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Oskar Münsterberg: Novemberrevolution 1918

Aufzeichnung aus dem Tagebuch des Unternehmers und Kunsthistorikers Oskar Münsterberg (1865-1920) aus Berlin (DHM-Bestand):

9. Nobember 1918

Als ich um 10 ins Büro gehe, stehen einzelne Gruppen interessiert auf der Straße, aber sonst ist überall ein ruhiges Bild wie gewöhnlich. Um ½2 kommt die erste Ausgabe der B. Z. "Der Kaiser hat noch nicht abgedankt, die sozialistischen Minister sind aus dem Ministerium ausgetreten".

Ernste Sorge, denn das bedeutet Bürgerkrieg. Auf der Straße wird erzählt, daß soeben der König von Bayern abgedankt hat. Die Abdankung des Kaisers soll bereits da sein, aber noch nicht bekannt gegeben. Endlich neue Zeitungen; die Menschen stürzen sich auf die Zeitungsträger und reißen und prügeln sich um die Blätter:

"Der Kaiser hat abgedankt"

Alle atmen auf. Endlich! Schade, daß nicht vor Wochen mit der Geste des großen Patrioten ein freiwilliger Verzicht erfolgt ist. Jetzt ist er erzwungen und niemand hat Sympathie.

Merkwürdig, ich fühle keine tiefe innere Erregung und alle meine Freunde bestätigen mir die gleiche Empfindung, und doch ist von den ersten Tagen meiner Jugend an das Wort "Kaiser", der Ruhm des neugegründeten Kaiserrreichs ein Teil meines Lebens, meiner Weltanschauung gewesen.

In der Person des Kaisers symbolisierte sich die ganze Größe und Gewalt des Vaterlandes. Wie wenig hat Wilhelm II. es verstanden, diese tiefbegründeten Ernpfindungen in dem Herzen seines Volkes zu verankern und wie sehr sind wir durch diese vier Jahre Krieg in unseren Empfindungen dem Kaiserhaus entfremdet. Wilhelm II. hatte sich stets mit einer Hofluftatmosphäre umgeben, die wahre Gefühle der Volkstümlichkeit nicht aufkommen ließ.

Seine schwankende Politik hat es zuwege gebracht, daß alle Parteien in Lande, alle Völker der Welt sich verletzt fühlten, keiner hat unbedingtes Vertrauen zu seinem energischen Willen. Sein angeregter Geist faßt schnell auf und ist für vieles interessiert, aber es fehlt die Beharrlichkeit, das Durchdenken und das energische Durchführen. [...]

Auf den Straßen um die Linden sind viele Menschen, aber keine besondere Fülle. Man sieht viele Matrosen, ein ungewöhnliches Bild in den Straßen Berlins. Es wird mir erzählt, daß in der Chausseestraße bei Schwartzkopff und der A. E. G. alles schon des morgens schwarz von Menschen gewesen sei. Man hätte schießen gehört und Leichen fortgetragen.

Ich meide die Gegend und gehe um 2 Uhr zu meinem Notar am Wilhelmplatz. Aus dem Fenster sehe ich in der Wilhelmstraße Menschenzüge. Alles läuft zusammen, Autos fahren. Heulender Lärm schallt bis ins Zimmer. Ich gehe hinunter. Auf dem Wilhelmplatz laufen die Menschen bereits auseinander. Ein Soldat kommt rot im Gesicht und ohne Mütze mir entgegen, Menschen dringen auf ihn ein und er wehrt sich. Ich verstehe nicht was los ist. Ich fühlte an der Bewegung der Menschen, daß etwas Außergewöhnliches passiert sein muß, aber ich weiß nicht was.

Als ich die Wilhelmstraße nach der Leipzigerstraße hinunter gehe, sehe ich schwarze Menschenreihen stehen. Alle reden und gestikulieren. Eine bewegte Massenszene. Man erzählt aufgeregt, daß Schüsse beim Kriegsministerium gefallen seien, aus den Fenstern sei geschossen, die Türen seien verrammelt. Von der Straße aus sei das Schießen erwidert. Automobile kommen herangesaust, rote Fahnenfetzen flattern. Soldaten und Zivilisten rnit und ohne Gewehr kleben wie Bienen innen und außen auf den Automobilen und schreien: es lebe die Republik. Jetzt erst erfahre ich, in Berlin ist,die sozialistische Republik ausgerufen.

Am Kriegsministerium hatten junge Burschen von 16 und 18 Jahren mit Flinten geschossen, weil die Tore nicht geöffnet wurden. Aus den Fenstern soll gegengefeuert sein. Zwecklose Kindereien. Ernste Männer mahnen zur Ruhe und untersagen das Schießen. Es ist wirkliche Revolution, aber merkwürdig - die großen weltbewegenden Gedanken und Ergebnisse und diese Jungens, Kinder mit roten, erhitzten Gesichtern mit unsympathischem Ausdruck, die eher an Ritter- und Räuberspiele erinnern als an die Träger der weltbewegenden Revolutionskraft.

Es fehlt jede Begeisterung in den Massen der Straße. Das Publikum steht neugierig zur Seite und unterhält sich an der Aufregung wie im Theater. Autos sausen vorbei und die gutgekleideten Bürgersleute in der Leipzigerstraße drängen sich bescheiden an die Seite. Am Potsdamer Platz ist ein anderes Bild. Hier drängen sich die Menschenmassen zusammen. Die elektrischen Wagen werden angehalten, indem der Transmissionshebel ausgehakt wird.

"Kokarde herunter" schreit es von allen Seiten. Soldaten, die auf dem Trittbrett stehen, sehen verdutzt herein und wissen nicht, was gemeint ist. Schon aber klettern andere Soldaten und Arbeiter auf die Wagen herauf, reißen den Soldaten die Mützen vom Kopfe und nehmen die schwarz-weiß-rote Kokarde ab. Jetzt verstehe ich erst, was auch auf allen anderen Wagen vorgeht und was der Soldat am Wilhelmplatz ohne Mütze erlebt hat. Die Zugehörigkeit zur Revolutionspartei soll symbolisch ausgedrückt werden durch die Abnahme der Kokarde, bei den Offizieren auch durch Abnahme der Achselstücke.

Die elektrischen Wagen reihen sich auf von beiden Seiten. Immer wieder der Ruf "Kokarde herunter", und wenn nicht gefolgt wird, so reißen Arbeiter und Soldaten die Zeichen des alten Regimes herunter. Erst dann dürfen die Wagen weiter fahren. Keine Mütze mit Kokarde kann den Potsdammer Platz passieren.

Ein Arbeiter steigt auf das Dach einer Elektrischen und spricht zu den Massen. Man horcht auf und alle schreien: "Hoch die Republik". Der verständige Mann warnt, daß die Kinder und halbwüchsigen Burschen nach Hause gehen sollen, damit nicht ihr kindischer Uebermut die ernste Arbeit der Männer störe. Fast die Hälfte der Anwesenden scheint aus solchen Jungens zu bestehen, die johlen und sich amüsieren, daneben viel harmlos neugieriges Publikum.

Ganz wenig bewußte Kämpfer für die Freiheitsidee leiten die ganze Bewegung.

Neues Leben in den Massen. Offene Lastautomobile kommen gerast mit bewaffneten Zivilisten, vereinzelt auch mit Soldaten und Matrosen vollgepackt. Ein roter Fetzen flattert und alle schreien vom Wagen herab und vom Publikum herauf: es lebe die Republik. Ein Auto wirft Flugblätter unter die Massen. Man prügelt sich um die Zettel. Ich kaufe einer Frau einige ab.

Es ist ein sehr maßvoller Aufruf: "Wir und die Bolschewisten". Was in dem Aufruf steht, kann jeder Bürger ohne weiteres unterschreiben. Es ist die Absage von der Willkür und dem Terror der Bolochewisten, eine Mahnung, daß durch Gerechtigkeit, Unantastbarkeit der Personen und des Eigentums, durch geordnetes Wirtschaftsleben das Recht auf Arbeit, Brot und Lebensmittel erworben werde, um ein gesundes und kräftiges Geschlecht zu sichern. Man will Ordnung und Ruhe, ein freies Deutschland nach innen und außen. "Wir wollen den Frieden, der Bolschewismus führt zum Bürgerkrieg".

Das Bild am Potsdamer Platz atmet Revolutionsluft. Nirgends hört man Opposition, keinen Zwischenfall, alles geht glatt. Alle sind dabei, obgleich die meisten - wie ich selbst - nicht recht wissen, was im Einzelnen vorgegangen ist. Man fühlt, daß etwas Neues, Lebenskräftiges im Werden ist auf den Trümmern der ruhmlos untergegangenen alten Tradition.

Die Elektrischen sind vollgestopft mit Menschen. Man hängt am Trittbrett, wie ich es sonst nur in Amerika gesehen habe. In den Nebenstraßen ist alles ruhig. In der Lützowstraße ist, als ich nach Hause gehe, kein anderes Leben wie sonst. Die Abendzeitungen bringen die ersten Berichte. Prinz Max von Baden hat abgedankt und den Führer der sozialistischen Partei, den Genossen Ebert, zum Nachfolger vorgeschlagen.

Unter Führung der Matrosen haben Arbeiter und Soldaten Räte gebildet. Die Regimenter haben sich ohne weiteres angeschlossen. Auf den Kasernen weht die rote Flagge. Nirgends ernsthafter Widerstand, keine Kämpfe und nur wenige Opfer, die mehr dem Zufall als der politischen Notwendigkeit zum Opfer gefallen sind. Generalstreik wird für den nächsten Tag verkündet. Blutvergießen soll wenn irgend möglich verhindert werden. Aus dem Reiche kommen gleiche Nachrichten.

Am Vormittag des 9. November ist die Revolution siegreich durchgeführt und die Republik begründet. Was wird sich aus dem Wirrwarr gestalten, wie wird die weitere Entwicklung? Von den Waffenstillstandsbedingungen wird kaum noch gesprochen. Schließlich ist er auch nur ein vorübergehender Zustand, aber die Republik bringt ein dauerndes, unerwartetes und viel gewaltigeres Neues.

Damit Helen einen Eindruck des aufgeregten Lebens empfängt, gehe ich mit ihr des Abends nach der Potsdamerstraße. Die Abendblätter bringen bereits weitere Einzelheiten. Die deutsche Republik ist schon in vielen Städten ausgerufen. Scheidemann, der sozialistische Minister unter Prinz Max von Baden, hat von der Terrasse des Reichstagsgebäudes herab die neue Republik verkündet.

In der Potsdamerstraße stehen im Halbdunkeln Menschenruppen umher und sprechen über Politik. Ein in Deutschland ungewohntes, in den demokratischen Ländern England und Amerika ganz alltägliches Bild. Dazwischen kommen Autos gesaust und werden mit Zurufen begrüßt. Ich habe den Eindruck, daß nur Neugierige wie wir selbst auf der Straße stehen. Die wirkliche Politik wird nur von wenigen Menschen hinter verschlossenen Türen betrieben und die Straße hat keinen Einfluß.

10. November 1918

Die Zeitungen bringen weitere Einzelheiten. Ebert ist Reichskanzler, Karl Liebknecht hat die rote Fahne auf dem Schloß gehißt. Man weiß nicht, ob die radikale Spartakusgruppe unter dem fanatischen Liebknecht obsiegen wird oder die Mehrheitssozialisten unter Ebert und Scheidemann. Jedenfalls, der Kaiser ist geflohen, die Republik verkündet und kein Mensch denkt mehr an eine Rückkehr der alten Politik. Nur eine große Sorge bewegt Alle, die ich spreche: wird die verständige Leitung durchhalten können oder siegt der Bolschewismus, d. h. der Terror des Bolschewistentums mit Zertrümmerung und Chaos.

Ein Freund telefoniert, daß er am Sonnabend Vormittag in voller Uniform mit seinem kranken blonden Knaben im Am in der Karlstraße eine Klinik aufsuchte. Wie gewöhnlich wurden seiner Uniform die Ehrenbezeugungen des Offiziers gegeben. Als er nach einer Stunde wieder heraustritt auf die Straße, sieht er ein ganz anderes Bild; Geschrei "Kokarde herunter", kein Respekt mehr vor dem Offizier. Er übersieht die Situation, geht zurück ins Haus, nimmt selbst Kokarde und Epauletten ab und geht als Büger einer Republik von dannen. So überraschend schnell und erfolgreich ging die ganze Umänderung vor sich. [...]

Der "Vorwärts", früher das Blatt der radikalsten Linken, ist Regierungsblatt geworden. Im vollen Bewußtsein der Verantwortung warnt es vor Bruderkampf und mahnt zur Ruhe und Ordnung. Nach dem Zick-Zack-Kurs der früheren Regierurg fühlt man eine feste Hand.

Noch wird an einzelnen Stellen geschossen und es heißt, daß kaisertreue Offiziere sich im Marstall und im Schloß verteidigen. Unterirdische Gänge sollen vom Schloß aus Verbindungen schaffen. Auch von den Dächern des Viktoria-Kaffees und der Kgl. Bibliothek wurde geschossen. Es scheint wahnsinnig, daß in einer Fünfmillionen-Stadt gegen die Masse des Volkes ein Einzelner mit Maschinengewehr und Flinte ankämpfen will. Bald heißt es auch, daß gar keine Offiziere vorhanden sein und noch weniger Waffen, das Ganze Geschieße sei nur provoziert von Anhängern der bolschewistischen Spartakusgruppe, die Putsch hervorrufen will, um den Terror zu verkünden.

Abends sind wir bei Elkans. Ein Dinner wie in Friedenszeit, eine harmlose Abendgesellschaft, nur der Gesprächsstoff erinnert an die Revolution, sonst ist alles wie gewöhnlich.

11. November 1918

Die Waffenstillstandsbedingungen werden bekannt gegeben. Auf den ersten Blick erscheinen sie furchtbar hart, aber sicher ist, daß wenn wir gesiegt hätten, die Militärpartei unter Ludendorffs Leitung noch viel härtere Bedingungen gestellt hätte. Haben wir doch erst im Frieden zu Brest-Litowsk die Abtrennung aller Provinzen verlangt, über deren Zukunft wir selbstherrlich entscheiden sollten. Für die Militaristen des alten Regime ist die Auslieferung von Teilen der Flotte, der Kanonen und Maschinengewehre, die Räumung von Festungen unerträglich. Aber die neue demokratische, friedliche Regierung will keine Kriege mehr führen, daher sind die Kanonen und Schiffe so wertlos wie das zinslose Geld in der Reichsbank. Sie haben nur Wert, wenn man sie gebraucht,und da im Zukunftsstaat kein Gebrauch mehr davon gemacht werden soll, so sind sie wertlos geworden.

Auch die Besetzung der Rheinfestungen hat mehr etwas Demütigendes als unter den jetzigen Verhältnissen wirklich Ausschlaggebendes. Ein Volk von 70 Millionen kann nicht niedergeschmettert werden. [...]

9. Dezember 1918

[...] Ich kaufe Lebensmittel und fahre nach Hause. Zu meinem Erstaunen lese ich in den Abendzeitungen, daß zwischen 1 und ½3 Uhr, also gerade in der Zeit meiner Vorbeifahrt, am Brandenburger Tor und am Reichtag feiernde Arbeiter in Zügen von 4 - 6000 Mann in der Siegesallee unter Auffahren von Maschinengewehren demonstriert haben. Liebkncht sprach von einer der Hohenzollern-Mamorgruppen herab an das Volk.

Eine merkwürdige Revolution! In einer Stelle ballen sich Massen zusammen, die zum Kampf auf Leben und Tod bereit sind, die vielleicht über Deutschlands Zukunft entscheiden und wenige Schritte entfernt geht die übrige Welt ruhig ihrem Geschäft und ihrem Vergnügen nach. Im Grunde genommen sorgt jeder für sich und die große Masse, besonders die der Bürgerlichen, steht apathisch beiseite und läßt alles über sich ergehen bis es ihr selbst an den Kragen geht. Aber so weit ist es Gott sei Dank nicht. Der oberflächliche Beobachter merkt überhaupt kaum einen Unterschied gegen früher.

10. Dezember 1918

Erster Einzugtag der keimkehrenden Truppen in Berlin. Wie anders hatte ich mir diesen Einzug vorgestellt. Siegreiche Truppen, geführt von gefeierten Generälen, Sonnenschein, glitzernder Prunk, Stolz und innere Glückseligkeit. Heute ist Nebelwetter, warm und regnerisch. Ich fahre mit Helen und Marie Anna in die Stadt, um aus einem Fenster unter den Linden dem Einzug zuzusehen.

Ich nahm das Kind mit mir im Gedenken meiner eigenen Jugend. Geht doch meine früheste Erinnerung zurück auf die Zeit von 1871, auf den glänzenden Abschluß eines ruhmreichen Krieges. Damals war ich als sechsjähriger Junge mit Papa, Mama und den drei Brüdern auf der Holzveranda unseres Langfuhrer Hauses in der Hauptstraße 48. Ich stand auf dem graugestrichenen Holzgeländer, als die schwarzen Husaren in die gegenüberliegende Kaserne ihren Einmarsch hielten. In den kurzen Flinten über dem Rücken steckten Blumensträuße! Sieg! Begeisterung! [...]

So hoffe ich, daß auch bei Marie Anna dieser Eindruck der Menschenmassen, Flaggen, der Soldaten und Musikbanden einen lebenslänglichen Nachklang finden wird, um in ihr Menschheitsideale höheren Wertes zu erziehen. Es war ein scheinbar fröhliches Bild. Hurrahgeschrei und Tücherschwenken, abe r grauer Nebel lagerte doch wie ein Schatten über der Stimmung. Mehr als anderthalb Millionen Deutsche kehren nicht wieder und alle Opfer, alle herrliche Tapferkeit für diesen Ausgang! Und doch, wenn man diese Volksmassen, diese prächtigen Soldaten sah, dann wurden alle Bedenken über die Zukunft Deutschlands von einer aus tiefer Seele quellenden Kraft übertönt. Dieses Volk kann nicht zugrunde gehen. Diese Tüchtigkeit wird sich durchringen zu einem neuen Leben.

lo