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Josepha von Koskull: Zwangsarbeiter

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull (* 1898) aus Berlin, (DHM-Bestand):


In meiner Dienststelle in der Auslandsbriefprüfstelle [ABP] war eine neue Gruppe gebildet worden: es kam ukrainische Post in großen Mengen zur Prüfung und alle, die irgend russisch konnten, wurden nun einfach gezwungen, ukrainisch zu lesen. Dabei ist zwischen diesen beiden Sprachen ein sehr großer Unterschied. Sie werden zwar beide mit russischen Buchstaben geschrieben, aber das ist nicht das Wesentliche, schließlich werden ja alle anderen europäischen Sprachen mit lateinischen Buchstaben geschrieben und sie sind doch wesentlich verschieden. Die Vorgesetzten befahlen jedoch einfach, ukrainisch zu lesen, und obgleich sich mindestens achtzig von hundert der russisch beherrschenden Prüfer für unfähig erklärten, wurden sie vor die Berge und Packen ukrainischer Postkarten gesetzt und sollten sie lesen und zensieren, und zwar, wie betont wurde, sehr streng zensieren, nichts an Klagen oder ungünstigen Berichten aus Deutschland durfte in der Ukraine bekannt werden. Alles, was der Zensur nicht genehm war, sollte auf den Karten geschwärzt werden, und wenn mehr als ein Drittel der Karte geschwärzt werden mußte, wurde sie einfach vernichtet.

Auch ich wurde natürlich an diese Arbeit gesetzt. Aus Solidarität mit den anderen protestierte ich laut und behauptete, kein Wort zu verstehen. Wir wandten uns mit jeder Karte an die Tischleiter, die sich vor unseren Fragen nicht zu retten wußten und ihrerseits beinah meuterten. Wir schafften nicht mehr als zwanzig bis dreißig Karten in der Arbeitszeit. Es kamen Ermahnungen, Verweise, Strafandrohungen von den Vorgesetzten. Man richtete einen ukrainischen Sprachkurs ein, an dem wir obligatorisch teilnehmen mußten. Wir lernten jeden Tag zwei Stunden lang und der Lehrer verstand seine Sache gut, wir erlernten allmählich wirklich einiges von der Sprache und man beschaffte uns auch die nötigen Wörterbücher.

Dann wurde ein gewisses Prämiensystem eingeführt, wer zweihundertfünfzig Karten gelesen und zensiert hatte, bekam einen Passierschein "zum Besuch des Zahnarztes" oder "in Familienangelegenheiten" und durfte vor Dienstschluß das Gebäude der ABP verlassen. Das wurde aber nur kurze Zeit durchgeführt, denn es war im tiefsten Grunde unmoralisch und führte natürlich dazu, daß die Karten flüchtig gelesen wurden.

Was aber waren das für Karten, die da täglich in immer größeren Packen und Ballen auf die Tische gelegt wurden? Es war die Post der weißen Sklaven, der von den Deutschen aus der Ukraine unter lügnerischen Versprechungen verschleppten Arbeiter, die an ihre Angehörigen schrieben, wie enttäuscht sie von der Unterbringung, der Verpflegung und der Behandlung an ihren Arbeitsplätzen seien. Es waren derartige Dokumente der Verzweiflung und der Anklage, daß ein fühlendes Herz nicht ungerührt bleiben konnte. Man hatte diesen Zwangsarbeitern vorgespiegelt, sie würden es sehr gut in Deutschland haben. Statt dessen hatte man sie an den Sammelpunkten in Güterwagen verladen wie Vieh, man hatte sie tagelang ohne Verpflegung reisen lassen, sie waren dann in Barackenlager gekommen, die mit Stacheldraht von der Umwelt abgesperrt waren, dort wurden sie zuammengepfercht in schmutzigen Räumen, sie wurden mit militärischer Bewachung zur Arbeit in den Werken geführt und auch so wieder zurückgeleitet.

Ich habe selbst einen Eisenbahnfrachtbrief über einen Waggon Ukrainer, fünfundzwanzig Burschen und fünfzehn Mädchen, gesehen. Am furchtbarsten hatten es die unglücklichen Mädchen und Burschen, die im Ruhrgebiet und anderen westlichen Teilen Deutschlands arbeiten mußten, wo die Bombenangriffe damals schon häufig und stark waren. Ihre Klagen über Behandlung und mangelhaftes Essen schlossen immer mit der Anweisung, den Nachbarn, dem ganzen Dorf davon Mitteilung zu machen, wie schlecht man es in Deutschland treffe, damit ja nicht weitere Landsleute sich anwerben lassen sollten. Und eben diese Nachrichten galt es zu unterdrücken. Und eben diese Nachrichten mußten meiner Meinung nach bekannt werden ...

Wie konnte ich hier helfen, wie konnte ich den strikten Dienstanweisungen zuwiderhandeln, die Interessen der unglücklichen Ukrainer vertreten, ihnen die Warnungen zukommen lassen? Es blieb mir nichts anderes übrig, als bei dieser mir so verhaßten Arbeit zu bleiben. Ich arbeitete mich also mit aller Kraft ein, wenn ich zu Beginn noch gesagt hatte, für mich lohne es sich ja kaum, den ukrainischen Kursur mitzumachen, denn nach einigen Wochen würde ich ausscheiden, so lernte ich jetzt die fremde Sprache mit dem größten Eifer. Ich wußte, daß der Lehrer darauf beim Oberstleutnant hinweisen würde und daß er sicher noch einen Versuch machen würde, mich in seiner Gruppe zu halten.

Es kam dann auch genau so, wie ich erwartet hatte. Oberstleutnant Jahn ließ mich zwei Tage vor meinem Ausscheiden rufen und bat mich in der liebenswürdigsten Form, deren er als alter Militär, gewohnt zu befehlen, überhaupt fähig war, doch in seiner Gruppe zu bleiben. Ich sollte Tischleiterin werden, und er versprach mir, bei der nächsten sich ergebenden Möglichkeit mein Gehalt wieder auf den vorherigen Stand zu bringen.

Die Aussicht, Tischleiterin zu werden, war mir sehr unangenehm, ich wollte in keiner Weise aus der Menge der Prüfer herausgehoben, ich wollte nicht ausgezeichnet und befördert werden. Ich hatte aber die Arbeit an der ukrainischen Post schon so weit kennengelernt, daß ich verstand, nur als Tischleiterin könne man hier wirkungsvoll sabotieren. Ich mußte es also annehmen. Äußerlich sträubte ich mich nach Kräften, ich durfte nicht den Eindruck erwecken, als komme mir diese Beförderung gelegen. Ich wies darauf hin, wie wenig ich von der ukrainischen Sprache verstünde, jeder Prüfer an meinem Tisch, der sie besser als ich kenne, werde über mich als Tischleiterin die Achseln zucken. Aus diesem Grunde bat ich, mich nur provisorisch mit diesem Amt zu betrauen. Ich wurde daher nicht als Tischleiterin in den Listen geführt, daran lag mir vor allem. Die Arbeit übernahm ich. Was für eine Arbeit? An meinem Tisch saßen zwanzig Personen, die in aller Eile aus allen möglichen Abteilungen der ABP wegen ihrer russischen Sprachkenntnisse herausgezogen worden waren. Ich mußte sie erst anlernen und sie waren noch gar nicht fähig, so rasch zu arbeiten, wie es verlangt wurde. Es war an den ukrainischen Tischen ein sehr strenges Reglement eingeführt worden. Jeder Prüfer mußte die Anzahl der von ihm gelesenen Karten angeben und das wurde tischweise gemeldet.

Da es nur Postkarten waren, die zum Lesen ausgegeben wurden, sollte jeder zweihundertfünfzig Stück schaffen, doch waren die Karten meist sehr unleserlich und sehr eng beschrieben und zudem - in der den meisten fast fremden Sprache! Da gab es bei manchen Ärger, bei manchen Damen auch Tränen ... Die Konditorsfrau aus Riga, die Mutter eines sehr bekannten Zeichners, die Verkäuferin aus Lodz, die an meinen Tisch geraten waren, konnten ihr Pensum nie schaffen. Ich las in fliegender Eile, schon ihnen gelesene Karten zu.

Es war eine strenge Nachkontrolle geschaffen worden, die stichprobenweise die Arbeit der Tische nachprüfte. Die Vorsteherin war eine üble, in der ganzen ABP sehr gefürchtete Nazistin, die Rosenberg hieß. (Sie hatte später als einzige Frau seit 1944 eine Offiziersstellung in der ABP inne.) Ihr kreischende Stimme ertönte in den höchsten Tönen, wenn sie einer Prüferin Vorhaltungen machte, falls sie unter der von ihr abgezeichneten Post eine Nachlässigkeit entdeckt hatte. Die Kontrolle sah sich aber natürlich nur die postfrei gegebenen, also nicht beanstandeten Karten durch. Die Karten, auf denen einzelne Sätze zum Schwärzen in der Chemie angezeichnet waren, die sah sie nicht durch und darauf baute ich meinen Plan.

Alle Prüfer an meinem Tisch reichten mir die freigegebenen Karten gebündelt und je hundert Stück und die zensierten gaben sie mir einzeln. Diese prüfte ich dann noch einmal durch. Die beanstandeten Stellen wurden von den Prüfern mit Bleistift eingeklammert und wurden dann von der "Chemie" mit schwarzem Lack überstrichen. Ich las diese Klagen und Beschwerden, diese Warnungen und Flüche, und ich radierte die Bleistiftklammern aus, gab also den Text frei. Dafür mußte ich allerdings an anderer Stelle Streichungen vornehmen, sonst hätte mein Tisch zu wenig angehalten, es wäre sofort bei der Statistik, die jeden Tag aufgestellt wurde, bemerkt worden. Ich strich also auf den gleichen Karten die herzlichen Grüße an alle Dorfgenossen, an Wanja, Petja, Lolja, Großmütterchen und Großväterchen, Onkelchen und Tantchen undsoweiter. Diese Grüße, die immer namentlich aufgeführt wurden, nahmen nach dörflicher Sitte oft den dritten Teil der Karten ein. Man tat niemand ein Unrecht, wenn man sie übermalen ließ.

Die Monate, während derer ich am ukrainischen Tisch arbeitete, waren Monate einer fast allzu schweren Aufgabe. Lesen, zählen, bündeln, radieren und entsprechende andere Stellen einklammern, dazu zwei Stunden intensiven Unterricht in der ukrainischen Sprache - ich war nach Beendigung des Dienstes völlig ausgepumpt. Es kam noch dazu, daß wir zu etwa zweihundert in einem sehr kleinen Raum, Tisch und Tisch und Stuhl an Stuhl arbeiteten und daß die ganze Zeit gefragt und gesprochen wurde. Alle machten ihre Arbeit sehr unlustig und nur unter dem Zwang. Mich persönlich beeindruckten die Klagen, die aus den Karten aufstiegen, die Verzweiflung der Ukrainer und ihre hoffnungslose Lage sehr stark. Ich hatte in den Monaten den Eindruck, durch eine Flut von Tränen zu waten.

Die Briefschreiber waren oft sehr gebildete Menschen, Studenten und Studentinnen, die die Deutschen verschleppt hatten. Sie schrieben einen sehr guten Stil, während andere, die dörfliche Jugend, weniger gut schrieben, aber so reizend poetisch und gefühlvoll ihren Gedanken Ausdruck zu geben verstanden, daß ich das ukrainische Volk sehr bewundern und lieben lernte. Die Postkarten und vor allem die Briefe, die sich dazwischen auch zu uns verirrten und gelesen wurden, waren voller poetischer Vergleiche. Meist fingen sie mit einem Vers an, wie: "Ich setze mich an den Eichentisch - Ich nehme die goldene Feder zur Hand ..." oder "Draußen beugt der Sturm die Bäume - weißt Du wohl, wer an Dich schreibt?"

Diese Briefeinleitungen in Versform tauchten immer wieder auf, sie schienen ein Bestandteil der dörflichen Überlieferungen und Sitten zu sein. Aber andere schrieben Verse, die sie aus ihrem unmittelbaren Erleben heraus geschaffen hatten und die rührende Dokumente menschlichen Leides und menschlicher Sehnsucht waren. Es waren ergreifende Klagen darunter, die in ihrer Schlichtheit mehr an die Seele rührten als große kunstvolle Dichtungen. Mir sind leider nur wenige derartige Verse in der Erinnerung geblieben, ich hatte nicht die nötige Zeit und Gelegenheit, sie abzuschreiben. Doch habe ich mir einige auf Zettel notiert und will sie hier in Prosa wiedergeben:

"Du großes Deutschland
warbst die ganze Jugend an,
setztest uns hinter Gitterdraht,
läßt uns nie mehr frei.
Man fuhr und in Viewaggons her,
man führt uns unter Bewachung zur Arbeit,
zehn Stunden arbeiten wir an den Maschinen,
ob wir auch krank vor Hunger sind."

oder:

"Draußen weht der starke Wind,
Beugt die alten Bäume nieder.
An die Mutter schreibt ihr Kind
Aus der weiten Ferne wieder.
Guten Tag, mein Mütterlein,
Wie lebst du indessen?
Denkst Du auch dazwischen mein,
Hast mich nicht vergessen?
Abe ich hab allezeit
Immer Dein gedacht.
Meine Augen weinen
Bei Tage und bei Nacht."

In der Übersetzung kann man zwar die Gedanken, kaum aber die Gefühlstiefe von Versen erkennen, wie der folgenden:

"Tief ist das Meer,
Keiner kann den Grund sehen.
Fern von der Mutter weilt das Töchterchen,
Hat sie schon zwei Jahre lang nicht mehr gesehen.
Mütterchens Tochter ist herangewachsen,
Wie eine Rose aufblüht,
Aber sie muß in der Fremde leben,
Dort welkt sie hin wie Gras.
Mütterchen, geh früh in die Steppe,
Ganz früh, wenn die Sonne aufgeht,
Da hörst Du, wie ich weine,
Im fremden fernen Land."

In der ersten Zeit waren es Briefe von Arbeitern, die den deutschen Werbern gefolgt waren und Arbeitskontrakte unterschrieben hatten. Später aber stand in den Briefen nicht nur die Enttäuschung über den Betrug, den man an diesen "freiwilligen" Arbeitern begangen hatte, da kamen die Berichte darüber, wie man sie gefangen, umzingelt, aus der Kinovorstellung oder aus der Kirche heraus verhaftet und nach Deutschland wie Sklaven verschleppt hatte. Die Eltern wurden als Geiseln einbehalten, wenn die Kinder flohen und sich in den Wäldern der nördlichen Ukraine und Weißrußlands versteckt hielten.

Dort bildeten sich die ersten Partisanengruppen. Immer häufiger war von ihnen in den Nachrichten aus der Ukraine die Rede. Denn auch die Antwortbriefe auf die Karten gingen durch unsere Hände. Wir sollten nun wiederum alles anhalten, was sich auf die Partisanen bezog. Die Nachrichten waren jedoch sehr versteckt, meist war statt von den Partisanen von den Pilzen im Walde die Rede, die in diesem Jahr so reichlich wuchsen. Es hieß dann: "Ivan ging in die Pilze" oder "Man hat nahe beim Dorf Wölfe gesehen".

Die Ukrainer begrüßten erst das Erscheinen der Partisanen, die den Deutschen manchen schweren Schaden zufügten. Doch allmählich scheinen sich diese Trupps zu einer wahren Landplage entwickelt zu haben. Sie mußten sich ernähren, und wenn die Bauern nicht freiwillig das Nötige hergaben, wurden sie überfallen und ausgeplündert, ja man las von Berichten, daß die Partisanen die Dörfer abbrannten und Menschen erschlugen. Das unglückliche ukrainische Volk stand zwischen zwei Feuern: die grausamen Deutschen, die das Land in einer entsetzlichen Weise ausbeuteten und aussogen, und die Partisanen, die zwar der Deutschen erbitterten Feinde, aber zugleich der Schrecken der Landbewohner waren. [...]

In diesem Sommer 1942, der für Berlin der letzte schöne Sommer vor seiner Zerstörung war, war ich durch alle diese Schilderungen von menschlichem Leid und Elend sehr stark beeindruckt und ich wußte, wie wenig, wie blutwenig ich all der Ungerechtigkeit und Willkür entgegensetzen konnte. Ich schickte an die Anschrift mancher Briefschreiber, deren Briefe mir besonders nahe gingen, Zigaretten, Briefpapier, Brotmarken und schrieb ihnen, sie sollten nicht an den Menschen verzweifeln, nicht alle seien so grausam und herzlos, wie es wohl jetzt ihnen erscheinen möge ... doch es waren diese kleinen Gaben, die wenigen Worte im Verhältnis zu all den Hunderttausenden, die ohne Trost, ohne ein Wort der Aufrichtung bleiben mußten. Ich konnte jeden Tag nur eine Anschrift auswendig behalten, mein Gedächtnis hatte schon so sehr gelitten durch die geistlose Arbeit. [...]

Die Schilderungen der Ereignisse, der Partisanenüberfälle, der deutschen Strafexpeditionen, der Bombenangriffe waren oft sehr drastisch, aber dafür auch sehr beeindruckend. Selten einmal las man von Guttaten deutscher Leute, von freundlichen Vorgesetzten in der Fabrik, von Lagerführern, die für die ihnen anvertrauten Ukrainer gut sorgten. Einige Mädchen waren als Dienstmädchen in Familien von Offizieren und Nazis vermittelt worden, die schrieben oft sehr zufrieden. Sie wurden von den Hausfrauen meist gut behandelt und oft mit Kleidung beschenkt.

Als die ersten Löhne in den Fabriken und an die Landarbeiter ausgezahlt worden waren, strebten alle zum nächsten Photographen, und nun gingen bei uns hunderte, tausende, zehntausende von Postkarten mit den Bildern der Ukrainer durch. Es waren hübsche, zum Teil sogar bildschöne Mädchen, alle sehr stattlich und üppig, die Burschen waren alle noch sehr jung, denn die älteren waren schon zur Sowjet-Armee eingezogen gewesen, als das Land erobert und besetzt wurde. Die ukrainischen Mädchen gefielen den Deutschen nur allzu gut, doch ist es bekannt, wie streng sie sich gegen die verhaßten Unterdrücker absonderten.

Es ist sehr selten vorgekommen, daß eine Ukainerin sich mit einem Deutschen in engere Beziehungen einließ. In den Großstädten mag es vorgekommen sein, daß die Ukrainerin das Liebchen eines Deutschen wurde, auf dem Lande und in den kleinen Dörfern aber nicht. Ich habe später eine Zeit lang "Deutsche Dienstpost aus dem Osten", das heißt Briefe der deutschen Zivilbeamten im besetzten Rußland gelesen. In allen diesen Briefen wurde von den schönen ukrainischen Mädchen mit der größten Hochachtung gesprochen. Oft las ich: "... wenn nur unsere Frauen und Mädchen sich so gut halten würden wie die Frauen hier ... " "Außer ein paar Straßenmädchen in Kiew und Odessa gibt es hier keine Weiber, die Mädchen sind ebenso schön wie tugendhaft, die verheirateten Frauen zurückhaltend, wie es unsere deutschen Frauen oft nicht sind ..."

Einmal hatte ich Grund herzlich zu lachen; da schrieb ein junges ukrainisches Mädchen aus Essen, sie sei am Sonntag mit einer Freundin in der Stadt spazieren gegangen und ein deutscher Mann habe sie angesehen und gesagt "Donnerwetter!" "Liebe Eltern", schrieb die Ukrainerin, "warum hat dieser herzlose Deutsche uns geflucht? Wir haben ihm doch nichts getan! Denn >Donnerwetter< heißt >Blitz und Donner", hab ich mir sagen lassen, das muß ein arger Fluch sein ..." Das junge hübsche Ding wußte nicht, daß "Donnerwetter" der Ausdruck erstaunten Wohlgefallens, großer Bewunderung ist. [...]

Man wird mir zugeben, daß diese "moderne Legende" sehr aufschlußreich ist, was die Stimmung weiter Kreise in der Ukraine betrifft. Die deutsche Besatzung hatte sich gewisse Sympathien dadurch erworben, daß sie die geschlossenen Dorfkirchen wieder öffnen ließ und für Gottesdienste sorgte. In der schweren Kriegszeit war naturgemäß eine gewisse Schicht der Bevölkerung von religiöser Sehnsucht erfaßt worden und diese glaubten, in den Deutschen Förderer ihrer kirchlichen Bestrebungen zu finden. Daher wandten sich eben diese Kreise mit Sympathie den deutschen Eroberern zu. Die Erinnerung an die Zeiten des "kämpfenden Marxismus" scheinen auch in einigen Kreisen noch sehr wach gewesen zu sein. [...]

Ich erinnere mich genau, daß ich im Spätherbst 1944 erstmals Genaueres über die Konzentrationslager erfuhr. Die Schweizer Blätter und die amerikanische Zeitschrift Time, die wir in unserer Auslandsbriefprüfstelle laufend in den Sendungen der Japanischen Gesandtschaft aus Stockholm an die Berliner Japanische Botschaft fanden, brachten Berichte über Maidanek und veröffentlichen Photos, die wahrhaft erschütternd waren.

Bis dahin hatte auch ich nur unbestimmte Gerüchte über Greuel in den Lagern gehört. Es ist tatsächlich wahr, daß große Teile des deutschen Volkes über diese Dinge nicht im Bilde waren. Von KZ-Häftlingen hatte ich nur durch Frau Schramm gehört, daß eine Gruppe von ihnen eine Wohnung für einen hohen SS-Führer in Stand setzten in einem Haus, in dem Frau Schramms Freundin Portiersfrau war. Diese Häftlinge kamen morgens in einem Auto aus Sachsenhausen und fuhren abends wieder zurück. Sie wurden sehr reichlich verpflegt und gaben den Portiersleuten Konserven und andere Lebensmittel, wenn diese ihnen Briefe besorgten. Sie waren, wie eben manche Spezialarbeitergruppen im Außendienst, bevorzugt versorgt.

lo