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Josepha von Koskull: Anschluß Österreichs

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (* 1898) aus Berlin, (DHM-Bestand):


Die Osterwoche 1938 verlebte ich mit schwedischen Freunden in Oberstdorf im Allgäu. Ich reiste am Sonnabend vor Palmsonntag ab und in München hatte ich eine Stunde Aufenthalt. Es war wieder eine Volksabstimmung, diesmal wegen der Angliederung Österreichs, und ich hatte die Erlaubnis zur Urlaubsreise erst bekommen, als ich einen für derartige Fälle vorgesehenen "Stimmschein" vorgezeigt hatte, das heißt eine Berechtigung, unterwegs an der Abstimmung teilzunehmen. Es wäre ja sonst meine Stimme verloren gegangen!

Ich ging also auf dem Münchener Hauptbahnhof in das Wahllokal, legte Paß und Stimmschein vor und erhielt einen Stimmzettel. "Hier müssen Sie Ihr Kreuz hinmalen!" sagte der Mann in Partei-Uniform und wies auf einen Kreis, in den "Ja" gedruckt war. Ich dachte: das nennt sich geheime Wahl!, sah ihn kühl an, ging in die Wahlzelle, schrieb quer über den Stimmzettel ein derbes Schimpfwort, steckte den Stimmzettel in einen Umschlag und warf ihn in die Urne.

Der Stimmzettel war natürlich ungültig, aber was hätte ein "Nein" entscheiden können. Die Wahlresultate waren schon vorher ausgerechnet, das wußten alle aufgeklärten Leute.

Einige Tage später gab es in dem reizenden Winterkurort Oberstdorf eine kleine Sensation. Am Gemeindehaus waren unter Glas und Rahmen achtundsechzig Strickenden aufgehängt und daneben eine Mitteilung, diese Stricke seien für die achtundsechzig Personen bestimmt, die in der Gemeinde mit "Nein" gestimmt hätten. Meine schwedischen Freunde staunten und photographierten diesen Aushang. Der Mann meiner Freundin wollte mit dem Photo einen Beweis dafür haben, wenn er diese Geschichte seinen Freunden erzählen würde, die sie ihm sonst kaum glauben könnten.

lo