurden ein paar Leute schon ihre Uhren los. Mein Gott, hatte ich eine Angst, durch die Propaganda war man so furchtbar eingeschüchtert. Die nächsten Russen kamen u. verlangten Schmuck, zogen nach Erhalt auch ab. Die dritte Gruppe kam aber und u. forderte uns auf, sofort das Haus zu verlassen, u. zwar in Richtung des schon von ihnen besetzten Teils. Jetzt ist alles aus, dachte ich, bei dem furchtbaren Beschuß auf die offene Landstraße - , nein, die ganze Luftschutzgemeinschaft wurde sich darüber einig: wir bleiben hier, da wir auf offener Straße umkommen. Auf alle Fälle hatten wir aber schnell das allernötigste zusammengepackt. Verschiedene hatten schon ein paar Koffer auf den Hof gestellt. Derweil wir uns im Keller beraten haben, waren natürlich die Koffer vom Hof u. auch einige aus dem Keller weg. Gott sei Dank, uns persönlich hatten die Russen noch nichts weg genommen. Dann kamen wieder andere Russen u. sagten, wir können dableiben, so einen Befehl gibt es gar nicht. Was waren wir froh, daß wir noch mit dem Weggehen gezögert hatten.

Der Portier hatte seine verwundete Frau auf einen Wagen gebettet u. war schon mit ihr losgefahren. Nach zwei Tagen kam er mit seinen beiden Kindern zurück, seine Frau war gestorben. - Ja, also noch zurück, anschließend kam ein hoher Offizier in den Keller, der sprach deutsch. Er klärte uns über die Lage auf, erzählte uns von Russland, sagte, daß es nach drei Tagen Brot geben würde u. hier alles ruhig sein würde. In der Wohnung der ersten Etage bezog er Quartier, ließ sich ein junges Mädchen holen. Es dauerte nicht lange, kamen andere Russen, leuchteten allen Frauen ins Gesicht. Mit einem mal setzt sich der eine Russe in unsere Ecke, nach eingehendem Betrachten, das für mich zur Qual wurde, sagte bzw. zeigte der Russe auf Gerda u. mich - mitkommen! Mein Gott, jetzt ist es aus, solch einen Schande überlebe ich nicht. Mutti fing an zu bitten u. zu flehen u. rief mir zu, ich sollte doch weinen. Laut fing ich an zu jammern, da zog der Russe die Pistole, ist egal dachte ich, mit gehe ich nicht. Da ich mich nicht vom Platz rührte, winkte der Russe ab u. ging hinaus. Das waren Augenblicke, die ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Und Ingrid, mein kleines Engelchen hatte ich immer auf dem Schoß.

Von der Zeit an, hatte ich solch wahnsinnige Angst, daß ich als Erlösung nur eine Bombe herbeiwünschte. Wenn ich jetzt an die Stunden zurückdenke, kommt mir alles wie ein böser Traum vor. Die Nacht hatten wir so ziemlich Ruhe. Das junge Mädel, daß um den russ. Offizier war, kam uns sagen, der Kommandant würde uns vor Überfällen schützen, doch könne er nur seinen eigenen Leuten befehlen. Seit der Zeit fehlt mir die Zeitrechnung. Ich wußte nicht, ob es Tag oder Nacht, Freitag oder Sonntag war, noch wußte ich das Datum. Deshalb werden meine nachstehenden Erlebnisse vielleicht nicht ganz der Reihe nach sein, doch möchte ich sie trotzdem festhalten.

Wir hielten uns nun ausschließlich im Keller auf, fühlten uns in der Gemeinschaft am sichersten, fünf Männer befanden sich auch unter uns. Wir lebten von den Vorräten, die jeder hatte. Jeder machte das Mahl so gut zurecht als er es eben konnte. Wir hatten noch etwas Brot u. auch Butter u. Schinken. Die gute Muttel S, unser Dank an sie ist unermeßlich , daß sie uns damals von dem Schwein etwas ab gab. Wir hätten schon lange nicht mehr ein Füssel Fett. Wie mag es Muttel nur gehen, leider habe ich auf meine Briefe von ihr keine Antwort mehr bekommen. Am furchtbarsten bedrückt mich ja die Sorge um Dich mein innig geliebter Reinhard. Könnte ich doch nur einen Blick hinter die Kulissen tun, ob ich noch auf dich warten darf. Ich glaube ja, wenn es auch noch eine Zeitlang dauern wird, aber eines schönen Tages bist Du da. O, wie ich den Tag meines größten Glücks herbeisehne. Ingrid ist schon so ein feines kleines Mädelchen geworden, sie gibt mir so viel Freude, u. das ist schön. Dieses Tagebuch kommt mir vor wie meine täglichen Briefe an Dich, lieber Reinhard [=Ehemann], ich schreibe ja auch nur für Dich.

Es ist heute schon der 27. Mai geworden, sobald ich Zeit habe, schreibe ich. Deshalb will ich weiter von damals berichten. - Laufend kamen Russen zu uns in den Keller, erzählten viel, doch leider konnten wir ja nichts verstehen. Eine Litauerin war unter uns, die konnte russisch sprechen, die konnte uns dann das Wichtigste übersetzen. Außerdem sprach auch noch eine alte Dame polnisch. Dadurch konnten wir uns doch wenigstens mit den Russen verständigen. Mutti hatte doch über 100 l Wein im Keller, deshalb zitterten wir ja alle, wenn der von den Russen entdeckt würde! Durch das Mädchen hatte der Offizier von dem Wein erfahren, nun wünschte er den zu kosten. Mutti füllte eine Kanne ab, doch bat er sich nur ein Gläschen aus. Nachdem er den Wein gekostet hatte, sagte er zu Mutti, sie möchte den anderen Wein gut verstecken. Das war sehr anständig von dem Mann, er unterhielt sich noch mit Mutti eine Weile, doch zog sie sich bald zurück. Leider rückte der Offizier weiter vor zur Stadt. Am Tag kamen laufend Russen, das Gefragteste waren Uhren. Die meisten Leute wurden ihre Uhren los, wenn sie die nicht versteckt hatten. Ich hatte allen Schmuck bei mir in die Kleidung eingenäht. Es fiel mir ja schwer den Ehering abzuziehen, doch auch den hatte ich versteckt.

Wir jungen Frauen u. Mädchen hatten uns die Gesichter mit Ruß beschmiert, Brillen aufgesetzt u. Kopftücher umgebunden. Ich hatte einen langen Mantel von Mutti an. Schön sahen wir alle Gott sei Dank nicht mehr aus. Das maskieren ging sofort los, nachdem die ersten Russen im Keller gewesen waren. Außerdem hatte ich für alle Fälle 4 Schlüpfer, 2 Hemdchen, 2 Unterröcke, drei Kleider u. vier paar Strümpfe an, dazu die helle Hose der Kälte wegen. Man kann sich vorstellen, wie ich aussah, die Russen werden sicher gedacht haben, man spricht von den schönen deutschen Frauen, doch sehen die ja schlimmer aus als die Polen. Doch war uns allen das so egal, unsere Sicherheit war uns wichtiger. Wenn Russen kamen, flüchtete ich immer zu Ingrid ins Bett u. mimte die kranke Frau. Und Gottlob, ich hatte damit Erfolg. Man ließ mich in Ruhe. Gerda lag auf Matratzen an der Erde, auch krank, d.h. sobald Russen kamen flüchtete sie dahin. Ein Schub Russen wühlte alle Koffer durch, dabei wurde ich eine alte Sportuhr von dir los, die ging immer eine Stunde zu spät. Um die Uhr tut es mir gar nicht leid. Aber der Russe nahm sie mir einfach vom Arm ab. Mutti wurde so ziemlich allen Schnaps los, doch unsere Lebensmittel ließen uns die Russen Gott sei Dank.

So kamen wir keine Stunde aus der Angst raus. Wir hätten nur gerne gewußt wie lange das noch so geht, ob der Höhepunkt erst käme, oder ob wir den schon hinter uns hätten. Nachdem die Russen uns noch alle Keller aufgebrochen hatten u. durchwühlt, wurde es allmählich ruhiger. Man steckte die Nase schon etwas raus, ich ging mir mal das Haus erst von außen u. dann von innen ansehen. Du lieber Himmel, Glasscherben, Türen, eingestürzte Wände, so sah es außer dem Volltreffer im ganzen Haus aus. Ein Bild der Verwüstung. Die Lebensmittelfrage spitzte sich allmählich zu, ein ganz kleines Stückchen Brot hatten wir noch, dasselbe hatte Mutti noch von dem Offizier. Im übrigen gab es Grütze, Gries, Graupen oder solch ähnlichen Sachen. Als großes Glück kann ich es bezeichnen, daß ein bekannter Herr uns täglich ein bisschen Milch aus dem Kuhstall brachte. So hatte ich doch was für meinen kleinen Spatz.

Allmählich wurden wir mutiger [...]. Doch mussten wir oft flüchten, die deutschen Flugzeuge schossen mit Bordwaffen. Auch die Artilleri schoß zu uns. Zu Guter letzt kriegten wir auch noch einen Artilleri-Treffer in den vierten Stock gesetzt. Doch hat der nur ein kleines Loch geschlagen.

Eines Tages hieß es, der Bäcker hat Brote gebacken! Alle atmeten auf. Auf sechs Personen gab es ein 1500g-Brot. Doch haben sich alle auch über das Wenige gefreut. Nun wurde es allmählich besser, die furchtbare Angst wich etwas, wir machten uns schon auf u. holten uns aus einer ausgebrannten Gastwirtschaft Kohlrüben. Das gab wieder ein Mittag. So waren ja 10 Tage nachdem die Russen da waren vergangen. Die ersten Russen waren bei uns im Keller am Donnerstag, den 27. April 1945, um die Mittagszeit.

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