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Josepha von Koskull: General Lindemann und der 20. Juli 1944

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (* 1898) aus Berlin, (DHM-Bestand):


Bald nachdem ich von einem Urlaub zurückgekommen war und mein Haus trotz schwerer Angriffe auf unsere Wohngegend heil wiedergesehen hatte, kam der verhängnisvolle 20. Juli.

Berlin wurde von der Meldung über das stattgefundene und mißglückte Attentat furchtbar durcheinandergerüttelt. Am Morgen des 21. Juli sah man lauter erregte Gesichter. Nun kam das große Abrechnen mit den Feinden des "von der Vorsehung so wunderbar beschützten Mannes".

Als ich Morgen des 21. Juli aus der U-Bahn stieg und den Weg zur Schellingstraße, war ich wie jeden Morgen um diese Zeit mitten in einem Schwarm von Offizieren, die alle in das Kriegsministerium strebten, wo der Dienst auch schon um acht Uhr begann. Aber nicht wie sonst gingen sie selbstbewußt und stolz erhobenen Hauptes dorthin. Nein, sondern die blasse Angst sah aus ihren Augen und stand in ihren verkrampften Gesichtern. Viele wußten nicht, was sie dort in ihren Arbeitszimmern im "Bendlerblock" erwarten mochte. Noch waren die Standgerichte an der Arbeit, noch wurden Arreste und Erschießungen durchgeführt.

Am Tage nach dem Attentat traf ich meinen Bekannten Ri, wir hatten uns zu einem Spaziergang in dem ziemlich verwüsteten Tiergarten verabredet. Wir sprachen natürlich viel über diese Nachricht, und ich mußte mit meinen Äußerungen sehr vorsichtig sein, denn Ri war unbeschreiblich erbittert darüber, daß so etwas möglich gewesen sei. Ich erinnere mich, daß ich ihm damals sagte: "Du kennst die wirkliche Stimmung im Volk nicht und du willst es auch nicht hören, wenn man dir etwas darüber sagt. Ihr Parteigenossen seid nicht mehr im Bilde darüber, wie die große Masse denkt. Es ist eine Glaswand zwischen euch und den anderen." "Das tut nichts", sagte er, "wenn nur die Partei die Macht hat, das durchzusetzen, was sie für richtig hält." Ich erzählte ihm einiges von dem Inhalt der ausländischen Zeitungen, von dem raschen Fortgang der Invasion, er hielt das alles nicht für wichtig und war überzeugt davon, daß die "Wunderwaffe" den "Endsieg" bringen werde. Ich fuhr früh nach Hause, da ein Luftangriff zu erwarten war. In diesen unruhigen Zeiten, als man nie wußte, wie sich die äußeren Umstände entwickeln konnten, traf man keine Verabredungen auf längere Sicht, und so trennten wir uns mit den Worten: "Wer weiß, wann wir uns wiedersehen?" und er fügte hinzu: "Wir haben ja beide warten gelernt ..."

Ein paar Tage später rief mich meine Freundin Lilo Gloeden an und bat mich, nach dem Dienst zu ihr zu kommen, sie habe "etwas Interessantes für mich". Ich hatte die Vorstellung, es sei eine Nachricht von unseren gemeinsamen Bekannten Beermanns aus England und fragte: "Nachricht von Eva?" "Nein", sagte sie, "das nicht, aber etwas anderes Interessantes, ich solle rasch kommen und zum Abendessen bei ihnen bleiben.

Bei Gloedens bekam man öftes interessante Sachen zu sehen und zu hören. Dr. Gloeden, der Architekt war und ein gutes Buch über Schinkel veröffentlicht hatte, war während des Krieges zuerst bei einem Aufräumungstrupp im Osten beschäftigt gewesen, dann hatte er den Auftrag, in einem großen Architekten-Büro in Dresden an den Plänen für eine neue Stadt zu arbeiten, die im Osten im galizischen Petroleumgebiet entstehen sollte, irgendwo nicht weit von Krakau. Es war mehrmals dort an Ort und Stelle, um das Terrain kennenzulernen, und hatte mancherlei von dort zu erzählen. [...]

Als ich zu Gloedens fuhr, kaufte ich mir eine Zeitung, in der ein Bild des flüchtigen Dr. Karl Gördeler abgebildet war und eine Belohnung von einer Million Reichsmark auf seinen Kopf ausgesetzt wurde. Das war damals noch eine sehr große Summe Geldes. Die Läden waren zwar leer, aber man konnte mit dem Gold sehr gut leben, denn es gab viel Nahrungsmittel auf dem "schwarzen Markt" und die Preise waren noch nicht besonders hoch. Ich weiß, daß Gloedens sehr viel zukauften, sie hatten auch einem Bauern in Vorpommern mehrere tausend Mark zum Ankauf von Hühnern gegeben und er lieferte ihnen dafür Geflügel und Eier. Bei Gloedens ging eine junge Schieberin ein und aus, die dank ihrer guten Beziehungen zu einem höheren SS-Mann immer in der Lage war, Lebensmittel aus Holland und der Schweiz zu besorgen. Ich weiß, daß sie einmal ein ganzes Köfferchen voll Schweizer Schokolade brachte. Dafür mußte sie selbst aber in Gold bezahlen, wie sie erzählte, und die Tafel kostete daher fünfundzwanzig Mark. Diese Schokolade war unverpackt, stammte aber, wie die Prägung zeigte, aus allerersten Schweizer Fabriken, sie wurde über den Bodensee geschmuggelt.

Als ich Lilo Gloeden und ihre Mutter begrüßt hatte, stellten sie mir einen großen dunklen Herrn vor als "einen Freund ihres Mannes, Herr Exner", der ausgebombt war und nun bei ihnen leben würde.

Herr Exner sah gut aus, ein Herr in den besten Jahren, er trug einen grauen Anzug und zu diesem Zeitpunkt, wo schon die meisten Männer an der Front standen, war es erstaunlich, einen Zivilisten von einigen vierzig Jahren zu sehen, denn mehr gab ich ihm nicht. Aber man konnte ja nie wissen, ob es nicht jemand sei, der eine wichtige Stellung in der Industrie oder an sonst einer Stelle bekleidete, wo er "unabkömmlich" war und nicht zum Militär-Dienst eingezogen wurde. Es wunderte mich, daß ich, die ich doch die meisten Bekannten von Gloedens persönlich oder dem Namen nach kannte, noch nie von Herrn Exner gehört hatte.

Wir unterhielten uns natürlich über die brennenden Tagesfragen, und ich zeigte den Steckbrief von Dr. Gordeler. Dann war es Zeit, das Abendessen anzurichten, ich sollte mitessen. Lilo Gloeden und ich gingen, aus einem Restaurant am Reichskanzlerplatz Bier holen.

Kaum waren wir auf der Straße, so sagte sie mir: "Herr Exner ist gar nicht ein Freund meines Mannes, er ist ein General des zwanzigsten Juli, und wir werden ihn verstecken. Sie werden uns dabei helfen, nicht wahr?" Das versprach ich ihr und wollte wissen, wie er wirklich hieß, denn nach den Zeitungsnachrichten sollten alle "Verräter" bis auf den flüchtigen Gördeler und die zu den Russen übergelaufenen Generale der Artillerie Lindemann und Major im Generalstab Kuhn gefangen, erschossen oder durch Selbstmord geendet sein.

"Es ist General Lindemann", sagte Lilo, "er ist uns von Freunden zugesandt worden, mein Mann sollte ihm weiterhelfen, aber er wird fürs erste ganz bei uns bleiben. Er wohnt im Mädchenzimmer, und kein Mensch hat ihn kommen sehen." Wir kamen überein, daß ich mir noch den Anschein geben solle, den wahren Sachverhalt nicht zu kennen.

Während des nun folgenden Abendessens erzählte uns "Herr Exner" allerlei Erlebnisse von den Fronten, so von dem raschen Vormarsch in Südrußland, den er im Sommer 1942 mitgemacht hatte. Er sagte, er sei einer der ersten Deutschen gewesen, die in die eroberte Stadt Odessa am 1. 7. 42 eingerückt seien. Dort habe ein riesengroßes Denkmal eines russischen Heerführers aus einem der früheren Kriege gestanden, und als er im Auto daran vorbeifuhr, da habe sein Fahrer gerufen "Herr General, der Kopf ist ab!" Er habe den Kopf als Trophäe in den Wagen legen lasen und habe ihn später nach Berlin in das Zeughaus geschickt. Als "Herr Exner" sich selbst als General bezeichnete, stieß ich Lilo leise mit Fuß an - sie und ihr Mann warfen sich einen Blick zu - ich aber rettete die Situation, indem ich höchst überflüssigerweise mitten in diese Kriegserinnerung ganz harmlos die Frage stellte: "Herr Exner, sind Sie verwandt mit den Exners hier in Berlin, die die große Abrißfirma haben, die nun durch den guten Radiergummi der Verbündeten arbeitslos zu werden scheint?" "Nein, ich habe hier in Berlin keine Verwandten", sagte "Herr Exner". "Ich stamme aus Hamburg."

Wir verabredeten, daß ich am übernächsten Tag wiederkommen und ihm die erste russische Stunde geben sollte, er wollte gern die Sprache erlernen, zum wenigsten die wichtigsten Wörter kennen, mit denen man sich verständigen konnte. Als ich wegfuhr, fuhr Lilo mit mir im Lift hinunter. "Um Gotteswillen, er ist ja unvorsichtig!" sagte ich, "das mit dem General war doch furchtbar! Da muß ja der Dümmste merken, daß hier etwas nicht stimmt."

Nachdem ich mehrmals "Herrn Exner" russische Vokabeln beigebracht hatte, sagte er mir, er habe die Absicht, an der Ostfront überzulaufen. Damals waren die Russen schon stark im Vorgehen, Riga war schon bedroht, Estland schon zum Teil besetzt. Er lernte die Redensarten, mit denen er sich russischen Vorposten nähern würde. "Nicht schießen!" "Ich laufe über!" "Führ mich zu eurem Offizier!" "Habt ihr einen Dolmetscher?" und so weiter.

Im Westen entwickelte sich der Vormarsch der Alliierten in Frankreich mit großer Stetigkeit, aber nicht so rasch, wie es "Herr Exner" angenommen hatte. Als die Verbündeten vor Paris standen, war er der Ansicht, daß in sechs Wochen der Krieg zu Ende und ganz Deutschland besetzt sein werde. Er zeigte uns an Hand der großen Karte, die auf dem Flügel neben dem Radio lag, wo die Brücken über die Seine waren, und er wußte genau, welche Truppen unter wessen Befehl auf deutscher Seite dort standen und ob sie noch zuverlässig und kampftüchtig oder schon stark dezimiert und mit weniger zuverlässigen Kampfverbänden aufgefüllt seien.

Diese Kenntnisse konnte ein Zivilist, wie es "Herr Exner" in meinen Augen bleiben sollte, nicht haben. Ich sagte daher Lilo Gloeden, daß es an der Zeit sei, mich nunmehr auch offiziell einzuweihen. Nach Rücksprache mit ihrem Mann und ihrer Mutter und mit General Lindemann wurde das dann auch getan. Ich gab dem General die Hand und sagte: "Verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit. Sie haben meine volle Sympathie."

Ich erfuhr also von ihm selbst, daß er, der Ritterkreuzträger und seit Jahresfrist in der nächsten Umgebung Hitlers Beschäftigte, Graf Stauffenberg gekannt und daß er ihm das benötigte Sprengmaterial für das Attentat beschafft habe.

Wir verabredeten dann, daß ich im Falle einer Entdeckung zu sagen habe, ich hätte ihn nur unter dem Namen "Exner" als einen Freund von Dr. Gloeden kennengelernt, und ich hätte nichts davon gewußt, daß er ganz bei Gloedens wohnte, während Lilo Gloeden und ihre Mutter aussagen sollten, sie hätten ihn für einen "getauchten" also illegal lebenden, Juden gehalten.

Ich ging alle paar Tage zu Gloedens, wir spielten Bridge mit dem General, er übte russisch, ich brachte ihm Bücher, die ihn interessierten, so auch das Buch von Feuchtwanger "Erfolg", ein Schlüsselroman aus den Anfangszeiten der nationalsozialistischen Partei, der in Deutschland merkwürdigerweise nur wenig bekannt geworden war, während die anderen Romane von Feuchtwanger sehr weite Verbreitung gefunden hatten. Ich eilte aber meist schon vor dem Abendessen nach Hause, um zu der Zeit, wenn Alarm zu erwarten war, wieder zu Hause in unserem recht sicheren Keller zu sein.

Es handelte sich nur darum, Lebensmittel heranzuschaffen, um den ohne Verpflegungsmarken aufgenommenen Gast zu ernähren. In der Dienststelle war eine lebhafte Tauschaktion, Zigaretten gegen Kartoffeln, im Gang, denn die Personen, die auswärts in Lokalen zu essen pflegten, brauchten ihre Kartoffelmarken nicht abzugeben und vertauschten sie. Das machte ich mir zunutze. Ferner hatten wir in meinem Haushalt immer Brot übrig behalten, das Gloedens sonst ihren "untergetauchten" jüdischen Freunden hatten zukommen lassen. Um noch mehr Verpflegung heranzuschaffen, besuchte ich meine Kusine, die mit Diplomatenkarten einer Gesandtschaft lebte und mir von Zeit zu Zeit reichlich Reisemarken schenkte.

Ich deutete meiner Kusine an, daß ich für jemand zu sorgen habe, der keine Lebensmittel beziehen könne ... sie sagte: "Du, sei aber vorsichtig!" und gab mir eine Menge der erbetenen Marken. [...]

Am 5. August brachten die Zeitungen die Liste der Namen aller beteiligten hohen Militärs, und es war schrecklich, sie zu lesen und die Schmähungen, mit denen Goebbels sie überhäufte. Ein Mann jedoch, der sein Leben dabei auf das Spiel gesetzt hatte, dem Attentäter Graf Stauffenberg den Sprengstoff zu beschaffen, mußte mit Einsatz des eigenen Lebens geschützt werden.

General Lindemann wollte gern irgendeinen Ausweis haben - ich dachte daran, meinen Personalausweis mit all seinen vertrauenerweckenden Stempeln zu "verlieren" und ihn für den General "umarbeiten" zu lassen. Gloeden, der ja schon falsche Pässe für Juden beschafft hatte, besaß die nötigen Beziehungen zu Paßfälschern. Nun stellte es sich heraus, daß der General einen alten echten Ausweis als Schriftleiter hatte, er war bis zu seiner Einberufung in Hamburg Mitarbeiter an einer großen Tageszeitung gewesen. Mit diesem Ausweis ließ sich etwas anfangen, aber es hätte eine Mitgliedsmarke des laufenden Jahres darauf kleben müssen. Ich erinnerte mich einer guten Bekannten, die Schriftleiterin war. Ich besuchte sie und wollte zu gern ihren Ausweis an mich bringen - sie hätte ihn ja als verloren melden und sich einen neuen ausstellen lassen können. Ich ging um diese Frage herum wie die Katze um den heißen Brei. Offen konnte ich es ihr nicht sagen, zu welchem Zweck ich die Beitragsmarke des Jahres 1944 brauchte. Ich bekam die Marke jedoch nicht von ihr, denn der Ausweis war bei ihren Personalakten im Verlag Scherl. So war dieser Versuch umsonst gewesen.

Bei den Bombenangriffen verließ General Lindemann nicht mehr die Wohnung, während Gloedens sich in einen öffentlichen Luftschutzkeller auf den Hof einer nahe gelegenen Schule begaben. Er hätte dort ohne Ausweis allzu leicht einer der Streifen in die Hände fallen können, die die Keller nach versteckten Soldaten durchsuchten, die in Berlin am besten glaubten, unterschlupfen zu können.

Am 9. August brachten alle Zeitungen die Bilder von den Verhandlungen gegen die Männer des zwanzigsten Juli vor dem Volksgerichtshof und schmähten sie wieder. Es war schwer, diese Gemeinheiten zu lesen, doch sickerte es schon in diesen Tagen durch, daß der Generalfeldmarschall von Witzleben eine ausgezeichnete Rede gehalten und die Ideale der Verschwörer und ihre Beweggründe umfassend dargestellt habe. Gerade er wurde von der Presse besonders beschimpft und mit Schmutz beworfen. Die Todesurteile waren zu erwarten gewesen, doch machte ihre Verkündung einen schweren Eindruck.

In der gleichen Nummer des Völkischen Beobachters wurde zum zweiten Mal ein Bild von Dr. Kalr Gördeler veröffentlicht und wieder auf die hohe Summe hingewiesen, die auf seine Festnahme gesetzt war. Von Lindemann war nirgends mehr die Rede, es schien, als habe es die Gestapo aufgegeben, nach ihm zu suchen, wahrscheinlich nahm sie an, daß er ebenso wie Generalstabsmajor Kuhn zu den Russen übergelaufen sei. [...]

Am 19. August kam die Nachricht, daß eine Luftwaffenhelferin, Helene Schwärzel, den steckbrieflich gesuchten Dr. Gördeler erkannt und ihn angezeigt habe. Die ausländischen Sender, besonders die Geheimsender, die wir bei Gloedens regelmäßig abhörten, drohten ihr alle Strafen der Hölle an, wenn sie je in die Hände der Rächer fallen werde. Sie bekam vom "Führer" persönlich den Judaslohn ausgezahlt, und die Zeitungen brachten eine ganze Reihe von Bildern von ihr. Sie war auch beim Einzahlen des Schecks bei der Dresdner Bank photographiert worden.

Am Sonntag, den 20. August, genau einen Monat nach dem Attentat, das nach Dr. Gloedens Ansicht die Bezeichnung "Aktion: Beinah" führen könnte, erschien im Völkischen Beobachter ein Steckbrief gegen den "Deserteur Lindemann":

"Fünfhunderttausend Reichsmark Belohnung für Ergreifung des Deserteurs Lindemann, Berlin, 19. August. Gesucht wird der Deserteur Fritz Lindemann, geboren am 11. April 1894 in Berlin, zuletzt wohnhaft in Hamburg. Lindemann hat sich an den Vorbereitungen zum Attentat auf den Führer am 20. Juli beteiligt.

Personenbeschreibung: Etwa 1,80 m groß, schlank, straffe Haltung, ovales Gesicht, seitlich gescheiteltes, dunkles Haar, hohe Stirn. Trägt vermutlich einen gutsitzenden, zweireihigen grauen Anzug.

Angaben jedweder Art, die zur Ergreifung des Täters dienlich sind, nimmt jede Polizeibehörde entgegen.

Wer den Flüchtigen irgendwie unterstützt oder von seinem jetzigen Aufenthalt Kenntnis hat und sich nunmehr nicht unverzüglich bei der Polizei meldet, hat schwerste Strafe zu erwarten."

Direkt darunter war folgende Notiz veröffentlicht:

"Wegen Begünstigung Gördelers verhaftet. Berlin, 19. August.

Bei der Fahndung nach dem flüchtigen Oberbürgermeister a. D. Dr. Karl Gördeler wurde festgestellt, daß er sich u. a. bei dem Rittergutsbesitzer Kraft Freiherr von Palombini auf dessen Besitzung in Rahnsdorf, Kreis Torgau (Regierungsbezirk Merseburg) einige Zeit verborgen gehalten hat. Die Eheleute Palombini, die Gördeler in besonders raffinierter Form vor den Polizeibeamten begünstigten, obwohl ihnen bekannt war, daß Gördeler zu dem Kreis der Attentäter des 20. Juli gehört, sind sofort verhaftet worden.

Die Besitzungen des Palombini werden zugunsten des Reiches eingezogen. Außerdem haben beide hohe Strafen zu erwarten."

Beim Morgenkaffee las ich es mit einem leichten Grauen, denn nun war es klar, daß die Gestapo den General noch in Deutschland vermutete. Wir hatten gedacht, wir würden ihn so lange verstecken können, bis der Krieg zu Ende sei. General Lindemann war in dieser Beziehung sehr optimistisch, Dr. Gloeden, seine Frau und ich waren weniger hoffnungsvoll und sahen noch manche schwere Prüfung vor uns, ehe die Waffen schweigen würden.

So ernst mich dieser Steckbrief stimmte, mußte ich doch über das ihm beigegebene Bild lachen, denn es war dem schmalen Gesicht des Generals ganz und gar unähnlich. Auf dem Steckbriefbild war er ungefähr so feist wie Dr. Ley.

Als wir uns an jenem Sonntag nachmittags bei Gloedens zum Kaffee zusammenfanden, begannen wir Pläne zu schmieden, wie der General sicherer unterzubringen sei. Da ich die Wohnung von Feunden betreute, sollte ich ihn dort einquartieren, doch war das gefährlicher, als ihn in der Gloeden'schen Wohnung in der Kastanienalle zu lassen, weil eine Person, die in einer seit langem unbewohnten Wohnung auftauchte, den Nachbarn verdächtig vorkommen konnte. Es war dies nur möglich gewesen, wenn man ihm gefälschte Ausweispapiere besorgt hätte. Und an die kam Herr Gloeden nicht heran. [...]

Herr Gloeden war von einer Reise nach Pommern zurückgekommen und hatte wieder Proviant mitgebracht. Zum Mittagessen gab es junge Pute und eine sehr schöne Apfelspeise. Dazu tranken wir zwei Flaschen Rheinwein, und es erhob sich die Frage, ob wir auch noch die dritte Flasche öffnen sollten - wir entschieden aber, daß sie zum Abendessen auch noch gut münden würde. Wir waren sehr heiter und brachten einen Trinkspruch auf den Sieg der Alliierten aus.

Nach Tisch legten wir uns etwas hin, denn bei dem warmen Herbstwetter hatte uns der Wein schläfrig gemacht. Um vier Uhr wollten wir Kaffee trinken und eine leckere Apfeltorte verspeisen, die ich schon in der Küche bewundert hatte.

Ich legte mich vorn im Wohnzimmer hin, Herr Gloeden verzog sich in sein Büro neben der Wohnungstür, der General ging in sein kleines Stübchen und die beiden Damen hinten in das Schlafzimmer. Ich nahm mir das kleine Buch von Tucholsky Rheinsberg aus dem Bücherschrank und begann zu lesen. Dies Buch, das seinerzeit so großen Erfolg gehabt hatte, gefiel mir aber gar nicht mehr. Ich überlegte, was der Grund dafür sein könnte, daß ich es jetzt nicht mehr lesen mochte. Die so unbeschwert-heitere Atmosphäre des Buches paßte absolut nicht mehr in unsere so furchtbar ernste Zeit. Ich fand die Dialoge läppisch, die ich früher witzig und graziös gefunden hatte. Das Buch legte ich fort und zugleich erfaßte mich ein unbeschreibliches Angstgefühl, wie ich es kaum bei Angriffen kannte. Mein Herz wurde ganz kalt vor unbestimmter Furcht.

Da klingelte es an der Wohnungstür. Herr Gloeden öffnete. Einen Augenblick darauf hörte ich ein Stimmengewirr und klatschende Schläge ...

"Du Schwein, wo ist Lindemann?" schrien mehrere Stimmen.

In Sekundenschnelle erfaßte ich die Lage. Die Gestapo war da! "Adieu, schönes Leben!" war mein erster Gedanke. "Mitgefangen, mitgehangen ..."

Schon stand ein Mann in Zivil mit einem Revolver in der Hand im Wohnzimmer, während in der Wohnung eine Reihe von Schüssen fielen. "Wer sind Sie? Wohnen Sie auch hier?" brüllte er mich an.

"Nein", sagte ich, "ich wohne in Wilmersdorf, warum sollte ich hier wohnen? Ich bin bloß zu Besuch hier."

Ich wollte meine Handtasche ergreifen, die einige Schritte entfernt auf dem Tisch lag. Er kam mir mit einem Sprung zuvor und riß sie auf. Hatte er eine Waffe darin vermutet? Er gab sie mir nach flüchtiger Prüfung des Inhalts.

Wenige Minuten später trafen wir uns alle im Entrée der Wohnung. Da stand der General, aus einer Brustwunde stark blutend, aber aufrecht und gefaßt. "Zum Arzt, sofort zu einem Arzt" hieß es. Die Hände wurden ihm auf den Rücken zusammengeschlossen, ebenso bei Herrn Gloeden, dessen Gesicht blutig geschlagen war. Dann kamen die beiden Damen, blaß und zitternd vor Schreck, mit leichten Mänteln, ohne Hüte.

Alle vier blickten auf mich. Und ich sah von einem zum anderen. Und einen Augenblick hatte ich die wahnsinnige Vorstellung, sie könnten in mir etwa den Verräter sehen.

Dann wurden erst die beiden Herren die Treppen hinuntergeführt. "Grad wollt er aus dem Fenster springen, da schoß ich ..." erzählte nebenan der eine Gestapobeamte einem anderen Zivilisten. Der sagte: "Ich muß mir neue Munition aushändigen lassen, mein Magazin ist leer geschossen ..."

"Sind die Kriminalbeamten aus Dresden schon angekommen?" hörte ich. Aha, also von dort her war die Anzeige gekommen. Dann wandte sich der eine Gestapomann direkt an uns, die wir noch im Flur standen: "Sie haben uns schlaflose Nächte gemacht, was glauben Sie, wie lange wir schon das Haus bei Tag und Nacht bewachen ..."

Für mich gab es keine Handschellen, ich wurde nur an der rechten Hand gefesselt und so an einem stählernen Kettchen die Treppen hinuntergeführt, aber Lilo Gloeden und ihre Mutter hatten Handschellen angelegt bekommen und ihre Arme waren nach rückwärts gedreht und die Handgelenke auf dem Rücken zusammengeschlossen.

Man hatte nicht damit gerechnet, eine Person mehr in der Wohnung anzutreffen, sagte ich mir. Aus diesem Umstand mußte ich meinen Vorteil ziehen ...

Im Wagen war auch ein Platz zu wenig, wir saßen zu dreien auf dem Rücksitz, ich an der einen Seite. Man hatte mir das Stahlband abgenommen, der Begleiter saß vorn beim Fahrer. Lilo weinte still vor sich hin, und ich wischte ihr die Tränen mit meinem Taschentuch ab, sprechen durften wir aber nicht miteinander.

Wir wurden in das Gestapo-Gebäude in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht, das schon ziemlich stark durch Bomben beschädigt schien. Es war etwa drei Uhr, als wir ankamen, und man stellte uns in ein Zimmer, ziemlich weit voneinander, auf und ein Beamter hielt uns im Auge.

Wir standen so etwa fünf Stunden, was allmählich eine große Strapaze wurde. Lilo Gloeden bat um einen Stuhl für ihre Mutter, sie wurde bedroht und als "jüdisches Schwein" beschimpft. Im Nebenzimmer stand Gloeden mit dem Gesicht zur Wand, man hörte ihn nur schwer seufzen und stöhnen. Nach weiteren Stunden, es war schon lange dunkel geworden, lehnte ich mich an die Wand. Ein Beamter kam zu mir heran und sagte ruhig und fast freundlich: "Sie dürfen sich nicht anlehnen!" aber gleich darauf winkte er mich in das Nebenzimmer und wies mir schweigend einen Stuhl. Es war eine Erlösung, sich setzen zu dürfen.

In der Nacht wurden wir verhört. Ich war fest entschlossen, den Vorteil auszunutzen, daß man mich nur zufällig in der Gloedenschen Wohnung angetroffen hatte. Ich hielt mich genau an das, was ich auszusagen instruiert worden war. Ich war sehr ruhig und gab meine Antworten völlig überlegt. Als es hieß: "Wußten Sie denn nicht, daß die Gloedens Juden waren? Wie konnten Sie als Deutsche Umgang mit Juden pflegen?" sagte ich: "Allerdings habe ich gehört, daß meine Freunde nicht rein arisch seien, als ich aber bei der Gattin des Gauleiters von Niederösterreich, Krau Kraatz, mit ihnen zum Bridge eingeladen wurde, da sagte ich zu meiner Mutter, es sei doch wohl nicht an dem, sonst würden doch diese Herrschaften nicht mit Gloedens verkehren." Diese Bemerkung war gut, sie wirkte durchaus überzeugend.

In den frühen Morgenstunden wurden wir in das Frauenuntersuchungsgefängnis am Alexanderplatz eingeliefert. Wir mußten uns nackt ausfziehen, und man nahm uns alles, Geld, Schmuck und den Inhalt unserer Taschen, ab. Unsere Kleidung legten wir wieder an, und man wies uns jeder eine Zelle zu. Die weißbekittelte "Frau Wachtmeister" war freundlich zu mir. "Sie kommen bald raus", sagte sie. "Der Beamte hat's mir gesagt." Der Gestapomann, der uns begleitet hatte, war ein großer, sehr dicker, jovialer Mann.

Die Zellentür schloß sich hinter mir, und ich legte mich auf die Pritsche. Wie entsetzlich schmutzig das rotkarierte Bettzeug war, konnte ich im Dunkeln nicht sehen, sonst hätte ich mir nicht das Kostüm ausgezogen. Das sah er ich erst am nächsten Morgen, als ich erwachte. Da sah ich auch die Wascheinrichtung und das Klosett am Fußende der Pritsche.

Ich bekam einen Topf heißes braunes Wasser und einen Kanten Brot, und ich aß meine erste Gefängniskost und dachte an die schönen Dinge, die in der Speisekammer der Gloedenschen Wohnung zurückgeblieben waren, und daß die Gestapoleute sie aufessen würden: die kalte Pute und die herrliche Apfeltorte, mit Puderzucker bestäubt, wie vom feinsten Konditor ... und die Flasche Rheinwein und den Kaffee, den wir um vier Uhr hatten trinken wollen. Und ich dachte, wir hätten doch recht eine "Henkersmahlzeit" gehalten, ehe das Geschick über uns hereinbrach.

An den Wänden meiner Zelle hatten sich verschiedene Gefangene mit Namen und Sprüchen verewigt. Da stand "Vive la France! Jeanette!" und ich dachte, wer das wohl gewesen sei, und aus welchem Grund die Französin hier eingesperrt gewesen sein mochte. An vielen Stellen waren lange Reihen von senkrechten Strichen in die Wände geritzt, das waren die Tage, die irgendein Häftling angezeichnet hatte, um nicht die Zeitrechnung zu verlieren. Auch ich wollte einen derartigen Kalender anlegen, wer weiß, wie lange ich hier in diesen engen vier Wänden würde bleiben müssen ... ich zog eine Sicherheitsnadel aus meiner Jackentasche und ritzte in die Holzverschalung der Zentralheizung 3. 9. [...]

Am 5. September wurde ich aus meiner Zelle abgeholt, ich kam mir sehr verwahrlost vor mit ungekämmtem Haar und ohne Seife gewaschen. Ich litt sehr unter dem Mangel an Kamm, Zahnbürste und Seife. (Später trug ich diese Gegenstände immer in der Handtasche bei mir.) Im Auto traf ich noch einmal Lilo. Sie sah sehr elend aus. Wir drückten uns stumm die Hand. Aus einem Gespräch, das der dicke Beamte mit ihr führte, erfuhr ich, daß sie am gestrigen Tag schon alles gestanden hatte.

Ich wurde viele Stunden lang von einem hohen SS-Führer mit Majorsachselstücken verhört. Er ließ mich zuerst stehen, bot mir dann aber einen Stuhl an. Er wollte durchaus von mir erfahren, welche Juden bei Dr. Gloeden ein- und ausgingen, und ich behauptete, keinen einzigen Namen zu kennen. Vor allem fragte er immer nach einem gewissen Karpen, den ich immer "Karpfen" nannte. "Aber der Name Meier, der ist Ihnen doch bekannt?" hieß es dann. Ich sagte, ohne mich zu bedenken: "Natürlich, Meier habe ich oft gehört!" "Ja? In welchem Zusammenhang?" "Nun, der Gemüsehändler von Gloedens hieß Meier, sie hat manchmal von Meier gesprochen." "Nein, den meinen wir nicht ...", hieß es. Über den General, den ich nur unter dem Namen Exner gekannt hatte, wollten sie auch alles mögliche wissen.

Ich gab ohne weiteres zu, ihn oft gesehen zu haben. Es wäre ja falsch gewesen, das zu leugnen, der Portier des Hauses kannte mich seit Jahren, und es war möglich, daß er schon verhört worden war und über meine häufigen Besuche ausgesagt hatte. Vor allem wollte der SS-Offizier wissen, was mir an General Lindemann aufgefallen war. "Aufgefallen?" wiederholte ich. "Nun, ich fand ihn sehr gut aussehend. Ferner fiel mir auf, daß er zwei sehr wertvolle Ringe trug, einen Wappenring und einen Ring mit bunten Steinen und Brillanten." Nach einigen anderen Fragen kam der Inquisitor wieder darauf zurück, was mir an dem sogenannten Exner aufgefallen sei? Wieder antwortete ich etwas Belangloses.

Ich wollte doch gern wissen, worauf er hinaus wollte, um doppelt vorsichtig zu antworten. Nach einer Stunde hatte ich ihn so weit, daß er seinerseits das Stichwort gab: "Ja, ist Ihnen denn nicht aufgefallen, daß er unruhig, nervös, ängstlich war?" Aha, da also lag der Hund begraben!" "Nein", sagte ich, "er spielte ganz ruhig mit uns Bridge und war gar nicht unruhig." "Aber wenn es an der Wohnungstür klingelte, fuhr er da nicht zusammen?" "Es hat nicht geklingelt, wenn ich zum Kaffee da war. Es ist niemand gekommen."

Schließlich dachte ich, nun muß ich der Fragerei ein Ende machen, ich muß eine so große Harmlosigkeit vorbringen, daß er von meiner Unschuld überzeugt wird. Genug für heute! Eben fragte er mich: "Ist es Ihnen denn nicht aufgefallen, daß Herr Exner Sie nicht zur U-Bahn begleitete, wenn Sie gingen?" "Nein", sagte ich. "Auch das ist mir gar nicht aufgefallen, denn ich ging wegen der Bombenangriffe immer ziemlich früh weg und er blieb noch bei Gloedens." "Nun, aber es wäre doch galanter gewesen, wenn er Sie zur U-Bahn begleitet hätte?" "Ach", sagte ich, "die paar Schritt! Und außerdem erwarte ich von verheirateten Herren keine Galanterien, ich habe ein Haar darin gefunden, von verheirateten Männern verehrt zu werden." Als er nun wieder anfing: "Nun sagen Sie mir einmal, was dachten Sie denn über diesen Herrn Exner, der da so plötzlich bei Gloedens auftauchte?" da war es an der Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen. "Also, ich werde es Ihnen ganz offen sagen", fing ich an, "Frau Gloeden ist doch wirklich keine hübsche Frau." (Die liebe Lilo hatte einen deformierten Kiefer und war auf den ersten Blick recht häßlich.) "Als ich nun immer wieder bei ihr den Herrn Exner traf, von dem ich seit Sonntag weiß, daß es General Lindemann ist, da dachte ich mir: das ist ein Verehrer von Lilo. Der hat sich bei den reichen Gloedens mit der guten Küche recht ins Fettnäpfchen gesetzt. Ich bin neugierig, wie lange das Herr Gloeden mitansehen wird? Und mich lädt sie jetzt alle paar Tage ein, damit ich ihren Verehrer kennenlernen und auf ihren Erfolg neidisch werden soll."

Der SS-Mann lachte laut. Ich hatte das erreicht, was ich mit dieser Aussage bezweckt hatte. "Ja, nun lachen Sie mich aus!" sagte ich. "Aber wissen Sie, sowas denkt man so als Frau." "Da waren Sie freilich gründlich auf dem Holzweg!" lachte er. Und dann hieß es: "Ihre Vernehmung ist beendet. Sie können gehen."

Draußen nahm mich ein Zivilist in Empfang, der gleiche, der das Protokoll über meine nächtliche Vernehmung diktiert hatte. "Bitte hier unterschreiben Sie diesen Revers und dann können Sie gehen. Sie sind frei!" fügte er hinzu.

Ich unterschrieb, daß ich völliges Stillschweigen über meine Verhaftung, die äußeren Umstände derselben und über meine Vernehmung zu wahren hätte.

Darauf drückte er mir die Hand und sagte: "Ich freue mich, daß sich Ihre Unschuld in dieser Angelegenheit herausgestellt hat. Ihre Freunde sind geständig. Sie werden Sie nie wiedersehen. Warum aber verkehrten Sie auch mit Juden? Die Juden sind unser Unglück. General Lindemann ist übrigens auch jüdisch versippt."

Nun unterlag ich der Verlockung, noch das Tüpfelchen auf das i zu setzen, dem sich so klug vorkommenden SS-Major noch einmal meine geistige Überlegenheit zu zeigen. Ich sagte: "Ich möchte noch einmal herum zum "Chef"." (Der Major wurde von allen nur der "Chef" genannt, seinen Namen weiß ich nicht.)

"Haben Sie noch etwas zu Ihrer Aussage hinzuzufügen?" fragte mich der Gestapobeamte sehr interressiert.

"Nein, nur ein paar Worte möchte ich ihm sagen."

Man meldete mich an, und ich stand gleich darauf wieder vor meinem >Gesprächspartner<. "Was wünschen Sie von mir?" "Ich möchte Ihnen nur sagen, daß ich nicht einen Augenblick seit meiner Verhaftung Angst gehabt habe ..." sagte ich. Und er lächelnd: "Wer ein reines Gewissen hat, braucht sich auch vor uns nicht zu fürchten ..."

Ich dachte bei mir: wer weiß, in welche Lage ich noch bei längerer Dauer dieses Krieges gerate, und es wird mir gut sein, wenn ich bei den Gestapoleuten hier in der Prinz-Albrecht-Straße ein gutes Gedächtnis hinterlasse. Ich muß einen dermaßen unschuldigen Eindruck erwecken, daß sie mich nie wieder der Teilnahme an irgendwelchen Umtrieben verdächtigen.

Darauf wurde ich im gleichen kleinen grauen Wagen zurück zum Alexanderplatz gefahren, von dem ich morgens abgeholt wurde. Ich sah eine Uhr, es war fünf Uhr nachmittags geworden. Es dauerte nicht lange, so hatte ich meine Wertsachen und die siebzehn Mark und 33 Pfennige wieder erhalten, die man mir abgenommen hatte.

Als ich die vielen Treppen hinunter und durch die vielen eisernen Gefängnistüren geschleust worden war, sagte der Gestapobeamte zu mir: "Da drüben ist die U-Bahn, da können Sie nach Hause fahren." Ich aber dachte "Immer keck!" und sagte: "Ach, nehmen Sie mich doch in Ihrem Wagen mit bis zum Spittelmarkt, ich muß zu meinem Schneider." Er sah mich perplex an: "Na, sowas ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß jemand, den wir frei lassen, nicht sofort wie ein Hase über den Hof und durch jenes Tor dort in die Freiheit läuft", und er fügte hinzu: "Bitte, steigen Sie ein!" Am Spittelmarkt bat ich zu halten und stieg aus. "Nun sagen Sie womöglich noch "Auf Wiedersehen?" sagte er. "Nein, ich sage: "Guten Abend!"" lachte ich.

Auf der Herimfahrt in der U-Bahn genoß ich das Gefühl, frei zu sein, wie ein Geschenk, die drei Tage im Gefängnis waren mir allerdings sehr schnell vergangen, aber sie hatten mir doch einen ganz kleinen Begriff davon gegeben, wie es ist, wenn man seiner Freiheit beraubt ist. Zugleich packte mich der Kummer um das Schicksal meiner Freunde. Was würde aus Lilo, aus ihrer lieben alten Mutter und aus Dr. Gloeden werden?

Ich ahnte, daß es für ihre Tat die schwerste Strafe geben würde. Bestenfalls für die beiden Damen lange Konzentrationslager- oder gar Zuchthausstrafen. Ich war den Tränen nahe, als ich das bedachte, da ich aber Lilo bei unserer Autofahrt zum Verhör mein einziges Taschentuch zugesteckt hatte, als ich bemerkte, daß ihres schon ganz tränennaß war, mußte ich die Tränen, die mich bedrängten, herunterwürgen.

Erst zehn Tage nach unserer Verhaftung, am dreizehnten September, wurde in der Presse durch eine kurze Notiz bekanntgegeben, daß der "Deserteur" Lindemann in Berlin durch die Aufmerksamkeit eines Zivilingenieurs gefaßt worden sei. Der Denunziant hatte die ausgelobte Summe, eine halbe Million Mark erhalten.

Über sein Ende erfuhr ich erst im Herbst 1947, also drei Jahre später, authentisches durch seine Witwe, die mich besuchte. Er war an den Folgen der schweren Verletzung gestorben, die ihm der Schuß des Gestapomannes beigebracht hatte, als er aus dem Fenster hatte springen wollen. Er war noch lebend in das Staatskrankenhaus eingeliefert worden, und man hatte ihn sofort operiert, doch war das Bauchfell zerstört und eine Rettung nicht mehr möglich; er hatte noch mehrere Wochen gelebt, anfangs gefesselt und von zwei SS-Leuten bewacht. Die leitende Ärztin der Abteilung hatte ihm die Schmerzen möglichst erspart und viel Morphium gegeben.

Meine Freunde wurden vor dem Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Dr. Gloeden ist gleich danach hingrichtet worden, die beiden Damen im Dezember.

lo