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Josepha von Koskull: Briefzensur während des Zweiten Weltkriegs

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (1898-1996) aus Berlin, (DHM-Bestand; Inv.-Nr.: Do2 98/501):


Morgens am dritten September [1939] kam ich nach Hause, da brachte mir die Post einen merkwürdig amtlich aussehenden Brief. Es war meine Einberufung! Darauf war ich nicht gefaßt gewesen, daß ich aktiv an diesem Krieg würde teilnehmen müssen. Sehr nachdenklich schaute ich auf den Befehl, mich unverzüglich in der Budapester Straße, in den Restaurationsräumen des Zoo, Eingang Adlerportal, zu melden.

"Adlerportal des Zoo" - wie viele Erinnerungen verknüpften sich mit dieser Bezeichnung! Hier war der Eingang zu den großen prunkvollen Ballfesten, hier stiegen die berühmten Männer, die schönsten Frauen aus ihren Autos, wenn sie zum Presseball, zum Filmball, zu den ausgelassenen Maskenbällen kamen. Rings leuchteten die Lichtreklamen, es lockten die elegantesten Schaufenster, sie spiegelten sich im Asphalt. Hier pochte an solchen Abenden der Pulsschlag der großen Metropole. Drinnen die breiten Treppen, die Tanzsäle mit Stuck, Goldmosaiken, Deckengemälden und spiegelndem Parkett: Marmorsaal, Kaisersaal, Bankettsaal, grüne, rote Veranda.

Wie waren sie mir vertraut aus den zwanziger Jahren; damals hatte ich als Berichterstatterin des "Berliner Börsen-Courier" die großen Bälle besucht, um über die anwesenden Prominenten zu schreiben, um den Berlinerinnen die schönsten Ballgewänder der meist genannten Lieblinge von Bühne und Film zu schildern.

Beim Betreten des Marmorsaals hatte ich einen Augenblick die Vorstellung, als müßte gleich ein hinreißend spielendes Orchester mit einem Tango einsetzen. Es war aber nur Stimmengewirr zu hören und im Schein der strahlend hellen Kronleuchter, die in halber Höhe des Saales schwebten, standen lauter aufgeregt sprechende Gruppen von Damen und Herren beisammen. Sie alle waren wie ich "einberufen" worden.

Es schien als sei eine Versammlung des "Reichsluftschutzbundes" zusammengetreten, denn überall sah man die blaugrauen Uniformen der Luftschutzwarte. Auch Frauen trugen diese Uniform. Ich selbst hatte mir natürlich nie eine anfertigen lassen und vertrat stets die Meinung, daß man auch in schlichtem Zivil gebrochene Arme schienen und Kopfverbände anlegen könne.

Ich kam ins Gespräch mit einer Uniformierten. Sie sagte mir, wir alle seien wegen unserer Fremdsprachenkenntnisse, die wir vor Jahren einmal anläßlich einer Umfrage des "RLB" auf dem Fragebogen angegeben hatten, hierher einberufen worden. Mit dieser Dame, der später der Name "die Majorin" beigelegt wurde, weil sie stets von "meinem Mann, dem Major" sprach, bin ich vom ersten bis zum letzten Tag zusammen gewesen. Anfangs war sie sehr kriegsbegeistert und ziemlich nazistisch, dann mauserte sie sich gegen Ende des Krieges und sagte zum Schluß nur noch mir vor Zorn rollenden Augen: "Welch ein Wahnsinn!" Aber bis sie zu dieser späten Erkenntnis kam, machte sie treulich alles mit, was man von ihr forderte und verlangte.

Eine Kommission von Offizieren schrieb unsere Personalien und sonstige Daten auf und man erklärte uns, wir sollten sofort unsere Arbeitspapiere herbeischaffen und uns als "dienstverpflichtet" betrachten. Wir unterstünden nunmehr dem Oberkommando der Werhmacht, wir seien damit Soldaten geworden, den Militärgesetzen unterworfen und würden für jedes Vergehen mit dem strengsten Strafmaß der Kriegsgesetze bestraft werden. Diese Mitteilungen setzten die Laune der meist schon in reiferen Jahren stehenden Damen und Herren beträchtlich herab.

Nur einige unter ihnen waren sichtlich stolz darauf, dem Vaterland als "Soldaten" dienen zu dürfen. Schon wurde die Frage aufgeworfen, ob wir wohl in Uniform gekleidet würden? Manche, besonders einige Damen, erhofften dies.

Je nach Vorbildung und Sprachkenntnissen wurden wir sogleich in Gruppen eingeteilt. Ich kam, da ich Bankangestellte war, zur Gruppe "Handel", andere zu "Privat" wieder andere zu "Chemie". Was diese Worte bedeuteten, wurde uns vorerst nicht mitgeteilt, doch sickerte es bald durch, daß hier in den Festräumen des ZOO die Briefzensur eingerichtet würde. Es war wieder einmal ganz typisch, daß von einer freien Entscheidung für die Art der Arbeit keine Rede war. Man wurde eingezogen, dienstverpflichtet, mit strengen Strafen bedroht und wußte überhaupt noch nicht, zu welchen Leistungen man herangezogen werden würde. Zuletzt wurden die drei- bis vierhundert Personen, die an diesem vierten September eingestellt wurden, zu tiefster Verschwiegenheit verpflichtet und nach Hause entlassen. Über dem allen war es später Nachmittag geworden.

Sehr nachdenklich fuhr ich nach Hause. Ich war, ganz gegen meinen Willen, von der Kriegsmaschine erfaßt worden. Mit dieser Möglichkeit hatte ich nicht gerechnet. Wenn ich mir darüber Gedanken gemacht hätte, dann wäre ich bestimmt nur auf Rote-Kreuz-Pflegerin verfallen, doch dazu würden wohl noch genug jüngere Frauen bereit sein.

In der Briefzensur sollte ich also arbeiten. Bei meinen leider umfangreichen Sprachkenntnissen war das gewiß der richtige Platz, aber ich war trotzdem gewiß nicht "der richtige Mann" für diesen Platz. Ich las damals außer deutsch noch acht europäische Sprachen und hatte auch schon viel für Zeitungen und Zeitschriften übersetzt. Im Laufe des Krieges lernte ich dann noch Ukrainisch und Esperanto hinzu und wenn ich "lichte Momente" hatte, konnte ich die slawischen Balkansprachen wenigstens verstehen, wenn auch nicht wörtlich, so doch dem Sinn nach.

Das Wort "Briefzensur" mochte den meisten der Neueingestellten nur ein vager Begriff sein, es verband sich vielleicht damit die Vorstellung von unnötigerweise verzögerten und von fremden Augen gelesenen Briefen ihrer Verwandten oder Freunde im Ausland. Die deutsche Post wurde bereits seit geraumer Zeit "devisenamtlich geprüft". Ich aber wußte nur zu genau, was eine Briefzensur im Kriege bedeutete. Es war ein Zufall oder eine besondere Fügung, daß ich wenige Wochen vor Kriegsbeginn ein Buch in die Hand bekommen und es mit der größten Aufmerksamkeit gelesen hatte, das mich über das Wesen der Briefzensur gründlich aufgeklärt hatte.

Dieses Buch hatte ich bei einem Straßenbuchhändler am Wagen unter alten Büchern gefunden. Es war im regulären Buchhandel nicht erhältlich, denn es gehörte zu den Büchern über Spionage, die schon seit Jahren auf Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht aus den Buchhandlungen verschwunden waren. Es hieß: "Die anderen Waffen" und sein Verfasser war ein gewisser Silber, der seine Erlebnisse als deutscher Agent im ersten Weltkrieg schilderte.

Aus diesem Buch hatte ich erfahren, wie wichtig eine präzis arbeitende Briefzensur für einen kriegführenden Staat sei, welche Möglichkeiten aber auch bestanden, die Arbeit an einer solchen Stelle zu sabotieren. Herr Silber hatte es fertig gebracht, den ganzen ersten Weltkrieg über zuerst als Prüfer und dann sogar als Leiter einer wichtigen Abteilung der englischen Zensurbehörde zu arbeiten und dort Spionage zu Gunsten Deutschlands zu treiben. Er hatte Auftraggeber und Deckadressen im neutralen Ausland. Das kam für mich ja nicht in Betracht. Ich mußte erst sehen, wo ich eingesetzt und welcher Art meine Arbeit sein würde. Doch daß ich loyal für die Nazis arbeiten würde, kam bei meiner antifaschistischen und antimilitaristischen Einstellung überhaupt nicht in Frage.

Am fünften September begannen wir mit unserer Arbeit. Wir wurden in kleineren Gruppen von etwa dreißig Personen zusammengestellt und jede Gruppe hatte je einen Offizier als Vorgesetzten. Im Marmorsaal waren die kanariengelb gestrichenen Tische und Stühle des Gartenrestaurants ZOO zusammengestellt worden. Dort zog die Abteilung III "Handel" ein.

Meine Gruppe unterstand einem Oberleutnant Lupprian, der im Frieden Angestellter einer Berliner Großbank war. Er war sehr genau; kleinlich sah er darauf, daß der Punkt genau über dem i saß, und gab seiner Gruppe eine gründliche Ausbildung nach dem Motto: "Kleinigkeiten haben Preußen groß gemacht". Da wir nur mit Einschreibe- und Wertbriefen zu tun hatten, war diese Sorgfalt durchaus angebracht, denn ein verlorener Einschreibebrief gab endlosen Ärger mit der Postzentrale und mußte vom Bearbeiter mit zweiundvierzig Mark ersetzt werden. [...]

Langsam lief in den kommenden Tagen die Arbeit an. Es kamen erst wenig Postsendungen zu uns, weil die Deutsche Reichspost noch Bedenken hatte, die ihr anvertrauten Sendungen aus der Hand zu geben. Es mußte erst durch einen Erlaß des Oberkommandos der Wehrmacht diese Angelegenheit geregelt werden. Besonders die Frage der Einschreibebriefe, für die eine Haftung in Höhe von zweiundvierzig Mark von Seiten der Post vorlag, mußte erst geklärt werden. Sie wurde dann so geregelt, daß diese Briefe in Listen mit laufenden Nummern zusammengestellt wurden. Die in einem großen Saal des ZOO arbeitenden Postbeamten lieferten sie nur gegen Quittung an die Prüfstelle aus, dort bekam jeder Prüfer zur Zeit immer nur fünfundzwanzig Stück wiederum gegen Quittung. Diese fünfundzwanzig Briefe stellten einen Wert von tausend Mark dar, für die der Bearbeiter im Verlustfalle einzustehen hatte. Auf den Inhalt der Einschreibebriefe mußte man besonders sorgfältig achten, deshalb wurden derartige Briefe vom Bearbeiter selbst aufgeschnitten und verschlossen. Eine Nachkontrolle konnte hier nicht stattfinden.

Die gewöhnliche Post wurde in einem großen Saal von Frauen, die keinerlei Vorkenntnisse hatten und die aus allen möglichen Berufen herausgezogen waren, mit der Schere aufgeschnitten, dann chemisch geprüft, in den Lesegruppen gelesen und wiederum im gleichen Saal verklebt. Hierbei fanden Stichprobenkontrollen statt, die öfters zu Maßregelungen der zu "weitherzig" arbeitenden Prüfer führten, denn die Offiziere litten in der ersten Zeit des Krieges an einer ausgesprochenen "Spionitis" und sahen in jedem Wort ein verabredetes Zeichen zur Übermittlung militärischer Geheimnisse. Es gab viel Ärger und oft sogar Tränen, wenn einer dieser Oberleutnants oder Hauptleute, die im Frieden meist kleine Angestellte irgendeiner Handelsfirma waren, den ihnen nun dienstlich unterstellten Damen und Herren oft in wenig höflicher Form wegen Unterlassungen Vorwürfe machten. [...]

Das Berliner Publikum sah plötzlich in seinem altvertrauten ZOO nicht nur Affen, Löwen und andere Vierbeiner hinter Gittern, sondern Mitmenschen, die sich da frei aber doch ziemlich abgesondert bewegten. Auf Anrufe: "Wer sind Sie und was machen Sie?" erfolgte keine Antwort, denn es war uns allerstrengste Schweigepflicht über Art und Tätigkeit der ABP auferlegt worden.

So entstand in Berlin das Gerücht, im ZOO seien jetzt alle die harmloseren Irren aus der großen Irrenanstalt Wittenau untergebracht worden, um dort Raum für gemeingefährliche Wahnsinnige zu schaffen, die in den Kriegsgebieten als Folge schrecklicher Erlebnisse den Verstand verloren hätten. Dies glaubte ein großer Teil der Berliner, jedoch nur eine kurze Zeit hindurch, denn allzubald sickerte es durch, was für eine militärische Dienststelle im ZOO ihr Quartier aufgeschlagen hatte. [...]

Der Leiter der bald auf sechshundert Personen angewachsenen Abteilung III "Handel" war ein Rittmeister Mayer, genannt "bel ami", denn die Augen der Damen folgten ihm, wenn er durch die Reihen der Tische schritt. Er sah recht gut, wenn auch etwas trinkfreudig, aus und war sowohl in Zivil als auch in Uniform tadellos gekleidet. Rittmeister Mayer bekam Blumenspenden, die von zarter Hand auf seinen Schreibtisch niedergelegt wurden, ganz früh am Morgen, ehe noch das Heer der Prüfer den Saal füllte. Er bekam auch Briefchen mit Einladungen und von Zeit zu Zeit anonyme Zuschriften, die ihn jedes Mal furchtbar erbosten und zu langatmigen wortreichen Ansprachen "an sein versammeltes Volk" Anlaß boten.

Dieser Rittmeister Mayer, der vom ersten bis zum letzten Tag bei der ABP [Auslandsbriefprüfstelle] Berlin tätig war, sprach in den ersten Tagen des Krieges ein Wort, das ich ihm nicht vergessen habe, denn es war immerhin der Ausdruck menschlichen Empfindens, das man sonst so selten bei unseren militärischen Vorgesetzten spürte. Er kam damals in die Loge, in der die Gruppe "Einschreibebriefe" an ihren kleinen gelben Tischen arbeitete, und sprach einige allgemeine Redensarten mit uns. Da sagte ein ganz junges Mädchen, die bei uns den Namen "Häslein" führte, sie würde lieber in Gruppe IV "Privatpost" arbeiten, die Handelskorrespondenz sei ihr so langweilig zu lesen. Ob sie nicht in den Kaisersaal zur "Privatpost" versetzt werden könne? Rittmeister Mayer antwortete ihr und wandte sich dabei an uns alle in der Loge: "Meine Herrschaften, seien Sie froh, daß Sie hier bei mir und nicht in der "Privatpost" beschäftigt sind. Sie ahnen ja gar nicht, in was für Konflikte Sie die Lektüre von Privatbriefen stürzen kann, wenn einmal in diesen an und für sich meist sehr harmlosen Briefen eine Stelle auftaucht, die zu Bedenken Anlaß gibt und Sie als Prüfer vor die Frage stellt, ob Sie eine Anzeige erstatten sollen oder nicht. Und wieviel Trauriges lesen Sie da täglich in den Briefen der durch den Krieg unerbittlich getrennten Familienmitglieder! Welch eine Flut von Tränen ist über die ganze Zeit gekommen. Sie rauscht durch den Kaisersaal und nur ganz stumpfe und seelenlose Menschen werden von diesem Elend nicht berührt. Nein, bleiben Sie nur hier bei der sauberen, klaren Handelspost, wo Sie nach genauen Richtlinien arbeiten können und in keine seelischen Konflikte geraten."

Wie sehr Rittmeister Mayer Recht hatte, erfuhr ich späterhin, als ich jahrelang "Privtpost" lesen mußte. Es konnten wirklich nur seelenlose Menschen diese Dokumente menschlicher Verzweiflung gefühllos lesen oder gar kalt nach Vorschrift zensieren. Aber ich muß aus meiner Erfahrung sagen, daß der größte Teil der Prüfer so gefühllos war, sich über den Inhalt der Briefe nur insofern Gedanken zu machen, als er ihnen die Möglichkeit gab, eine "Vorlage" zu schreiben, das heißt eine Anzeige zu machen und sie dem Tischoffizier stolz zu übergeben. Die Prüfer, die im Kaisersaal die Privatbriefe lasen, wurden in der ersten Zeit von den mit der Prüfung der "Handelspost" Beschäftigten etwas über die Achsel angesehen, obgleich sie gesellschaftlich aus den gleichen Kreisen stammten. Es drückte sich in dieser Haltung doch etwas von der Abscheu über die Schnüffelei im Privatesten und nach der Gesinnung aus. Bald aber hatte sich diese Abneigung ganz gegeben, wie denn überhaupt die Moral in einem langsamen und stetigen Absinken war.

Wie es bei der dauernden Beschäftigung mit einer unmoralischen Tätigkeit nicht anders zu erwarten war, ließen die Widerstände nach. Waren in den ersten Monaten Flirts an der Tagesordnung, so wuchsen daraus Ehescheidungen und häßliche Zerwürfnisse. Die Beraubung von Lebensmittelpäckchen, die in einer besonderen Abteilung geprüft wurden, nahm immer größeren Umfang an. Es wurden Stichproben beim Verlassen des Hauses angeordnet und dabei viel gestohlenes Gut gefunden. Manchmal, wenn man etwas später aus dem Haus ging, sah man schon beim Passieren der langen Korridore fortgeworfene Gegenstände liegen: Schokolade, Tee, Speck. Das war ein Zeichen, daß am Ausgang beim Adlerportal Untersuchungen stattfanden. Die Diebe hatten davon Kenntnis bekommen und entledigten sich rasch der gestohlenen Sachen. [...]

Nun noch einige Worte über unsere "hohen Vorgesetzten", die Leiter der Dienststelle Auslandsbriefprüfstelle Berlin, kurz ABP genannt, und die Offiziere der "Abwehr III" im Oberkommando der Wehrmacht. Von dem ersten Dienststellenleiter, der die Dienststelle aufzog, merkten wir nur wenig. Er hieß Major Huth und man sagte, er sein ein intimer Freund von Göring. In seiner Dahlemer Villa hätten schon vor der "Machtergreifung" Prominente verkehrt wie Göring mit seiner ersten Frau, Udet und andere. Die höchsten Leiter der Abteilung "Abwehr III" beim OKW sollten wir aber wenigstens dem Namen nach kennen und so lernten wir sie mit ihren Rangbezeichnungen auswendig: "Admiral Canaris", Oberstleutnant Brusdeitis" und andere, ich habe sie ebenso rasch vergessen, wie ich sie damals zur Freude unseres Tischleiters Lupprian herbeten konnte, wenn er uns diese Namen abfragte.

Dann wurde Major Huth versetzt und die ABP führte Major Freiherr von Sell. Er übernahm außerdem die persönliche Leitung der Gruppe VIII, die als "Auswertungsgruppe" den Kopf der ganzen Briefstelle bildete. Major von Sell war Kammerherr der "Kaiserin" - der zweiten Gattin Wilhelm II - und hatte lange in Dorn Dienst gemacht. Er verwaltete das Hohenzollern-Vermögen in Deutschland. Als während des Krieges der Ex-Kaiser in Dorn starb, fuhr von Sell zur Beisetzung. Man sagt, er sei mit dem überfüllten Zug nur mitgekommen, weil er durch ein Fenster geklettert sei. Jedenfalls sah man ihn auf einem in der Presse veröffentlichten Bild von der Beisetzung, er war einer der Offiziere, die den Sarg aus dem Haus trugen.

Unter von Sells Führung wurde in den einzelnen Abteilungen recht milde regiert. Noch herrschte nicht der grobe Kasernenhofton, der später einriß. Es wurde sogar noch nicht verlangt, daß Damen die Vorgesetzten mit ihrem militärischen Rang anzureden hatten. Nun war natürlich die Menge älterer Damen und Herren, die zum Teil nie im Leben im Beruf gestanden hatten, schwer zu lenken. Es war schon eine recht eigenwillige Gesellschaft. Unterordnung, Disziplin und Kameradschaft wären bei der großen Menge von Angestellten durchaus nötig gewesen, sie ließen sich aber durchaus nicht mit Gewalt erzwingen.

Zu den starken sozialen Gegensätzen kamen alle die kleinlichen Zersplitterungen durch Freundschafts- und Abneigungsgefühle, die nicht durch die Einsicht gemildert und gemindert wurden, daß man schließlich nicht auf Lebenszeit, sondern nur für die Dauer des Krieges, den am Anfang alle für einen "Blitzkrieg" hielten, zusammengekoppelt worden war. Alle deratigen Einstellungen von Person zu Person faßten vielmehr festen Fuß, es kam zu innigen Freundschaftsbünden und zu erbitterten Feindschaften, die auch während der Arbeitszeit zu peinlichen Szenen führten. Dazu kam noch die im Deutschen steckende und im "Dritten Reich" stark wuchernde Sucht, Mitmenschen zu erziehen, den Fehler beim Nachbarn vergrößert zu sehen und eigenen Schwächen gegenüber blind zu sein. [...]

Um aber wieder auf den Dienststellenleiter von Sell zurückzukommen, so ist von ihm zu berichten, daß die ABP Berlin unter ihm einen großen Aufschwung nahm und zahlenmäßig stark anschwoll. Es wurden massenhaft Leute mit ziemlich bescheidenen Sprachkenntnissen und noch schwächerer Allgemeinbildung eingestellt. Die Arbeitsämter schickten alle "kriegsdienstverpflichteten" Angestellten, die irgendwelche Fremdsprachenkenntnisse angaben, zur ABP. Die Bewerber saßen in langen Reihen wartend in den Wandelgängen und in den Pausen gingen wir an ihnen vorüber und musterten sie.

Es kamen altgewordene Tänzerinnen, die früher einmal schön und berühmt gewesen waren, so berühmt, daß Zigarettenmarken nach ihnen benannt worden waren, es kamen Zirkusartisten ohne Engagement, Maler und Musiker, Aufwartefrauen und sogar Farmer aus Afrika, die als besondere Spezialität ihre Kenntnisse der Suaheli-Sprache oder noch ausgefallenerer Neger-Dialekte anführten.

Man nahm sie alle in Dienst. Und auch die Farmer kamen dazwischen zu einem Brief in Suaheli - ich erinnere mich, daß ein Missionar an seine nach Deutschland gefahrene Frau Missionarin Briefe in diesem Dialekt schrieb und ihr Inhalt bezog sich nicht auf das Wort Gottes, sondern er war vielmehr derart, daß der sie prüfende Afrikaner - wir nannten ihn nur den "Panterjäger" - daß dieser Farmer sie dem Tischleiter Major Hartmann Wort für Wort übersetzen mußte und wir aus dem prustenden Lachen der beiden erkannten, daß es sich jedenfalls nicht um militärische oder politische Dinge handeln konnte. [...]

Während der "Regierungszeit" des Herrn von Sell wurden im Reich noch andere Briefprüfstellen aufgezogen. Königsberg, Frankfurt am Main, München, Köln, Hamburg und Wien bekamen je eine ABP. In Wien wurde die ganze Post von und nach dem Balkan überwacht. Es hieß, in Wien seien fabelhaft intelligente und fleißige Prüfer. Sie wurden uns in "Tagesbefehlen" der Leitung als Muster vorgehalten. Stehend mußten wir uns anhören, was wieder in Wien an Erfolgen erzielt worden war: dort wurden Spione gefangen und geheime Nachrichtenübermittlungen entdeckt. In einem mit farbigen Stiften auf Karopapier gezeichnetem Stickmuster für Kreuzstich wurde durch ungemein scharfsichtige Kombination der verwendeten Farben und ihrer Reihenfolge die Nachricht entziffert: "Artillerie nach Osten", was ja an und für sich ohne Angabe der Menge usw. keine kriegswichtige Mitteilung zu nennen und zudem bei der durch die Briefzensur so beträchtlich verzögerten Zustellung aller Briefe wahrscheinlich längst überholt war.

Ein anderer "Tagesbefehl" teilte uns mit, daß auf einem Notenblatt die Wiener ABP eine zwar unverständlich gebliebene, für den Nachrichtenempfänger jedoch "zweifellos äußerst wichtige" in Notenschrift verschlüsselte Nachricht entdeckt worden war, jedenfalls sei die Melodie ganz sinnlos gewesen.

Herr von Sell baute die ABP genau nach dem Schema der englischen Briefzensur im ersten Weltkrieg auf, er übersah aber, daß er bei weitem nicht das gute Material hatte, daß es den Engländern ermöglicht hatte, aus der Briefprüfung und ihrer Auswertung ein Instrument des Sieges zu machen. [...]

Die Dienstzeit bei der ABP war anfänglich so gelegt worden, daß die eine Schicht von acht bis vierzehn Uhr, die andere von vierzehn bis zwanzig Uhr arbeitete. Die Arbeitsfront, die sich im Dritten Reich um alle Belange der Arbeit kümmerte, hatte uns eine nur sechsstündige Arbeitszeit zugestanden, weil wir den ganzen Tag über bei Lampenlicht lesen mußten. Nun ist es ja und für sich schon eine sehr starke Anstrengung der Augen, wenn man sechs Stunden hintereinander bei Licht liest. Ein maschinengeschriebener Brief ist rasch überflogen, zumal man eine kurze geschäftliche Mitteilung mit einem Blick aufnimmt. Ein handgeschriebener Privatbrief, noch dazu womöglich auf dünnen Luftpostpapierbogen geschrieben ist schon eine andere Sache. Nach Jahr und Tag hat man auch darin Übung, und ich kann die unleserlichsten Schriften ganz gut entziffern, wenn ich nur erst einmal festgestellt habe, um welche Sprache es sich handelt. Zu Beginn der Kriegsarbeit rätselten viele Prüfer an besonders unleserlichen Worten lange herum, anstatt gleich den ganzen Satz zu lesen und aus seinem Sinn das eine Wort zu erraten. Sie plagten sich unnütz wie Schulkinder, die in einem Lesetext auf eine ihnen unbekannte Vokabel stoßen. [...]

Immer straffer wurde die Organisation durchgeführt. Wir bekamen Ausweise, die wir wie die Gasmasken immer bei uns tragen und beim Betreten des Hauses vorweisen mußten. Den Damen wurde das Schminken und das Lackieren der Fingernägel streng untersagt. Über dies lächerliche Verbot, das ein alter Weiberfeind von Hauptmann erlassen hatte, setzten sich alle mit Selbstverständlichkeit hinweg, obgleich er es uns durch eine ältere Dame, Typ Gouvernante mit gebrannten Stirnlöckchen und Kneifer, feierlich eröffnen ließ. Er bedrohte uns mit "Verweisen, strengen Verweisen, Bestrafung und Entlassung" je nach dem Grad der angewandten Kosmetik. Ich erinnere mich noch, wie diese alte Vogelscheuche von Tisch zu Tisch ging und ansagte, alle weiblichen Angestellten sollten sich in einem der Wandelgänge versammeln. Als wir vollzählig waren, trat sie unter uns, warf sich in die Brust, soweit ihr das bei großer Magerkeit möglich war, und verkündete diesen Erlaß. Mehr oder weniger unterdrücktes Lachen wurde laut, sie warf zornige Blicke um sich und ging. Wir empfanden es als einen ganz willkürlichen Eingriff in unsere persönlichsten Angelegenheiten. Es war wieder einmal ein Versuch, und diesmal ein lächerlicher, uns zu unbedenklichem Gehormsam zu zwingen, der dem Wesen des Militarismus entsprach.

In der ABP kamen alle paar Tage neue Vorschriften und neue Verbote heraus, sie wurden uns an einem bestimmten Tag des Monats immer vorgelesen und schließlich war es eine ganz lange Liste geworden. Verboten war vor allem das Photographieren, dann das Beisichtragen von Briefmarken, das Unterhalten in fremden Sprachen, weil die Offiziere sie zumeist nicht verstanden, das Sprechen über den Inhalt von Briefen, das Herumzeigen von Briefen. Für alle diese Verbote war Entlassung als Strafe vorgesehen. Damals bedeutete Entlassung die Zurverfügungstellung an das Arbeitsamt und aller Voraussicht nach die Überweisung an ein Rüstungswerk. Diese Aussicht war allerdings bitter, denn keiner von uns wollte außerhalb der Stadt eine Arbeitszeit von acht bis zehn Stunden ableisten.

Zu Ende des Krieges waren die Strafandrohungen viel schwerer. Da hieß es, wir stünden unter SS-Strafvorschriften. Bei "Unbotmäßigkeit, falscher dienstlicher Bekundung oder unentschuldigtem Fernbleiben vom Dienst" stand uns ein Aufenthalt bis zu sechs Wochen im Straflager Dachau bevor; in besonders schweren Fällen müßten wir dort vierzehn Stunden lang körperliche Arbeit bei verringerter Nahrungszuweisung leisten und es sollte uns Redeerlaubnis und Beleuchtung entzogen werden. Unsere Vorgesetzten drohten uns wirklich diese Strafen allen Ernstes an, doch wir waren nicht in dem vorgesehenen Maße beeindruckt. Wir waren damals schon durch die Bomben und andere Gefahren so abgehärtet und verhärtet, daß wir über das "Straflager Dachau" spotteten. Außerdem wußten wir noch nichts davon, wie es in den Konzentrationslagern zuging, erfuhren das erst später, im letzten Kriegsjahr, als einiges aus den Lagern bekannt wurde.

Wenn jemand von uns einen Passierschein zum Verlassen des Dienstgebäudes während der Arbeitszeit vom Tischoffizier erbat und als Grund den Besuch beim Zahnarzt angab, dann wurde er lachend gefragt: "Na, ist das auch nicht etwa eine falsche dienstliche Bekundung? Sie wissen doch: Dachau!" und die Antwort war treu und bieder: "I wo, ich geh wirklich zum Zahnarzt", wenn auch allerlei persönliche Gründe vorlagen, die einen freien Nachmittag erwünscht erscheinen ließen.

Trotz all dieser Strafandrohungen habe ich wenig von Bestrafungen gehört. Es hatte sich im Laufe der jahrelangen Zusammenarbeit ein familiäres Verhältnis zwischen den Tischoffizieren und ihren Prüfern herausgebildet, und das Schlimmste, was einigen Prüfern geschah, wenn sie auf Nachlässigkeit ertappt wurden, war die Versetzung in eine andere Gruppe. Das wurde allerdings als sehr unangenehm empfunden, denn es dauerte immer eine ganze Weile, ehe man sich in der neuen Gruppe einlebte und zurechtfand. [...]

Das erste Kriegsweihnachten wurde in der ABP mit einem der in Nazi-Deutschland so beliebten "Kameradschaftsabende" begangen, in einigen Sälen sollte eine Kaffeetafel und später ein Abendessen gegeben werden, und es war eine sehr gute Tanzkapelle verpflichtet worden. Außerdem aber wollten die zahlreichen Künstler, die bei uns untergekommen waren, ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Wir hatten so viel Sängerinnen und Tänzerinnen, mehrere Zirkusartisten und so weiter, daß es ein ganz großes Programm wurde. Später kamen alle diese Künstler zweiter Güte in der "Truppenbetreuung" unter und gingen auf "Wehrmachtstourneen", die sie bis an den Polarkreis und bis an die afrikanische Wüste führten, wo immer deutsche Soldaten standen.

Der Gedanke, an dieser Gestapo-Stelle eine "Weihnachtsfeier" mitzumachen, war nicht nur mir, sondern auch manchen anderen recht unsympathisch. Als mehrere Prüfer äußerten, sie würden gern darauf verzichten, kam der Befehl heraus, die "Weihnachtsfeier" sei "Dienst" und jeder müsse erscheinen. Ich kam also zum "Dienst" in einem langen schwarzen Abendkleid - auch das war Vorschrift, daß Gesellschaftskleidung getragen werden sollte. [...]

Die zweite Weihnachtsfeier in der ABP war ebenfalls als "Dienst" angesetzt worden, um alle Mitarbeiter auch wirklich zu "erfassen". Diesmal war für unsere Gruppe ein Mittagessen im Opernrestaurant in Charlottenburg vorgesehen. Das dritte Kriegsweihnachten war schon bedeutend weniger großartig, da gab es nichts zu essen außer schlechtem Kaffee, genannt "Muckefuck", in der Kantine und musikalische Darbietungen einiger mehr oder weniger stimmbegabter Damen. Gerade in das "Wiegenlied" von Reger brüllte der Lautsprecher den Heeresbericht, der zum ersten Mal von einer Frontverkürzung vor Moskau sprach. Als er schwieg, sang die Sängerin das "Wiegenlied" zu Ende. Der Gruppenleiter, ein alter sehr seniler Oberstleutnant Jahn, hielt uns eine Ansprache, in der er uns die Schrecken des kommenden Bombenkrieges an die Wand malte. Er hatte scheinbar riesige Angst davor, und er hatte ja schließlich ganz recht ... Es war, wie ich in mein Tagebuch zu schreiben wagte, die Karikatur einer Weihnachtsfeier.

Unser viertes Kriegsweihnachten ging unter sehr merkwürdigen Umständen vor sich, die ABP war damals gerade aufgelöst worden und wir alle wußten noch nicht, ob in welcher Form wir weiter dort beschäftigt sein würden. Wieder war die Zusammenkunft als "Dienst" angesetzt. Aber es saßen nur die "Gruppen" zusammen bei einer Tasse schlechtem Kaffee und selbst mitgebrachtem Kuchen. [...]

lo