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Josepha von Koskull: Sudetenkrise

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (* 1898) aus Berlin, (DHM-Bestand):


Wenige Tage nach dem Parteitag der NSDAP in Nürnberg brach die Tschechenkrise aus, die Europa schon damals dicht an den Abgrund drängte. In den letzten Tagen des Septembers marschierten auf Befehl der Partei alle Werktätigen Berlins in endlos langen Zügen zum Lustgarten Unter den Linden, um für den Krieg zu demonstrieren. Viele gingen mit Widerstreben, viele mit Angst im Herzen. Doch wer fragte nach der wahren Meinung der Menschen? Marschieren hieß es, und es wurde marschiert, dafür sorgten die "Obmänner", die "Zellenwarte" und sonstige Aufpasser, die im Dritten Reich das Volk beherrschten.

Auch bei uns in der Bank war der Befehl ausgegeben worden, um sechzehn Uhr vor dem Gebäude anzutreten. Jede einzelne Person hatte durch ihre Unterschrift bezeugen müssen, daß sie dem Befehl gelesen habe. Vor den Fenstern der Bibliothek sammelten sich die Kollegen. Ich sah es und konnte mich nicht entschließen, hinunterzugehen. Es sträubte sich alles in mir dagegen. Man vermißte mich und schickte nach mir. Ich warf eine Reihe Bücher aus dem Regal auf den Fußboden und hob sie wieder auf. "Ich komme nach, in ein paar Minuten!" rief ich dem Boten zu.

Inzwischen marschierten die anderen ab. Voran die Hakenkreuzfahne, dann die Uniformierten in strammem Schritt. Neben der Fahne ging der "Zellenobmann", ein großer brutal aussehender SS-Mann, Auslandsdeutscher, wie so viele Anhänger der Partei. Er war ein erbitterter Judenfeind. Dann kamen die "Amtswalter" In Uniformen, deren geschmacklose braune Farbe sich nur wenig von denen der SA unterschied. Aber die "Amtswalter" waren dicker, speckiger, bäuchiger. Mit breiten Ledergürteln hielten sie die Leibesfülle zusammen.

Es folgten dann in Achterreihen die Parteigenossen, stolz das Hakenkreuz am Rockaufschlag oder am Busen, hinter ihnen das gewöhnliche Volk, zwar freundlich behandelt, aber doch etwas über die Achsel angesehen von denen, die es geschafft hatten, in die Partei aufgenommen zu werden. Dies war übrigens gleich nach der "Machtübernahme" oft nur eine Geldfrage gewesen. Wer damals einen Betrag locker machen konnte, wurde in die Listen aufgenommen. Die Höhe der Zahlung schwankte weniger nach den Vermögensverhältnissen des Antragstellers als nach denen des Blockleiters, der die Beträge, "freiwillige Spenden", einzog. Ich weiß von derartigen Zahlungen, die zwischen fünfzig und dreitausend Mark liegen.

Der Zug der zur Demonstration Bestellten verschwand um die Ecke der Friedrichstraße. Ich setzte den Hut auf und zog die Kostümjacke an. Beim Ausgang hielt mich der dicke Portier Lenz auf, ein sehr tätiger Nazi. Er fragte, warum ich denn noch im Hause sei. Ich versicherte, daß ich den Kollegen folgen wolle. Doch ging ich in Wirklichkeit auf die andere Seite, denn ich war nach Dienstschluß mit meinem besten und ältesten Freund verabredet. Vor dem Hotel "Kaiserhof" wartete er auf mich in einer Autotaxe. Er winkte mir und ich stieg ein. Kotik saß ganz bleich im Wagen. "Mein Gott, Pincita, ist das nicht fürchterlich? Sind denn die Menschen ganz von Sinnen? Sie demonstrieren für den Krieg! Welch ein Wahnsinn!"

Wieder zog über den Wilhelmplatz eine große Anzahl von Demonstranten, die Fahnen wehten im Sommerwind und sie sangen ein Kampflied. Das Echo antwortete aus allen vier Ecken des großen Platzes. Unser Taxi stoppte. "Wohin wollen wir fahren?" fragte Kotik. "Hinaus aus der Innenstadt, ich kann diese Umzüge nicht mehr sehen!" Wir fuhren in den Westen. Aber oft noch mußten wir an Straßenkreuzungen halten und Marschierende vorbeilassen.

Ganz Berlin war wieder einmal aufgeboten worden, um "kochende Volksseele" zu mimen. Eine "spontane Willensäußerung" des deutschen Volkes war dank der straffen Regie von Dr. Goebbels am "Aufschäumen". Überall, aus allen Stadtteilen marschierten Männer und Frauen in langen Zügen zur Innenstadt, Unter den Linden, und ihre Parole war: "Wir wollen den Krieg!"

Endlich waren wir draußen am Breitenbachplatz, wo schon die Kühle des Grunewalds herüberstrich. In der Konditorei, auf dem Dachgarten unter bunten Sonnenschirmen, war es still und friedlich. Uns war ganz elend zu Mut, wir tranken einen Schnaps. Kotik und ich, beide überzeugte Antimilitaristen und Kriegsgegner, litten unter der Atmosphäre von Haß und Lüge, die über Berlin lag. [...]

Die Spannung verschärfte sich immer mehr. Ich floh aus der aufgeregten Stadt, nahm zwei Tage Urlaub und fuhr aufs Land zu meinem Vetter Walter. Als ich auf der kleinen Station den Zug verließ, sah ich marschierende Truppen. Ich erschrak über dies Bild. War wirklich schon heimlich mobil gemacht? Ich hatte einen Waldweg von einigen Kilometern zu machen. Der Wald steckte voller Soldaten. Im Dorf hörte ich dann, es seinen nur Manöver.

Mit meinem Vetter verstand ich mich in vielen Punkten ganz ausgezeichnet. Er war ein frommer Christ, ein überzeugter Gegner Hitlers und ein aufopfernder Freund einiger Juden. Wir hatten einige sehr schöne Gespräche auf langen Spaziergängen. Abends saßen wir am Radio, und als endlich das Ergebnis der Unterredung zwischen Chamberlain und Hitler bekannt wurde, waren wir wie von einem Druck erlöst, der über uns gelegen hatte. Aber wir wußten es wohl, daß es nur die Ruhe vor dem Sturm sein könnte.

lo