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Josepha von Koskull: Bombenangriffe auf Berlin

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (* 1898) aus Berlin, (DHM-Bestand):


Im Frühsommer 1943 begannen die schweren Bombenangriffe; einmal brannte es auf unserem Dachboden, und wir mußten während des Alarms aus dem Keller hinauf und löschen. Es war eine abscheuliche Angelegenheit; wenn man zum ersten Mal in einer Gefahr steht, ist man doch ängstlich. Später haben wir so viel Schlimmeres erleiden müssen, als unter Flakbeschuß auf dem Boden Feuer löschen, aber ich hatte damals ein sehr starkes Furchtgefühl und ich glaubte, jeden Augenblick könne eine Bombe gerade auf mich fallen.

Im Sommer 1943 bin ich einmal vor Angst ohnmächtig geworden in unserem Luftschutzkeller. Als ich wieder zu mir kam, schwor ich mir, daß mir das nicht noch einmal geschehen sollte. Ich stellt mein ganzes Denken um, machte mir das Wort "Dein Wille geschehe" ganz klar, sah ab von meinem eigenen kleinen und unwichtigen Leben, stellte mich ganz unter Gottes Schutz und unter seinen Willen und überwand damit ein für allemal die Furcht. Die meisten Berliner wurden von einem Angriff zum anderen ängstlicher und nervöser, sie erinnerten sich der vielen zerstörten Häuser, der heimatlos gewordenen Bekannten, der grausigen Verstümmelungen.

Es kursierten viele Schauernachrichten über lebendig eingeschlossene Personen, über verbrannte Körper, die nur noch so groß wie die kleiner Kinder waren, so daß man sie in einem Margarinekarton beisetzen konnte, und so weiter. Vielfach wurde auch gesagt, bei dem Einschlag von schweren Luftminen, die gegen Ende des Krieges in Anwendung kamen, rissen die Lungen entzwei und dadurch trete der Tod ein. Ich habe das nie für wahr gehalten, aber es wurde in weiten Kreisen als große Gefahr angesehen.

Die Berliner verloren viel von ihrer großartigen Sicherheit, mit der sie bisher den Krieg überstanden hatten, nun wurde es auch für sie so gefährlich, wie es in Köln und Hamburg schon seit einigen Monaten war. Doch es hatten viele ängstliche Gemüter die Möglichkeit, aus Berlin fort aufs Land zu gehen und in die kleinen Städte und Dörfer in den besetzten Ostgebieten und nach Süddeutschland, ja nach der Tschechoslowakei.

Die Jugendlichen kamen mit ihren Schulklassen in die Landverschickungslager. Die so evakuierten Berliner fanden es wunderbar, fern von Berlin zu leben. Ihre wertvolleren Sachen hatten sie meist auch aus Berlin herausgeholt, und wenn wirklich ein Bombenschaden ihre verlassenen Wohnungen traf, so war ihnen von der Regierung versprochen worden, sie reichlich zu entschädigen und ihnen die Häuser nach dem "Endsieg" besser und schöner wieder aufzubauen.

Zu Anfang des Krieges gab es auch wirklich Entschädigungszahlungen und Wiederaufbau. In der Nähe meiner Wohnung, am Schillerplatz, wurde als eines der ersten Gebäude von Berlin, die von Bomben zerstört wurden, das Haus einer Apotheke vernichtet; binnen Jahresfrist war es wieder aufgebaut und es steht seither unversehrt da.

Im Sommer 1943 waren die so folgenschweren Bombenangriffe mit Phosphor auf Hamburg, die viele Opfer forderten und große Zerstörungen anrichteten. Die Nachrichten darüber lösten fast eine Panik aus. Nun kam noch dazu ein Flugblatt an alle Berliner Haushaltungen, in dem Dr. Goebbels aufforderte, Wertsachen fortzubringen, und anriet, Frauen, Kinder und alte Leute sollten Berlin verlassen, das stark bedroht sei.

An meiner Arbeitsstselle in der ABP [Auslandsbriefprüfstelle] wurde mitgeteilt, daß die Dienststelle auch von Berlin wegverlegt werden sollte. Mir war das ein sehr unangenehmer Gedanke, ich nicht mein Heim allein lassen. Frau Schramm, meine Vermieterin, war zwar äußerst zuverlässig, sie war auch sehr ruhig und tapfer bei den Angriffen, aber sie war eine alte und körperlich stark behinderte Frau, sah kaum mehr und litt an kranken Füßen. Im Falle eines größeren Schadens oder eines durch Phosphor verursachten Brandes hätte sie nicht viel retten können. Ich wollte aus diesen beiden Gründen durchaus in Berlin bleiben und sann hin und her, wie ich es nur bewerkstelligen könnte.

Wenn ich damals meine Kündigung nicht zurückgezogen hätte, wäre ich wohl bei irgendeinem Rüstungswerk angestellt worden, dachte ich. Aber dann sagte ich mir, ich müsse alles Gottes Führung überlassen. Dies war der einzig richtige und tröstliche Gedanke, und er schützte mich von diesem Zeitpunkt an, da ich ihn gefaßt hatte. Nur ließ ich mich von der allgemeinen Nervosität doch so weit anstecken, daß ich einen großen Teil meiner Garderobe und meiner sonstigen Wertsachen aufs Land nach Pommern zu meiner Schwester sandte. Die Postämter waren für diesen Zweck den ganzen Tag geöffnet und die Berliner standen an, um die Unmassen von Paketen aufzugeben, die sie, einer direkten Aufforderung der Partei folgend, in Sicherheit aufs Land schickten. Wie vielen von ihnen mag es so ergangen sein wie mir, die ich von diesen sichergestellten Dingen nichts wiedergesehen habe, denn ich bekam sie nicht wieder zurück, als gegen Ende des Krieges die Front sich weiter und weiter nach Westen verschob und wir in Berlin nicht mehr die Erlaubnis hatten, unsere Koffer abzuholen. [...]

Nun begann die grausame Zeit, wo man sich von seinen Freunden mit dem herzzerreißenden Gedanken verabschiedete, wer weiß, ob wir uns lebend wiedersehen? Ich ging nur sehr selten aus. Anfang Juni führte es mich in die nach der ersten Zerstörung wunderbar wieder aufgebaute Staatsoper. Es war Görings Wille gewesen, der "seine" Oper aus den Trümmern wieder erstehen ließ, schöner als sie vorher gewesen. Im Apollosaal hingen vier große prachtvolle Porzellankronleuchter, die einst Friedrich II. seiner Schwester nach Bayreuth gesandt hatte. Die Spiegel hatten ebenfalls Porzellanrahmen mit Konsolen, auf denen Porzellanvögel aus der Königlichen Porzellanmanufaktur standen.

Die Oper war innen in einem stumpfen gedämpften Rot, in gold und in Grau gehalten. Die Loge, in der ich mit meinem Bekannten saß, hatte nur zwei Plätze, wir waren noch abgeschlossener von den übrigen Besuchern, als wir es schon in früheren Jahren waren. Wir sahen ein farbenprächtiges Ballett "Der Teufel im Dorf" von Mlekar. Die Oper begann und schloß schon früh, das war wegen der Angriffe so angeordnet worden. Als wir herauskamen, war es die Stunde des Sonnenunterganges. Wir schritten über den Gendarmenmarkt und sahen die beiden großen Kirchen und das Staatliche Schauspielhaus in einer prachtvollen Abendbeleuchtung. Zudem stand am südlichen Himmel ein doppelter Regenbogen. Wie bald sank dies alles, Opernhaus, Staatstheater, Kirchen, in Schutt und Asche!

Die Bonzen hatten in großem Maßstabe ihre Möbel, ihre ganzen Wohnungseinrichtungen, von Berlin fortgeschafft, alles per Autos, die für gewöhnlich Sterbliche nicht zur Verfügung standen. Das war natürlich nicht unbemerkt vor sich gegangen, man schimpfte weidlich auf diese so offensichtlich bevorzugten Kreise, und die Parteileute mußten manches bittere Wort einstecken, ohne entgegnen zu können. Damals kam der große Nazi Baron von Nolde von einem Urlaub zurück, und er sagte kopfschüttelnd: "Die Stimmung ist sehr schlecht!" Ich dachte in meinem Herzen: Du Dummkopf merkst aber auch alles!

Wir hatten täglich oder vielmehr jede Nacht Alarm und saßen in den Kellern, doch geschah in den ersten Wochen nach den Angriffen auf Hamburg, die Berlin so nervös gemacht hatten, noch nichts Ernstliches. Erst am dreiundzwanzigsten August kam es zu einem Angriff, der Riesenbrände verursachte. Bei uns im Hause brannte es auch wieder auf dem Boden und in einer Wohnung, deren Bewohner verreist waren. Der Schlüssel fand sich nicht, es gab aufregende Minuten, dann erwies es sich, daß der Luftschutzleiter ihn in die Tasche gesteckt und es vergessen hatte. Während wir alle verzweifelt nach ihm suchten, brannte es ganz munter hinter der Tür. Wir drangen ein und konnten das Feuer ablöschen.

Wie entsetzlich hatten aber zwei Häuserblocks gelitten, die nur eine Querstraße von uns entfernt waren. Dort brannte eine ganze Straße von beiden Seiten lichterloh und einige schwere Bomben hatten mehrere Häuser zerstört. In dieser Straße wohnte meine Kusine. Ich lief in ihre Wohnung und konnte ihr helfen, einen Teil ihrer Sachen heraus und zu mir in Sicherheit zu bringen. Mehrere Wände waren bei ihr eingestürzt und der Brand griff schon auf ihr Haus über.

Die Hitze von den Bränden war so groß, daß ich mir ein nasses Tuch um den Kopf band, auch um mich gegen den Funkenflug zu schützen. Doch fror ich mit dem nassen Tuch bei dem entsetzlichen Feuersturm, der aufgekommen war.

Meine Kusine und ich schleppten in einem Waschkorb so viel wie möglich zu mir herüber, dann kam der Morgen und wir gingen auf das Postamt nach Dahlem, um an unsere Angehörigen zu telegrafieren, daß wir gesund und heil seien, denn wenn ein Großangriff auf Berlin durch die Presse bekannt wurde, ängstigten sie sich um uns.

Die wenigen geretteten Sachen verlor meine Kusine wenig später bei einem schweren Angriff auf die Tiergartenstraße, wo sie ein Zimmer in einem der schwedischen Gesandtschaft gehörenden Haus bezogen hatte.

Nach diesem ersten schweren Angriff hatten wir viele Wochen lang weder Gas noch elektrisches Licht und mußten uns irgendwie behelfen. Am nächsten Abend saß ganz Berlin zitternd vor Erwartung an den Lautsprechern, denn wir befürchteten weitere Angriffe, wie dies in Hamburg der Fall gewesen war. Ich erinnere mich, daß die B-Dur-Sonate von Mozart gespielt wurde, es klang unglaublich schön und friedlich in das unruhige Herz.

Um halb zwölf Uhr nachts war, wie erwartet, wieder Alarm. Im Keller saßen aber diesmal nur zwei Greise, drei alte Frauen und ich, alle anderen, auch der Luftschutzwart, hatten die Stadt einfach verlassen oder waren in irgendeinen bombensicheren Bunker gelaufen. Also ergriff ich als die Jüngste und Rüstigste die Initiative, rannte bei Beschuß durch das große Haus, schloß die Türen von vierzehn Wohnungen auf, öffnete die Fenster und legte sie fest, damit sie bei einem Bombeneinschlag nicht aus den Rahmen flogen. Die Schlüssel hatten die geflüchteten Nachbarn wohlweislich im Luftschutzkeller deponiert. Bei dieser schwachen Belegschaft des Luftschutzkellers, in dem wir sonst mehr als dreißig Personen waren, darunter mehrere handfeste jüngere Männer, war an ein Löschen beim Ausbrechen eines Brandes nicht zu denken, wer sollte denn Wasser schleppen? Die Lage war sehr ungemütlich, aber es ging alles glimpflich für uns vorbei, der Angriff galt einem anderen Stadtteil.

Nach diesen ersten großen Angriffen lag über Berlin nachts ein heller roter Feuerschein und die Luft war voller Brandgeruch. Wir hatten es am Mittag so dunkel wie nach Sonnenuntergang, so dick waren die Rauchwolken.

Kotik, mein Bekannter, hatte von Anfang an gesagt, er werde bestimmt durch die Bomben alles verlieren. Er versuchte, so viel wie irgend möglich von seinen wertvollen alten Möbeln, Bildern und Teppichen in Sicherheit zu bringen. Teils hatte er sie im älteren Bau des Berliner Schlosses untergestellt, teils in dem tiefsten Keller der Seehandlung (Preußische Staatsbank) untergebracht, seine wertvolle Porzellansammlung stand zusammen mit seinen Teppichen in einem als ganz sicher bezeichneten Keller. Seine Wohnung ging langsam, Stück für Stück, von einem großen Angriff zum anderen kaputt, bald brannte es bei ihm, bald stürzten Türen und Fenster ein, dann wieder fiel eine Wand ein. Sie war am Ende des Krieges, nach der Beschießung, nur noch eine Ruine und konnte auch nicht wieder richtig hergestellt werden, wurde nur eben notdürftig hergerichtet zum Wohnen. Seine Schätze hat er aber ganz eingebüßt, alle sicheren Keller wurden mit der Zeit zerstört und die vielen Dinge, die er in den Banksafes untergebracht hatte, wurden geraubt. Seine schöne Bibliothek verlagerte er zusammen mit Büchern der Staatsbibliothek nach Süddeutschland, wo sie vernichtet wurde, und was ihm von sichergestellten Sachen blieb, das waren schließlich nur einige sehr wertvolle Bücher und mehrere Hutschachteln, die in meinem Keller gestanden hatten. Seine düsteren Vorahnungen hatten sich leider erfüllt ...

In der Dienststelle wurde nun der Spätdienst abgeschafft, es wurden in einer Schule weitere Räume beschlagnahmt und ein Teil der Prüfer dorthin ausquartiert. Wir arbeiteten nun alle von acht bis sechzehn Uhr. Wir wurden zum Luftschutzdienst abkommandiert und mußten dann die Nach über im Dienstgebäude bleiben. Da wir über dreitausend Angestellte waren, kam der einzelne nur sehr selten an die Reihe mit diesem Dienst. Ich machte einmal eine Sonntags-Wache im Zoo, und da es ein schöner warmer Maitag war, hatte ich die angenehmste Erinnerung an diesen Dienst. Später im Kriege waren die Luftschutznachtwachen sehr gefürchtet. Die im Zentrum der Stadt befindlichen Gebäude waren den Angriffen viel stärker ausgesetzt als die reinen Wohngegenden. [...]

Dann kamen die ersten so schweren Bombenangriffe auf Berlin im November 1943. Der Norden Berlins litt schon damals schwer, wenn auch die schlimmsten Zerstörungen im Berliner Westen waren. In der Gegend, wo ich wohnte, in Wilmersdorf an der Grenze nach Dahlem, merkte man am zweiundzwanzigsten November nicht viel von dem schrecklichen Ausmaß dieses ersten Großangriffes. Der Alarm begann früh, schon um neunzehn Uhr, es regnete stark. Gegn einundzwanzig Uhr war Entwarnung, der Himmel rötete sich, es brannte im Norden und Nordwesten, aber bei dem dichten Nebel war nicht viel davon zu sehen, und wir gingen ruhig zu Bett, während wenige Kilometer weiter große Teile der Stadt in Trümmer und Schutt fielen.

Am Morgen fuhr ich zum Dienst, die U-Bahn fuhr nur bis zum Fehrbelliner Platz. Von dort ein entsetzlicher Weg zwischen lauter brennenden Häusern zum Zoo hin. Überall völlig verstörte Menschen, die nur das Notwendigste gerettet hatten, teils in Schlafanzügen mit hastig umgeworfenen Mänteln. Es regnete Asche herab, die Glut war stellenweise unerträglich, die Haut des Gesichts spannte sich.

Auch unsere Dienststelle im Zoo war völlig ausgebrannt. Der Posten am Tor hatte die Weisung, uns alle für den kommenden Montag zu bestellen. Als ich im Vorraum stand, kam ein verwildert aussehender Schäferhund herbeigekrochen, ermattet und verstört. Das arme Tier tat mir leid, ich wollte ihm von meinem Frühstücksbrot abgeben - da kamen zwei uniformierte Tierwächter des Zoo und fingen den aus seinem Käfig entsprungenen Wolf wieder ein.

Bei den Tagesangriffen, die in den ersten Augusttagen 1944 erfolgten, wurden massenhaft Flugzettel über Berlin abgeworfen, und es gelang mir, einen davon zu erhaschen. Sie aufzulesen war nicht schwer, sie kamen nach Beendigung des Alarms wie große weite Schmetterlinge mit dem Wind dahergeflattert und fielen in allen Straßen zu Boden. Doch an allen Ecken und auf allen Plätzen standen auch schon die Beauftragten der Partei und ließen sie einsammeln. Sie hatten ihre Augen überall und paßten auf wie die Luchse, daß jeder aufgehobene Zettel ungelesen ihnen abgeliefert wurde. Nach nächtlichen Angriffen gingen sie mit Taschenlampen umher und suchten die weißen Zettel selbst auf. Ich wollte aber gar zu gern wissen, was auf derartigen Flugblättern stand, und ich brachte es fertig, von zwei Zetteln, die ich aus einer Hecke herausholte, den einen klein zu zerknüllen und nur den zweiten abzuliefern. Es gelang mir, den Zettel in der Hand zu verstecken, während ich den anderen abgab. Ich suchte dann noch ein paar Minuten ganz harmlos weiter und ging heim, um zu lesen. Es war ein Aufruf an die in den Rüstungswerken beschäftigten ausländischen Arbeiter, die Arbeit zu sabotieren und ferner den englischen und russischen Sender abzuhören und deren Mitteilungen über die Lage an den Fronten zu verbreiten. Der Text war in mehreren Sprachen gedruckt.

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