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Karl-August Scholtz: Das Winterhalbjahr 1941/42 vor Oranienbaum bei Leningrad

Dieser Eintrag stammt von Karl-August Scholtz (*1920) aus Hamburg , Juli 2003 :

Unser II. Bataillon des Infanterieregimentes 389 in der 217. Division kam im Russlandfeldzug im Oktober 1941 nach Sredi Rudizi, einem Dorf bei Lopuchinka. Wir wußten damals noch nicht, daß dieser Ort unser Winterquartier am Kessel von Oranienbaum werden sollte. In einem größeren der üblichen Holzhäuser, bei einem alten russischen Mütterchen (die Zivilbevölkerung war damals noch dort), übernahm unsere Nachrichtenstaffel das Quartier einer seit schon vier Wochen dort liegenden Einheit. Die Stuben waren unbeschreiblich schmutzig, wenn es für russische Verhältnisse wohl noch ging! Zwar gab es in diesem Haus keine Läuse, dafür wimmelte es aber vor Wanzen. Trinkwasseranlagen wie Brunnen und dergleichen waren im Dorf knapp. Die Alte benutzte den Straßengraben als Ausguß und schöpfte an der gleichen Stelle ihren Wasserbedarf, obgleich 30 m entfernt Trinkwasser aus einer Quelle rieselte, die wir natürlich etwas "ausbauten" und benutzten.

Fast der gesamte Geländeabschnitt unseres Bataillons war vom Gegner einzusehen. Es gab Parolen, wonach im November der Kessel bereinigt werden sollte, aber der früh einsetzende Schneefall und die außergewöhnliche Kälte machten einen Strich durch die Rechnung. Es gab viele Verluste durch feindlichen Panzer- und Artilleriebeschuß (auch unser Staffelkamerad Jung fiel durch Panzervolltreffer im Gefechtsstand der 7. Kompanie), was uns zum Bunkerbau neben den Häusern und die Kompanien zum Ausbau ihrer Stellungen veranlaßte. Auch die Zivilbevölkerung mußte das Dorf verlassen. Bevor die Schützengräben fertig waren, brachen russische Späh- und Stoßtrupps bei den Kompanien ein, beschossen unsere Posten, um dann so schnell zu verschwinden, wie sie gekommen waren.

Ab November überraschte uns der Russe mit vorwiegend nächtlichem 42m-Geschützfeuer von der "Schwarzen Sau", wie wir sagten. Die gewaltige Detonation beim Einschlag ließ die gesamte Gegend erschüttern. Die Splitter flogen über 1000 Meter weit. Die Granattrichter hatten eine Tiefe von ca. 4 m und ca. 10 m Durchmesser. Der ständige Beschuß zwang zur Rückverlegung des Bataillonsgefechtsstandes in die Lopuchinkaer Schlucht gegenüber dem Regimentsgefechtsstand. Den Ausbau im Gestein bei der grimmigen Kälte habe ich in schrecklicher Erinnerung. Den Bunkerbau mußten wir natürlich neben dem Nachrichteneinsatz vollbringen, und so mancher ist dabei zusammengeklappt. Melder und Schreibstubenleute wurden zur Hilfe abgestellt!

Ende November 1941 führte Oberleutnant Weiß ein Stoßtruppunternehmen an, bei dem am Waldrand von Wjarrepol 56 russische Bunker - teilweise mit Besatzung - gesprengt wurden, dem ein eigenes Artilleriefeuer vorangegangen war. Als wir am Ende des Unternehmens die Erfolgsmeldung durchfunkten, wurden direkt um den Funktrupp herum vier Soldaten durch hochgehende Minen verwundet. Im übrigen beschränkte sich die Kampftätigkeit vor allem auf beiderseitige Spähtruppunternehmen.

Das Leitungsnetz unserer Nachrichtenstaffel betrug über 50 km. Nur durch Ausnutzung der auch letzten Reserven des in Baltisch-Port erbeuteten russischen Feldkabels war ein derartiger Ausbau möglich. Bis zu den Zügen der Kompanien, teilweise sogar bis zu den Gruppen und in die Schützengräben hinein, hatten wir die Strippen gezogen. Viele Störungen gab es zu beseitigen, denn fast bei jedem Artilleriefeuer mußte ein Störungstrupp hinaus, natürlich nicht erst nach dem Beschuß!

Der Frost nahm allmählich sibirische Formen an. Unsere Gewehre mußten wir entölen, weil das Gewehröl einfror. Und das Flicken es Kabels, das ohne Handschuhe geschehen mußte, wurde zur Qual. Viele Störungen entstanden auch durch den Frost. Außer der üblichen und für diese Verhältnisse recht mangelhaften Winterkleidung erhielten wir stark gefütterte, unhandliche Handschuhe und einen russischen Kopfschützer, aus dem nur die Augen hervorguckten. Dennoch froren wir sehr, besonders an Händen und Füßen.

Weil in dem Dorf nun keine Zivilisten mehr wohnten, brachen wir die Häuser und Scheunen ab, um Heizmaterial für uns und von den Dächern Stroh für die Pferde beim Troß zu haben. Schon im Januar gab es kein vollständiges Haus mehr.

Im Dezember 1941 wurde ein stärkerer russischer Angriff von der 5. und 6. Kompanie abgeschlagen und Gefangene eingebracht. In den Gräben blieben etliche Tote liegen. Den heiligen Abend 1941 feierte ich zunächst noch mit der Nachrichtenstaffel in "unserem" alten Haus neben dem neuen Bunker. Wein, Sekt, Schokolade, kleines Gebäck und dergleichen waren die Weihnachtsgaben der Wehrmacht. Dörrgemüse gab es zwar als Mittagsmahlzeit, aber dafür trafen viele Päckchen aus der Heimat ein. Sogar einen Tannenbaum hatten wir uns besorgt. Punkt 24 Uhr setzte ein halbstündiges schweres feindliches Artilleriefeuer ein, das von uns in der Neujahrsnacht vergolten wurde.

Die Bolschewisten hatten schon vorher Flugblätter zu uns herübergeschossen mit dem Inhalt, sie würden zu uns kommen und die Weihnachtskerzen anzünden. Deutsche Flugblätter antworteten, sie möchten nur kommen, wir würden die Lichter wieder auspusten!

Der Winter wurde noch härter. Beim Bau des neuen Gefechtsstandes halfen nun auch russische Überläufer. Bei der Kälte war es manchmal nicht möglich, trotz dicker Handschuhe längere Zeit einen Spaten zu halten. Dennoch waren Mitte Januar 1942 auch die letzten Bunker bezugsfertig.

lo